Bewerber lügen immer – und viele bleiben ihr Leben lang unentdeckt, erzählt Headhunterin Anke Hoffmann.

Die wenigsten Kandidaten sind ehrlich und zeigen ihre aktuelle Gehaltsabrechnung vor, beobachtet Headhunterin Anke Hoffmann aus Berlin. Selbst Meisterbriefe werden gefälscht. Fälschungen sind kaum noch zu erkennen, weil die technischen Möglichkeiten immer besser geworden sind. Schon beim Einscannen über Adobe kann man alles verändern.

Hoffmann erlebte einen Kandidaten, der sich bei einem großen Beratungsunternehmen an sieben verschiedenen Stellen beworben hatte – mit sieben verschiedenen Lebensläufen. Ein durchaus sympathischer Mann, dem man dies nicht auf den ersten Blick ansehen konnte. Ihr Bauchgefühl und der Background-Check-Anruf bewiesen dann wenige Minuten später: Den Kandidaten gab es gar nicht in den Unternehmen, die er angegeben hatte. „Er ging durch die Tür als Vice President des Reiseveranstalters FTI heraus, doch der Check-Anruf bei FTI ergab: Der Kandidat hatte dort nie gearbeitet.“

Unfassbar peinlich fand Hofmann den Bewerber für eine Chefarztstelle, der in Wirklichkeit arbeitslos war. Der Klinikchef hatte ihn abgefragt, Wissensfragen. Heraus kam: Der Kandidat hatte bei weitem nicht die Erfahrungen gesammelt, die er in seine Vita hingeschrieben hatte.

Wie´s kommt, dass so viele Kandidaten dreist lügen? Viele von denen sind geschulte Verhandler, die in Gespräche mit dem Ziel gehen, für sich selbst das beste Ergebnis zu erzielen, meint Hofmann. Ihr Rat für Arbeitgeber lautet deshalb: Referenzen einfordern. Unten schildert Personalberaterin Anke Hoffmann die zehn Punkte, bei denen Kandidaten am häufigsten lügen und täuschen.

 

Anke Hoffmann (Foto: Privat)

 

1. Gehalt: Die Kandidaten übertreiben, kaum einer zeigt seine bisherige Lohnabrechnung. Insbesondere schrauben sie das Fixum hoch. Denn: alles was mehr als 30 Prozent Steigerung ist, ist unwahrscheinlich, 50 Prozent ist schon unverschämt. Damit wirft man sich selbst aus dem Rennen.

 

2. Mietzuschuss: Bewerber geben vor, von ihrem bisherigen Arbeitgeber Mietzuschuss zu ihrer Zweitwohnung am Arbeitsort zu bekommen: Dass sie jetzt 1.500 Euro erhielten, obwohl nur 1.000 Euro steuerfrei sind.

 

3. Altersvorsorge:  Bei einer Direktversicherung sind 268 Euro vom Arbeitgeber steuerfrei übernehmbar. Geschäftsführer / Vorstände haben zusätzliche Versicherungen, in die das Unternehmen einbezahlt. Kandidaten behaupten, sie hätten dies bisher vom Bruttogehalt bekommen und nicht vom Fixum. 

 

4. Dienstwagen: Kandidaten geben vor, die hätten bisher ein Auto gefahren mit dem Anschaffungspreis von 70.000 Euro und Extras, die es gar nicht gab.

 

5. Status: In der Vita des Kandidaten steht, er sei bei seiner früheren Firma „bis jetzt“ angestellt – tatsächlich ist er freigestellt und er hat seinen Aufhebungsvertrag schon unterschrieben. Da lügen 80 Prozent der betroffenen Kandidaten.

 

6. Vertuschte DatenBeweber versuchen, erklärungsbedürftige freie Zeiten – etwa wegen Rauswurf oder Arbeitslosigkeit – zu vertuschen, indem sie Jahreszahlen angeben statt konkreten Monatsangaben.

 

7. Verlassen oder Verlassender? Wenn ein Kandidat bei seinem Unternehmen  raus geflogen ist,  – warum auch immer –, versucht er immer, es so darzustellen, als sei er der Weggehende gewesen.

 

8. Frisierte Unterlagen: Bewerber fälschen bessere Abitur- oder  Examensnoten. Die echten sind dank Datenschutz in Deutschland – anders als in Großbritannien – schwer herauszubekommen. Für den Headhunter ist es ganz übel, wenn so eine Fälschung eines Bewerbers herauskommt: Dass ein Kandidat im Zeugnis eine vier hatte, aber im vorgelegten Papier eine eins in der Promotion erreicht haben sollte. Und dass er in St.Gallen tatsächlich nie war.

 

9. Arbeitszeugnis: Ob es echt ist oder tatsächlich nur der Verhandlungspunkt für jemanden, der sich etwas hat zuschulden kommen lassen und den seine Company loswerden wollte – wer weiß das schon? Dem Zeugnis sieht man es nicht an. Selbst der angeblich abgeschlossene Bachelor kann gefaked sein – die Angaben bei den Portalen LinkedIn und Xing können ebenso getürkt sein.

Oder: Die Führungskraft mit SAP-Erfahrung, die behauptete, sie hätte einen Rollout gemacht als Projektleiter. Am Ende kam heraus, er wurde nur mit eingebunden. Der Key user, der besonders geschult ist als Anwender und anderen Auskunft geben soll, war  nicht er, sondern ein anderer – das ist ein Riesenunterschied.

 

10. Referenzen: Grundsätzlich sind sie vertrauenswürdiger als Zeugnisse. Dennoch: Es gibt – seltene – Kandidaten, die auch dabei lügen und  Referenzen mit Telefonnummern in den USA angeben, die gefaked sind – und keiner merkte es. Andere lügen bei ihrem Alter, bei der Frage, ob und wie viele Kinder sie haben, ob sie in Trennung oder Scheidung sind und ob sie schon mal einen Burnout hatten oder eine Schwerbehinderung. Denn bei letzterem haben sie stärkeren Kündigungsschutz.

 

Hierzu Lesehinweis:

Ein Teller Nudeln mit Arbeitsrechtler Tobias Neufeld, der von frisierten Arbeitszeugnissen und Background-Checks der Unternehmen erzählt

 

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