Thomas Sattelberger: Die 80-Prozent-Männerquote ist nicht gottgegeben – Buchauszug

Der Ex-Personalvorstand der Deutschen Telekom und von Conti, Thomas Sattelberger ist Verfechter der Frauenquote und jetzt seine Autobiographie herausgebracht: „Ich halte nicht die Klappe – Mein Leben als Überzeugungstäter in der Chefetage“. Hier im Management-Blog ein Auszug aus dem Buch: 

Thomas Sattelberger, Autor und (Foto: Jakob Berr)

Thomas Sattelberger, Autor und Ex-Personalvorstand bei Conti und Deutscher Telekom  (Foto: Jakob Berr)

 

Buchauszug:

Am 15. März 2010 haben wir als Telekom vor einer Veranstaltung der FidAR (»Frauen in die Aufsichtsräte e. V.«) in Berlin zusammen mit eben dieser FidAR eine Pressekonferenz einberufen, auf der ich gemeinsam mit deren Präsidentin Monika Schulz-Strelow die Quotenentscheidung meines Konzerns verkündete, also eine öffentliche freiwillige Selbstverpflichtung! Die zahlreichen Journalisten, die kamen, haben das alles erst einmal relativ ungerührt aufgeschrieben. Danach hielt ich auf der FidAR-Konferenz meine berühmte Brandrede: »Die Deutsche Telekom und das Ringen um eine Quote«. Neben der geschäftlichen habe ich in dieser Rede sehr viel stärker die moralische Begründung für eine Frauenquote hervorgehoben. Ich glaube, es war eine meiner besten Reden, die ich in meinem Leben je gehalten habe, und der Saal mit einigen Hundert Frauen hat gejubelt. Unter anderem habe ich gesagt:

»Welche Konsequenzen hat eine Quotenentscheidung? Das Eingestehen, dass beliebte, populäre Wege gescheitert sind, ist die erste von drei Konsequenzen. Vor allem ist es das schmerzliche Eingeständnis, dass die eigenen favorisierten Wege der Veränderung gescheitert sind. In Veränderungsprozessen gibt es – grob gesagt – zwei große Wege des  Change Management: Einerseits den hermeneutischen Weg, der über die Funktion von Rollenbildern beschritten wird; das Vorleben einer neuen Kultur, die in einer Wertegemeinschaft weitergetragen, durch Kommunikation und Lernen vervielfältigt wird, bis die neue Einsicht die alten Einsichten, die alte Kultur schließlich verdrängt hat. Aber es gibt auch den anderen Weg, der wesentlich unsanfter ist: den ungeliebten, den schnöden, den radikalen Weg der Vorgabe, des Setzens eines normierenden Rahmens, dem man viel schwerer entkommt. Eigentlich ein marxistischer Weg, das neue Sein bestimmt das Bewusstsein. Ich stimme zu, dass der zweite Weg hart, ja diktatorial erscheinen mag!

Die Top-down-Setzung einer Quote hat so etwas Entmündigendes an sich: Das ›Gute‹ wird erzwungen. Aber viel subtil brutaler ist die Einstellung, darauf zu vertrauen, dass mit der Frauenförderung alles seinen richtigen Weg gehen wird. Wenn Frauen sich dann schließlich doch nicht durchsetzen können, dann sei das eben der natürliche Lauf der Dinge. Eine Tatsache, die es dann höchstens am manageriellen Stammtisch mit wohlgesetzten Worten zu beklagen gilt. Meine Damen und Herren, das ist eigentlich Sozialdarwinismus, verbrämt im Kleide des Humanismus!«

 

Tiefer konnte die Kluft nicht sein

Anschließend trat die damalige, von mir wegen ihrer Couragiertheit übrigens sehr geschätzte Familienministerin Kristina Schröder auf und sagte, mit einer gesetzlich installierten Frauenquote seitens der Bundesregierung sei einstweilen nicht zu rechnen. Außerdem stehe sie für Wandel in der Arbeitswelt und der Unternehmenskulturen. Der Saal kochte, denn tiefer konnte die Kluft gar nicht sein. Hier eine Regierung, die mit dem Thema Frauenquote nichts am Hut hatte, dort ein Unternehmen, das zeigte, wie es – allerdings mit freiwilliger Selbstverpflichtung – geht. Im Nachhinein betrachtet hätte sich Kristina Schröders Ansatz der Kulturarbeit vereinen müssen mit der Forderung der damaligen Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen nach einer Frauenquote in unternehmerischen Aufsichtsorganen. Doch das sollte angesichts des seinerzeitigen unionsinternen Streits über dieses Thema offenbar nicht sein.

 

„Die Telekom versucht es jetzt mit Gewalt“

Mit der Verkündung der Frauenquote durch die Telekom rollte das Thema mit einer Dynamik in die gesellschaftliche Debatte, wie wir uns es weder gewünscht oder gar erhofft hätten. Das Thema stand zwar schon Jahre vorher im Raum, aber es quälte sich mehr oder weniger dahin. Dann kommt so ein DAX-30-Konzern mit 240 000 Beschäftigten, darunter 4500 Führungskräften, und führt sie mal eben verbindlich ein. Das hat der öffentlichen Auseinandersetzung um die Frauenquote erst den richtigen und mächtigen Aufrieb gegeben. Die damals noch existente Financial Times Deutschland widmete diesem Thema sogar eine ganze Titelseite. Überschrift: »Telekom führt Frauenquote ein«. Einen Tag später, am 16. März 2010 stand in der FTD diese Überschrift: »Telekom versucht es jetzt mit Gewalt – Dax-Konzern reagiert mit Quotenregelung auf Scheitern der bisherigen Personalentwicklung«. Genauso war es.

 

 

Umsetzen der Quote – sehr viel komplexer als gedacht

Bei der Telekom haben wir dann rasch erkannt, dass die Umsetzung der Quote sehr viel komplexer war als gedacht. Wir haben allein ein Jahr gebraucht, um weltweit das Berichtswesen für alle »Touchpoints« zu installieren: Wie viele MINT-Expertinnen werden eingestellt, wie viele sind in den Nachwuchsprogrammen? Ist wenigstens eine Kandidatin unter den letzten drei Bewerbern für eine Führungsposition? Haben die Assessment-Center einen Frauenanteil von mindestens 30 Prozent? Sind die Führungskräfteseminare mindestens zu 40 Prozent mit internationalen Kolleginnen und Kollegen besetzt und zu 30 Prozent mit Frauen? Ich habe damals gedroht, die Führungskräfteprogramme so lange auszusetzen, bis wir diese Proportionen erreicht haben. Ich habe natürlich ständig gehört, man gebe sich alle Mühe, aber es gehe nun mal nicht, mehr als 17 Prozent Frauenanteil sei nicht zu erreichen und ähnliche sattsam bekannte Gegenargumente. Ich habe wirklich die gesamte Trainingslandschaft für Führungskräfte so lange storniert, bis die 30 Prozent an Frauenanteil erreicht waren. Und das Wichtigste: Werden sie am wichtigsten »Touchpoint« – der Beförderung – ausreichend in jedem Land der Telekom-Welt und insbesondere in Deutschland befördert, um dem 30-Prozent-Ziel näher zu kommen?

 

 

Nur mit Zähigkeit und ohne Kompromisse

Dann ging es schneller als gedacht voran. Viele Damen und vor allem Herren an den Unternehmensschaltstellen sind es gewohnt, dass man mit ihnen, sollten sie Zielsetzungen nicht erfüllen können, gnädig umgeht. Mir aber war klar: Die ersten Kompromisse bahnen die Schneise dafür, dass nur noch Kompromisslösungen präsentiert würden, gerade bei diesem Thema. Eineinhalb Jahre später habe ich zum Beispiel bei T-Systems keine Neubesetzung von Führungspositionen mehr zugelassen, wenn die Quote nicht stimmte. Das heißt, Positionen blieben über Monate tatsächlich unbesetzt, weil es ständig hieß, es seien keine Frauen dafür zu finden. Das alles sind natürlich tiefste Eingriffe und kulturpolitische Interventionen. Aber so ein ehrgeiziges Unterfangen wie das Quotenziel bekommt man ohne große Zähigkeit und Konsistenz und – ja: Kompromisslosigkeit – nicht durchgesetzt.

 

 

Ende 2015 sollte die Telekom die Zielquote geschafft haben

Wie gesagt, 2010 hatte die Telekom 13 Prozent Frauen in Führungspositionen in Deutschland, fast 19 Prozent waren es im Ausland. Heute, zwei Jahre nach meinem Ausscheiden, liegen die Quoten schon bei knapp 20 Prozent in Deutschland und 25 Prozent weltweit. Das heißt, bis Ende 2015, diese Prognose wage ich, hat die Telekom die Zielquote erreicht oder zumindest so gut wie erreicht, wenn meine Nachfolger genauso energisch das Thema vorantreiben wie ich. Die bisherigen Resultate der übrigen 29 DAX-Konzerne mit Ausnahme weniger, wie zum Beispiel Henkel, sind indessen nach wie vor erbärmlich.

Thomas Sattelberger: "ich halte nicht dfie Klappe"...

Thomas Sattelberger: „Ich halte nicht die Klappe“, Murmann Publishers 2015, 288 Seiten, 22 Euro  www.murmann-verlag.de

 

Maßgeschneiderte Lösungen müssen her

Es ist klar geworden, dass wir an den Karrieresystemen selbst, und das allerdings noch viel gründlicher als bisher, tätig werden müssen: Jobsharing in Führungspositionen, Führung in Teilzeit, Führung zum Teil aus dem häuslichen Büro heraus sowie Mischformen davon müssen ermöglicht werden, sonst bewegt sich erst einmal nicht viel. Da gibt es aber keinen Königs- oder Königinnenweg, weil die Lösungen hochindividuell maßgeschneidert werden müssen. Es gibt tatsächlich einen, aber nur diesen Weg, und auf dessen Wegweiser steht: Alles ist möglich.

 

 

Kein Zwang für Führungskräfte: rund um die Uhr zu arbeiten

Es muss natürlich auch die Betreuungsinfrastruktur entsprechend zugeschnitten werden. Ich habe damals acht Millionen Euro allein für den Ausbau von Kindergärten in Deutschland im Telekom-Vorstand herausgehandelt. Schließlich ist die Gestaltung der Arbeitszeiten ein Megathema für den Erfolg, insbesondere für Frauen. Für damalige Verhältnisse revolutionär haben wir eine Selbstverpflichtung der Führungskräfte eingeführt, wonach sich Mitarbeiter nicht gezwungen fühlen dürfen, außerhalb der gewöhnlichen Arbeitszeiten E-Mails zu bearbeiten. Will heißen, die Führungskräfte verpflichteten sich quasi, nur noch ein Minimum an Mails zu produzieren und im Zweifel anzurufen.

 

 

Wochenendarbeit – Mail-Übeltäter Sattelberger

Volkswagen hat das übrigens erst lange danach in eine Betriebsvereinbarung gegossen, nach der die Computerserver des Konzerns einfach abgeschaltet wurden. Was für eine rückständige Regulierung, wie sie bestimmten partei- und gewerkschaftspolitischen Positionen verpflichtet ist! Mit Kulturwandel hat das nichts zu tun. Wolfsburger VW-Personalmanager, so heißt es, seien sowieso immer rot angelaufen, wenn sie von den sozialpolitischen Innovationen des Kollegen Sattelberger aus Bonn hörten. Da waren Peter Hartz, den ich zu den Großen unserer Profession zähle, und sein Personalressort um Klassen besser und weitsichtiger. Einer der größten Mail-Übeltäter war ich allerdings selbst, der ich am Wochenende bis zu 150 Mails in die Organisation eingespeist habe, durch die ja nicht nur die Adressaten, sondern vielleicht noch weitere 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Bewegung gesetzt wurden, damit Thomas Sattelberger am Montagmorgen, sarkastisch gesagt, die Antworten ehrerbietig zu Füßen gelegt werden konnten. Da streue ich noch im Nachhinein Asche auf mein Haupt. Als ich das änderte und nur noch drei bis fünf Mails am Wochenende verschickte, lief die (Unternehmens-)Welt nach wie vor so gut und so schlecht wie eh und je.

 

Pause vom Job bis zu zwei Jahre lang

Obendrein haben wir bei der Telekom begonnen, eine »Step-out-Stepin«-Kultur zu etablieren. Das heißt, jede und jeder kann das Unternehmen für bis zu zwei Jahre verlassen und auch wieder eintreten, ohne die »Mitgliedschaft« zu verlieren. Ob für die Pflege Angehöriger, ob für eine Weltumrundung, ob für politisches Engagement – oder für jede andere Art von Auszeit. Damit gekoppelt bekommen diese Mitarbeiter weiterhin ihr – nach ihren Vorstellungen reduziertes – Gehalt, und nach Wiedereintritt in den Telekom-Dienst bleiben sie so lange auf dem etwas niedrigeren Niveau, bis sie ihre Auszeit wieder eingearbeitet haben. Eine elegante Lösung auch für Tarifmitarbeiter.

 

 

… doch kaum einer nutzte die Chance

Das war übrigens keine radikale Veränderung. So wie sich Menschen auch im Winter Hotels mit Swimmingpools buchen, sie aber kaum nutzen, so war und ist es anfangs mit diesen Arbeitszeitmodellen. Es geht um Lernkurven für das Unternehmen, und letztlich kann dieses über die Zeit hinweg eine größere Anzahl solcher differenzierten Mitarbeiteroptionen verkraften.

Ein weiteres, kleineres Veränderungsprojekt: Um mehr junge Frauen für unsere dualen MINT-Studien- und Berufsausbildungsgänge zu gewinnen, habe ich vorgegeben, doppelt so viel junge Damen für diese Programme zu gewinnen, wie sich im bundesdeutschen Durchschnitt für solche Disziplinen an Hochschulen einschreiben. In den einschlägigen Studien- beziehungsweise Ausbildungsgängen – Informatiker, Wirtschaftsinformatiker, Systemelektroniker zum Beispiel – liegt dieser Durchschnitt bei 14 Prozent. Ich aber wollte 28 Prozent Frauen in der Telekom. Natürlich haben alle wieder aufgejault, keiner hielt das für möglich.

 

Schluss mit dem Herumeiern 

Unserem Leiter »Bildungspolitik« habe ich gesagt: »Sie führen jetzt ein halbes Jahr lang eine Projektgruppe, die nicht nur einen Plan entwickelt, sondern auch umsetzt, damit wir die angestrebte Quote erreichen. Ihr eiert seit Jahren herum und erzählt mir immer, dass das nicht gehe, dass die Frauen sich nicht bewerben würden, und wenn doch, seien sie nicht motiviert und so weiter und so weiter. Ich bin inzwischen müde und ich bin es satt, mir ständig diese Argumente anhören zu müssen!

«Und siehe da, beim nächsten Studienbeginn hatten wir 27 Prozent Frauen. Das für unmöglich Gehaltene war also doch möglich!

 

 

Nur mit vielen kleinen Schritten kommt man zum Ziel

Aber wie gelang es? Durch eine Vielzahl von einzelnen Schritten. So waren zum Beispiel schon bei der Telekom studierende Damen arbeitgeberseitig beteiligt an den Bewerbungsgesprächen junger Frauen. Bewerberinnen konnten mit Telekom-Mitarbeiterinnen darüber diskutieren, wie diese ihren Arbeitsalltag erleben und bewältigen. Module zu internationaler Kommunikation oder zu sozialer Innovation wurden in die Studiengänge integriert. Auch haben wir uns die Frage gestellt, ob wir eigentlich die richtige, also nicht zu technikaffine Sprache benutzen, um junge Frauen anzusprechen. Es gibt so vieles, an das man üblicherweise im standardisierten Routineablauf des Gewohnten nicht denkt.

Kurz: Wer im guten Sinne die gesamte Rekrutierungs-, Förderungs- und Beförderungskultur zusammen mit den Karrieresystematiken und mit dem Arbeitszeitregime anpackt, der hat Erfolg. Wenn das noch flankiert wird mit gender-fairen Kommunikationstrainings, die Tausende Führungskräfte der Telekom durch liefen und in denen die Menschen für Rituale und Rollenverständnisse sensibilisiert wurden, wird der Erfolg noch wahrscheinlicher.

 

 

Wütende Männer, die schnauzten, Ihnen verderbe die Frauenquote die Karriere

Wer nun denkt, dass alle diese Anstrengungen bei der Telekom-Belegschaft unumstritten gewesen seien, der irrt sich. Ich erinnere mich noch gut an ein Treffen mit jungen Nachwuchskräften, so um die 30 Jahre alt, 80 Prozent Männer, 20 Prozent Frauen. Bei dieser Zusammenkunft schnauzten mich junge Männer mit hochrotem Kopf an, ich verdürbe ihnen die Karrierechancen. Da fragte ich erst einmal ganz nüchtern, ob diese 80-Prozent-Quote für Männer denn gottgegeben sei, woher sie das Recht nähmen, zu behaupten, dass mindestens weitere 30 Prozent der Frauen nicht die Fähigkeiten und die Motivation besäßen, die gleichen Karrierechancen wie sie wahrzunehmen. Es gab also innerhalb der Telekom-Belegschaft jede Menge hitziger Debatten. Doch das alles gehörte dazu, das Thema Frauenquote mit aller Konsequenz und Systematik anzugehen.

 

Weibliche Vorstände gingen rasch oder wurden hinausgedrängt

Mit reiner Symbolpolitik kommt niemand weiter. Und um eine solche scheint es sich in vielen Fällen gehandelt zu haben, auch in den vergangenen wenigen Jahren, da eine Reihe von Vorstandsfrauen in DAX-Unternehmen nach kurzer Zeit die Konzerne wieder verließen beziehungsweise hinausgedrängt wurden: Regine Stachelhaus (E.ON AG), Angelika Dammann und Luisa Deplazes Delgado (SAP AG), Brigitte Ederer und Barbara Kux (beide Siemens AG), Marion Schick (Telekom AG), Angela Titzrath (Deutsche Post AG) und Elke Strathmann (Continental AG).

 

Es scheiterten die Dax-Konzerne – nicht die einzelnen Frauen

Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Symbolpolitik an den Konzernspitzen ist grandios gescheitert. Das Betrüblichste daran ist, dass das Scheitern nicht als Muster erkannt, sondern individualisiert wurde und dass aus der Koalition derer, die sich sonst lautstark für die Rechte der Frauen einsetzen, bisher kein Wort der Solidarität zu vernehmen war. Stattdessen liegt ein Mantel des Schweigens über den Vorgängen. Selbst die quotenorientierten Frauenorganisationen haben bislang kein solidarisches Wort verlauten lassen. Wie traurig! Aber ohne eine Erweiterung ihrer politischen Agenda um all die wichtigen Kulturthemen jenseits der Quote kann Frauenförderung nicht erfolgreich sein.

 

 

Offenbar verlangen die Konzerne von Frauen nur Gehorsam und Anpassung 

Und jetzt? Die Situation ist verfahren und angespannt: Die Frauen haben ein gutes Stück ihrer Courage eingebüßt. Weibliche Führungskräfte in Unternehmen haben das Signal verstanden: Gehorsam und Anpassung sind angesagt. Hoffentlich nicht bei der Telekom! Die Herren Manager in den börsennotierten Unternehmen wollen von dem Thema am liebsten nichts mehr hören. Aber Wegducken ändert nichts. Diese Analyse führt mich auch zu den Reaktionen auf die Frauenquote außerhalb der Telekom, und die waren zum Teil durchaus erhellend. In den Medien war die Zustimmungsquote zunächst ungefähr zwei Drittel pro und ein Drittel kontra unsere Entscheidung, wobei die Journalistinnen mehr auf der Pro- und die Herren Redakteure mehr auf der Kontra-Seite anzutreffen waren. Wobei, das muss man sagen, die Medienwelt auch eine sehr männerdominierte ist.

 

 

Negativ-Beispiel par Excellence: Die „Spiegel“-Redaktion

Da kann ich noch einen weiteren, persönlichen Einblick zum Besten geben. Auf einer Podiumsdiskussion, bei der auch der damalige „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo teilnahm, behauptete er, das Nachrichtenmagazin unternähme jetzt nicht nur eine Menge, um Frauen in der Redaktion auch in Führungspositionen zu befördern, sondern vor allem eine systematische Personalentwicklung zu betreiben. Da hatte ihn wohl sein fortschrittlicher Kollege von der „ZEIT“, Giovanni di Lorenzo, in die Vorwärtsstrategie getrieben. Ich schaute eher ungläubig, aber Mascolo beteuerte, sie meinten es wirklich ernst. Auf dem Podium sagte ich zu Mascolo, dass ich ihm in dieser Hinsicht nicht über den Weg traue, und bot ihm an, kostenlos einen Kulturaudit in der Hamburger Redaktion vorzunehmen. In diesen eineinhalb Tagen habe ich mit dem Frauenrat, mit Betriebsräten, mit der Geschäftsleitung, mit 30 jungen, männlichen wie weiblichen Nachwuchsredakteuren und mit Ressortleitern gesprochen. Im ab schließenden Plenum bin ich dann mit allen Beteiligten meine Diagnose durchgegangen.

 

 

Wenn der Chef einen Anspruch formuliert, aber die Kultur leider konträr ist

Mein Ergebnis, hier nur abstrakt zusammengefasst, da ich Mascolo Diskretion versprochen habe: Die „Spiegel“-Kultur ist weit davon entfernt, Mascolos Anspruch auch nur ansatzweise zu unterstützen. In einer solchen Kultur mag das Stück »Frauenförderung« zwar vordergründig und zur allgemeinen Unterhaltung auf der Bühne aufgeführt werden, aber im Hintergrund sind ganz andere Mechanismen wirksam.

 

 

Intolerante und bitterböse Wirtschaftselite

Relevanter und zugleich bestürzender indessen war, dass René Obermann und ich zu Parias unter den DAX-30-Vorständen erklärt wurden. Ich habe selten erlebt, wie nachtragend die deutsche Wirtschaftselite sein kann. Bei Obermann hieß es zum Beispiel hinter vorgehaltener Hand, ihm habe wohl seine Frau, die TV-Moderatorin Maybrit Illner, die Leviten gelesen, damit er sich für die Frauenquote starkmache. Bei mir hieß es: Der will sich nur politisch in Szene setzen und bei den Fraktionsfrauen jeglicher Couleur punkten, um nach seiner aktiven Zeit als Manager politisch Karriere zu machen. Außerdem ist der Sattelberger eh einer, der sich medial stets in Szene zu setzen gewusst hat, dem hat er jetzt die Krone aufgesetzt. Es waren zum Teil auch bitterböse Gespräche, die wir im Kreis der DAX-30-Konzerne zum Thema geführt haben. Die mildesten Reaktionen aus diesen Vorstandskreisen könnte man noch als Unverständnis bezeichnen.

 

 

Die meisten Dax-Vorstände haben nur die Devise „cover your ass“

Manche sagten mir zwar unter vier Augen, ich hätte ja recht, aber wenn sie sich in ihrem Vorstand für das Thema starkmachten, dann hätten sie die A-Karte gezogen und stünden allein auf weiter Flur. Zum Teil klang auch etwas Neid heraus, dass René Obermann und ich mitsamt den übrigen Vorstandskollegen diesen Weg so konsequent gingen. Nur zwei männliche Vorstandskollegen, Wilfried Porth von Daimler und Harald Krüger von BMW, bezogen klar Stellung. Und natürlich auch Regine Stachelhaus von E.ON und Angelika Dammann von SAP, beide damals tolle Vorstandsfrauen in ihren Konzernen. Diese vier unterstützten zwar nicht eine gesetzliche Frauenquote, forderten aber eine neue Qualität der Frauenförderung. Der ganz große Rest der deutschen Topmanager übte sich lediglich in »cover your ass«.

 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Alle Kommentare [2]

  1. Lieber Herr Sattelberger,
    das zentrale Thema meines Berufslebens als Coach und Trainerin ist: Ich bringe Frauen in Führung und helfe Männern, damit zu leben :-). Für mein Tun haben Sie mir mit Ihrer radikalen Reform entscheidende Impulse gegeben. Jedes Mal, wenn ich Sie bei Ihren Vorträgen erlebe oder Beiträge von Ihnen lese, fühle ich mich neu motiviert, dass das, was ich tue, richtig ist. Sie bringen die Dinge kompromisslos und für jede/n verständlich auf den Punkt. Und Sie helfen mir in der Argumentation, weil Sie als Vertreter der obersten Unternehmerriege in Deutschland mit Ihren positiven wie negativen Erfahrungen für den Kampf der Frauen um den ihnen zustehenden Platz in den Entscheidungsebenen besonders glaubwürdig sind.
    Ich freue mich auf Ihr Buch. Ich werde so oft es geht in meinen „Frauenversteher-Seminaren“ daraus vorlesen. Mit herzlichen Grüßen Sigrid Meuselbach