Der ‚War for Talents‘ tobt beim Schreibfehler-Suchen. Oder: wenn Vorurteile regieren

An Facharbeiter oder sonstwas für einen Personalmangel mag man nicht mehr glauben, wenn man diese Pressemeldung der Online-Stellenbörse Jobware liest: Null-Fehler-Toleranz herrsche gegenüber Rechtschreibfehlern in Bewerbungsunterlagen: „Das zeigt die erste Eye-Tracking-Studie der Jobbörse Jobware in Kooperation mit Useye zur Optimierung von Anschreiben und Lebensläufen. Rechtschreib- und Grammatikfehler sind demnach ein Hauptgrund für das Scheitern von Bewerbern im frühen Bewerbungsprozess.“ Auch wenn der Kandidat ins Anforderungsprofil passt, genügen 71 Prozent der Personaler zwei Rechtschreibfehler, damit sie ihn aussortieren. Und Schluß.

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Vorurteile zugrunde legen geht schneller

Die üble Folge für Bewerber – aber ebenso für die Unternehmen: Personaler sortieren Kandidaten aus – egal ob tolle Rechtschreibkenntnisse mit seiner späteren Tätigkeit auch nur im Entferntesten zu tun haben.

Gehuldigt wird einem Vorurteil: Wer schon das Anschreiben nicht top in Ordnung hat, der kann auch nicht….oder so.

 

Die wenigsten Unternehmen suchen Deutschlehrer

Da muss man sich fragen, ob Personaler diesen Mangel erst verursachen, wenn sie anhand solch einem sachwidrigen Kriterium entscheiden, ob ein Kandidat für völlig andere Jobs als den des Deutschlehrers interessant für die Company ist. Sagt denen das keiner?

 

Selbst Journalisten, die den ganzen Tag mit Sprache umgehen, passieren Rechtschreibfehler. Und nicht zu knapp. Dafür gibt´s aber Lektoren, die sind fürs Korrigieren da. Wenn keine mehr da sind und in der Presse immer mehr Fehler vorkommen, liegt´s an den vielen gestrichenen Stellen.

Aber von einem Rechtschreibfehler auf den Inhalt zu schließen, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Ich habe kluge und gut geschriebene Stücke von Super-Kollegen in der Redaktion wie außerhalb bekommen, um sie fürs Blatt fertig zu machen. Bei manchen wusste ich schon, welche Fehler sie machen: Der eine vergaß mit schöner Regelmäßigkeit das zweite Komma vom eingeschobenen Nebensatz. Der Nächste hatte es nicht mit dem Unterschied von das und dass nach dem Komma im Nebensatz. Und beim dritten waren die Kommas insgesamt reine Glücksache. Geschenkt. Völlig egal: die Fakten müssen stimmen, die Analyse richtig und das Stück spannend geschrieben sein. Das sind die viel schwierigeren Dinge und selteneren Fähigkeiten als eingepaukte Rechtschreibregeln.

 

Dasselbe Bewerbungsgedöns beim Regal-Einräumer wie beim Abteilungsleiter 

Ich frage mich, wieso ein Regal-Einräumer im Edeka-Supermarkt als Mini-Job allen Ernstes erst mal eine komplette schriftliche Bewerbung – ohne Rechtschreibfehler, das ist sicher auch hierbei wichtig – schreiben muss. Sollte der oder die nicht lieber zuverlässig, flink, gewissenhaft, umsichtig sein und keine Rückenprobleme haben? Und sich in die Belegschaft einfügen? Genau das kann man schriftlichen Bewerbungen aber oft nicht entnehmen, sondern nur austesten – an der Regal-Front. Oder noch besser: Über Referenzen regeln. Wo in zeugnissen ohnehin überall nur noch dasselbe „stets zur vollsten Zufriedenheit“ steht.

 

Bewerber satt

Die Karriereberatung Staufenbiel hat kürzlich im Rahmen einer Umfrage unter Unternehmen errechnet, dass im Schnitt auf eine besetzte Stelle zuvor 34 Bewerber  kommen http://www.staufenbiel.de/publikationen/staufenbiel-jobtrends-2014.html

Bewerbermangel? Kann ich mir nicht mehr vorstellen.

Aber wenn nur 13 Prozent der Bewerber überhaupt nur die Chance bekommen, in einem Vorstellungsgespräch persönlich zu überzeugen – auch das hat Staufenbiel errechnet – , muss etwas massiv falsch laufen.

 

Rechtschreibung als das Mass aller Dinge

Könnte daran die Rechtschreibhysterie der Personalabteilungen schuld sein?

Oder ist es noch anders: Sind auch die Personalabteilungen so zusammen gestrichen worden, dass es ihre eigene Überlebenstaktik ist, da sie selbst sonst vor Arbeit zusammenbrechen würden? Wegen Arbeitsverdichtung und Bewerber-Ansturm? Weil es zu viel zeit kostet, sich von vielen Bewerbern selbst ein Bild zu machen? Weil das  eben mehr Zeit kostet, als auf einen Rechtschreibfehler zu gucken und zu verfahren nach dem Motto  „schwupps, Arbeit erledigt, Bewerber aussortiert“ ?

 

Nur nicht selbst angreifbar machen

Und weil die Rechtschreibfehler als das am schnellsten zu erfüllende Aussortierungs-Kriterium nur herhalten müssen, um nicht selbst angreifbar zu sein.

Wenn das die Methode des ‚War for Talents‘ ist, den die Unternehmen nach eigenem Bekunden oft führen, ist die Schlacht eigentlich schon verloren.

 

 

 

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Rechtschreibfehler sind der Bewerbungskiller Nr. 1Jobware: Erste   Eye-Tracking-Studie zur Optimierung von Anschreiben und Lebensläufen zeigt,   dass Personaler keine Fehler tolerierenPaderborn, 16. Juli 2014 – Personaler haben eine Null-Fehler-Toleranz beim   Lesen von Bewerbungsanschreiben.Jobware hat Personaler beim Lesen von Bewerbungsunterlagen mithilfe des   Eye-Tracking-Verfahrens beobachtet und die Erfolgsfaktoren in einer Befragung   ermittelt. Es stellte sich heraus, dass Personalern schon ein einziger   Flüchtigkeitsfehler genügt, um ein Anschreiben auszusortieren. Sie verbinden   orthografische Fehler häufig mit mangelnder Motivation, Qualifikation oder   fehlendem Qualitätsbewusstsein.Etwas größer ist die Toleranz gegenüber Rechtschreibfehlern in Lebensläufen.   Immerhin 71 Prozent der Personaler geben an, maximal zwei Fehler – bei einem   ansonsten passenden Kandidaten – in Kauf zu nehmen. Interessanterweise zeigt   sich dabei, dass Flüchtigkeitsfehler, etwa Buchstabendreher, wesentlich   strenger bewertet werden, da sie bei Nutzung einer Rechtschreibkorrektur   leicht hätten vermieden werden können.


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Alle Kommentare [2]

  1. Sehr gute Kritik am Bewerbungsgedöns.

    Leider sind selbst erfahrene, sog. Manager, nicht vom geeignetsten Mittel zu überzeugen. Sie nehmen immer das gleiche, alte gelernte Mittel.

    Hoch lebe das Muster. So auch beim Bewerbungsverfahren.

    Früher ging das wohl doch noch besser: Schreibkräfte mussten ein Probediktat machen und Buchhalter mussten mal eben was vorrechnen.

    Folgerichtig müssten die o.g. Regaleinräumer einfach mal ein Regal einräumen. Der Rest ist doch nahezu Wurscht (sorry an alle Vegetarier). Entsprechende Analogien zu Werbegrafikern, Personalreferenten oder IT-Systemkaufleuten möge jeder selber herstellen.

    Aber das wäre für viele Personaler schlicht zu schwierig. Einen Elektriker mal am Schaltkasten was basteln lassen ist viel aussagefähiger als eine geglättete, nach Bewerbungsratgeber geschriebene und nahezu perfekte Papierbewerbung.

    Allerdings: Ich glaube, dass sich das Verhalten gerade ändert. Je weniger Bewerbungen manche Unternehmen bekommen, umso flexibler wird man auch bei der Art der Personalauswahl.

    Verlierer auf dem Arbeitsmarkt werden die Unternehmen sein, die Noten, rechtschreibfehlerfreie Lebensläufe und tadelloses Foto noch als Auswahlkriterium nehmen.

    Good luck für die Firmen.

  2. Sehr interessanter Bericht von der Jobbörse. Ich kann mir aber schwer vorstellen, dass mein zukünftiger Arbeitgeber so haarscharf auf meine Rechtschreibung achtet. Wir sind ja alle nur Menschen und da passieren nun halt mal Fehler. Manchmal gibt es gute Tage und manchmal eben nicht =). Und falls der Arbeitgeber nicht zufrieden ist, dann kann man sich ja auch andere Stellenangebote anschauen. Freie Stellen gibt es ja genug =)