Wenn Unternehmen in Stellenanzeigen Duz-Kultur als Benefit verkaufen wollen – und Super-Betriebsklima suggerieren

Duzen als Benefit wie ein Essenszuschuss

 

Wir Rheinländer duzen gerne und schnell – und sind dafür bekannt oder berüchtigt, je nachdem wie man´s nimmt. Doch dass das Duzen im Job so etwas wie ein geldwerter Vorteil sein soll, erstaunt denn doch. In Stellenangeboten findet sich inzwischen immer häufiger in der Aufzählung von Benefits neben Jobfahrrädern, Obstkörben oder Essenzuschüssen neuerdings auch immer öfter „Duz-Kultur“ oder “Du-Kultur”, “Duzen”, “Gegenseitiges Duzen”, “Kommunikation auf Augenhöhe”. Getoppt wird das nur mit Zusätzen wie „bis in die Führungsetage“.

 

Das belegt eine Analyse des Marktforschers und Beratungsunternehmen Lightcast von Stellenanzeigen zwischen Juni und Juli 2023, wonach in 4,2 Prozent der Jobangebote die Duz-Kultur als Benefit angepriesen wurde. Zum Vergleich: 2021 waren es erst 2,5 Prozent im gleichen Beobachtungszeitraum, also ein Plus von 68 Prozent.

 

Duz-Kultur als vermeintlicher Ausweis für intaktes Betriebsklima

 

Warum? Mit diesem Firmen-Duzen – was seit wenigen Jahren in manchen Unternehmen von oben herab aus der Hierarchie verordnet wurde – will sich die Company aber vor allem selbst eine Art Siegel für gelebte moderne Betriebskultur, New Work oder ein familiäres Betriebsklima verleihen. Zum Nulltarif und ganz ohne TÜV-Siegel.

 

Das Duzen verordnen ist ein preiswertes Ersatz-Gütesiegel für Arbeitgeber

Und ohne vorher groß nachgefragt zu haben bei denen, die duzen sollen. Dass es viele auch genauso mögen, geschenkt. Denn: Auch wenn´s in Wirklichkeit diktiert und erzwungen wird. Egal – es klingt modern und ist damit gefälligst auch nicht mehr zu hinterfragen. Vornamens-Nähe ist prima und basta. Dass man auch mit Vornamen gemobbt oder ausgenutzt werden kann, geschenkt. Wir tun mal so, als käme genau das beim allgemeinen Duzen nicht mehr vor. Und, wer will das schon bezweifeln: Auch in Familien geht´s schon mal rau zu. So könnte jedenfalls die Verteidigungslinie der Duzer aus der Personalabteilung, oder wer immer das anordnet, lauten.

 

Dass die Kündigung „Liebe Daniela, liebe Frau Müller, leider müssen wir Ihnen mitteilen…“ spätestens das Deckmäntelchen Wir-sind-eine-Familie konterkariert und beweist, dass  die Firma natürlich keine Familie ist, bekommen die Betroffenen spätestens dann zu spüren. . So gut, so empathielos. Letztlich ist eben keine Kündigung empathisch, kein Ausgrenzen und kein Rauswurf ist das. Und wenn Kündigen mit Duzen geschieht, wirkt es wie Spott und Hohn obendrauf.

Lesetipps: Wenn Aldi plumpvertraulich duzt und Wirecard seine Mitarbeiter per Du feuert – ist das eine tolerabel, das andere nicht | Management-Blog (wiwo.de)

Wenn Kündigungen nicht nur Kündigungen sind, sondern üble Fußtritte | Management-Blog (wiwo.de)

 

Benefits sind normalerweise Geld wert

Doch, zurück zu den Stellenanzeigen: Merken Sie etwas? Obst, billigere Fahrräder, Essenszuschuss – alle diese Vorteile sind irgendwie Geld wert und das sieht auch das Finanzamt so, das Lohnsteuern verlangt.

Aber dann taucht diese eine Position auf, die eigentlich doch gar nichts mit Geld oder Geldersatz zu tun hat: Dass die Mitarbeiter sich gegenseitig, den Vorgesetzten und sogar – ganz oben – den Geschäftsführer oder Vorstand duzen dürfen, … oder was jetzt eigentlich genau… vielleicht doch eher müssen? Denn wer nicht begeistert mitmacht, fällt dumm auf und wird schwupps in eine Schublade gesteckt.

 

Jedenfalls suggerieren die Stellenangebote-Schreiber, dass das Duzen von Chefs Geld wert ist – und finden es ganz prima, dass die Firma nix dafür zahlen muss. Nur sagt das verordnete Firmen-Du gar nichts aus über gutes Betriebsklima, wertschätzende Kultur, fairen Umgang, motivierende Führungskräfte oder sonst etwas. Es ist eher nur so etwas wie ein Feigenblatt.

 

Die Erklärung von Lightcast-Arbeitsmarktexpertin Yvonne Reif ist einfach: „Ursache der zunehmenden Duz-Kultur ist vermutlich der sich verschärfende Kampf um Talente, der den Fokus auf den Bereich Mitarbeiterzufriedenheit in den vergangenen Jahren deutlich erhöht hat. Der Trend geht weiter in Richtung einer viel bewussteren Kulturgestaltung, also die Schaffung eines Zugehörigkeitsgefühls und einer familiären Atmosphäre.“

Nur dass damit sofort Schluss ist, wenn die Umsatzzahlen zurück gehen und reflexhaft sofort die Mitarbeiter das Unternehmerrisiko übernehmen müssen und entlassen werden.

 

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Methode: „Lightcast aggregiert mit eigens entwickelten Algorithmen Echtzeitdaten über 50.000 Quellen wie Jobportalen, die zu einer Lightcast-Datenbank mit Milliarden von Datenpunkten zusammenfließen. Bei den deutschen Daten stammen rund 75 % der Stellenanzeigen von Jobbörsen oder Jobsuchmaschinen, etwas mehr als 20 % von Stellenanzeigen der Arbeitsagenturen und die restlichen knapp 5 % von privaten Arbeitsvermittlern oder weiteren Quellen, darunter auch Arbeitgeber-Webseiten.“

„Aufschlüsselung nach Berufsfeldern laut Lightcast (gemäß ISCO-Klassifizierung):

In absoluten Zahlen stammen die Stellenanzeigen, die einen entsprechenden Begriff wie Duz-Kultur enthielten, aus folgenden Berufsfeldern:

  • 43 Prozent stammen aus Stellenanzeigen für akademische Berufe
  • 14,5 Prozent stammen aus Stellenanzeigen für Techniker und gleichrangige nichttechnische Berufe
  • 12,5 Prozent stammen aus Stellenanzeigen für Führungskräfte
  • Nur 1,7 Prozent stammen (jeweils) aus Stellenanzeigen für Anlagen- und Maschinenbediener und Montageberufe sowie Hilfsarbeitskräfte“

 

 

 

 

 

 

 

 

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