Wenn Aldi plumpvertraulich duzt und Wirecard seine Mitarbeiter per Du feuert – ist das eine tolerabel, das andere nicht

Nun also auch noch Aldi. Der Discounter meines bisherigen Vertrauens wird jetzt auch plump vertraulich. Sätze wie „Entdecke in deiner Filiale“ oder „Top-Aktionsartikel von uns glatt reduziert für euch“ oder „Hol, dir nützliches“ soll mir Aldi künftig entgegen schleudern, schreibt das Fachblatt „Horizont“

Als Rheinländer nimmt man das mit dem Du und dem Sie ohnehin nicht so tragisch. Der Bofrost-Fahrer und so manch anderer duzt einen sowieso und das bekommt auch keiner so schnell in den falschen Hals. Die Frage ist nur, duze ich zurück oder nicht.

Im Falle Aldi ist mir eigentlich wichtiger, ob die Aldi-Qualitätskontrolle noch so gut ist, wie ihr Ruf. Ob die Zahl der Toilettenpapierblätter auf der Rolle stimmt und ob ich mich darauf verlassen kann, gute Produkte zu bekommen. Dann können sie mich von mir aus auch duzen.

 

 

(Foto: C.Tödtmann)

 

Wenn Brüder sich plötzlich siezen

So weit so harmlos. Anders lag der Fall, den mir Brun-Hagen Hennerkes, Grandsigneur und Anwalt für Familienunternehmer, mal in einem Interview erzählte. Er beriet in einem Fall, bei dem sich die zwei Brüder, denen eine Firma gehörte, siezten, nachdem sie sich zerstritten hatten. Es ging um Eifersüchteleien, der eine würde mehr arbeiten als der andere. Und dass ihm deshalb mehr Bezüge zustünden undsoweiter. Dahinter steckte die Ehefrau des einen, die ihren Mann, wenn er abends von der Arbeit erschöpft zuhause ankam, gegen seinen eigenen Bruder aufhetzte. Das Ende vom Lied: Die Firma wurde gesplittet und -die Brüder siezten sich fortan. Eigentlich unvorstellbar.

Eigentlich. Doch klar ist: Wenn man sich bis aufs Messer bekriegt, mit dem möchte man sich nicht freundschaftlich, familiär duzen. Und vor allem nicht vom anderen plumpvertraulich geduzt werden, der einem nicht wohl gesonnen ist, wenn´s drauf ankommt. Dessen Messer man schon vor dem geistige Auge im eigenen Rücken stecken sieht.

 

„Du bist unwiderruflich freigestellt“

Und so kann es eben auch mit dem Arbeitgeber kommen, zumal das Firmen-Du anzuordnen inzwischen Trend ist. Der umwirbt neue Kandidaten aufs Freundlichste und ist ihnen in der Onboardingphase noch sehr wohlgesonnen. Aber wenn es später um die Trennung geht, erkennt man ihn plötzlich nicht mehr wieder. Schwierig wird es insbesondere dann, wenn so viele Unternehmen ihrer Belegschaft das allgemeine Duzen verordnen. Denn ändert sich die Großwetterlage und Mitarbeiter werden entlassen, ist die Lage ja nicht mehr freundschaftlich. Will man dann noch geduzt werden? Man steht ja ganz plötzlich gar nicht mehr im selben Lager. Zumal die meisten Gefeuerten tendenziell dann auch noch Aggressionen gegen ihren Brötchengeber hegen.

 

Der Gipfel ist aber dieser Übergriff wie bei Wirecard, den „Finanz-Szene.de“  Die Personalabteilung schrieb an ihre unglücklichen Mitarbeiter: „Aufgrund fehlender Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten bist Du mit Wirkung ab dem 25.08.2020 von Deiner arbeitsvertraglichen Verpflichtung zur Erbringung der Arbeitsleistung unwiderruflich freigestellt.“ …..  „Eine Fortzahlung Deiner Vergütung für die Zeit ab 25.08.2020 ist zulasten der Insolvenzmasse nicht möglich.“

 

In der Firma duzen? Nur wenn´s und solange es von Wohlmeinen getragen ist

Will man das? Wohl kaum. Anscheinend hat sich der Absender nicht einmal gefragt: Ist das „Du“ wirklich angebracht? Oder: Wie fühlt sich ein Angestellter bei so einer unangenehmen, schlimmen Offenbarung, die mit einem – nur vermeintlich netten – „Du“ daher kommt? Die Anrede suggeriert ja grundsätzlich etwas Freundschaftliches. Aber tatsächlich geht es um nicht Gemeinsames wie bei Freundschaft, sondern ganz im Gegenteil.

Richtig. Den Begriff, den ich für Firmen-Duzen unerlässlich finde ist, den hat der Management-Guru Reinhard Sprenger einmal geprägt: „Nur wenn es von Wohlmeinen getragen ist.“ Will heißen: Das „Du“ soll etwas Nettes für eine nettes Betriebsklima suggerieren. Wenn die Botschaft aber hammerhart ist, durch sie vielleicht Existenzen vernichtet werden und mindestens eine Front eröffnet wird, ist das „Du“ fehl am Platz.

Es geht eben gerade nicht mehr um Freundschaft, Vertraulichkeit und wohligen, kuscheligen Umgang, sondern eine der übelsten Nachrichten, die man Deutschen antun kann: „Du bist gefeuert. Hau ab. Du bist unerwünscht.“ Diese Botschaft setzt den meisten Arbeitnehmern schließlich schwer zu. Wieso also soll es dem Absender erlaubt sein, so zu tun, als meine er es gut mit dem Vom-Hof-Gejagten? Damit er sich noch gut fühlt beim Verfassen dieser Horrornachricht? Wenn er de facto plötzlich ein Gegner ist, der womöglich gegn die Firma vorm Arbeitsgericht klagt. Und ab dem Moment der Trennung – spätestens – ist keine Personalabteilung der Welt noch der Freund des Geschassten. Es klingt für mich deshalb fast eher wie Spott und Hohn.

Warum also soll es Personalern erlaubt sein, so zu tun als ob – und es damit den Betroffenen noch schwerer machen dürfen ? Sie sind und bleiben auf der anderen Seite, bei den Attackern. Denen, die den ersten Stein werfen und es eben nicht gut mit dem Adressaten meinen. Und deren Nachricht so gar nicht „von Wohlmeinen getragen“ sind.

 

„Unwiderruflich freigestellt“: Das hier ist die Wirecard-Mail

 

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Fragt sich natürlich auch: Wie ist die Reaktion, wenn es andersrum läuft? Da ist man jahrelang mit jedem im Haus per Du und bei der Kündigung wird man dann wieder formell. Sozusagen eine doppelte Abfuhr … Kann man auch schnell in den falschen Hals kriegen.