Wenn Kündigungen nicht nur Kündigungen sind, sondern üble Fußtritte

Neu-deutsche Kündigungsbriefe lesen sich heute öfter mal so: „Liebe Julia, liebe Frau Müller, leider …..“ und dann folgt die Kündigung. Und genau diese Koppelung des angeblich freundlichen, ja familiären „Du“ über dem Rauswurf wirkt für die so Angeschriebenen doppelt schlimm.

 

Denn in diesem Moment fühlen sich die Mitarbeiter ohnehin schon gekränkt ohne Ende. Alleine schon, weil sie gekündigt werden. Weil sie sich über ihren Job definieren und dran hängen. Weil er mehr für sie ist als irgendein Broterwerb – genau diese Haltung wollen Unternehmer ja auch und wollen von ihr profitieren.

 

Heute eine große Familie, morgen die Kündigung

Was Unternehmen oder den ausführenden Personalabteilungen nun offenbar völlig entgeht: Wem mit einem vertraulichen „Du“ gekündigt wird, der nimmt die Kündigung noch mal persönlicher als mit einem distanzierten „Sie“. Denn: Eben soll man quasi eine Familie sein, in der sich alle samt Geschäftsführer duzen. Der von oben verordneten neuen Firmenkultur zuliebe, nicht aufgrund einer Umfrage in der Belegschaft oder weil sich die Firmenkultur im Laufe der Jahre dahin entwickelt hätte. Und – so die Wahrnehmung der Mitarbeiter – im nächsten Moment werden sie aus dieser Belegschafts-Familie dann herausgeworfen.

 

Wäre die Company einfach nur als durchschnittlicher Arbeitgeber aufgetreten, hätte kein firmenweites Du eingeführt und gar nicht erst so getan, als ob die Belegschaft schon fast eine Glaubensgemeinschaft wäre – wäre der Rauswurf zwar immer noch schlimm für den Geschassten. Doch nicht ganz so kränkend die Anrede „Du“ in der Kündigung. Solch eine Kündigung verletzt doppelt. Denn das „Du“ ist immer noch ein Zeichen der Wertschätzung – und die widerfährt dem Entlassenen ja gerade nicht.

 

Das Bild vom Unternehmer im Unternehmen – das sowieso nicht passt

Genaugenommen ist das Firmen-Duzen die konsequente Fortführung eines Attributs in vielen Stellenanzeigen: Gesucht wurden Menschen, die „Unternehmer im Unternehmen“ sein sollten. Gemeint war: sie sollten sich genauso pflichtbewusst einsetzen wie die Firmeneigner – aber nicht: dass sie auch dieselben unternehmerischen Freiheiten haben sollten. Also auch hier: Pflicht ja gerne, die Belohnung aber eher nicht und schon gar keine Sicherheit im Gegenzug. Denn Unternehmer brauchen sich nicht vor der Kündigung fürchten.

 

Feuern im Zoom-Call

Vermutlich ebenso wenig dachte sich der amerikanische Manager Vishal Garg vom Hypotheken-Makler Better dabei, als er kurz vor Weihnachten 900 Angestellten gleichzeitig per Zoom-Call eröffnete, dass sie nunmehr gefeuert sein. Alle gleichzeitig und das sofort.

 

„Ich komme mit nicht so guten Nachrichten“, sagte Garg in der Videokonferenz. „Es ist am Ende meine Entscheidung, ich will, dass sie es von mir hören. Wir entlassen 15 Prozent der Belegschaft. Wenn Sie in diesem Call sind, sind sie Teil der unglücklichen Gruppe. Ihre Beschäftigung ist beendet.“

 

Im Klartext: Wer hier zum Call eingeladen, oder besser zitiert wurde, über dessen Rauswurf war sowieso schon entschieden worden. Womit Garg wohl nicht gerechnet hatte: Einige der Gefeuerten hatten den Rauswurf per Call mitgeschnitten und das Video auf Youtube online gestellt. Die Öffentlichkeit reagierte entsprechend – empört.

 

Wer in zwei Stunden keinen Anruf bekommt, wird nicht gekündigt

Ist der Fall Better nur ein US-Beispiel, das der Hire-und-Fire-Mentalität geschuldet ist? Mitnichten. Auch in Deutschland ging es – schon lange vor der Digitalisierung – bei Wirtschaftskrisen ähnlich rüde zu. So schickte eine Firma im Rheinland alle über 500 Mitarbeiter in ihre Zimmer beziehungsweise an ihre Schreibtische mit der Ansage: „Bleiben Sie neben dem Telefon sitzen, wenn sie in den nächsten zwei Stunden keinen Anruft der Personalabteilung erhalten, dürfen Sie bleiben.“

 

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Andere Unternehmen beriefen Belegschaftsversammlungen ein und stellten am Eingang des Raums Tafeln mit den Namen der Entlassungskandidaten auf. Das war noch vor der Geltung der Datenschutzgrundverordnung.

 

Kündigung mit dem Abmontieren der PCs

Irrwitzig auch diese Form der Mitteilung: Bei einem Unternehmen in Westfalen kamen morgens früh die Mitarbeiter wie gewohnt an ihre Schreibtische – fanden aber nicht mehr ihre PCs und Bildschirme vor. Zuerst glaubten sie an nächtliche Einbrecher und wollten die Polizei rufen, bis sich herausstellte: Zwei Stunden vorher, früh um sieben Uhr, hatte die Unternehmensleitung klammheimlich die Computer abbauen lassen – denn die gesamte Abteilung sollte entlassen werden.

 

Vermutlich waren diese Aktionen Highlights außergewöhnlicher Kündigungsaktionen. Aber auch solche Aktionen landen nur sehr sehr selten in der Lokalpresse. Schweigeklauseln in den Vereinbarungen mit den Entlassenen sorgen dafür, dass die peinlichsten oder unfairsten Schachzüge der Top-Manager oder Personalchefs nicht an die Öffentlichkeit dringen. Auf Kununu oder anderen Arbeitgeberbewertungsportalen werden solche Usancen kaum nachlesbar sein.

 

Managern geht es oft auch nicht besse als Mitarbeitern – nur anders

Wer nun denkt, es trifft nur einfache Mitarbeiter, der irrt sich gründlich. Bernd Fricke, Berater beim Personaldienstleister Kienbaum erzählt, was auch Managern passiert, die ihr Unternehmen loswerden will:

Bernd Fricke (Foto: Kienbaum PR)

Zum Beispiel die Führungskraft, die am letzten Tag vor dem Familienurlaub zum Vorstand gerufen wurde. Der knöpfte sich den Manager vor: „Offen und ehrlich“, also in seinem Fall emotional und beleidigend, belehrend, erinnert sich Fricke. Das Datum war kein Versehen. Der Manager sollte Zeit haben, mal über seine Situation nachzudenken. Das Ende vom Lied: Ein Rechtsstreit mit ungewöhnlich hohen Abfindung. Die Richter straften so die Methode der Unternehmenslenker ab.

 

Ein weiters Beispiel gefällig? Gerade eingefahrene Erfolge bewahren nicht vor einem Rauswurf. Das erlebte auch der Vetriebsleiter, der von seinem Chef einen Anruf bekam, nach der gerade einen großen Deal an Land gezogen hatte. Er saß im Auto, die Freisprechanlage war an und zwei Kollegen hören mit – sie erwarteten, dass es Glückwünsche zum abgeschlossenen Deal gebe. Stattdessen kam dies: „Was ich Ihnen sagen muss, Ihre Verantwortung für Deutschland, Österreich und die Schweiz fällt weg, Ihr Business wird jetzt von jemand anderem geführt. Sorry, aber mir war wichtig, Ihnen das gleich zu sagen, damit Sie wissen,  woran Sie sind.“ Der Vertriebsleiter konnte gerade noch rechts ranfahren, um wieder die Beherrschung und die Kontrolle zu bekommen.

Auf ähnlicher Stufe stehen diese Vorgehensweisen, berichtet Bernd Fricke: Wenn die Zugangskarten der Manager plötzlich nicht mehr funktionieren. Doch keineswegs eine technische Panne dahintersteckt, sondern ein wohlüberlegter Plan der Unternehmenslenker. Damit dieses Zeichen schon mal dem Betroffenen klar macht, dass er künftig unerwünscht ist.

 

Sterbezimmer für Manager

Diese Volte wird nur noch von der ganz rüden Methode übertroffen, dass einem Manager nicht nur seine Aufgaben entzogen und an andere verteilt werden, sondern auch seine Assistentin, sein PC und sein Büro. Zugewiesen wird im stattdessen ein Sterbezimmer weit ab vom wirklichen Geschehen in der Firma. In der Hoffnung, dass der Betroffene „sich irgendwann von alleine in Luft auflöst“, so Fricke.

 

 

 

 

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