Homeoffices sorgen für unbezahlte Überstunden bei unzureichender Personaldecke, knappen Deadlines und häufiger Projektarbeit. Und welche Rolle das Schweigen der Pendler dabei spielt

Beschäftigte im Homeoffice machen aktuell fast doppelt so viele Überstunden, wenn die Arbeitszeit nicht aufgezeichnet wird. Das belegt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Befragt wurden hierfür im Juli 2021 rund 4.500 Berufstätige. Das Ergebnis: Flexibles Arbeiten ist danach vor allem „problematisch in Betrieben mit unzureichender Personaldecke, häufiger Projektarbeit und knappen Deadlines“.  Die Studie: Bei ausreichend Personal leisten Vollzeitbeschäftigte danach im Durchschnitt zwei Überstunden pro Woche. Bei Personalengpässen sind es im Schnitt 3,5 Überstunden. Beschäftigte, deren Arbeit über zeitlich enge Deadlines gesteuert wird, arbeiten wöchentlich im Durchschnitt 3,5 Stunden mehr, Beschäftigte ohne Deadlines machen drei Überstunden. Ohne Team-Projektarbeit leisten Vollzeitbeschäftigte im Schnitt 2,5 Überstunden pro Woche. Arbeiten sie in Projekten oder Teams, sind es durchschnittlich 3,5 Überstunden.

Interessant wäre eine differenzierte Betrachtung kaputt gesparter Betriebe, also mit unzureichender Personaldecke“ gewesen. Dort dürften die unbezahlten Überstundenzahlen deutliche höher liegen.

 

Überfällige Zeiterfassung in Deutschland

Hin wie her: Kein Wunder, dass die Unternehmen so gar kein Interesse daran haben, dass sie die vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) schon vor gut zwei Jahren eingeforderte Arbeitszeiterfassung umzusetzen. Sprich: Zeiterfassung einführen. Der Gesetzgeber jedenfalls hatte dieses Interesse in den vergangenen zwei Jahren nicht.

Ausgerechnet jetzt in der Coronazeit. Denn diese Nachricht betrifft insbesondere die angeblich mobile Arbeit – wie derzeit in den Homeoffices. Die Mobiljobs sind ja eigentlich Telearbeitsplätze, wurden aber kurzerhand umetikettiert – zum Nachteil der Mitarbeiter. Fazit: Die – angeblich mobilen – Mitarbeiter werden weit schlechter behandelt und bezahlt als die klassischen Heimarbeiter.

 

(Foto: C.Tödtmann)

 

Heimarbeiter haben es besser als mobile Arbeiter

Warum? Weder werden sie ausgestattet mit Büromöbeln und Büro-Equipments wie großen Bildschirmen, noch bekommen sie einen monatlichen Mietzuschuss, noch werden ihre Fahrten ins Büro als Dienstreisen bezahlt. Ganz abgesehen von denen, die unter ungeeigneten Arbeitsbedingugen am Küchentisch, ohne geeignete Sitzmöbel und große PC-Bildschirme arbeiten müssen. Zumal: Umgekehrt endet für viele die mobile Arbeit an den deutschen Grenzen, denn im Ausland sollen die Mitarbeiter bitteschön auch nicht sitzen,* (siehe ganz unten) fordern Konzerne wie Siemens. So weit so ungerecht.

 

Die Hans-Böckler-Stiftung schreibt weiter: „Eine Reihe von Studien zeigt, wenn Beschäftigte über ihre Arbeitszeit mitentscheiden können, wirkt sich das in der Regel positiv auf die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben aus.“

 

Wer darf schon seinen Arbeitstag strukturieren?

Die Betonung liegt auf dem Verb, „mitentscheiden“. Denn das genau ist hierzulande derzeit eher ein „mit“ als „entscheiden“. Wenn die Arbeitstage durchstrukturiert werden mit Zoom- und Teams-Konferenzen, die andere für einen bestimmen. Wenn parallel dazu in einer Tour selbst am Wochenende und spätabends E-Mails hereinkommen, die gelesen, verstanden und abgearbeitet werden müssen. Zeitnah, bitteschön. Dazu Nachrichten über Teams, am besten noch LinkedIn und Whatsapp, SMS und von den Whatsapp-Gegnern über Direkttweets. Sechs Kanäle Minimum. Obendrauf Fallen wie der Spam-Ordner, der laufend kontrolliert werden muss, weil selbst interne Kollegen-Mails dort landen. Und dazwischen die Telefonanrufe. Und irgendwann muss ja auch noch Arbeit geleistet werden, mit Arbeitsergebnissen und Produktivität. Die positive Auswirkung bleibt da oft aus.

 

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Dauer-Erreichbarkeit auf -zig Kanälen als Fluch

Die Hans-Böckler-Stiftung deshalb auch weiter: „Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. Wenn beispielsweise Beschäftigte dauernd Überstunden leisten oder im Homeoffice ständig erreichbar sein müssen, leidet darunter die Work-Life-Balance.“

 

Insbesondere wenn die Personaldecke dünn ist, also zu wenig Leute für zu viel Arbeit da sind

Konkret: „Schon jetzt hat rund die Hälfte der Erwerbstätigen Schwierigkeiten, von der Arbeit abzuschalten. Besonders betroffen sind Beschäftigte, deren Arbeit `flexibel` über Projekte oder Deadlines organisiert wird, oder in Betrieben mit dünner Personaldecke.“ Das dürfte wohl auf die meisten Homeoffice-Betroffenen zutreffen.

 

Yvonne Lott und Elke Ahlers, Arbeitszeitwissenschaftlerinnen der Hans-Böckler-Stiftung sagen: Gerade angesichts von verbreitetem Multitasking, ´agilem´ und mobilem Arbeiten, von internationaler Vernetzung und umfassender digitaler Erreichbarkeit werde deutlich: „Eine vereinbarkeits- und gesundheitsförderliche Flexibilisierung der Arbeitszeit hängt sowohl von einem starken Arbeitszeitgesetz und Arbeitsschutzgesetz, als auch von einer transparenten und im Betrieb verbindlich geregelten Arbeitszeiterfassung ab.“ Im Klartext: Es geht nicht ohne – Transparenz schaffende – Arbeitszeiterfassung und wirksamen Arbeitsschutz, also Kontrollen der Unternehmen durch die Behörden.

 

Unterbesetzte Arbeitsschutzbehörden pfeifen selbst auf dem letzten Loch

So wie bei Schwarzarbeit, wo die Nachrichten öfter mal über die Zoll-Razzien berichten. Nur, so erzählt ein Arbeitsrechtler aus Baden-Württemberg  hinter vorgehaltener Hand – natürlich: Die Arbeitsschutzbehörden pfiffen auf dem letzten Loch, sie seien selbst kaputt gespart worden. Ein Arbeitsrechtler aus Hessen weiß: Die Arbeitsschutzbehörden seien so unterbesetzt, dass sie nur bei ganz konkreten (meist anonymen Hinweisen) handeln würden. Mehr gehe einfach nicht.

Selbst wenn der Arbeitsschutz für den Fiskus zum Profit-Center wird, weil die Strafen für Unternehmen wie auch für verantwortliche Top-Manager und Geschäftsführer ganz persönlich teuer sind und immer mindestens fünfstellig ausfallen?

 

Die geheime Rechnung der Pendler – von der Arbeitgeber profitieren

Warum viele mobile Arbeiter die vielen Überstunden klaglos hinnehmen und gar nicht erst darüber sprechen? Wegen ihrer ganz persönlichen Rechnung. Weil sie Pendler sind. Weil sie seit der Corona-Pandemie sehr viel Fahrzeit sparen, sagen wir zehn bis 20 Stunden jede Woche. Weil sie in ihrem Garten, auf der Terasse oder jedenfalls einem eigenen Zimmer bei der Büroarbeit sitzen können. Weil sie leben, wo Platz ist.  Weil sie ihre Mittagspause vielleicht mit ihren Kindern verbringen können. Weil sie froh sind, ihren Chef nicht sehen zu müssen. Oder ungeliebte Kollegen. Weil sie Fahrtkosten sparen. Undsoweiter.

 

Schließlich: Wettbewerbsverzerrung innerhalb der EU

Diejenigen machen einfach die Rechnung auf, plus-minus. Die Rechnung, von der die Unternehmen profitieren wie Trittbrettfahrer. Lieber jeden Tag zwei und mehr Stunden Arbeitszeit, unbezahlt, dranhängen, als pendeln müssen. Verständlich. Aber das verzerrt das Bild. Zehn bis 20 unbezahlte Arbeitsstunden pro Woche, 40 bis 80 im Monat – das ist Wettbewerbsverzerrung pur. Die will auch die EU nicht und schon gar nicht gegenüber den Ländern, die die Arbeitszeiterfassung längst verpflichtend eingeführt haben.

 

 

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