Wenn Wissenschaftsexperten die Menschen kirre machen, statt über Coronavirus aufzuklären und es einzuordnen. Gastkommentar von GPRA-Chairman Uwe Kohrs

Wieso bloß machen die Experten uns alle so irre, bis wir zwischen Apokalypse und Durchhalteparolen zerrieben sind, fragt sich Uwe Kohrs, Grandsigneur der Kommunikation und Chairman des Verbands GPRA

Deutschland ist im Krisenmodus. Das Coronavirus schleicht sich schrittweise in das Leben der Bundesbürger ein und wirkt sich immer stärker aus. Warum? Immer mehr Experten und Politiker drängen in die Öffentlichkeit, wollen nur das Beste und produzieren eine bedenkliche Tendenz zur Hysterie in weiten Teilen der Bevölkerung. Leergeräumte Läden, selbst verordnete Quarantäne, überlastete Telefon-Hotlines, Stornierungen und Absagen von Messen und Events, abstürzende Aktienkurse – das alles sind die Reaktionen auf die Appelle zum vernünftigen Umgang mit dem neuartigen Coronavirus, das ja eigentlich so etwas ähnliches wie die Grippe sein soll.

 

Uwe Kohrs, Chairman des Kommunikationsverbands GPRA und Chef der Agentur Impact

 

Medizinische Koryphäen als Kommunikationszwerge

Das Krisenmanagement geht gründlich schief. Die Kommunikation an der Schnittstelle zwischen dem wissenschaftlichem Kontext Substanz und der Laienkommunikation versagt. Da mutieren Wissenschafts- und Medizinriesen im öffentlichen Diskurs schnell zu Kommunikationszwergen, die mehr Unsicherheit und Angst produzieren als Wissen und Vertrauen zu schaffen. Was sie eigentlich sollten.

 

Oft stehen PR-Verantwortlichen in Instituten und Kliniken die Haare zu Berge, wenn sich ihre Granden anschicken, höchstpersönlich der Öffentlichkeit Wissenschaft zu erklären. Diese Experten jedoch empfinden kleinliche Verständnisbedenken häufig als Majestätsbeleidigung. Sie sind von ihrer eigenen gottgegebenen Unfehlbarkeit überzeugt.

 

„Bleiben Sie gesund“

Die Spirale setzt ein: Mit jedem Medienauftritt steigt die Reputation – und der Eitelkeit tut’s ja auch gut. Also rein in die Talkshows und vor die Fernsehkameras der Nation. Denn in jeder Krise steigt die Nachfrage nach Expertenrat kurzfristig extrem. Die Statements changieren dann zwischen Apokalypse, Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Durchhalteparolen. Aber die Zuschauer als Laien sind primär emotional bewegt, angesichts einer vermeintlich internationalen Bedrohungslage die ihnen via TV, Tablet oder Mobiltelefon immer näherkommt. Nebenbei bemerkt: Fallen Ihnen auch auf, wie viele Leute plötzlich Grußworte in Branchennewslettern oder Posts nach Pfarrer-von-der-Kanzel-Manier mit verbalen Schulterklopfern beschließen? Die aber eigentlich mit dem Thema Corona so gar nichts zu tun haben im Job? Am allerbesten kommt der sinnloseste Gruß von allen: „Bleiben Sie gesund.“

 

Verwirrung pur – von denen, die eigentlich erklären und informieren sollen 

Hier Ratio – dort Emotion, das kann kommunikativ nicht funktionieren und bewirkt das Gegenteil von Beruhigung. All die Wissenschaftsexperten wollen sicher das Beste, verschärfen aber in Wirklichkeit nur die Probleme durch ihre Schwierigkeiten, mit Laien zu kommunizieren: sich verstehbar auszudrücken, zu relativieren wo nötig und vor allem einzuordnen. Manche liefern stattdessen Verwirrung pur: Bestes Beispiel in diesen Tagen im TV: Da sagt ein Experte, dass die Coronavirus-Epidemie schlimmer wird, als wir uns das vorstellen können. Und dann direkt im nächsten Satz, dass es keinen Grund zur Panik gibt. Wissenschaftskommunikation wie man sie sich wünscht, ein einziges Dilemma.

Derart widersprüchliche Aussagen und Aktionen werden mit Fortschreiten der Krise immer häufiger und befeuern erst die Ausbreitung von Panik. Zumal die Politiker massiv an der Dissonanz von Botschaften und Maßnahmen mitwirken, wenn sie etwa mal so eben raten, gleich ganz Nordrhein Westfalen von Detmold bis Aachen zu meiden – und nicht nur jene kleine Stadt namens Heinsberg, wo es die meisten Infizierten gibt.

 

Manche Experten gehören nicht vor Kameras

Einerseits reden Experten von einem relativ harmlosen Coronavirus – und andererseits von Quarantäne für Millionenstädte. Wer käme da nicht auf den Gedanken, dass offizielle Seiten da nicht die Wahrheit sagen? Um die Krise einzudämmen, sollten all die Krisenstäbe in der Republik Kommunikationsprofis an den Tisch holen und diesen auch zuzuhören. Um dann zielführend mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Redaktionen sollten zuerst einmal sicherstellen, dass nur Experten in den Medien auftreten, die vermitteln können und sich der Wirkung ihrer Botschaften auch bewusst sind.

 

Nur Tacheles reden erweckt Vertrauen

Dabei geht es nicht um Schönreden oder Verharmlosen, sondern um klare Kante, die dem Bedürfnis nach Vertrauen der Bevölkerung Rechnung trägt. Dass Krisen, ihre Verläufe und ihre Bewältigung extrem viel mit Psychologie und Emotionen zu tun haben, sollte doch eigentlich bekannt sein.

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