CEO Wagner auf Tour im Silicon Valley (1): Der Digitalisierung auf der Spur – Sabbatical II.

 

Top-Manger Thomas P. Wagner begibt sich auf die Reise ins Silicon Valley, um sich dort, an der Quelle, das Thema Digitalisierung zu erschließen. Rund sechs Jahre lang war er CEO von Dorma, dem Hidden Champion und Weltmarktführer für Schließtechnik. Zuvor war er Chef des Aufzugherstellers Otis.

Nun legt der Wirtschaftsingenieur eine Karriere-Pause ein, nachdem er die Fusion von Dorma mit dem Schweizer Unternehmen Kaba gemanaged hat. Nach 20 Jahren als Führungskraft will er ein paar Monate innehalten. Sein erster Trip war eine Pilgerreise auf der Via Francigena in der Toskana, über die er hier im Management-Blog berichtete. Sein zweiter ist eine persönliche Fortbildungsreise nach USA ins Silicon Valley: Um die Digitalisierung zu verstehen und zu lernen.

 

Hier ist Wagners erster Gastbeitrag: 

Ein Sabbatical ermöglicht unglaublich vieles, neue Perspektiven, neue Erfahrungen. Anfang Dezember saß ich nun im Flieger nach San Francisco mit dem Ziel, mich drei Wochen mit Thema Digitalisierung intensiv auseinanderzusetzen. Ganz im Geiste der neuen Welt habe ich alles über Online-Portale organisiert. Über Booking.com die Flüge, über AirBnB die Übernachtungen, die Mobilität über Uber, Kontakte über LinkedIn und die Zahlungen mit PayPal. Für meine ersten paar Tage in San Francisco habe ich ein Zimmer innerhalb eines grösseren Apartments gemietet.

 

Wieder WG-Leben nach langer Zeit

So etwas habe ich seit Studentenzeiten nicht mehr gemacht und es war herzerfrischend, mit anderen Jüngeren in so einer Art WG zu leben. Es war erst gewöhnungsbedürftig, aber dann sehr lustig. Jeder WG-Bewohner hat andere Motive, hierher zu reisen – spannende Geschichten.

Wagners Vorbereitungs-Lektüre für die Silicon-Valley-Reise

 

Vor meinem Sabbatical hätte eine Reise ins Silicon Valley schnell mal meine wunderbare Assistentin mit dem Reisebüro ganz klassisch organisiert. Das aber nun über die neuen Tools mal selbst zu arrangieren ist an sich schon eine Erfahrung und Erkenntnis – so eine durchaus komplexe Reise über ein Smart Phone selbst zu managen ist nicht trivial, aber mit ein wenig Fingerübung einfach möglich. Leider habe ich mich beim Buchen für mein San Francisco AirBnB und all dieser Organisationsmessages vertippt und prompt fehlte mir ein Übernachtungstag, also nochmals umziehen. Einem Menschen aus einem Reisebüro wäre mein Fehler wohl schneller aufgefallen, naja die schöne neue Welt.

 

Zwischenlandung in London

 

Virtual-Reality-Brillen, Rennen-fahrende Motorrad-Roboter und 3D-Drucker

Bisher befasste ich ich mit traditionell gefertigten Produkten wie Aufzügen oder Sicherheitstechnik. Die neue digitale Welt mit ihren findigen Geschäftsmodellen schien mir relativ weit weg zu sein. Doch nach diesen drei Wochen im Silicon Valley habe ich meine Einschätzung grundlegend geändert: Ich stand vor Robotern bei Microsoft, hatte Virtual-Reality-Brillen auf der Nase, habe mir Rennen-fahrenden Motorrad-Robotor im Standford Research Institute angesehen, faszinierende 3D-Drucker bei Autodesk, IoT-Sensoren bei NXP, das Amazon Echo System live beim Witze-Erzählen erlebt, autonom fahrende Google-Autos besichtigt, im Tesla gefahren, bei IGM mit Watson ‚angesehen’ und vieles andere mehr.

Mein Resümee: Alles ist inzwischen greifbar oder zumindest sind wir an der Schwelle und dies wird alle Industrien treffen.

 

Der Schweizer Gyr, der im Valley Unternehmen in Sachen Digitalisierung berät

Im Valley konnte ich mit Menschen sprechen, die mir Disruption und Exponentiell Growth nahe gebracht haben. Zum Beispiel Herman Gyr, der vor rund 40 Jahren aus der Schweiz ausgewandert ist. Er ist Gründungspartner der Enterprise Development Group und ist so ein Experte, der die alte und neue Welt wie kein Zweiter versteht. Er betreibt seine eigene Garage und berät Unternehmen darin, wie sie mit diesem neuen Denken und den neuen Technologien am besten umgehen. Er hat mir viele dieser neuen Technologien gezeigt, mir erklärt, wie weit diese schon entwickelt, wie leistungsfähig sie sind und wie günstig. Dass ihr kommerzieller Durchbruch und die Massentauglichkeit kurz bevor steht.

 

Mir war bis dahin nicht klar, wie nah wir an diesen Tipping Points sind. Wenn dieser Zeitpunkt für eine spontane, grundlegene Richtungsänderung erreicht ist, dann wird die Anwendung und der Markt rasant wachsen – exponentiell. So wie Apple oder Smartphone. Aber dann ist es für viele etablierte Player schon zu spät, siehe Nokia oder Motorola. Die Beispiele sind allen geläufig, aber mir wurde bei dieser Diskussion klar: da wird es in naher Zukunft bald viele weitere Beispiele geben.

 

Wagner bei seiner morgendlichen Laufrunde durch Downtown San Fracisco – vor dem Giganten der Cloud Industry Salesforce.com

 

Verstehen wir wirklich, was auf uns zukommt? Eher nicht.

Während dieser vielen Diskussionen im Silicon Valley, beispielsweise mit den beiden multitalentierten und energiegeladenen Österreichern Nikki Ernst und Mario Herger – beide Gründer, Unternehmer, Redner und Berater – war ich immer wieder baff: Haben wir Deutsche vielleicht doch manchmal übersehen, was da auf unsere Unternehmen, unsere Gesellschaft und uns selbst zukommt? Beide sind seit vielen Jahren im Valley und in unterschiedlichen Rollen aktiv, beide sind dort bestens vernetzt. Sie haben mir Augen und Türen geöffnet, aber vor allem haben mich unsere Diskussionen über die Art, wie das Valley arbeitet und tickt, inspiriert. Ich kam ins Grübeln: Verstehen wir wirklich, was auf uns zukommt?

 

Wo ist der neue Werner Siemens? Wo der neue Gottlieb Daimler?

Aber, dachte ich mir: Deutschland wäre nicht das heutige Deutschland, das Land der vielen, vielen Weltmarktführer, wenn es nicht mal Gründer und Start-ups gegeben hätte, die sich mit den neuen Technologien damaliger Zeit so auseinandergesetzt hätten wie es auch Heute wieder dringend notwendig wäre. Diese damaligen Gründer – Wo ist der neue Werner Siemens? Wo der neue Gottlieb Daimler? Wo der neue Robert Bosch? – haben Risiken auf sich genommen, waren überzeugt von ihren Ideen, haben sich Investoren gesucht, haben aus ihren Garagen Weltkonzerne geformt.

 

Wenn es etwas gibt, was wir in Deutschland brauchen, so ist es diese Wiederentdeckung der Gründerzeit, den Mut, die Risikofreude, den Gestaltungswillen. Und dafür werde ich meinen Beitrag leisten. Ein kleiner ist es, diese Erlebnisse zu teilen, zu motivieren und Rat zu geben. Ich fühle mich besonders nach dieser Reise verpflichtet, mich noch viel stärker für diese Transformation in Deutschland einzusetzen.

Mission Statement: Start-ups suchen die Disruption und wollen die Etablierten vom Thron stoßen. Bescheidenheit? Nö, wieso?

 

Wer sind große, deutschen Vorzeigeunternehmen für Digitalisierung? Nur SAP?

Im Silicon Valley spricht man mit viel Respekt über deutsche Produkte, doch auch über German Angst. Aber wenn es um die Digitalisierung geht, fiel mir im Valley, dass kaum einer von Europa spricht, geschweige denn von Deutschland. Was hat Europa neben SAP an wirklich global Playern zu bieten, wurde ich gefragt? Auch Rocket Internet ist bei einigen bekannt, aber wird eher belächelt. Denn diese deutschen Vorzeigeunternehmen sind nun zu dem geworden, was wir vielen chinesischen Unternehmen lange vorgeworfen haben – Rocket Internet kopiert überwiegend US-Ideen. Da ist vielleicht was dran.

 

Im AppHaus von SAP 

Also, wo stehen wir wirklich bei diesen neuen disruptiven Technologien und Geschäftsmodellen? Der Besuch im AppHaus im Silicon Valley bei Uwe Palm von SAP zeigte mir aber auch, wie man sich als Unternehmen dieser neuen Welt nähern und sich in Frage stellen kann. SAP bietet dort unter anderem Workshops an, um beispielsweise mit dem Konzept des ‚Design Thinking’ Geschäftsmodelle neu zu denken. Hier arbeitet und denkt man anders, es ist eben nicht nur eine Niederlassung oder ein ‚Outpost’.

 

Als ich fragte, warum das bei SAP so gut funktioniert, wird immer auf den Gründer und Visionär Hasso Plattner verwiesen, der mit der ‚Design School’ einen enormen Beitrag geleistet hat, Menschen einzuladen, mal anders zu denken, anders zu arbeiten um am Ende zu anderen Ergebnissen zu kommen. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist vermutlich, dass einer der Konzernvorstände sein Büro im Silicon Valley hat. Das ist eben nicht nur ein einsamer Outpost.

 

SAP AppHaus: einer der wirklichen Global Player aus Deutschland

 

Die Art, wie Menschen handeln, machen den Unterschied – nicht die Technologie

Dazu und zu dem einzigartigen Ökosystem Silicon Valley mehr in den folgenden Blog-Beiträgen. In diesem ersten Stück wollte ich meine Erfahrungen mit den Menschen im Valley zusammenfassen. Menschen und ihre Art, zu denken, zu handeln, machen den wirklichen Unterschied. Das hat mich am Ende stärker beeindruckt als Technologien. Denn Technologie und Wissen ist allen zugänglich, aber wie man damit umgeht, macht den Unterschied und dies wurde mir im Valley überdeutlich.

 

Mein Film-Tipp: „I.T.“

Beim Hinflug auf San Francisco hatte ich mir noch einen Film angesehen – ‚I.T.‘ im englischen Original von John Moore und mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle. In Deutschland läuft dieser Film mit dem Titel ‚Haked – Kein Leben ist sicher‘. Worum es geht? Eine wohlhabende Unternehmerfamilie lebt in einem großartigen Heim, alles ist ‚State of the Art’ vernetzt, ein wirkliches Smart Home. Alles scheint wunderbar, bis sich eines Tages ein IT-Crack – frustriert über sein Leben – sich in das Netz der Familie hacked. Absolut Sehenswert. Man bekommt einen anderen Blick auf die neue Welt: Was kann passieren wenn ein Dritter die Steuerung der Technik übernimmt und das eigene Leben aus dem Fugen gerät?

 

Der Film „IT“ – absolut sehenswert

 

Überhaupt lohnen sich viele Hollywood-Science-Fiction-Filme, die sich mit der Digitalisierung und den neuen Technologien beschäftigen. Im Valley wurde mir überall bestätigt: Man arbeitet daran und in nicht allzu ferner Zeit wird dies alles möglich sein. Vor meinem geistigen Auge liefen diese Filme wie „Transcendence“, „Matrix“, „iRobot“ noch einmal ab.

Der Flughafen von San Francisco erinnert mich an die alte Krimi-Serie „Die Strassen von San Francisco“ aus den 70-er Jahren – das soll das High-Tech- Silicon-Valley sein?  Oder die Schnellbahn BART in die City, die ebenfalls aus den 70-ern ist? Da muss man etwas schmunzeln.

 

Europäer interessieren Risiken von Innovationen, Kalifornier die Möglichkeiten

In Europa beschäftigen wir uns traditionell eher mit den Risiken neuer Errungenschaften, im Valley beschäftigen sich die Menschen zuerst mit den Möglichkeiten und den Chancen. Alles was technisch möglich sein wird, wird auch angegangen und möglichst umgesetzt. Ob wir uns das in Deutschland wünschen oder es mögen, oder auch nicht – es passiert einfach, aber eventuell eben nicht bei uns.

 

Abwarten ist keine Option mehr

Ich glaube: Warten ist keine Option mehr. Das wurde mir besonders deutlich als ich Sean Ness vom IFTF, dem Institute of the Future, traf. Das IFTF arbeitet und forscht an Zukunftsthemen, Trends, Szenarien. Mein Learning: Zukunft muss kein abstraktes Bild sein. Ich habe gelernt, mit welchen Tools man sich auf die Zukunft einstellen kann, wie man sie mitprägen kann. Aber wer nur abwartet, passiv bleibt – auf den kommt irgendeine Zukunft zu. Also ist es besser, selbst zu gestalten.

 

Und wieder ein Termin im Valley, der mir zeigte, wie viel Zukunftspower dort herrscht. Es geht immer um Disruption. Je größer die Idee, desto besser, desto eher das Potenzial für das nächste ‚Unicorn’. Zuerst wurden die Consumer Markets revolutioniert, jetzt folgen die Dienstleistungsbranchen, was wird das nächste sein? Die Autoindustrie? Jeder Gründer, jeder Investor im Silicon Valley versucht, aus den Ideen und Start-ups das nächste Unternehmen mit über einer Milliarde US-Dollar-Bewertung (Stichwort: Unicorn) zu entwickeln.http://fortune.com/unicorns/

Think big .. willkommen in Amerika! Die Hälfte des globalen Venture Capitals fließt in die USA und davon wiederum rund die Hälfte ins Silicon Valley.

 

Was war zuerst da: Die kreativen Gründer oder das Anlegergeld?

Ob es stimmt, dass diese tollen und vielen Start-ups nur deshalb dort entstehen weil es da so einfach ist, an Investoren und viel Geld zu kommen? Was war zuerst? Die kreativen und mutigen Menschen – oder das große Geld? Jeff Bezos, Steve Page, Sergey Brin, Marc Zuckerberg, Elon Musk sind nur einige, die uns heute mit ihren weltverändernden Unternehmen, Plattformen und Produkten bekannt sind.

Geld folgt großen Ideen, Menschen mit Visionen. Irgendwann ist beides da und es entsteht eine enorme Dynamik. Genau das kann man vor Ort erleben. Mit jedem, den ich sprach, ob Start-up, Venture Capital, Accelerator oder Inkubator: jeder versucht, das große Ding zu erfinden oder zu entwickeln.

Der nächste Gastbeitrag in Thomas´Wagners Serie: Die Shared Economy

 

 

Lese-Tipp: 

Wagner pilgert in der Toskana (1) – Wenn nicht jetzt, wann dann? Ein Top-Manager legt ein Sabbatical ein. Exklusiv im Management-Blog

 

 

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Alle Kommentare [2]

  1. Hi, Claudia! Thank you so much for sharing. However, I believe there was a mix up. Uwe Palm gave a tour of the AppHaus in Silicon Valley, not the HANA Haus 🙂