„Für 1,5 Milliarden unbezahlte Überstunden jährlich greift kein Mindestlohn“, moniert Gehaltscoach Martin Wehrle

Bestsellerautor und Gehaltscoach Martin Wehrle zu den Irrungen und Wirrungen der   Koalitionsverhandlungen: Warum der Mindestlohn zwar überfällig, aber noch lange nicht die   Lösung des wahren Problems ist; weshalb gleiche Gehälter für Männer und Frauen bislang nur eine   windige Absichtserklärung sind und und warum sich eine Frauenquote für Aufsichtsräte zwar gut   macht, aber für die meisten Frauen keinerlei Fortschritt bedeutet.

.Martin Wehrle

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Zur Verhandlungs-Taktik

Die SPD hat gewieft, die Union amateurhaft verhandelt. Das (bisherige) Ergebnis der Koalitionsverhandlungen legt den Verdacht nahe, die CDU/CSU sei nur Juniorpartner der SPD, nicht Wahlgewinner. Der große Fehler der Union: Sie hätte die angekündigte Mitgliederbefragung der SPD mit demselben Instrument kontern müssen. Stattdessen ist sie erpressbar geworden. Man ist in einer Verhandlung immer nur so stark wie seine Alternativen. Die SPD hat eine. Die Union nicht.

Aber: Die SPD muss aufpassen, dass ihre Erfolge nicht wieder dem Wählerkonto von Frau Merkel gutgeschrieben werden. Verhandlungserfolge wollen (dauerhaft) gut verkauft sein!

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Zum Mindestlohn

Der Mindestlohn ist überfällig, aber kein Patentrezept:

Erstens liegen 8,50 Euro nur einen Hauch über dem Existenzminimum.

Zweitens leisten die Deutschen jedes Jahr 1,5 Milliarden unbezahlte Überstunden – dafür greift kein Mindestlohn.

Und drittens verhindert ein Mindestlohn nicht, dass sich immer mehr Menschen kaputtarbeiten. Die Burn-out-Quote hat sich in den letzten sechs Jahren verelffacht. Wir brauchen nicht nur anständige Gehälter, sondern auch anständige Arbeitsbedingungen. Hier wären neue Gesetze fällig!

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Zur Lohnangleichung zwischen Männern und Frauen

Nirgendwo sonst in Europa werden Frauen im Vergleich zu Männern so schlecht bezahlt wie in Deutschland: Sie bekommen 22 Prozent weniger. Die Große Koalition will dieses Unrecht beseitigen. Allerdings wüsste ich gerne, woher das zusätzliche Geld kommen soll: Werden Gehälter aus der Lohntüte der Männer zu den Frauen umgeleitet? Werden unterbezahlte Frauenberufe, etwa im Pflege- oder Servicebereich, insgesamt hochgestuft? Bislang habe ich nur eine windige Absichtserklärung gehört – aber keine konkreten Umsetzungsvorschläge.

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Zur Frauenquote in Aufsichtsräten

Es ist richtig, für Aufsichtsräte eine 30-Prozent-Frauenquote einzuführen – aber diese Regelung hat für die allermeisten Frauen keine Relevanz. Wichtiger wäre es, jungen Mitarbeiterinnen die Möglichkeit zu verschaffen, Familie und Führungskarriere miteinander zu verbinden. Denn die Frauen, die am Ende ganz oben fehlen, gehen schon auf der Gruppen- oder Abteilungsleiterebene verloren. Hier müsste der Gesetzgeber ansetzen, auch mit einem Anspruch auf Führungspositionen in Teilzeit-Arbeit.

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Martin Wehrle ist der Autor des aktuellen Spiegel-Bestsellers „Bin ich hier der Depp? – Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen“ (Mosaik Verlag, 14,99 Euro: http://www.randomhouse.de/Paperback/Bin-ich-hier-der-Depp/Martin-Wehrle/e434937.rhd 

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Leseprobe aus Martin Wehrles „ABC des Wahnsinns in den Unternehmen“ aus seinem Buch „Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus“: http://blog.wiwo.de/management/2012/12/14/das-abc-des-wahnsinns-in-den-unternehmen-leseprobe-von-martin-wehrles-ich-arbeite-immer-noch-in-einem-irrenhaus/

Foto: André Heeger

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Alle Kommentare [1]

  1. Ein guter Gedankenansatz, bis auf Führungspositionen in Teilzeit. Wie das genau gehen soll ist mir schleierhaft. Mittwoches und Freitags dürfen die Mitarbeiter selber alle Entscheidungen treffen, da hat die Führungskraft nämlich frei.

    Ich befürchte es gibt einige Berufsfelder, da gehört der Vollzeiteinsatz mit zum Grundprofil der Stelle. Es immer allen und jedem Recht machen kann man leider nicht.

    Derzeit arbeitet die Regierung aber an zig Baustellen und blockiert sich damit selbst. Mindestlohn gegen Ausbeutung und eine Verringerung der Schere zwischen Arm und Reich. Frauenquote um auch hier ein Gleichgewicht zu schaffen. Daher ist keinem geholfen wenn nun auch einige wenige Frauen in Gehaltsregionen aufsteigen wo andere von träumen, wenn dennoch 98% aller Arbeitnehmer trotz Vollzeitjob nur wenig mehr verdienen als das errechnete Existenzminimum.