Was soll die Aufregung übers Frauenquötchen?

 

Wieso regt sich „die Wirtschaft“ jetzt überhaupt so auf über die Frauenquote? Die schon drei Jahre in Rede ist, sowieso längst immer konkrete wurde – und jetzt auch nur als Frauenquötchen droht?

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Überwältigende Mehrheit der Unternehmen nicht betroffen

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1. So wie sie gerade im Gespräch ist, soll die feste Frauenquote gerade mal lächerliche 200 Unternehmen treffen – „die überwältigende Mehrheit“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt, ist nicht mal betroffen. Und: „Den Frauen bringt es wenig. Selbst in den wenigen Unternehmen, die unter die Quote fallen, hilft diese jeweils nur zwei, drei Frauen an die Spitze.“  Wie wahr.

http://www.sueddeutsche.de/politik/schleppende-koalitionsverhandlungen-buendnis-der-kleinen-geister-1.1821595

So furchterregend können die paar Frauen doch gar nicht sein für die ganz überwältigende Mehrheit der Männer – in den Aufsichtsräten der 200 börsennotierten Unternehmen?

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Aufsichtsrat ist nicht mal ein Teilzeitjob

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2. Wieder geht es nur um die Aufsichtsratsposten, die sicher nicht unwichtig sind, aber eben nicht mal einen Teilzeitjob darstellen. Es ist ein kleines Projekt von vielleicht maximal 30 Tagen Aufwand im Jahr – und vor allem mit einem so hohen Haftungsrisiko, dass mancher Mann den Job heute schon dankend ablehnt. Fragen Sie mal Top-Anwälte, die ziehen sich inzwischen mehrheitlich zurück aus diesem Gremium.

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Unglaubwürdige Selbstverpflichtungen

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3. Vor zwölf Jahren schon haben sich die Unternehmen mit dem Corporate Governance Codex selbst (!) verpflichtet, Frauen zu fördern. Haben sie aber nicht. Soviel zum Thema Glaubwürdigkeit von Versprechungen von Konzernchefs.

Zeit genug, sich an den Gedanken zu gewöhnen, hatten sie also. Mal von allen anderen Gleichstellungsregeln vom Grundgesetz bis zu den AGG ganz abgesehen, die es auch schon länger gibt und die ja auch nicht gerade durchschlagenden Erfolg hierzulande hatten.

Das war schon in der Schule so: wer hartnäckig seine Hausaufgaben nicht macht, bekommt irgendwann Probleme. Aussitzen hilft eben doch nicht immer, auch wenn man es mit zwölf Jahren schon beachtlich lange geschafft hat. So gesehen fehlt es ja schon an der Strafe, geht ja nur um die Erreichung des längst erklärten Ziels.

Und dieses Ziel ist bei den Koalitionsverhandlungen gerade nochmal ordentlich reduziert worden.

Soweit die Fakten.

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Wie Kai aus der Kiste taucht plötzlich ausgerechnet von Pierer auf und wettert – obwohl die Selbstverpflichtung schon in seiner Ära geschah

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Überraschungsgast in dem allzu emotionsgeladenen Thema ist plötzlich Heinrich von Pierer, der Ex-Siemens-Chef bis 2004.

www.focus.de/finanzen/news/tid-34734/von-pierer-wettert-gegen-frauenquote-ehemaliger-siemens-chefkontrolleur-quote-ist-demotivierd-und-diskriminierend_aid_1162586.html

Klingelts bei Ihnen? Als der Corporate Governance Codex 2002 als Selbstverpflichtung der Wirtschaft verabschiedet wurde, war von Pierer im Amt. Auch er hatte Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen und hat offensichtlich ebensowenig zügig begonnen, der Selbstverpflichtung nachzukommen.

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„Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit ist bedroht“ durch die Frauenquote, glaubt von Pierer – durch ein paar Aufsichtsrätinnen

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Doch von Pierer sieht jetzt schon den Untergang des Abendlandes aufziehen: Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit ist bedroht, verblüfft er heute im „Focus“-Interview. Das überrascht, gerade im Anbetracht der paar Aufsichtsratsmandate – es handelt sich nur um Kontrolleurinnen mit nicht mal Halbtagsjobs. Nicht um mächtige Akteurinnen an der Front in den Vorständen von morgens bis abends und an 365 Tagen im Jahr.

„Die Regelung demotiviere Frauen, setze Männer zurück und könnte sogar Feindseligkeiten schüren,“ setzt von Pierer nach.

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Haben Frauenquoten-Gegner keine Töchter?

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Komisch, dass sie das umgekehrt für die Frauen nie gekümmert hat, deren Demotivation über gläserne Deckel oder mögliche Feindseligkeiten.

Ob keins seiner drei Kinder weiblich ist? Die Töchter waren es, die zumindest den inzwischen verstorbenen Norbert Walther dazu gebracht hatten, umzudenken und frauenfördernde Maßnahmen von den Unternehmen einzufordern  http://blog.wiwo.de/management/2010/01/08/nobert-walters-neues-engagement-fur-frauen-im-job-und-familien/

Leider fiel das dem Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank erst viel zu spät ein. Nämlich  als er nicht mehr in Amt und Würden und mit Macht ausgestattet war.

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Alle doof – mit Abi und Examen?

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Doch zurück zu von Pierer: Obwohl die Frauen seit mindestens 30 Jahren in den Abiturjahrgängen genauso stark präsentiert sind wie die Männer, unterstellt von Pierer, dass es „keine ausreichend qualifizierten Frauen gibt“.  Ganz zu schweigen davon, dass sie auch an den Universitäten seit Jahrzehnten gut vertreten sind und oft die besseren Examina hinlegen.

Und übrigens: Dass Aufsichtsräte Fortbildungspflichten haben ist eine neue Regel im Aktienrecht. Hätte es derer bedurft, wenn schon alle Männer schlau sind, die die Jobs haben?

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Frauenquote als ABM-Maßnahme für Headhunter? Mitnichten

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Warum sich, wie von Pierer meint, jetzt die Headhunter die Hände reiben können, ist mir noch unklarer. Höre ich doch seit Jahren deren Klage, dass sie den Unternehmen nicht genug Vorstands- und Aufsichtsratskandidatinnen liefern können. Denn: Dass auf den Wunschzetteln der Unternehmen an Headhunter von drei Kandidaten in den Endrunden mindestens eine Frau sein soll, höre ich seit mindestens drei Jahren. Nur: Es soll eben immer bitteschön die Frau sein, die schon im Top-Management angekommen ist – selbst will man ihr den Sprung lieber nicht ermöglichen.

Warum sich also Headhunter freuen sollen, wenn der Run auf die wenigen Frauen, die schon oben sind, noch stärker wird, ist mir rätselhaft.

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Wie das Ungeheuer von Loch Ness: Der zurückgesetzte Mann

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Und wenn von Pierer dann noch die Männer bedauert, die sich schon jetzt zurückgesetzt fühlen, frage ich mich, warum noch keiner aufgetaucht ist und das öffentlich gemacht hat. Etwa weil er übergangen wurde bei einer Beförderung. Seit drei Jahren herbeigesehnt von so manchem, ist so ein Mann nämlich bis heute in keiner Talkshow dabei gewesen. Meines Wissens jedenfalls.

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Der Frauenansturm auf die Top-Posten ist bisher ausgeblieben

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Die Bilanz von Fidar, der Aktion für Frauen in die Aufsichtsräte, spricht da Bände: „Zwölf Jahre nach der freiwilligen Selbstverpflichtung der deutschen Wirtschaft, den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen, und über vier Jahre nach der Aufnahme der Forderung nach mehr Vielfalt in den Deutschen Corporate Governance Kodex beträgt der Frauenanteil in Aufsichtsräten auf der Anteilseignerseite bei 8,2 Prozent“. Ist das ein Grund zur Angst für Männer? Eher nicht. http://www.fidar.de/wob-index.html

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Die faktische Männerquote erfordert die Frauenquote

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Christine Hohmann-Dennhardt, Daimler-Vorstand und für Compliance zuständig, bringt es auf den Punkt: “Solange es faktisch eine Quote für Männer gibt, brauchen auch Frauen eine Quote.” Und ihr selbst hat übrigens auch kein Unternehmen den Aufstieg ermöglicht. Stattdessen machte sie ihren Weg als Richterin und als Landesjustizministerin von Hessen bis hoch zum Bundesverfassungsgericht – und wurde erst danach in den Daimler-Vorstand geholt.

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Wenn der Ex-Cef dem heutigen öffentlich in den Rücken fällt

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Übrigens: Wie von Pierers aktuellem Nachfolger im Amt als Siemens-Chef, Joe Kaeser, dessen Vorstoß schmeckt, darüber kann man spekulieren. Kaeser hat nämlich erst vor ein paar Wochen betont, dass er offen ist für die Frauenquote und ein gesellschaftliches Umdenken fordert. http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/siemens-chef-kaeser-offen-fuer-gesetzliche-frauenquote-1.1803823

Und das dürfte eher im Sinne eines Technikunternehmens wie Siemens sein, das als Arbeitgeber in Zukunft attraktiv sein will – auch für Frauen.

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http://blog.wiwo.de/management/2013/07/15/plananderung-der-eu-frauenquote-auch-fur-den-mittelstand/

Focus-Interview mit Heinrich von Pierer:

www.focus.de/finanzen/news/tid-34734/von-pierer-wettert-gegen-frauenquote-ehemaliger-siemens-chefkontrolleur-quote-ist-demotivierd-und-diskriminierend_aid_1162586.html

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