Top-Manager müssen D&O-Versicherern bald ihre Lebensläufe vorlegen, um noch versichert zu werden. Was die Boeing-Flugzeugabstürze damit zu tun haben, erklärt Managerhaftungs-Experte-Michael Hendricks

Sind in Ihren Entscheider-Gremien Experten aus Ihrer Branche? So richtige Fachleute, die sich mit dem Kerngeschäft auskennen? Oder nur Kaufleute? Nach den beiden Boeing-Flugzeugabstürzen gucken die D&O-Versicherer bald auf die Kompetenzen und Lebensläufe der Top-Manager – und machen davon abhängig, ob das Unternehmen eine D&O-Police bekommt oder nicht. Interview mit Managerhaftungs-Pionier Michael Hendricks.

 

 

Michael Hendricks (Foto: C.Tödtmann)

 

Herr Hendricks, plötzlich mischen sich amerikanische Versicherer in die Besetzung von Vorständen ein. Zunächst in USA, aber vielleicht bald auch hier. Sie verlangen von ihren Unternehmenskunden, deren  Managerhaftpflichtversicherer (D&O) sie sind, dass sie Branchenexperten und nicht nur Kaufleute in ihre Vorstände holen. Das klingt überraschend – und übergriffig. Warum tun die Versicherer so etwas?

Michael Hendricks: Auslöser sind die beiden Abstürze von Boeing-Flugzeugen mit insgesamt 346 Toten vor drei Jahren. Nachdem das erste Flugzeug abgestürzt war, unternahm die Unternehmensleitung nichts. Wohl mangels technischen Sachverstandes der Vorstände. Keiner im Board hatte den und dann passierte der nächste Flugzeugabsturz. Das hätte verhindert werden können und müssen. Boeing kündigte an, den Hinterbliebenen Entschädigungszahlungen von rund 89 Millionen Euro zahlen zu wollen. Ihr Versicherer, AIG, verlangt deshalb jetzt von Boeing – bei der Verlängerung der Managerhaftpflichtverträge mit dem Unternehmen -, dass ab jetzt Experten der Branche und technischer Sachverstand im Vorstand vertreten sein muss.

 

Im Klartext: Es reicht nicht, wenn nur Betriebswirte die Airline steuern, mit ins Board müssen beispielsweise auch Piloten oder eben Ingenieure?

Da passiert, was eigentlich schon längst hätte passieren müssen, nachdem die D&O-Versicherer die Schadenfälle analysiert haben: Da hat sich nämlich gezeigt, dass so manchen Gremien wie Boards, Aufsichtsräten und Vorständen die Fachleute für die jeweilige Branche fehlen, deren Expertise man aber unbedingt benötigt, wenn man den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens sicherstellen möchte und auch mal schwierige Zeiten durchschiffen muss.

 

Zumal die Managementaufgaben immer komplexer werden und Top-Manager hinter vorgehaltener Hand zuweilen zugeben, dass sie nicht immer alle Folgen ihrer Entscheidungen absehen können?  

Deshalb braucht man auch Branchenexperten an der Spitze. Denn nur die können tatsächlichen Risiken erkennen. In der Regel haben mittelständische Unternehmen deshalb auch einen technischen und einen kaufmännischen Geschäftsführer.

Bei Boeing steht im Vergleich zwischen AIG und Boeing, dass der Boeing-Vorstand künftig mehr Mitglieder mit Erfahrung in der Luft- und Raumfahrt oder in der Sicherheitsaufsicht haben muss. Nach Medienberichten erklärte sich Boeing bereit, seine Satzung so zu verändern, dass der Vorstandsvorsitzende ein unabhängiger Direktor sein muss. Und der Flugzeughersteller will auch einen Ombudsmann einstellen, der dem Chief Aerospace Officer des Unternehmens, Michael Delaney, unterstellt ist.

 

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Und wenn die Topmanager mit Ingenieurausbildung fehlen, gibt´s keinen D&O-Versicherungsschutz?

AIG & Co. müssen sich jetzt die Lebensläufe der Top-Manager ansehen, bevor sie die D&O-Versicherung abschließen. Und zwar von den einzelnen Managern.

Eigentlich gab es diese Initiative von dem D&O-Anbieter VOV hier in Deutschland schon vor 20 Jahren. Doch der Versuch scheiterte kläglich. VOV schickte Fragbögen an die versicherten Unternehmen und wollte die Lebenslebensläufe der Vorstände zu sehen bekommen. Doch dazu kam es nicht, schon die Industrie-Versicherungsmakler blockten VOV ab und boykottierten die Fragebogenaktion und die – an sich sinnvolle – Aktion. Im Nachhinein zeigt sich jetzt, VOV hatte recht.

Ich meine, würden die großen Klinikketten nur von Betriebswirten geleitet und an der Spitze gar keine Ärzte sitzen, wären Fehlentscheidungen unvermeidbar.

 

Was heute in USA passiert, werden die US-Versicherer wie AIG, Zurich Versicherung oder Axa XL als internationale Player so einen Vita-Check der Topmanager auch hierzulande durchsetzen? Und die Lufthansa fragen, ob sie Piloten im Aufsichtsrat hat?

Nicht nur das, es wird  abfärben auf die in Deutschland tätigen anderen Versicherungsgesellschaften. Die sind ja alle weltweit vernetzt und haben sogenannte Chief Underwriter, die die D&O-Schadenentwicklung auch über den Tellerrand hinaus mit weltweiter Dimension beobachten und bewerten. Bestimmt gibt es bald einen oder mehrere Piloten oder Ingenieure im Aufsichtsrat, die die Verantwortung für einen störungsfreien Luftverkehr tragen können. Anders als die meisten Top-Manager, die BWL studiert haben.

 

Wann werden die D&O-Versicherer sich hierzulande die Vitas der Top-Manager geben lassen, bevor sie das Unternehmen versichern?

Sobald der Wettbewerb unter den D&O-Anbietern noch härter wird. Sobald die Versicherer noch ängstlicher werden und noch mehr Verluste in dieser Sparte machen und ihr Risiko noch besser abschätzen wollen.  Darauf müssen sich Vorstände, Geschäftsführer und Aufsichtsräte gefasst machen.

 

D&O-Versicherer bringen sich obendrein plötzlich politisch in Stellung und verlangen von ihren Kunden Nachweise über deren Nachhaltigkeit, das Stichwort ist ESG. Welche Versicherer sind da weit vorne und was verlangen sie genau? Und wie wollen Sie die Einhaltung kontrollieren? 

Nachhaltigkeit ist für die Versicherer schon seit einigen Jahren ein Thema. Da geht es nicht nur um Umweltgedanken und CO²-Reduktionen, wie der Ersatz von Tonnen von Papier durch elektronische Versicherungsscheine sichergestellt werden soll. Nun geraten auch die Kunden der Versicherer ins Visier. Wer sich mit Kohle befasst und sich nicht für einen schnelleren Ausstieg einsetzt, der wird weniger gut versichert als positiv umweltorientierte Unternehmen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen. Das ist es, was die Versicherer jetzt schon verlangen. Sie haben ganze Fragenkataloge, Vorstände müssen ihnen persönlich rapporten und die Versicherer sind erst dann bereit, einen bestmöglichen Schutz ohne viele Ausschlüsse zu geben.

 

Lesehinweis: Unbezahlbare D&O-Versicherungen – Folgen für Unternehmen – hendricks GmbH (hendricks-makler.de)

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Sehr schöner Beitrag. Das sind machbare Anforderungen und würde ich mir von manchem Board oder auch in der Politik wünschen. Viel Macht geht nicht immer einher mit Allwissenheit und schafft lediglich Hybris