Jede zweite Überstunde in Deutschland lassen sich Unternehmen von ihren Mitarbeitern schenken, im Homeoffice sind es sogar noch mehr als im Büro

 

(Foto: C.Tödtmann)

 

 

Auch im Coronajahr – mit immerhin 1,5 Millionen Arbeitnehmern in Kurzarbeit – leisteten die Beschäftigten in Deutschland immer noch 1,67 Milliarden Überstunden. Zum Vergleich: Im Vorjahr – 2019 – waren es 1,86 Milliarden Überstunden. Diese Zahl ist also trotz Pandemie erstaunlich wenig gesunken, obwohl viele Arbeitnehmer zum Beispiel aus Gastronomie oder Handel überhaupt nicht arbeiten konnten. Doch zu Überstunden im Homeoffice unten mehr.

 

Jede zweite Überstunde wird nicht bezahlt

Bemerkenswert ist jedenfalls: Von diesen 1,67 Milliarden Überstunden waren mehr als die Hälfte unbezahlt laut Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Unternehmen sparen somit – bisher – zweistellige Milliardenbeträge an Lohnkosten, errechnete der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB).

 

 

Homeoffice-Arbeiter schieben 9,4 Überstunden pro Woche in der Pandemie – ohne Lohn

Wie viele Überstunden der einzelne Mitarbeiter schiebt, hat der internationale Personaldienstleister ADP erfragt: Seit Pandemieausbruch beträgt die Zahl der unbezahlten Überstunden der deutschen Angestellten pro Woche sieben Stunden. Wer im Homeoffice sitzt, kommt sogar auf 9,4 verschenkte Stunden.

 

Viele Überstunden, höheres Schlaganfallrisiko

Entgrenzung ist denn auch das neue Schlagwort, wonach Arbeitnehmer bei ihrer Arbeit in den eigenen vier Wänden Arbeit kein Ende finden. Womöglich auf Kosten ihrer Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Internationale Arbeitsorganisation ILO warnte erst kürzlich: Wer dauerhaft seine Arbeitszeiten signifikant ausdehnt, erhöht sein Risiko, an einem Schlaganfall oder einer schweren Herzerkrankung zu sterben.

 

Überstundenbereitschaft aus Angst vor Jobverlust

Warum Arbeitnehmer insgesamt immer mehr arbeiten? Sie haben Angst, ihren Job zu verlieren, lautet die Analyse von Personaldienstleister ADP.
Was sie machen? Sie arbeiten sich im Zuge der überstürzten Digitalisierung in neue Rollen ein und übernehmen zusätzliche Pflichten. Viele ersetzen Kollegen, die ihren Job verloren haben. Hinzu kommt seit etlichen Jahren eine Arbeitsverdichtung, so die ADP-Studie.

 

Briten und Schweizer machen die meisten unbezahlten Überstunden

Überstunden sind auch weltweit Usus laut ADP-Analyse: Das Land, in dem das am wenigsten Überstunden geleistet werden, ist Polen mit 5,4 Überstunden pro Woche. Schweizer und britische Arbeitnehmer leisten mit durchschnittlich 7,9 beziehungsweise 7,8 Stunden am meisten unbezahlte Überstunden. Gut jeder fünfte Arbeitnehmer in Europa absolviert wöchentlich mehr als zehn Überstunden.

 

Homeoffice-Arbeiter machen auch dieses Jahr 9,4 Überstunden ohne Bezahlung

Und es scheint auch in diesem Jahr so weiterzugehen: Der Personaldienstleister ADP lotete in einer Umfrage aus, wie viele Überstunden im Schnitt jeder einzelne schiebt. Sieben unbezahlte Überstunden pro Woche sind es, im Homeoffice kommen die Deutschen sogar auf 9,4 verschenkte Stunden. Angestellte in systemrelevanten Berufen wie Kliniken, Arztpraxen, Zeitungsredaktionen leisten im Durchschnitt 10,1 Stunden pro Woche mehr

Nela Richardson (Foto: ADP)

Warum Angestellte das tun? Zum einen aus Angst um ihren Arbeitsplatz. Hinzu kommt allerorten die Arbeitsverdichtung nach jahrelangen Kostensparrunden und Entlassungen der Unternehmen. Viele Arbeitnehmer haben inzwischen zusätzliche Pflichten von Kollegen, die bei den Kosten-Sparrunden gehen mussten. So sieht es auch Nela Richardson, Chief Economist bei ADP: „Die Pandemie spornt viele Menschen dazu an, härter zu arbeiten als je zuvor. Mitarbeiter in systemrelevanten Berufen haben möglicherweise Schwierigkeiten, mit der zusätzlichen Arbeitsbelastung Schritt zu halten. Nicht-systemrelevante Arbeitnehmer nehmen die Mehrarbeit in Kauf, weil sie sich Sorgen um ihre Arbeitsplatzsicherheit machen könnten. Sie übernehmen Aufgaben, wenn Kollegen ihren Job verloren haben oder arbeiten über die regulären Arbeitszeiten hinaus, weil die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben im Homeoffice verschwommen sind.“

 

 

 

 

 

 

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