Ein „Dankeschön“ der Unternehmen an die Mitarbeiter für ihre Solidarität wäre ein Anfang. Gastbeitrag von Top-Bloggerin Julia Richter

Julia Richter ist die Top-Eins-Bloggerin in Deutschland mit „German Abendbrot“ und arbeitet als selbständige Kommunikationsberaterin in Wiesbaden. 

Julia Richter auf Twitter: @Julia_MUC

Julia Richter: (Foto: PR/Petra A. Killick)

Home Office: Was erst verpönt war, wird klasse, wenn es sich als Kostensparmodell auf Kosten anderer erweist

Die Vorteile des Home office lagen schon vor Corona auf der Hand: mehr Flexibilität in der Kinderbetreuung oder für Termine mit Ärzten, Behörden und Handwerkern, Zeitgewinn für Sport oder andere Hobbies, weil das tägliche Pendeln wegfällt, weniger Verkehr auf den Straßen und Abgase in der Luft…

 

Diese Vorteile wurden aber in vielen Unternehmen eher widerwillig jenen gewährt, die wie Bittsteller vor ihren Vorgesetzten standen. Erst seit Unternehmen auch für sich Vorteile entdecken, scheint eine Rückkehr an die Arbeitsplätze plötzlich in weiter Ferne: weniger Kosten für Strom, Wasser, Wartung, Reinigung und mittelfristig für die Miete, wenn Betriebsflächen verkleinert und Büros geschlossen werden. Neun Monate nach dem Beginn der Homeoffice-Regelungen im Frühjahr haben sich Firmen also längst eingerichtet in der neuen Corona-Arbeitswelt – der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel.

 

Der Job dringt ins Privateste und die Nöte der Mitarbeiter werden ignoriert

Doch wie geht es eigentlich jenen, die mit krummem Rücken vor Laptop-Bildschirmen an Küchentischen sitzen? Jenen, die ohne Murren seit Monaten ihren Alltagsfrust und negative Arbeitserlebnisse, die der Job nun mal mit sich bringen kann, in Privateste eindringen lassen müssen. Jenen, die in beengten Verhältnissen leben und nicht über den Luxus eines eigenen Arbeitszimmers verfügen? Sie alle werden mit ihren Nöten, Ängsten, ihrem Stress und Frust nicht wahrgenommen. Funktioniert doch alles!
Aber wie lange sollen sie noch ihre privaten Rückzugsräume zum Wohle des Arbeitgebers zweckentfremden?

 

Rund um die Uhr und allgegenwärtig: das Büro am Küchentisch

Denn seit Frühjahr scheint es völlig normal, dass wir Zeugen werden des merkwürdigen Einrichtungsstils der Kollegin, der gut gefüllten Hausbar des Azubis, des unaufgeräumten Kinderzimmers im Hause der Vorgesetzten. Und was verbirgt der Teamleiter hinter dem Bettlaken, das er provisorisch vor das Bücherregal gehängt hat? Esstische, an denen Familien eigentlich zusammenkommen sollten, um zu reden, zu spielen, zu basteln, liegen jetzt voll mit Laptop, Ladekabel, Ausdrucken und Smartphones. Gegessen wird seit Monaten am Couchtisch – wieder in gebückter Haltung und immer mit einem Auge auf dem „Arbeitsplatz“. Wer bisher nach einem stressigen Arbeitstag die Tür hinter sich zu machen und die Welt da draußen ausschließen konnte, hat sie seit nunmehr neun Monaten 24 Stunden am Tag präsent – Ende nicht absehbar.

 

Die Sehnsucht zurück ins Büro – und nach der Privatsphäre

Längst sehnen sich Menschen zurück in die Büros, weil sie ihr Gästezimmer wieder Gästen anbieten wollen, weil der Hobbyraum dringender denn je für Hobbies gebraucht wird und weil der Esstisch wieder Mittelpunkt der Familie und nicht Meetingraum/Kantine/Teeküche und Büro sein sollte – zumal andere wichtige Rückzugsorte (Cafés, Sportstätten, Treffen mit Freunden) derzeit passé sind. Kurz: Sie wollen wieder trennen können zwischen Heim und Arbeit. Schon wenden sich Kollegen von Zoom & Co. ab und greifen wieder öfter zum Telefonhörer: „Ich will einfach nicht permanent bei meinem Team am Küchentisch sitzen, sondern ihnen etwas Privatsphäre zurückgeben“, brachte es kürzlich eine Führungskraft auf den Punkt.

 

 

Warum soll man seine Privaträume als mobiles Büro zur Verfügung stellen?

Denn alles wird schal, das im Überfluss zu haben ist. Deshalb sind jene Unternehmen gut beraten, die hybride Modelle anbieten und dabei sowohl die eigenen Interessen als auch die ihrer Mitarbeitenden berücksichtigen. Schon heute, noch mitten in der Pandemie, gibt es Firmen, die jeweils die Hälfte ihrer Belegschaft ins Büro beziehungsweise von zuhause arbeiten lassen oder ausgeklügelte Hygienekonzepte präsentieren. Denn weder strikte Anwesenheitspflicht noch dauerhafte Heimarbeit machen zufrieden.

Auch „nach Corona“ werden Büroräume und damit Kosten reduziert werden können. Und auch weiterhin werden Menschen die Möglichkeit des mobilen Arbeitens gerne und regelmäßig in Anspruch nehmen wollen. Aber Unternehmen sollten nicht voraussetzen, dass ihnen Privaträume auf Dauer und ohne Unterbrechung als mobiles Büro zur Verfügung gestellt werden. Wenn dann noch, wie von einem Thinktank der Deutschen Bank gefordert, laut über eine Steuer nachgedacht wird, die zu Lasten der Homeoffice-Belegschaft erhoben werden sollte, dann ist das unverschämt.

 

Die Fürsorgepflicht der Arbeitgeber fürs Wohlergehen der Mitarbeiter

Die Fürsorgepflicht von Unternehmen gegenüber ihren Mitarbeitenden besteht nicht nur darin, mögliche Infektionen am Arbeitsplatz zu vermeiden. Vielmehr sind sie nach den Monaten, in denen Beschäftigte ihre Solidarität demonstriert und alles für die Aufrechterhaltung des Betriebs getan haben, nun in der Pflicht, vertretbare und ausgewogene Modelle für das flexible Arbeiten zu entwerfen. Dies sollte frühzeitig und gemeinsam mit der Belegschaft geschehen, um nicht nur das Unternehmen weiterhin erfolgreich durch die Krise zu steuern, sondern auch das Wohlergehen der Mitarbeiter zu sichern. Das sind Unternehmen nach der erfolgten Vorleistung nun schuldig. Bis dahin wäre ein „Dankeschön!“ schon mal ein Anfang.

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Hallo Frau Richter,
    vielen Dank für diese klugen Gedanken und die Denkanstöße in Richtung Unternehmen.
    Nicht alles passt für jeden, je mehr sich die Mitarbeiter wahrgenommen und vor allem ernst genommen fühlen mit ihren Bedürfnissen, um so größer die Bindung ans Unternehmen – so jedenfalls meine Erfahrung.

    Viele Grüße
    Heike Lorenz