Daimler und Benz Stiftung: Physikprofessor Michael Feindt über KI und die Angst vor künstlicher Intelligenz

„Wenn Maschinen entscheiden – Müssen wir Angst vor künstlicher Intelligenz haben?“ Gastbeitrag von Johannes Schnurr von der Daimler und Benz Stiftung über einen Vortrag des Wissenschaftlers Michael Feindt über die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz für Ökonomie und Wissenschaft.

Auch wenn es vielen noch nicht bewusst ist, Künstliche Intelligenz, kurz genannt KI, durchdringt unseren Alltag bereits heute in nahezu sämtlichen Lebensbereichen. „Zwar sind wir durch einige noch allzu offensichtliche Softwarefehler genervt, wie die fehlerhafte Autokorrektur beim Schreiben auf dem Smartphone, aber was die Kartennavigation angeht, leisten Algorithmen heute schon Beachtliches – und die Lernkurve dieser Systeme zeigt steil nach oben“, sagte Physiker Michael Feindt, Professor am Institut für Experimentelle Kernphysik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Chefwissenschaftler des von ihm gegründeten Start-ups Blue Yonder tätig.Professor bei einem Vortrag für die Daimler und Benz Stiftung.

 

Michael Feindt (Foto: Daimler und Benz Stiftung/ Oestergaard)

 

Nach einigen Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Schweizer Forschungszentrum für Elementarteilchenphysik CERN erhielt der studierte Physiker 1997 eine Professur für Experimentelle Kernphysik an der TH Karlsruhe, dem heutigen Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Gerade bei der Forschung mit solch hochkomplexen technischen Anlagen wie den Ringbeschleunigern entstünden gewaltige Rohdatenmengen, erläuterte Feindt. Diese Daten zu entschlüsseln und aus ihnen wissenschaftlich relevante Informationen zu extrahieren, stelle eine gewaltige Herausforderung dar.

 

„Lange bevor es den Begriff Big Data gab, mussten wir in der Teilchenphysik bereits mit vergleichbaren Situationen zurande kommen. Deshalb trainierte ich 1993 mein erstes sogenanntes neuronales Netz, bei dem Algorithmen auf einem Computer ungefähr so arbeiten, wie die Neuronen im menschlichen Gehirn Informationen verarbeiten“, so Feindt. Sein erstes neuronales Computernetz habe aus rund 100 Verbindungen bestanden, heute würde mit neuronalen Netzen gerechnet, die bis zu mehrere 100 Millionen Verbindungen aufweisen. 2000 erfand Feindt den sogenannten Neurobase-Algorithmus und gründete 2002 sein erstes Unternehmen.

 

„Das Thema Wahrscheinlichkeits-Erwartung ist in vielen Bereichen unserer Wirtschaft von herausragender Bedeutung. Nicht nur in der Produktion, sondern insbesondere auch in der Logistik oder der Konsumgüter- und Nahrungsmittelindustrie ist das Entscheiden unter äußeren Unsicherheiten zentral für den Erfolg eines Unternehmens geworden.“ Gemeinsam mit dem Vorstand der Otto Group gründete Feindt 2008 das Unternehmen Blue Yonder, das sich mit der Prognose von Kundenentscheidungen befasst. „Durch den Einsatz von KI gelang es Otto beispielsweise, die durchschnittliche Lieferzeit für zwei Millionen Artikel von fünf bis sieben Tagen auf ein bis zwei zu reduzieren.“

 

Gerade für Supermärkte erweise sich der Einsatz von KI-Systemen ebenfalls zunehmend als unverzichtbar. Die schiere Vielzahl zu erwartender und sich wechselseitig beeinflussender Faktoren sei selbst für Branchenprofis nicht mehr handhabbar: Wochen- und Feiertage, Standortfaktoren, Lieferzeiten und Lagerbestand verderblicher Vorräte, Wetterbedingungen, Rabattaktionen der Konkurrenz, saisonale Einflüsse und vieles mehr bestimme letztendlich, welche Produkte in welchem Umfang nachgefragt würden. „Wird zu wenig Ware vorgehalten, so führt dies zu Kundenverärgerung und Umsatzverlust, wird zu viel bevorratet, so bedeutet dies Lebensmittelvernichtung und die Abschreibung von Werten“, so Feindt.

 

Gerade auch was die Vermeidung von Retouren und eine nachhaltige Logistik angehe, führe kein Weg mehr an einer algorithmischen Planung vorbei. „Die Margen sind heute oft so gering, dass ein auf KI-Entscheidungen basierender Wettbewerbsvorteil für viele Supermärkte und die dahinterstehenden Ketten eine Frage des Überlebens ist“, lautete Feindts Einschätzung.

 

Eine vergleichbare Entwicklung wie in der Ökonomie erwartet er in den nächsten Jahren für zahlreiche Wissenschaftsdisziplinen. Während in der Physik und der Mathematik der Einsatz von KI vielerorts selbstverständlich sei, gäbe es etwa in der Klimaforschung oder in der Psychologie noch einigen Nachholbedarf. Gerade in Medizin erkenne Feindt aber eine geradezu sträfliche Vernachlässigung der neuen technologischen Möglichkeiten; vielen Patienten könnte deutlich effizienter geholfen werden, würden ihre Daten entsprechend professionell erhoben und analysiert.

 

Auch müssten die Universitäten sich in den nächsten Jahren anstrengen, nicht dauerhaft ihre besten Nachwuchswissenschaftler an die großen Technologienfirmen zu verlieren. In den USA wirke die Situation auf ihn mitunter so, als hätten Google, Microsoft und Amazon die besten Köpfe einer ganzen Generation aufgekauft.

 

„Was die Situation in Deutschland angeht, so sind wir im weltweiten Vergleich leider ganz schön hintendran“, stellte Feindt fest. „Das liegt leider auch an der Kultur der öffentlichen Debatte. Es gilt immer noch als amüsant, wenn jemand im Fernsehen sagt, er habe in der Schule mit Mathematik nichts anfangen können und er sei ausgesprochen technikkritisch eingestellt.“ Fortschritt bedeute heute, den Fokus auf harte Wissenschaft zu legen und ihr Ansehen in der Gesellschaft zu fördern. Er fürchte, dass Deutschland sein hohes Wohlstandsniveau aufgrund einer gewissen Hochnäsigkeit und Negativstimmung gegenüber neuen Technologien in erheblichem Maße abhanden komme.

 

Die wertvollsten Firmen heute seien zweifelsohne Softwarefirmen – und diese würden sich auch in den nächsten Jahren als Treiber der weltweiten Wertschöpfung erweisen. Die Bedrohung, dass die Menschheit in Zukunft von einer allmächtigen KI beherrscht werde, sehe er derzeit noch nicht am Horizont heraufziehen. Allerdings sei es, gerade auch auf politischer Ebene, ausgesprochen wichtig, den Umgang mit Daten sensibel und genau zu regeln und darauf zu achten, dass persönliche Daten nicht in die Öffentlichkeit gelangen.

 

Audio-Video-Podcast zum Vortrag: www.youtube.com/watch?v=Hfawo4gOpnw

 

Zur Daimler und Benz Stiftung: „Die Daimler und Benz Stiftung fördert Wissenschaft und Forschung. Dazu richtet sie innovative und interdisziplinäre Forschungsformate ein. Ein besonderes Augenmerk legt die Stiftung durch ein Stipendienprogramm für Postdoktoranden sowie die Vergabe des Bertha-Benz-Preises auf die Förderung junger Wissenschaftler. Mehrere Vortragsreihen sollen die öffentliche Sichtbarkeit der Wissenschaft stärken und deren Bedeutung für unsere Gesellschaft betonen.“

 

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Wir müssen den Maschinen unsere ethischen Standards vermitteln und ‚fest verdrahten‘, sonst müssen wir tatsächlich Angst haben !