Was Mitarbeiter wirklich wollen: Einfach nur konzentriert arbeiten zu dürfen – die Umfrage zum Buch

Das große Missverständnis: Ist das Büro nur nach den neuesten Ideen von irgendwelchen Architekten konzipiert, steige die Effizienz der Mitarbeiter und es mache überhaupt so viel her, dass es es aufs Firmenimage abstrahlt. Und dass sich mit der Optik von modernen Räumen mehr hochtalentierte Bewerber anlocken lassen. So weit so rosarot die Brille.

Dumm nur, dass es den Architekten sowieso nicht um die Arbeit geht, die eigentlich in den Räumen getan werden soll. Sie kennen sie ja auch gar nicht. Es soll nur schick aussehen. 

Klar ist, dass sich die ohnehin  prosperierende Büromöbelindustrie über die vielen Absatzmöglichkeiten freut und dafür Heerscharen von PR-Profis auf großangelegte Werbetour schickt.  Was zu kurz kommt, ist aber tatsächlich die eigentliche Arbeit – wie eine aktuelle Umfrage vom Murmann Verlag belegt:

Was hilft ein Kicker im Büro, wenn er nur von der Arbeit ablenkt? Aber die Arbeit nichtsdestotrotz termingerecht und tippitoppi abgeliefert werden soll? Nicht mal jeden vierten erfreut deshalb auch so ein Spielgerät im Büro.

 

Stylische Arbeitsumgebung? Egal

Und weiter geht´s: Eine stylische Arbeitsumgebung interessiert nur 18 Prozent der Arbeitnehmer, also nicht mal jeden fünften.

Und wie steht es ums Arbeiten unter freiem Himmel ? Hip und hopp mit dem Laptop auf der Firmen-Terrasse? Wo die Unterlagen wegwehen (die braucht man nämlich durchaus) und die Sonne den Bildschirm kaum entziffern lässt? Die Vorstellung lockt nur 40 Prozent der Arbeitnehmer. Das alles belegt eine repräsentative Umfrage, die das Institut für mobile Marktforschung Appinio für den Murmann Verlag durchgeführt hat.

 

Je anspruchsvoller die Arbeit umso mehr Bedürfnis nach Ruhe

Die Ergebnisse im Detail: Viel wichtiger sind Mitarbeitern Rückzugsräume – wo sie ungestört arbeiten können (45 Prozent). Mit der Betonung auf ungestört. Und je intelligenter die Arbeit ist, umso mehr Konzentration dürfte auch nötig sein. Genaugenommen ist es lustig, dass man für die ganz normale Tätigkeit ´Arbeit´ Rückzugsräume braucht – so als sei Arbeit der Ausnahmezustand und nicht die Regel.

Weiter im Text: 36 Prozent der Arbeitnehmer wollen Räume für den Schwatz mit Kollegen. Was auch wieder typisch und auch sinnvoll ist: Denn in Kaffeeküchen werden mehr wertvolle Arbeits-Tipps ausgetauscht als bei sämtliche Fortbildungen, sagten US-Studien schon vor etlichen Jahren.

Architekten tun gut daran, diese Kaffeeküchen nicht wie auf dem Präsentierteller und für jeden einsehbar zu bauen. Dann tritt nämlich der gegenteilige Effekt ein: Keiner verweilt mehr dort, auch nicht für fünf Minuten, weil man sonst bei Vorgesetzten den Verdacht erweckt, nicht genug zu tun zu haben.

 

Die meisten Mitarbeiter sind unglücklich

Alarmierend ist jedoch: 75 Prozent der Angestellten sind nicht zufrieden mit ihrer Arbeitsumgebung und nur eine Minderheit, jeder Vierte (24,7 Prozent), ist sehr zufrieden.

Nebenbei bemerkt: Das interessiert seltsamerweise manche Vorgesetzte oder  Unternehmenslenker so gar nicht. So erzählen Mitarbeiter einer großen Versicherung hinter vorgehaltener Hand, dass selbst die Unterschriftensammlung gegen ihre Großraumbüros mit rund 90-prozentiger Ablehnung bei den Vorgesetzten auf taube Ohren stieß. Ganz so, als seien Arbeitnehmer und deren Arbeitsergebnisse gar nicht wichtig. Ganz zu schweigen von der Gesundheit der Mitarbeiter.

 

Fast jeder zweite Mitarbeiter hat Ideen, wie es besser ginge

Zurück zur Umrage: 47 Prozent der Befragten erklärten, Verbesserungsideen zu haben. Jeder Fünfte gibt zu, dass er weniger zufrieden sei – und es gebe viele Dinge, die stören. Neun Prozent erklärten ausdrücklich, unzufrieden zu sein und dass sie sich nicht  in der Arbeitsumgebung wohl fühlen.

 

 

Die Gnade, sich aufs Arbeiten konzentrieren zu dürfen – der häufigste Wunsch deutscher Angestellter

Was Mitarbeitern an ihrer Arbeitsumgebung wichtig ist*

Geschlossene Arbeitsräume für Teams                         17,3

Besprechungsmöglichkeiten                                          24,5

Offene Arbeitsräume wie offener Übergang zur Küche 12,4

Rückzugsmöglichkeiten für konzentriertes Arbeiten      44,9

Möglichkeiten der Ablenkung wie Kicker                        23,4

Großzügig geschnittene Büros                                       20,8

Chice und stylishe Arbeitsumgebung                             18,3

Garten/Terrasse für Arbeit draußen                                39,6

Individuell gestaltbarer Arbeitsplatz – etwa mit Bildern   31

Flächen für den sozialen Austausch mit Kollegen          36,4

Weitere Nennungen (z.B. Arbeitsmaterial)                       2,2

Beispiele: Arbeitsmaterial

 

Planlose Unternehmen

Glauben Sie, dass Ihr Arbeitgeber ein Arbeitsplatzkonzept hat?

Nein, ich denke nicht    35,2

Ich bin mir unsicher      43,6

Ja, das weiß ich sogar   21

Quelle: Meinungsforscher Appinio für Murmann Verlag 2018; Befragungszeitraum Mai 2018, 1000 Teilnehmer, die Umfrage ist repräsentativ; *Mehrfachnennungen möglich; in Prozent.

 

Viele unter 30 wollen Einzelbüros

Nur zehn Prozent der Büro-Angestellten dürfen heute in Einzelbüros arbeiten, weitere 35 Prozent wünschen sich das sehnlichst. Interessant: Unter den 25-29-jährigen Befragten wünschen sich 44 Prozent ein Einzelbüro.

 

32 Prozent mehr Mitarbeiter-Performance bei Mitspracherechten

Bei der Leuten 45 plus ist es ähnlich, verwundert Pascal Gemmer von Dark Horse Innovation – einer Agentur in Berlin, die Unternehmen bei Innovationen berät – , der sich mit dem Thema Produktive Arbeitsplätze beschäftigt und ein sogenanntes Playbook dazu verfasst hat, mit dem Leser auf Basis aktueller New-Work-Trends einer Selbstdiagnose ihrer Arbeitssituation vornehmen und eigene Lösungen entwickeln sollen.

Gemmers These: Die Mitarbeiter-Performance steigt um 32 Prozent, wenn sie ihre Arbeitsplatzgestaltung mitbestimmen können. Handeln dagegen irgendwelche Designer nur über ihren Kopf hinweg, steigt die Mitarbeiter-Performance nur um 17 Prozent.

Verwundern kann dabei eigentlich nur, dass man das erst wissenschaftlich untersuchen muss, was so klar ist: Die Methode Vogel-friss-oder-stirb bewährt sich im Zeitalter aufgeklärter mündiger Bürger immer weniger. Auch nicht im Berufsleben. Und unter welchen Bedingungen man am besten arbeiten kann, wissen die Betroffenen meistens auch recht gut.

 

 

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