Exklusiv-Interview mit Commerzbank-Vorstand Beumer: Die Mammutaufgabe, das eigene Geschäftsmodell infrage zu stellen

Die Commerzbank hat mit TNS Infratest rund 4000 Mittelständler befragt, wie sie es mit der Digitalisierung halten. Als Vorreiter machte die Studie 15 Prozent der Unternehmen aus – und zwar quer durch alle Branchen und unabhängig vom Alter der Manager oder der Größe der Unternehmen.

Markus Beumer, Vorstand der Commerzbank und verantwortlich fürs Mittelstandsgeschäft, gibt im Management-Blog Antworten. http://blog.wiwo.de/management/2015/05/12/commerzbank-mittelstands-umfrage-digitalisierung-vielleicht-morgen/
Commerzbank-Vorstand Markus Beumer

Commerzbank-Vorstand Markus Beumer

 
Herr Beumer,  nach Ihrer Studie haben es 63 Prozent der Mittelständler nicht eilig mit der Digitalisierung im eigenen Hause und räumen ein, dass sie das Thema derzeit vernachlässigen. Warum?
.
Beumer: Da gibt es mehrere Gründe. Der meistgenannte Faktor, der Unternehmen an der Umsetzung des digitalen Wandels hindert, ist die Komplexität der technischen Entwicklung, gefolgt vom hohem Investitionsbedarf und Datenschutz-Risiken.
Auch das Fehlen verlässlicher Standards – ein Nebeneffekt dieser beiden Faktoren – ist sicher ein Grund für Zurückhaltung.
.
.
Oder liegt´s an hohen Investitionskosten?
.
Finanzierungsschwierigkeiten nennen die Unternehmen nur am Rande. Interessant ist aber: Die digitalen Innovatoren, die bereits heute erfolgreich mit den neuen Technologien unterwegs sind, benennen die hohe Komplexität der Materie noch deutlich häufiger als der Durchschnitt der Unternehmen (63 Prozent zu 52 Prozent).
.
Das zeigt: Die Komplexität nimmt nicht ab, wenn man abwartet. Man sollte also nicht darauf vertrauen, den digitalen Wandel bewältigen zu können, wenn es mal irgendwann sein muss. Die Mittelständler sollten sich rechtzeitig mit den Möglichkeiten der neuen Technologien auseinandersetzen, indem sie beispielsweise Pilotprojekte realisieren und Freiräume zum Ausprobieren schaffen.
.
.
Nach Ihrer Umfrage erwarten 48 Prozent der befragten Unternehmen substanzielles Wachstum durch die Digitalisierung. Geben Sie uns bitte Beispiele.
86 Prozent der befragten Manager sehen im zunehmenden digitalen Wandel eine Chance für den Standort Deutschland. Das ist eine sehr ermutigende, positive Einschätzung, die zeigt, dass sich die Unternehmen durch die hohe Komplexität und durch die Bedenken in Sachen Datenschutz nicht beirren lassen. Zur positiven Grundhaltung, die aus der Studie spricht, passt, dass 48 Prozent der Unternehmen für die kommenden fünf Jahre substanzielles Wachstum erwarten – diese Wachstumserwartung wurde allerdings übergreifend abgefragt. Hier können also sowohl Chancen durch Digitalisierung eine Rolle bei der Einschätzung gespielt haben (die starke Chancen-Orientierung bei der Frage nach den erwarteten Auswirkungen des digitalen Wandels lässt diesen Schluss zu), als auch andere Faktoren.
.
.
Was tun erfolgreiche Vorbilder?
Digitalisierung hat nicht nur damit zu tun, neue Technik einzusetzen, Die Managementaufgabe besteht vielmehr darin, das eigene Geschäftsmodell kritisch infrage zu stellen. Nehmen Sie zum Beispiel einen Maschinen-Hersteller, der Anlagen für die Aufbereitung von destilliertem Wasser verkauft. Das tut er nach wie vor, und zwar sehr erfolgreich.
Die größeren Wachstumsraten erzielt er aber mit einer neuen Idee: Er verkauft nicht mehr Maschinen, sondern destilliertes Wasser. Seine Kunden, Kliniken etwa, leasen die Maschinen jetzt, statt sie zu kaufen. Der Unternehmer stellt Maschinen, die weiterhin ihm gehören, beim Kunden auf und hat sie digital vernetzt. So hat er stets den Überblick über benötigte Kapazitäten, kann reagieren und auch rechtzeitig sehen, wenn Wartungsarbeiten anstehen. Wichtige Ersatzteile sind schon vor Ort in der Maschine integriert, die Maschine übermittelt den Bedarf nach Montage direkt an die Zentrale.
.
.
Klingt effizient.
.
Richtig. So etwas einzuführen, ist weniger eine Frage technischer Kompetenz als der Bereitschaft, umzudenken. Im Fall des Maschinenherstellers kam die Idee durch einen neuen, branchenfremden Mitarbeiter, den der Eigentümer verpflichtet hatte. So ein Modell verlangt natürlich nicht nur ein Umdenken beim Unternehmer, sondern auch beim Kunden, der plötzlich nicht mehr für den handfesten Gegenwert einer Maschine bezahlt, sondern für eine Leistung. Das ist wie beim Kauf von Software – statt Software as a product kaufen Sie heute software as a service und bekommen keine CD im Schuber mehr, sondern nur noch einen Code, mit dem Sie die Software dann herunterladen.
Über die Studie:
  

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*