Deutsche Vorstände: Mehr Ausländer als Frauen und warum das so ist – Gastbeitrag von Christoph Lesch

Diversity: Warum in deutschen Chefetagen mehr Ausländer als Frauen sitzen, erklärt Christoph Lesch, Director bei der globalen Strategieberatung Simon-Kucher & Partners.

Christoph Lesch, Simon Kucher und Partner

Christoph Lesch, Simon Kucher & Partners

 

Japan schreibt Frauenquote von 30 Prozent bis 2020 vor

Die japanische Gesellschaft altert und schrumpft so schnell wie keine andere Nation.  Die Regierung sucht nach Wegen um zukünftiges Wirtschaftswachstum sicher zu stellen. Eine Möglichkeit wäre die Integration von Ausländern, aber damit tut sich Japan seit jeher schwer. Der Ausländeranteil lag 2012 bei 1,3 Prozent, in ist er Deutschland mit 8,5 Prozent mehr als sechs Mal so hoch. Darum hat die japanische Regierung nun Frauen als ungenutzte Ressource entdeckt (siehe Artikel von Martin Fritz auf wiwo.de: http://www.wiwo.de/erfolg/trends/japanische-wachstumsstrategie-frauenquote-soll-die-wirtschaft-ankurbeln/10149500.html ): Premier Shinzo Abe will eine Quote einführen, die Unternehmen vorschreibt, bis 2020 glatte 30 Prozent der Führungsstellen mit Frauen zu besetzen. In Japan sieht man also die Integration von Frauen in führende Positionen der Arbeitswelt als einfacher an als die Integration von Ausländern.

 

Rolle rückwärts in deutschen DAX-Vorständen: Frauen rein – und wieder raus 

In Deutschland hingegen ist das Bild auf Vorstandsebene der DAX-Konzerne umgekehrt: Bereits seit einigen Jahre liegt die Ausländerquote dort bei knapp 30 Prozent. Der Frauenanteil dümpelte jahrzehntelang zwischen null und einem Prozent. Erst vor kurzem war eine klare Trendwende zu erkennen: zwischen 2010 und 2013 schnellte der Frauenanteil von 2,2 auf 7,2 Prozent hoch. Aber 2014 erlebten wir einen herben Rückschlag an dieser Front: der Absturz auf 5,4 Prozent, gleich vier der 14 weiblichen Vorstände schieden aus.

 

Lieber Ausländer als Frauen in den Top-Etagen?

Sieht man in Deutschland also lieber Ausländer an der Spitze der Unternehmen statt Frauen? Nein. Denn mangelnden Willen, Frauen in den Vorstand zu bringen, kann man den Unternehmen nicht vorwerfen. Seit 2010 waren im DAX 18 Frauen in Vorstandsamt und -würden. 47 Prozent der Unternehmen hatten zwischenzeitlich einen weiblichen Vorstand. Aber die Krux ist: so schnell sie berufen wurden, so schnell sind sie oft auch wieder weg.

 

Vorständin im Schnitt nur drei Jahre

Die 2014 ausgeschiedenen Frauen waren im Schnitt nur drei Jahre im Amt, ihre gleichzeitig ausgewechselten männlichen Kollegen ganze acht Jahre.

Was sind die Ursachen? Bei den Frauen, die es scheinbar nicht können? Oder bei den Männern, die mal wieder alles zu schnell wollen?

Wir leben in einer extrem schnelllebigen Zeit, die zu einer starken Beschleunigung von Entscheidungszyklen geführt hat. Probleme – Entschuldigung: Herausforderungen – entstehen über Nacht und müssen ebenso schnell gelöst werden.

So reagiert manch männlicher Vorstand mit gewohntem Handlungsmuster auf die öffentlichen Forderungen nach mehr Frauen in Führungspositionen: Schnell lösen, eine Frau muss her. Zum Glück wird ja gerade der Posten des Personalvorstands frei, notfalls schaffen wir einen Posten für Recht und Compliance, damit schlagen wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. So ist die Denke.

 

Headhunter präsentieren fachlich ungeeignete Frauen – wegen des Drucks

Auf Top-Management spezialisierte Personalberater berichten von starkem Druck der Unternehmen, ihnen doch mindestens eine Kandidatin vorzustellen. Da ist dann offensichtlich manchmal das Geschlecht wichtiger als die beste fachliche Eignung. Nach kurzer Zeit merken beide Seiten, dass es irgendwie doch nicht richtig passt.

 

An der Ausbildung liegt es nicht

Es fehlt uns heute einfach die kritische Masse an geeigneten Vorstandskandidatinnen. Unsere Universitäten bilden zwar ausreichend viele Frauen aus: 2012 waren 49 Prozent der Studierenden in den typischen Vorstandsstudiengängen Wirtschaft und Jura Frauen. Schon 1990 lag der Frauenanteil bereits bei 35 Prozent.

 

Die meisten Frauen kommen einfach nicht oben an auf der Karriereleiter

Die Ursache für den Frauenmangel liegt also in den Unternehmen selbst: die meisten Frauen bleiben irgendwo in der Hierarchie der Unternehmen hängen, zu wenige erreichen die obersten Stufen der Karriereleiter.

Wollen oder können Frauen nicht so weit aufsteigen wie Männer? Sicherlich trifft beides zu, weil in Deutschland die Rahmenbedingungen zur Vereinbarung von Beruf und Familie heute noch nicht stimmen. Im Zweifelsfall übernehmen Frauen mehr Verantwortung für die Familie als Männer. Unternehmen tun sich immer noch schwer mit Leitungsfunktionen in Teilzeit oder auf Basis flexibler Arbeitszeitmodelle.

Und die Politik setzt mit ihrer diskutierte Frauenquote bei Führungspositionen börsennotierter Unternehmen am falschen Ende an, nämlich an der Spitze der Pyramide.

Wollen wir langfristig einen stabilen Anteil weiblicher Vorstände, so muss über alle Hierarchien hinweg etwas dafür getan werden. Der Frauenanteil muss über alle Ebenen hinweg kontinuierlich heranwachsen. Und wir sollten uns nichts vormachen: Es wird noch einige Jahre in Anspruch nehmen, bis der Anteil von Frauen in den Vorstandsebenen das gleiche stabile Niveau erreicht hat wie der ausländischer Vorstände.

 

Ob es Japan schafft, ist fraglich

Unter diesem Aspekt scheint auch das Quotenvorhaben der japanischen Regierung zum Scheitern verurteilt. Von null auf 30 Prozent Frauenanteil in sechs Jahren ist unmöglich, vor allem dasich in Japan auf den mittleren Hierarchieebenen noch viel weniger Frauen finden als in Deutschland.

 

In Deutschland ist Frauenförderung keine Wachstumsstrategie – anders als in Japan  http://blog.wiwo.de/management/2014/07/21/frauenforderung-gilt-als-wachstumsstrategie-in-japan-hier-nicht/

Zur Frauenquote in Japans Regierunghttp://www.suedostschweiz.ch/politik/abe-erhoeht-frauenquote-japans-regierung#.VAcfjabhROM.twitter

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Alle Kommentare [1]

  1. Leute, checkt Ihr immernoch nicht, dass Frauen Kinder und Karriere wollen?
    Da kommen die männlichen Vorstände nicht drauf, dass ein Kitaplatz in der Nähe wichtiger ist, als ein reizvoller Posten. Nehmt doch bitte das Geld, was Ihr für euer Personalmarketing verplempert und bezahlt damit ein paar fleißige Erzieherinnen in der Nähe der Firma. Problem,- Entschuldigung, Herausforderung, gelöst.

    Fragt doch mal die Irländer und werdet schlau:

    https://derstandard.at/1326503103877/Grossunternehmen-Acht-Prozent-der-Vorstaende-in-Europa-weiblich