Der Deutsche-Bahn-Aufsichtsrat spielt mit dem Feuer, wenn er die Personalie Pofalla abnickt

Top-Headhunter Heiner Thorborg

Top-Headhunter Heiner Thorborg

Top-Headhunter Heiner Thorborg redet nicht um den heißen Brei, wenn er den Lebenslauf von Ronald Pofalla, 54, beurteilt: „Das reicht bei weitem nicht aus, normalerweise. Aber Lobbyarbeit wird er können – das heißt, er wird also für seine Beziehungen und Kontakte bezahlt.“

Große Unternehmen haben normalerweise hohe Anforderungen an die beruflichen Werdegänge ihrer Vorstände, pflichtet auch ein renommierter Compliance-Spezialist aus internationalen Großkanzlei bei, der tagtäglich die Anstellungsverträge für Top-Kandidaten in juristische Formen gießt.

Ronald Pofalla kommt aus Weeze am Niederrhein, besuchte laut Wikipedia nach der mittleren Reife an der Hauptschule die Fachoberschule für Sozialpädagogik, studierte das Fach danach in Düsseldorf und schloss ein Jura-Studium in Köln an. Nach dem zweiten Staatexamen wurde er Partner bei der Essener Kanzlei Holthoff-Pförtner, die zumindest nicht auf der Juve-Liste der 50 renommiertesten Kanzleien in Deutschland steht.

 

Das eigentlich passende Vorstandsressort bei der Bahn ist vergeben

 

„Juristen, die für Top-Kanzleien, Richterstellen oder den Verwaltungsdienst infrage kommen, müssen in der Regel zwei Prädikatsexamen und weitere Kompetenzen zu bieten haben“, vergleicht der Compliance-Profi, der ungenannt bleiben muss. Für Vorstandsposten gelten ähnliche Anforderungen, zumal auch sie oft Branchenkenntnisse fordern. Großunternehmen besetzten ihre Vorstände üblicherweise nicht mit Sozialpädagogen. Auch Juristen kommen eher für Vorstandsressorts wie Recht oder Compliance in Betracht. Vorstand für diese beiden Ressorts ist bei der Deutschen Bahn ist aber schon Gerd Brecht – und dessen Vertrag wurde gerade erst am 11. Dezember 2013 verlängert bis Februar 2017.

Hinzukommt, dass ein Vorstandsressort Lobbying bei der Deutschen Bahn bislang nicht existiert – der Vorstand ohnehin schon reichlich bevölkert ist – und ein neues Ressort erst für Pofalla geschaffen würde. „Ob das wirklich nötig ist, muss der Aufsichtsrat entscheiden – ist es aber definitiv nicht erforderlich, kann schon die Einrichtung und Dotierung eine strafbare Untreuehandlung sein“, sagt Anwalt Jörg Rodewald, Professor und Partner bei der Kanzlei Luther in Berlin.  Und weiterhin: Auch wenn Pofalla ohne ein Auswahlverfahren und ganz ohne Berücksichtigung anderer Bewerber zum Zuge käme, kann auch das unzulässig sein.

Jörg Rodewald, Professor und Compliance-Experte bei Kanzlei Luther

Jörg Rodewald, Partner und Compliance-Experte bei Kanzlei Luther

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Sperrzeiten – wer soll die bezahlen?

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Zwar fordern erste Stimmen schon Sperrzeiten, eine Cooling-Down-Phase für derlei Wechsel, die Interessenskonflikte provozieren. Doch unterliege ein Politiker wie Pofalla keinem sogenannten nachvertraglichen Wettbewerbsverbot – wie viele Top-Manager -, das ihn daran hindern würde, einen anderen Posten zum Beispiel bei einem Wettbewerber seines Ex-Arbeitgebers anzutreten.

http://www.focus.de/politik/deutschland/ronald-pofalla-wechsel-deutsche-bahn-wirtschaft-cdu-personalie-befeuert-debatten-um-karenzzeiten-5_id_3519145.html

Und einen finanziellen Ausgleich in Höhe mindestens des halben bisherigen Gehalts – wie es für nachvertragliche Wettbewerbsverbote bei Managern vorgeschrieben ist – bekäme Pofalla ja auch nicht. Wenn also Staatsrechtler Hans Herbert von Arnim eine generelle Wartefrist von fünf Jahren für Wechsler von Politik in Wirtschaft fordert, fragt sich, ob es wirklich gewollt ist, dass diese Politiker fünf Jahre lang zu den teuersten Spaziergängern auf Kosten des Steuerzahlers werden sollen – so wie die heutige Opel-Vorstandsfrau Tina Müller nach ihrem Weggang von Henkel.

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Aufsichtsräte spielen mit dem Feuer

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Was Aufsichtsräte riskieren, wenn sie solch einer Personalie zustimmen? Schlimmstenfalls können sie wegen Untreue vom Staatsanwalt verfolgt werden. Und sie riskieren, sogar mit ihrem Privatvermögen dem Unternehmen und den Aktionären gegenüber zu haften. Denn hat ein Kandidat erkennbar keine Ahnung von seiner Branche oder Kenntnisse aus vergleichbaren Konzernen, ist er auch nicht dasselbe Gehalt wert wie ein hochqualifizierter Top-Vorstand. Im Klartext: Ein Unternehmen verschleudert Firmenvermögen, wenn es Bewerber überbezahlt. Und eine Aufgabe von Aufsichtsräten ist es, dies zu verhindern. Im Fall der deutschen Bahn als Staatskonzern sind es sogar Steuergelder.

 

Strafbare Bestechung oder Vorteilsgewährung

 

Auch Deutsche-Bahn-Vorstandschef Rüdiger Grube riskiert übrigens einiges, wenn er einen Wechsel von Ronald Pofalla forciert: Sein CEO-Kollege Dieter Zetsche jedenfalls hat die Staatsanwaltschaft am Hals, nachdem er den Ex-Staatsminister Eckart von Klaeden als Chef-Lobbyist zu Daimler holte. Wegen Vorteilsgewährung, sprich Bestechung.

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Wenn der Deutsche-Bahn-Aufsichtsrat tatsächlich Ende des Monats die Personalie Pofalla beschließen sollte, sinniert Headhunter Heiner Thorborg: „Sinnvoller wäre wahrscheinlich, ihn Grube direkt zu unterstellen – mit Generalvollmacht. Denn Vorstand wird Pofalla woanders bestimmt nicht.“

Und einen ganz anderen Zahn hat Top-Headhunter Heiner Thorborg dem Branchenwechsler in spe, Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla über Bande – und zwar via Interview in der „Welt“ – schon mal gezogen: Dass er in einem Job als deutsche-Bahn-Vorstand mehr Zeit fürs Private hätte als bisher. das hatte der kinderlose Niederrheiner nämlich als Grund angegeben, warum er in die Wirtschaft wechseln wolle.

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Ronald Pafalla bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Ronald_Pofalla

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Vertragsverlängerung Deutsche-Bahn-Vorstand Becht:

https://www.deutschebahn.com/de/presse/presseinformationen/pi_k/5403730/h20131211.html

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Jörg Rodewald, Kanzlei Luther:

http://www.uni-potsdam.de/rewe/index.php/lehrstuhlteam/hon-apl-prof-externe-lehrbeauftragte/14-sample-data-articles/110-prof-rodewald

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http://www.wiwo.de/erfolg/management/pofallas-wechsel-zur-bahn-das-passende-vorstandsressort-ist-bereits-vergeben/9296998.html

PS:

Die erste Strafanzeige gegen Pofalla in Sachen Bahn – von S21-Gegenern

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stuttgart-21-projektgegner-stellen-strafanzeige-gegen-ronald-pofalla.311245a8-b269-47e9-a3af-c295e69661f8.html

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Alle Kommentare [2]

  1. Danke, Frau Tödtmann, für den aufschlussreichen Artikel, der das Thema endlich einmal nicht nur skandalisiert, sondern aus wirtschaftlicher, juristischer und ethischer Perspektive beleuchtet!
    Oliver Schmidt

  2. Wenn man so möchte, ist alles geregelt in Deutschland,
    in der Politik und den staatstragenden Unternehmen,
    sollte man meinen?!
    Nun wissen jedoch die meisten in der arbeitenden Bevölkerung,
    dass Beziehungen das A&O eines jeden Beschäftigungsverhältisses
    sind, hier wird sich „per order de mufti“, über alle Regeln und
    sonstigen Bestimmungen einfach hinweg gesetzt und nur
    dieser Durchsetzungswille zählt.

    Viele Grüsse aus der Sicht der arbeitenden Bevölkerung, Zamir Z.