Choleriker im Chefsessel

Warum verlieren Top-Manager ihren Job? Spontan würde man meinen, es seien rote Zahlen ihrer Firma oder sonstwelche greifbaren Mißerfolge. Aber nein: In 43 Prozent aller Fälle ist ihre mangelnde Führungskompetenz der Grund, wieso sie geschasst werden, sagt eine Untersuchung der Personalberatung InterSearch Executive Consultants aus Hamburg. Oder man sich irgendwie einvernehmlich, aber eben vorzeitig trennt. Ganz so, als sei mangelnde Führungskompetenz eine plötzliche Überraschung, die die vielen Berufsjahre vorher einfach nicht zu erkennen gewesen sei.

Vielleicht liegt es nur daran, dass dieser Grund des Scheitern immer vertuscht wird von den Sprechern der Unternehmens und gehüllt wird in nichtssagende immergleiche Floskeln. Die irgendwie auf Dauer wie Beleidigungen für die Intelligenz der Leser der Pressemitteilungen oder Verlautbarungen wirken.

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Verbreitetes Phänomen: Choleriker im Chefsessel?

Nur ganz langsam sickert über manche Kandidaten durch, dass sie eigentlich Choleriker waren – und davon scheint es etliche zu geben. Ist es doch das einzige Attribut, das wenn, dann als Negativum hochploppt.

Léo Apotheker etwa, der zuletzt den PC-Hersteller Hewlett-Packard leitete, attestierten die Medien den Choleriker. http://www.focus.de/digital/computer/computer-leo-apotheker-streitbarer-manager-und-vertriebsexperte_aid_558015.html

Und auch Thomas Sattelberger, dem Ex-Telekom-Vorstand, wird nachgesagt, dass er Choleriker sei. http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2011/03/29/a0124

Choleriker scheint ein Attribut zu ein, das so gerade noch akzeptabel ist für Führungskräfte – ohne dass sie Anzeigen wegen Verleumdung und übler Nachrede erstatten. So, als schössen diese Leute nur ein kleines bisschen übers Ziel hinaus.

Merkwürdig genug. Aber diese Eigenschaft liegt wohl nahe genug an dem hungrigen Wolf, mit dem neue Hoffnungsträger gerne angekündigt werden, wenn sie einen neuen Job antreten.

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Unzureichende soziale Kompetenz

Hin wie her, zurück zur InterSearch-Studie: An zweiter Stelle steht unzureichende soziale Kompetenz mit 35 Prozent und die Unvereinbartkeit von Manager-Persönlichkeit und Unternehmenskultur mit 28 Prozent. Was darunter zu verstehen ist, hat Personalberaterin Heike Cohaus von P 4 Career kürzlich hier im Management-Blog erklärt: http://blog.wiwo.de/management/2013/01/04/angepasste-manager-helfen-dem-unternehmenserfolg-nicht-weiter/

Befragt hat InterSearch Executive Consultants hierfür immerhin 200 Personalverantwortliche in Unternehmen ab 250 Mitarbeitern. Spiegelbildlich passt hierzu eine weitere Umfrage und zwar unter 750 Arbeitnehmern: 28 Prozent von ihnen sind unzufrieden mit der Leistung ihres Unternehmenslenkers. Das größte Defizit: Sie können nicht motivieren (52 Prozent), ihre Leute nicht mitreissen und nicht anspornen zu Höchstleistungen. Was den Entscheidern noch so fehlt? Persönliche Glaubwürdigkeit und Werteorientierung (41 Prozent) sowie Persönlichkeit und Charisma (34 Prozent).

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Wo bleiben Bescheidenheit und Gemeinsinn bei den Führungskräften?

Die weiteren Eigenschaften: 27 Prozent der Befragten vermissen bei ihren Leadern Bescheidenheit und Gemeinsinn. 18 Prozent wünschen sich eigenen Arbeitseinsatz ihrer Unternehmenslenker, doch nur sieben Prozent beanstanden mangelnden Mut und Unternehmergeist und fünf Prozent Risikobereitschaft.

Wie es soweit kommen kann? InterSearch-Managing Partner Thhomas Bochholdt glaubt: Die Unternehmen unterschätzen die sogenannten und gerne mal verachteten weichen Kriterien im Auswahlprozess ihrer Kapitäne.

Vor allem: Kaum einer setzt „unterstützende diagnostische Maßnahmen im Auswahlverfahren“ der Top-Manager ein. Nur in 43 Prozent der Fälle müssen sich Manager irgendwie auf Herz und Nieren prüfen lassen.

Bei Léo Apotheker soll die Papierform gereicht haben bei HP. Angeblich hat er nicht einmal jemand von HP ihn vorher gesprochen.

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