Brechen Sie sofort den Urlaub ab, wenn Sie Rauch aufsteigen sehen

Mit den Worten „Ich gehe jetzt in meinem wohlverdienten Urlaub“ , verabschieden sich die Chefs heute gerne in die Sommerfrische. Das sagt man jetzt so: „Wohlverdient“. Warum das so betont werden muss? Keine Ahnung,  scheint aber Mode zu sein.

Und ab jetzt beginnt für so manchen Manager eine gar nicht erholsame Zeit. Nicht nur, dass er ungewohnte Aufgaben an der Familienfront hat. Muss er doch gleichzeitig die Büro-Front im Auge behalten – via Blackberry. Der Spagat alleine ist schon unlustig. Quengeln die Familienmitglieder doch sofort los: „Tu das Ding weg“.

Damit nicht genug: Zerreissen sich darüber alle möglichen Berufenen und Unberufenen, Prsycholgen, Coaches, Krankenkassenleute oder Ärzte das Maul, warum es denen angeblich nicht „gelingt“, abzuschalten. Dabei vergessen sie nur einige Fakten. Oder sie kennen sie halt nicht.

 

Die Zeit der Stühle-Säger

Denn nicht nur, dass dann die Zeit der heimlichen Stühle-Säger beginnt. Also derjenigen, die feige hinterm Rücken der Kollegen versuchen, die Zeit zu nutzen, um flugs irgendwelche Tatsachen zu schaffen.

 

Wenn das Chaos zu blühen beginnt, sollten sich Chefs im Urlaub den nächsten Rückflug sichern

Auch wenn eine Katastrophe just in dem Momement hochploppt, in dem der Verantwortliche in Urlaub ist, gibt´s heute nur noch eins: ins nächste Flugzeug und heim ins Chaos fliegen. Nicht unbedingt deshalb, weil ohne ihn keiner klar käme. Sondern allein schon um des lieben PR-Anscheins willen. Der Eindruck und die Fantasievorstellung, die Hütte brennt, dem Chef ist es egal und gönnt sich lieber Pina Colada an der Strandbar auf Hawai, ist tödlich.

So ging´s heute durch die Rundfunknachrichten: Rainer Schwarz, der Chef des Berliner Flughafens, müsse womöglich ob der Riesen-Panne seinen Hut nehmen. Zumal er doch bei dem größten Chaos in Urlaub geweilt habe, schiebt der Nachrichtensprecher hinterher. Und schwupps, da war´s: Entweder hätte der Mann gar nicht erst den Urlaub antreten dürfen, schwingt da mit. Oder er hätte jedenfalls sofort in das von ihm zu verantwortende Chaos zurück eilen müssen – gleich als es anfing zu kokeln. Denn klar ist: Egal wie urlaubsreif der Vorgesetzte ist, egal ob´s der erste seit drei Jahren ist oder er kurz vorm Herzinfarkt steht – er liefert ein Argument, ihn abzuschiessen. Allein schon, weil´s dem Image abträglich sein könnte, wenn er nicht vor Ort ist, wenn´s rund geht.

Der Anschein reicht völlig

Der Anschein reicht da oft schon. Dazu kommen muss die entsprechende Stimmungsmache gegen ihn, da braucht es nicht mehr viel Schuld und er ist fällig. Erfahrene Wirtschaftsanwälte wie Thomas Klindt, Partner bei Noerr Stiefenhofer und Experte für Produkrückrufe raten ihren Mandanten, sofort den Urlaub abzubrechen und umzudrehen.

„Denn dieses Risikothema schiebt sich in der Priorität vor alles andere. Im übrigen kann es als Signal gewertet werden und ein verheerender Image-Schaden entstehen: Erinnern Sie sich bitte an die Briefbogen-Affäre des Ex-Wirtschaftsministers Jürgen Möllemann – die gar keine Affäre geworden wäre, wenn der Politiker sofort aus dem Urlaub zurück geeilt wäre an seinen Schreibtisch, um persönlich Rede und Antwort zu stehen. Dass er aber ungestört seinen Karibik-Urlaub fortsetzte, kam bei der Öffentlichkeit so an, als sei er arrogant und sei sie ihm nicht wichtig http://de.wikipedia.org/wiki/Briefbogen-Aff%C3%A4re . Auch der Ex-BP-Manager Tony Hayward http://de.wikipedia.org/wiki/Tony_Hayward setzte sich kräftig in die Nesseln, als er während der wochenlang andauernden Katastrophe an nur einem einzelnen Tag an einem Wochenende an einer Segelragatta teilnahm und sich der Öffentlichkeit dabei zeigte.  http://blog.wiwo.de/management/2010/06/20/wie-kann-er-nur-segeln-gehen-wenn-in-der-firma-die-holle-los-ist/ “

 

Unerreichbar im Kloster? Vergessen Sie´s

Verstehen Sie jetzt, warum der Kontakt zur Bodenstation auch im Urlaub wichtig ist? Warum es heute für Top-Manager riskant ist, wohin zu fahren, wo´s keinen Netzempfang gibt?

Mir ist nur ein Beispiel geläufig, wo es ander herum lief: Da hatte ein GmbH-Geschäftsführer seinem Co-Chef ein Kuckucksei produziert und kurz vor seinem Urlaub ins Nest gerollt. In der Zeit als es gerade mal Fax gab, war er angeblich unerreichbar in einem Kloster war, drei Wochen lang. Ob´s wirklich so war? Keine Ahnung. Die Bombe ging hoch, ausbaden musste die Chose den Firmeneignern gegenüber der andere. Es wurde ein hochpolitisches Thema, das ihm die letzten Nerven raubte. Als der eigentliche Bombenleger zurück kam und den Unschuldsengel gab, dauerte es nicht mehr lange, bis der andere weg war. Er kündigte selbst, hatte die Nase voll.

Das Ergebnis: Der Bombenleger hatte die nächsten zehn Jahre alleine das Sagen.

Doch das funktioniert heute nicht mehr. keiner macht mehr drei Wochen Urlaub – und unerreichbar sein auf dem Kloster, das zieht auch nicht mehr. Und wenn es tatsächlich unerreichbar ist, muss sich eben das Urlaubsziel ändern.

 

 

 

 

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Alle Kommentare [4]

  1. Lieber Herr Riesterer,

    es gibt viele Unternehmen, in denen gestern auch heute noch heute ist.

    Im Übrigen habe ich mich die ganze Zeit gefragt, wieviel Realsatire wohl in diesem Text steckt und wie groß ein Problem sein muss, damit der Chef zurück kommen sollte. Rainer Schwarz jedenfalls hätte bei der von ihm zu verantwortenden Problemlage gar nicht erst fahren dürfen!

    Joachim Bochberg

  2. Liebe Frau Tödtmann,
    das ist ein sehr hilfreicher Beitrag, wie ich aus eigener beruflicher Erfahrung bestätigen kann, auch wenn es mich nicht persönlich betraf.
    Sie haben mit dem Plädoyer für Erreichbarkeit im Urlaub leider Recht. Selbst wenn man nicht stündlich die E-Mails checkt, Erreichbarkeit zumindest zu bestimmten festgelegten Zeiten muss sein.
    Diese Härte ist durch das Gehalt abgedeckt.