Wie, Sie müssen Eltern pflegen? Die Ignoranz der Unternehmen wenn Mitarbeiter Eltern pflegen.

Die optimale Mitarbeiter fällt nie aus, funktioniert immer reibungslos und steht allein dem Unternehmen zur Verfügung – weil er bindungslos auf der Welt ist. Am besten ohne jede Familie. Ohne Eltern, Kinder oder Ehepartner/in, die ihre Rechte einfordern. Mehr wie eine Maschine. Und dann, dann kommen Menschen. Die krank werden, Urlaub haben, denen Fehler unterlaufen und vor allem eins haben: Anhang und Familie.

Deshalb rollt wegen der Demographie in Deutschland ein Problem auf die Unternehmen zu, von dem bislang erst frühe Ausläufer bemerkbar sind: Wenn Mitarbeiter plötzlich Zeit brauchen, um sich um Ihre Eltern zu kümmern, zum Beispiel weil sie zum Pflegefall werden und sie sich womöglich selbst um sie kümmern. Womöglich sind die Eltern nicht mal mehr am selben Ort, sondern Hunderte Kilometer entfernt – im Zeitalter der Nomaden-Mitarbeiter, die für ihre Karriere jede Flexibilität an den Tag legen und immer dahin ziehen, wo die Firma sie gerade benötigt.

Der Marktforscher GFK hat deshalb 500 Arbeitgeber befragt im Auftrag von berufundfamilie, der Initaiative der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, wie sie sich dem Thema stellen. Das Ergebnis ist erschreckend:62 Prozent der deutschen Arbeitgeber haben sich bislang noch nicht mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Pflege beschäftigt. Die Sorge um alte Menschen scheint ihnen völlig fremd zu sein. Mehr noch: 71 Prozent können nicht einmal betriebliche Maßnahmen zu dem Thema nennen.

 

Stefan Becker, Geschäftsführer bei berufundfamilie in Wiesbaden urteilt: „Diese erste repräsentative Umfrage ihrer Art macht den hohen Aufklärungsbedarf bei den Arbeitgebern deutlich: Weder die Vielzahl möglicher Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege noch deren oft einfache und kostengünstige Umsetzung ist bekannt.“

Warum die Unternehmen derart ignorant sind beim Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Laut GFK-Untersuchung fehlt ihnen Unterstützung: 83 Prozent der Befragten meinen, dass sie bis jetzt deshalb nicht aktiv waren, „weil es an Umsetzungshilfen und Tipps mangelt“. 80 Prozent der Befragten meinen, betriebliche Angebote zur Vereinbarkeit seien zu kosten- und 85 Prozent sogar zu organisationsintensiv. Etliche weisen auch von vornherein  die Verantwortung von sich: Rund 30 Prozent der Arbeitgeber sehen sich selbst nicht in der Verantwortung, sondern eher die betroffenen Familien oder den Staat.

Und je spezieller es wird, um so ahnungloser die Arbeitgeber laut GFK-Umfrage: Von den 29 Prozent der Arbeitgeber, die überhaupt Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege kennen, zählen je knapp ein Drittel flexible Arbeitszeitmodelle und Teilzeitarbeit auf, doch noch weniger kennen die Pflegezeit.

Das Fazit von Stefan Becker: „Diese Zahlen verdeutlichen die dramatische Unterschätzung eines demographischen Phänomens, denn Modellrechnungen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass der absehbare demographische Wandel in Deutschland zu 20 Prozent mehr Pflegebedürftigen im Jahr 2020 führt.“ Und damit steige auch die Zahl der Arbeitnehmer, die ihre berufliche Tätigkeit mit der Pflege eines Angehörigen vereinbaren müssen.

Becker: „Unternehmen funktionieren nach wirtschaftlichen Grundsätzen und werden immer dann aktiv, wenn es sich für sie lohnt. Viele Unternehmen meinen, mit der Nicht-Berücksichtigung des Themas Kosten einsparen zu können. Dies gilt aber nur vordergründig. Diese Unternehmen agieren zu kurzfristig und verkennen, dass eine familienbewusste Personalpolitik, verbunden mit einer entsprechenden Wertschätzung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, letztlich einer der entscheidendsten Wettbewerbsfaktoren ist.“

Und warum genau dieses Thema die Unternehmen sehr wohl etwas angeht? „Steigender Krankenstand, sinkende Motivation und verminderte Produktivität. Dies sind nur einige der möglichen negativen Auswirkungen auf die betrieblichen Abläufe“, weiß Becker. Und weiter: „Anders als das Thema Kinderbetreuung, das mittlerweile in den meisten Unternehmen offen thematisiert werden kann, ist die Pflege von Angehörigen ein Thema, bei dem die Beschäftigten aufgrund der oftmals unklaren Auswirkungen auf ihre berufliche Stellung mit Befangenheit und Zurückhaltung reagieren. Personalabteilungen, die das Thema aktiv ansprechen und zur Enttabuisierung beitragen, merken jedoch, welche Zeitbombe hier auch in ihren Unternehmen tickt.“ Sein Rat an die Unternehmen lautet daher: „Proaktiv zukunftsweisende Antworten auf das Thema Beruf und Pflege zu geben, sollte viel weiter oben auf der Prioritätenliste der deutschen Wirtschaft stehen – nicht zuletzt,  um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.“

Von mangelnder Loyalität zum Unternehmen mal ganz zu schweigen.

Berufundfamilie empfiehlt sich denn auch den Unternehmen. Antje Becker, Geschäftsführerin der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, weist darauf hin: „Mit der Gründung der berufundfamilie gGmbH vor 13 Jahren wollte die Hertie-Stiftung Fragestellungen einer familienbewussten Personalpolitik bündeln und zukunftsweisende Antworten liefern. Mit Angeboten wie einem Schnelltest zur Standortbestimmung, einem Stufenplan, einer 130-Maßnahmen-Checkliste zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege sowie Best-Practice-Beispielen ist berufundfamilie Vorreiter. Die Unternehmen erhalten damit genau die Unterstützung, die sie laut Umfrage verlangen.“

Der Hintergrund: Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung hat 1998 die Initiative berufundfamilie gegründet, die alle Aktivitäten der Stiftung im gleichnamigen Themenfeld bündelt. Das Bundesfamilienministerium fördert ihr audit berufundfamilie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.  www.beruf-und-familie.de

Zum Thema Pflege das Buch von Christoph Lixenfeld „Niemand muss ins Heim“:

http://www.stern.de/wirtschaft/versicherung/pflegeversicherung-die-heim-suchung-608028.html

http://www.amazon.de/Niemand-muss-ins-Heim-Menschenw%C3%BCrdig/dp/3548372767/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1323126240&sr=8-3

Lesehinweis wiwo:de:Dammans Jobtalk über schlecht vorbereitete Personalabteilungen:

http://www.wiwo.de/erfolg/beruf/dammanns-jobtalk-die-stunde-der-personaler/5943078.html

 

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Alle Kommentare [4]

  1. Hallo Frau Tödtmann,

    es stimmt schon, dass es den meisten Arbeitgebern noch an Problembewusstsein mangelt; aber die Frage, warum ausgerechnet sie für ein gesellschaftliches Problem haften sollen, ist schon nachvollziehbar. Die Angehörigenpflege erfährt von der Politik viel verbale Unterstützung, ansonsten überlässt man pflegende Angehörige ihrem Schicksal. Auch die Pflegekassen tun nur das, was sie unbedingt müssen.

    Arbeitgeber haben ein Interesse daran, betroffene Mitarbeiter zu unterstützen, weil sie wie keine andere Einrichtung die Auswirkungen hautnah am eigenen Leib spüren. Wenn sie sich engagieren, dann erhalten sie den Mitteleinsatz schnell wieder zurück, auch in Form einer Image-Verbesserung – Mitarbeiter wissen fürsorgliche Arbeitgeber sehr wohl zu würdigen.

    Unter http://www.mein-pflegeportal.de gibt es bereits ein Wissensportal zum Thema, das Arbeitgeber für Ihre Mitarbeiter preisgünstig abonnieren können. Bezahlbare betriebliche Handlungsfelder gibt es zur Genüge – und ein Einstieg in die Thematik ist durch das Portal sehr einfach zu bewerkstelligen.

    Viele Grüße
    Gerhard Habicht

  2. Aber zwischen `haften`und den eigenen Mitarbeitern helfen, die Bewältigung des Problems zu ermöglichen – da ist viel dazwischen möglich.
    Aber die Ohren auf Durchzug stellen und immer nur die Arbeitsergebnisse abgreifen zu wollen, so als sei ein Mensch eine Maschine, das funktioniert eben auch nicht. Mit gutem Willem ist meist viel denk- und machbar. Aber wer gleich nur in den hergebrachten Bahnen denkt, dem wird auch kein Kompromiss einfallen.

  3. Das Schöne am realen Leben ist für mich, dass sich Eigennutz und Fürsorge überhaupt nicht ausschließen – im Gegenteil: erst wenn dieses so unterschiedlich gepolte Pärchen gemeinsame Sache macht, entsteht etwas Nachhaltiges.

    In vielen Gesprächen mit Unternehmensvertretern habe ich den Eindruck gewonnen, dass eine Unterstützungsbereitschaft in Teilen der Wirtschaft sehr wohl vorhanden ist, das Feedback aus der Belegschaft aber oft noch sehr spärlich ausfällt. Selbst in Betrieben, die bereit sind, bei Bedarf zu helfen, halten es pflegenden Betriebsangehörigen oft noch für angebracht, sich besser nicht zu „outen“. Hier besteht dringender Handlungsbedarf, sowohl auf Seiten des Managements als auch bei den Betriebs- und Personalräten.

    Häusliche Pflegeaufgaben mit dem Beruf zu vereinbaren ist nur dort wirklich möglich, wo eine Unternehmenskultur aktiv signalisiert, dass einem solchen privaten Engagement nicht Leistungsminderung unterstellt sondern Achtung und Fürsorge entgegengebracht wird.

  4. Als Selbstständige Projektleiterin einer Marketingfirma, habe ich nicht mehr ausreichend Zeit, mich um meine kranke Mutter zu kümmern. Von Freunden und Bekannten wurde mir Humanis Pflege- und Betreuungsdienst für Pflegebedürftige Personen http://www.humanis-pflege.de vorgeschlagen. Seit dem die netten Betreuerinnen sich um meine Mutter kümmern muss ich mir keine Sorgen mehr machen, ob es ihr gut geht. Ich bin stets zufrieden mit dem Service und kann das Unternehmen nur weiter empfehlen.