Eine jugendgefährdende Schrift, die aber deutsche Karrieren sichert – wer hilfsbereit ist, ist nur blöd

 

Da gibt es ein Buch 368 Seiten stark, in schlichtem orange gehalten, das sich frechweg Bibel nennt. Genauer gesagt „Die Büro-Alltags-Bibel“. Doch mit Christentum hat der Inhalt eigentlich so gar nichts zu tun, im Gegenteil. Es ist eher eine jugendgefährdende Schrift.

 

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Verfasst hat das Werk mein geschätzter Kollege Jochen Mai, Ressortleiter bei der „Wirtschaftswoche“ und Experte für Karriere- und Erfolgsthemen. Warum dieses Handbuch ( Deutscher Taschenbuch Verlag, 14,90 Euro ) nun jugendgefärdend sein soll? Ganz einfach: Da versucht man jahrelang nach Kräften, seinen Kinder Werte beizubringen – soziales Verhalten, politisch korrekt-sein vor allen Dingen. Man meldet sie zu einer Teamsportart an und lässt sie vielleicht auch konfirmieren oder zur heiligen Kommunion gehen. Jahrelang bringt man sich als Eltern ein: im Kindergarten beim Laternen-Basteln, im Sportclub durch Brötchen-Schmieren fürs Turnier-Buffet oder vielleicht sogar durch Anstreichen von Klassenzimmern.
Kurz: Man versucht, anständige Menschen aus ihnen zu machen – im wahrsten Sinne des Wortes, – mit Anstand. Hilfsbereit, ehrlich, rücksichtsvoll. Besonders gegenüber denen, die es nötiger haben als andere,  Behinderte  etwa . Oder niemanden zu diskriminieren, das ist ganz wichtig.

 

Im Berufsleben den Schalter umlegen
Und dann, dann kommt der Eintritt ins Berufsleben. Jetzt plötzlich überlebt nur noch der, wer ganz schnell begreift, dass der Schalter jetzt sofort umgelegt werden muss, von Gutmensch auf Wolf. Manchmal vielleicht im Schafspelz, aber darunter stets Wolf.
Das alles kann man als Leser in Jochen Mais Karriere-Bibel – er twittert übrigens auch als „karrierebibel“ – en detail nachlesen und sie aufrüsten.    http://www.amazon.de/Die-B%C3%BCro-Alltags-Bibel-Alle-Regeln-Gesetze/dp/3423247622/ref=sr_1_2?ie=UTF8&s=books&qid=1279235022&sr=8-2 .
Das Fazit: Berufsleben ist Krieg. „Es wird geschwiegen und gelangweilt, drangsaliert und geschuriegelt. Und dafür kaum noch gelobt, gescherzt, gelacht“, schreibt Jochen Mai.

 

Im Betrieb nie heiter sein, so ein Rat

Und er desillusioniert weiter: „Heiterkeit im Betrieb hat ein Imageproblem. Gut gelaunte Mitarbeiter stehen oft unter dem Generalverdacht, dass es ihnen zu gut geht. Dass diejenigen nicht mehr auf die Jagd gehen und sich nicht genug anstrengen – sie seien zu zufrieden mit sich. Entsprechend ernst geht es in den Unternehmen zu.
Da hat Jochen Mai besonders recht: meine französischen Freunde und andere, die aus dem Ausland kommen und in unsere Unternehmen hineinschnuppern, sind meist sehr enttäuscht. Niemand lächelt ihnen ermunternd zu, niemand lacht und erst recht nimmt sie kein Kollege mal abends mit nach Hause in seine Familie. So wie es in den USA üblich ist.
Kurze Zwischenfrage: Wann ist bei Ihnen zum letzten Mal ein Kollege vorbeigekommen und hat für ein Abschiedsgeschenk oder ein Geburtstagspräsent für einen Kollegen gesammelt? Abgesehen davon, dass man bei den ersteren heute gar nicht mehr nachkäme und es einfach zu viele Kollegen sind, die vom Karussel gedrängt werden.

 

 

Wohltäter werden nicht respektiert

Doch weiter im Text zur Karriere-Bibel: „Nette, hilfsbereite Kollegen sind der Humus, auf dem das gute Betriebsklima gedeiht“, liest man da.  Dass jene sich aufopfern, ungeheuer sozial seien – aber eben vor allem ungeheuer blöd. Schliesslich hat jeder Stress und ist heute arbeitsverdichtet. Wer sich mit zusätzlichen Projekten überrumpeln lässt – von jemandem, der nur die Arbeit auf andere abwälzen will. Oder sein eigenes Risiko minieren möchte nach dem Motto, geht der Auftrag in die Hose, ist der Helfer schuld. Schafft er es, fühlt sich nur der Boss bestätigt. Am schlimmsten: „Die Wohltäter wirken wenig souverän und werden am Ende weniger respektiert als jene, die zögern und ab und an einfach ´nein´ sagen.“ Es folgen…Tipps fürs Ablehnen.

 

Nie einfach Mittagspause machen

Oder die Mittagspause. Wer einfach aus Spaß an der Freud – die Pause, so der Irrtum, ist persönliche Zeit – mit Lieblingskollegen essen geht und Spaß haben will, der hat schon verloren. Wer mit wem isst, ist wichtig. Wer mittags umworben wird. Wer die Gruppe unterhält, wer beklatscht wird und auf wen man wartet.
Am Schreibtisch zu essen kommt übrigens gar nicht infrage, es sieht einfach nicht souverän aus: Das Klappbrot im Mundwinkel. Niemand, der am Schreibtisch vor einer bunten Plastikbox sitzt mit der Leberwurststulle wirkt wie ein dynamischer Aufsteiger, der nächstes Jahr die Verantwortung für 300 Mitarbeiter bekommt.

 

Setzen Sie sich ins Szene beim Chef
Jochen Mai erklärt: Die Mittagspause ist eine Investition ins eigene Netzwerk.
Und jetzt kommt noch eine Eigenschaft, die vor allem die Frauen im Job dringend ablegen müssen: Bescheidenheit. „Wann immer sie können, setzen Sie sich geschickt in Szene, vor allem gegenüber Ihrem Chef“, rät Mai. Und: Vorgesetzte haben einen natürlichen Erinnerungsdefekt, welche Aufgaben sie vergeben und welche Erfolge ihre Mitarbeiter damit erzielt haben. Man solle regelmäßig Zwischenberichte abliefern, en passent die Fortschritte referieren – und nie schweigen.

 

Chefs und Regeln-einhalten? Nö, nur von anderen fordern
Jochen Mais Erkenntnisse sind ernüchternd wie realistisch:Viele Chefs betrachten Personalführung als lästige Zusatzverpflichtung. Ihr Führungswissen ist oft dürftig. Und wenn Menschen einflussreicher werden, fokussieren sie sich a) mehr auf die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und kümmern sich b) weniger um die Bedürfnisse ihrer Untergebenen und c) halten sie sich immer weniger an die Regeln, deren Einhaltung sie von allen anderen erwarten.

Na denn fröhliches Schaffen. Wie viele Leben haben Sie denn so?

 

Mit fiesem Chef wird man selbst Fiesling

Und folgerichtig rät Jochen Mai in letzter Konsequenz, wenn der Chef eine echte Giftspritze ist: Wechseln Sie die Abteilung oder die Company – sonst werden sie selbst automatisch zum Fiesling. Weil man unbewusst die Gefühle und Verhaltensweisen seiner Umwelt übernimmt. Mit anderen Worten: Fiese Chefs sind ansteckend.

 

Gute und schlechte Plätze zum Arbeiten

Und wie sagt immer meine Freundin? „Es gibt gute und schlechte Plätze zum Arbeiten.“ Erstere werden von ihren Mitarbeitern im Verwandtenkreis weiter empfohlen. Bei letzteren jaulen die Mitarbeiter nur auf, wenn sie im Sportclub drauf angesprochen werden. Und was die Unternehmen immer noch nicht verstanden haben: Wer im Alltag als mündiger Bürger eingestuft wird – mit allen Rechten und Pflichten – lässt sich auf Dauer nicht im Job wie ein Dummi behandeln. Spätestens wenn in rund fünf Jahren – so sagen die Demografie-Experten voraus – die Demografie kippt und Fachleute – sogar Frauen – hierzulande dringend gebraucht werden und Unternehmen wieder um Mitarbeiter buhlen müssen. Nicht umsonst sind die Wettbewerbe wie „Best Places to Work“ bei zukunftsorientiertesten Unternehmen schon heute als gutes Marketingsinstrument angesehen. Und Firmen, die ihr Image verspielt haben, werden es dann nicht mal so eben wiederherstellen können.

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Alle Kommentare [1]

  1. Ich habe die Karrierebibel auch in Teilen gelesen und habe das Buch sogar allen Mitarbeitern zu Weihnachten geschenkt. Bei uns wird trotzdem viel gelacht, wir sammeln für Hochzeiten und Geburten und hatten am Wochenende einen tollen gemeinsamen Ausflug in die Eifel.
    Und ganz nebenbei machen wir alle auch einen ziemlich guten Job zusammen 😉

    Ich kann Frau Tödtmann nur zustimmen: Erwachsene Menschen, die eine Familie haben, ein Haus bauen, sich in Schulen engagieren und ansonsten mitten im Leben stehen, kann man im Job nicht wie Idioten behandeln. Im Gegenteil: Es ist die Aufgabe eines jeden Chefs, die Potentiale der Mitarbeiter gerade auch für das Unternehmen zu wecken. Das geht aber nur druch Wertschätzung, Verantwortungsübertragung und in einem Umfeld, das ein Geben und Nehmen möglich macht.