Trina Gordon, CEO von Boyden weltweit: In US-Unternehmensspitzen sind erstmals 20 Prozent Frauen – was Deutsche davon lernen können

Trina Gordon, CEO der Personalberatung Boyden weltweit und vergleicht die Geschlechtergleichstellung der Amerikaner und der Deutschen im Businessleben. Die Deutschen schneiden dabei ziemlich unrühmlich ab, sie sollten sich an den Vereinigten Staaten ein Vorbild nehmen. Hobby-Motorradfahrerin Gordon und Chefin von über 1.000 Mitarbeitern weltweit gibt deutschen Frauen fünf Karriere-Tipps mit auf den Weg. Ein Gastbeitrag.  

  

Tina Gordon von Boyden USA (Foto: Boyden)

Wenn’s um Frauen im Top-Management geht, haben die meisten Länder noch einen langen Weg vor sich, bis sie die Geschlechter-Gleichstellung erreichen. Auch die USA. Denn – wie in Deutschland – dominieren Männer nach wie vor die Führungsetagen der Top-Unternehmen und halten in den Vorständen die Mehrheit. Nur in einem Punkt sind die USA den Deutschen um Jahre voraus: In der Führungsqualität der Frauen.

 

In den USA sind erstmals 20 Prozent der Top-Manager Frauen

In den USA zerbricht die gläserne Decke. Die Zahl der weiblichen CEOs im vergangenen Jahr erreichte einen neuen Rekord: Frauen machten zum ersten Mal 20 Prozent der Geschäftsleitungen und Vorstandsetagen in den USA aus. Die ersten Unternehmen erreichten ein ausgewogenes Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Führungskräften. Und: Nach unseren Erfahrungen gibt es in den meisten Branchen einen Aufschwung, in denen die Vielfalt in der Unternehmensführung und der Belegschaft erhöht wird. Momentan sind 6,5 Prozent der CEOs der großen börsennotierten US-Unternehmen Frauen.

 

In Deutschland: Nur zwei Prozent – trotz Quote, Kanzlerin und Mutterschutz

Zum Vergleich: In Deutschland liegt diese Zahl bei nur zwei Prozent. Trotz der Frauenquote, des durchdachten Mutterschutzes und Bundeskanzlerin Angela Merkel als der mächtigsten Frau der Welt fällt Deutschland beim Thema Frauen in Führungspositionen hinter die Vereinigten Staaten zurück. Die Frauenquote kann wertvoll sein, doch oft erreichen Unternehmen schnell die Obergrenze und danach bewegt sich die Nadel kaum noch. Der Wandlungsprozess wird zu einer Frage des Engagements für Vielfalt und Integration auf allen Ebenen: politisch, finanziell, institutionell und individuell.

 

US-Geschlechtergleichstellung im Interesse der Aktionäre und Investoren

Der Impuls zu mehr Partizipation kommt aus vielen verschiedenen Richtungen. Ein Grund dafür, dass die USA eine Führungsrolle übernommen haben, ist sicher, dass bestimmte Industriezweige den Druck von ihren Vorständen und CEOs spüren, nicht nur das Richtige für das Unternehmen zu tun, sondern auch im Interesse ihrer Aktionäre und der kommerziellen Investoren zu handeln.

In einem immer globaleren Markt werden die Investoren immer diversifizierter und wollen sich in Unternehmen einkaufen, die dies ebenfalls widerspiegeln. Wenn die wichtigsten Stakeholder auf der Suche nach Vielfalt in der Führung sind, bringt dieser Druck ein neues Gefühl von Zielstrebigkeit und Engagement für die Förderung von Frauen mit sich.

 

US-Unternehmen orientieren sich an Forschungsergebnissen

Ein weiterer Grund, warum sich die USA schneller für Diversität in Unternehmen entschieden haben, ist die Forschung: Viele Studien haben einen direkten Zusammenhang zwischen der Vielfalt der Führung, der Performance eines Unternehmens, dem Umfang seiner Aktien und seinem Wert für private und gewerbliche Investoren gezeigt. Unternehmen, die diesen Zusammenhang herstellen konnten, erkannten darin eine positive Auswirkung auf ihr Ergebnis, was ein weiterer Anreiz für Veränderung und Einbeziehung war.

 

Vielfalt ist gut fürs Geschäft – weil Frauen auch Kaufentscheidungen fällen 

Auch die Gewinne zeigen, dass Unternehmen mit einem diversen Führungsteam weltweit unterschiedliche Kunden erreichen und diese wiederum Produkte und Dienstleistungen von Unternehmen kaufen, die ihre Kulturen, Kaufgewohnheiten und Anforderungen widerspiegeln. Es gibt nicht nur einen Markt, es gibt einen Weltmarkt, der sich nicht auf eine Ethnie oder ein Geschlecht beschränkt: Täglich treffen Frauen vielfältige Kaufentscheidungen. Unternehmen aller Branchen, auch die konservativen der deutschen Industrie, müssen erkennen, dass Vielfalt letztlich gut für das Geschäft ist.

 

Frauen in Vorständen müssen eine kritische Masse erreichen, um sinnvolle Veränderungen voranzutreiben

Hinzukommt: Der stärkere Druck von der Unternehmensspitze bringt wesentliche Impulse für den Wandel. Den Anfang machen meist ein paar visionäre Manager in der C-Suite, die über den Rand ihres vertrauten Old Boys Netzwerks vom Golfplatz hinausblicken und die Suche nach Führungskräften außerhalb ihrer etablierten Kandidatenkreise ausdehnen.

Statistiken aus den USA zeigen: Sobald eine Frau einen Vorstand entert, verdoppeln sich fast anschließend die Möglichkeiten für weitere Frauen. Sobald also eine kritische Masse erreicht ist, wird der Zugang zur Führungsriege für die nächste Frau leichter.

Dies erklärt, warum die Zahl der Frauen in Führungspositionen in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen ist. Noch 2010 konnten nur wenige US-Unternehmen in fünfköpfigen Vorständen immerhin zwei Frauen vorweisen. Heute, acht Jahre später,  ist dies bei mehr als der Hälfte aller „Fortune“-1000-Unternehmen der Fall.

In Deutschland ist das anders: Während derzeit weniger als jedes zehnte börsennotierte US-Unternehmen keine weiblichen Führungskräfte beschäftigt, können in Deutschland fast drei von vier DAX-Unternehmen mit keiner einzigen Frau in führenden Positionen aufwarten.

 

Wenn die Bereitschaft zum Handeln fehlt: Deutsche Frauen müssen die Warteposition aufgeben und sich erheben

Leider gibt es keinen Zauberspruch, der die geschlechtsspezifischen Unterschiede in den Unternehmensrollen automatisch ausgleicht. Es wird sich auch nichts verändern, wenn die Bereitschaft zum Handeln fehlt. Wie Facebook-Managerin Sheryl Sandberg sagt, dürfen Frauen nicht einfach darauf warten, dass ihr Talent, ihr Engagement oder ihr Potenzial entdeckt werden. Sie müssen sich aufrichten, die Hände heben und das Wort ergreifen. Meiner Meinung nach können Frauen äußerst effizient, wenn nicht sogar härter, arbeiten, wenn sie in einer von Männern dominierten Branche vorankommen wollen.

Dennoch muss jeder – unabhängig von seinem Geschlecht – die Verantwortung für die Diversifizierung seines Unternehmens übernehmen. Wenn sich eine motivierte Gruppe von CEOs und Vorständen führender deutscher Unternehmen für Vielfalt und die Förderung weiblicher Führungskräfte einsetzen würde, wäre das ein großer Schritt nach vorn.

Wenn eine Führungspersönlichkeit den Anfang macht, dann nimmt die Dynamik zu. Es braucht nur eine Handvoll Menschen mit der Vision, dass ihre Unternehmen und Aktionäre besser versorgt und ihre Produkte besser verkauft werden, wenn ihre Unternehmensführung die Vielfalt ihrer Kunden widerspiegelt.

 

Visionäre Führungskräfte sind erfolgreiche Führungskräfte

Obwohl die sozialen, institutionellen und vielleicht auch rechtlichen Strukturen Katalysatoren für die Integration von Frauen in Führungsrollen sind, muss die Initiative von oben kommen. Sowohl die USA als auch Deutschland brauchen mehr visionäre Führungskräfte auf allen Ebenen, die sich für den Wandel einsetzen. Führungskräfte müssen bereit sein, ihre Suche auf die nächste Generation von CEOs und Führungskräften auszudehnen, von denen immer mehr hoch qualifizierte Frauen sind, auch in nicht-traditionellen Sektoren.

 

Firmen, die sich nicht der Vielfalt verschreiben, werden abgehängt

Schließlich sind Unternehmen, die es verstehen, Vielfalt in ihre Führung mit einzubeziehen, auf langfristigen Erfolg in einem zunehmend globalisierten Markt programmiert. Früher oder später werden Organisationen, die sich nicht der Vielfalt verschrieben haben, abgehängt.


 

Fünf Tipps von Trina Gordon für zukünftige weibliche CEOs

1. Raus aus der Bequemlichkeit. Das gilt für aufstrebende Führungskräfte beiderlei Geschlechts: Widmen Sie sich nicht nur den einfachen Aufgaben – wachsen Sie mit schwierigen Herausforderungen über sich hinaus.

2. Bleiben Sie lernfähig. Lernen Sie zu antizipieren, zuzuhören und Ihre Hausaufgaben zu machen, um Ihre Sichtbarkeit zu erhöhen.

3. Bauen Sie Ihr eigenes Ökosystem auf. Suchen Sie zunächst nach einem Mentor und bauen Sie nach und nach ein vielseitiges Netzwerk in verschiedenen Bereichen auf, um wertvolle, funktionsübergreifende Erfahrungen und Erkenntnisse zu sammeln.

4. Lernen Sie von Personen, die Sie bewundern und respektieren. Beobachten Sie, wie sie arbeiten und stellen Sie ihnen Fragen. Integrieren Sie das Erlernte in Ihren eigenen, einzigartigen Stil.

5. Warten Sie nicht darauf, bemerkt zu werden. Sprechen Sie für sich selbst, stellen Sie intelligente Fragen und lernen Sie den Wert des Zuhörens. Haben Sie Vertrauen in ihre Fähigkeiten und widmen sich Aufgaben, für die Sie sich vielleicht nicht ganz qualifiziert fühlen. Vertrauen Sie auf die Unterstützung Ihres Netzwerks. Wenn Sie nur darauf warten, wahrgenommen zu werden, entgehen Ihnen wertvolle Möglichkeiten.

https://www.boyden.com/trina-gordon/index.html

 

 

 

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