Was Manager von Amanda Palmer lernen können. Ein Gastbeitrag von Willms Buhse zum Leader-in-the-Digital-World-Award 2013

 

Mehr als Musik: Warum sich Manager mit Amanda Palmer beschäftigen sollten

Von Willms Buhse

Willms Buhse, Chef der Management-Beratung DoubleYUU

Die amerikanische Sängerin Amanda Palmer stellte im letzten Jahr einen Weltrekord aufgestellt: 1,2 Millionen Dollar sammelte sie über eine Plattform namens Kickstarter ein.

http://www.kickstarter.com/projects/amandapalmer/amanda-palmer-the-new-record-art-book-and-tour

Ihre Fans finanzieren nun ihre Welttournee und ihr Album.

Die US-Sängerin Amanda Palmer ist damit nicht nur der emanzipatorische Gegenentwurf zu Retortenstars aus TV-Sendungen und das, was man sich eigentlich von tollen Popstars wünscht: Sie ist eine Kreative, die aus eigener Kraft ihr eigenes Ding macht, und zwar mit Erfolg.

Amanda Palmer ist aber auch ein Paradebeispiel dafür, was Manager falsch machen können – und dafür, dass es längst nicht mehr selbstverständlich ist, dass die Besten das wollen, was große Unternehmen und die Entscheider dort zu bieten haben. Auch wer sich nicht für die Musik dieser Künstlerin interessiert, sollte sich deshalb als Führungskraft mit ihr beschäftigen.

Die Spielregeln drehen sich

Denn zu lernen gibt es von ihr eine ganze Menge. Die wichtigste Lektion für Manager ist dabei wahrscheinlich die Erkenntnis, dass an Amanda Palmer ein verändertes Machtgefüge erkennbar wird – eine Umwälzung, die erst durch das Internet möglich wurde, deren Auswirkungen aber kaum in Führungsetagen bisher angekommen ist.

In der Prä-Internetzeit prägte eine traditionell gewachsene Arbeitsteilung das Musikgeschäft. Künstler schaffen Werke, die Finanzierung und die Vermarktung übernimmt die Unterhaltungsindustrie. Wie radikal der durch das Internet ausgelöste Transformationsprozess der Branche schadete, habe ich in meiner Zeit für Bertelsmann in News York um die Jahrtausendwende – der Hochzeit der Musiktauschbörse Napster – http://www.zeit.de/digital/internet/2012-07/napster-studie-filesharing-innovation selbst erlebt. Und schon 2002 habe ich in meiner Dissertation zu digitalen Geschäftsmodellen für die Musikindustrie festgehalten, dass „unter Umgehung der gesamten Wertschöpfungskette eine direkte Interaktion zwischen Künstlern und Konsumente“ die Spielregeln der Branche in Frage stellt.

Lange hatten die Manager in der Musikindustrie Probleme, diesen Paradigmen-Wechsel anzunehmen. Sie wurden nicht einmal dann hellhörig, als zwei der absoluten Superstarts im Musikgeschäft – David Bowie  http://www.davidbowie.com/ bereits 1996 und Prince http://en.wikipedia.org/wiki/NPG_Music_Club im Februar 2001 – begannen, Platten im Alleingang und nicht mehr über ihre Infrastruktur zu verkaufen und Fans über ihre Webseite den direkten Zugang zu seiner Musik gewährte. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Kreative mit Hilfe des Netzes traditionelle Branchenstrukturen umgehen können.

Das bedeutet, dass sich im Machtgefüge zwischen Kreativen und der Industrie gehört, etwas verändert hat. Wie Prince und David Bowie muss auch Amanda Palmer http://www.amandapalmer.net/ nicht länger für die Musikindustrie oder ihre Manager arbeiten. Es geht auch ohne sie. Wer gut ist, muss nicht mehr wie in der Vergangenheit davon träumen, etwas ganz anders zu machen, während er in Wirklichkeit aus Mangel an eigenen Ressourcen in den traditionellen Strukturen verhaftet bleiben muss.

Management-Preis für Amanda Palmer auf der CeBIT

Auf der diesjährigen CeBIT, die nächste Woche in Hannover startet, bekommt Amanda Palmer genau deswegen einen Management-Preis – den Leader-in-the-Digital-Age-Award vom Niedersächsischen Wirtschaftsministerium, T-Systems, Talanx, Continental und andere. Denn Palmer hat es verstanden, den neuen Machtfaktor Vernetzung zu nutzen, um sich und ihre Kunst zu emanzipieren und wird deshalb mit der Leader in the Digital Age Award http://lidaaward.com in der Kategorie Entertainment geehrt.

Und wieso genau? „Amanda Palmer ist eine ganz besondere Künstlerin. Die ehemalige Sängerin der Dresden Dolls setzt bei ihrer Solo-Karriere voll auf Vernetzung und den engen Austausch mit denjenigen, die sie mit ihrer Musik begeistert. Amanda Palmer twittert sich täglich das Herz aus der Brust, und ihr letztes Album wurde komplett von ihren Fans finanziert. Rund 1,2 Millionen Dollar kamen nach einem Aufruf über die Crowdsourcing-Plattform Kickstarter zusammen, über das sie ihr Vorhaben publik gemacht hatte. Damit hat Palmer einen neuen Rekord aufgestellt – so eine Summe hat noch niemand über Kickstarter für ein Projekt einwerben können. Bis dahin hatte kein Musiker mehr als 200.000 Dollar über Kickstarter erhalten. Mit diesem Geld finanzierte sie die Produktion und Promotion für das neue Album sowie ihre Konzerttour. Die Fans erhalten dafür jeweils das neue  Album „Theatre is evil“, einige auch die Einladung zu einem persönlichen Treffen oder ein Privatkonzert“, begründet die Jury.

US-Sängerin Amanda Palmer


Manager bleiben alleine zurück, wenn die Künstler bei ihnen unzufrieden sind

Was bedeutet das für mich als Manager- auch wenn ich nicht in der Musikindustrie arbeite? Ganz einfach: Wenn ich  – wie die  Manager von Amandas ehemaliger Plattenfirma – den Besten in meinem Unternehmen nicht genug biete, arbeiten sie nicht mehr für mich. Sie suchen finden Wege, ihre Arbeit ohne mich zu machen – und finden sie zunehmend dank des Internets.

Das gilt nicht nur für die Unterhaltungsindustrie, wo Manager einfach nicht begriffen, dass ihnen mit Prince, David Bowie und vielen anderen wichtige Stützpfeiler ihres Geschäfts von der Fahne gingen. Die gleiche Gefahr sehe ich für so gut wie alle Branchen – und selbstverständlich geht es hier um Musiker, die einem Unternehmen irgendwann fehlen.

Fast überall werden Experten für neue IT- und Innovationsthemen gebraucht und händeringend gesucht. http://www.heise.de/jobs/meldung/IT-Experten-sind-vor-allem-im-Mittelstand-gesucht-1758534.html und auch  http://www.arbeitsagentur.de/nn_29330/Dienststellen/RD-NSB/RD-NSB/A01-Allgemein-Info/Presse/2013/0813-CeBIT-2013.html

Gerade die Besten, die wissen, wie man Prozesse digitalisiert, Produkte online vertreibt oder die Systeme eines Unternehmens programmieren und pflegen, sind Menschen, die wissen, wo ihnen das Netz helfen kann – etwa indem sie Projekte zur Finanzierung online ausschreiben. Nehmen wir als Beispiel einen E-Commerce-Profi, der für ein traditionelles Handelsunternehmen arbeitet. Dies ist ein Mitarbeiter, der sich in der Regel aussuchen kann, ob die Bedingungen, unter denen er arbeitet, für ihn passen. Oder ob er geht – zur direkten Konkurrenz, zu neuen digitalen Wettbewerbern wie Apple, Zalando oder Amazon. Oder er macht gleich sein eigenes Ding und startet einen eigenen Spezial- Webshop – von Internetnutzern finanziert, die das Projekt cool finden.

Die Devise: Talente pflegen, statt sie zu verscheuchen

Was Manager im Digitalen Zeitalter lernen müssen, ist also: Talente zu pflegen und nicht, sie zu verscheuchen. Und wenn es nicht anders geht und die Besten partout ihr eigenes Ding machen wollen? Dann muss ich lernen, in Netzwerken mit ihnen zusammenzuarbeiten. Die Alternative ist, ihr Know-how oder ihre Fähigkeit, ein gutes Produkt zu entwickeln, ganz zu verlieren. Diese neuen Kräfteverhältnisse zu akzeptieren fällt vielen Führungskräften schwer. Das merke ich immer wieder in meinen Workshops, wenn ich dieses Thema adressiere.

Top-Leute haben ihren eigenen Kopf

Mit dieser Einstellung wird es in Zukunft schwer, erfolgreich zu sein. Denn im schlimmsten Fall erreiche ich, wenn ich lernunwillig bin – siehe Musikindustrie –, dass Topleute lieber ihren eigenen Weg gehen. Und wenn es ganz schlecht läuft werden sie sogar meine neuen Konkurrenten. Dabei hängen Motivation und gute Zusammenarbeit übrigens nicht vom Geld ab – sondern auch von Faktoren wie Vertrauen und Respekt. Amanda Palmer etwa entschloss sich schlussendlich nicht wegen finanzieller Differenzen das Label zu verlassen. Sondern weil sie in einem Video nicht ihren nackten Bauch zeigen durfte. Manager der Plattenfirma hatten ihn als zu dick empfunden. Ein ziemlich blöder Grund eigentlich, um aus einem Talent einen starken Konkurrenten zu machen.

Managementberatung DoubleYUU:  http://www.doubleyuu.com/ueber-uns/

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