Ein Teller Antipasti mit Betrugsermittler Paul Milata, der sich wundert, dass deutsche Unternehmen kaum Kandidaten-Checks machen

Der Krankenhaus-Manager war Elektro-Installateur – aber kein Diplomkaufmann oder Wirtschaftswissenschaftler. Auch wenn das drei Kliniken von ihm jahrelang annahmen. Sie wiesen ihn so aus und trauten ihm den verantwortungsvollen Job als Klinikchef an: In Freiburg, Essen und Wilhelmshaven. Keiner hatte anscheinend von dem Mann seine Originalzeugnisse verlangt beim Einstellungsprocedere. Kein Personaler hatte seine Angaben überprüft. Und als es Jahre später um den Manager und seine Qualifikation gerüchtete, dass er seine Abschlüsse gar nicht gemacht habe, führte er dem Aufsichtsrat des Klinikums Wilhelmshaven ein gefälschtes Diplomzeugnis vor. Erst als ihn diese, dritte Klinik kündigte, kam der Schwindel heraus. Er flog auf, als der Mann knapp 544.000 Euro Lohn vor dem Oberlandesgericht Oldenburg einklagte. So berichtete es die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ am 3. Juli 2024.

 

Wie der Prozess wohl ausgeht? Man wird sehen – oder auch nicht. Die Richter forderten die Beteiligten – alles andere wäre eine Überraschung – zu einem Vergleich auf. Bei dem ersparen die Juristen sich Arbeit, sie müssen kein Urteil schreiben und brauchen keine Angst haben, dass die nächste Instanz ihr Urteil aufhebt. Und über die Prozessbeteiligten kommen weniger image-schädigende Details an die Öffentlichkeit. Aber leider hat auch kein Steuerzahler etwas davon und die Rechtswissenschaft bekommt kein wegweisendes Urteil, auf das sich andere berufen könnten. Eins, das für mehr Rechtssicherheit sorgt, wo die Gesetze den Bürgern Klarheit schuldig bleiben. Doch das nur nebenbei bemerkt.

 

Paul Milata, der aus berufstaktischen Gründen lieber hinter der Zeitung bleiben will  (Foto: Privat)

 

Jede Menge Lügen in Bewerbungen

Ist der Fall des falschen Klinikmanagers eine Ausnahme? Kaum. In jeder dritten Bewerbung wird gelogen, besagen Studien. Arbeitsrechtler, die Unternehmen beraten,  bestätigen das. Fälschungen von Zeugnissen sind dank der Computer kinderleicht geworden, sagt Betrugsermittler Paul Milata. Dass deutsche Personalabteilungen und Verantwortliche für Neueinstellungen derart saumselig sind, dafür fehlt ihm jedes Verständnis. In Großbritannien und den Vereinigten Staaten sind Kandidaten-Checks samt Überprüfung ihrer Abschlüsse an Universitäten die Regel. Es gibt eigene Agenturen, die diese Dienstleistungen für Personalabteilungen anbieten. Hierzulande antworten Unis nicht mal, wenn man nachfragen will – oder verweisen auf Datenschutz, erzählt Milata.

 

Frei erfundene Stationen in der Vita

Bei LinkedIn steht bei Paul Milatas Eintrag steht als Berufsbezeichnung Corporate Intelligence. Was das ist? Die Big-Four-Beratung KPMG definiert es so: „Durchführung von Hintergrundrecherchen zur frühzeitigen Identifikation von Risiken bei Kunden und Geschäftspartnern“. Dazu gehört nicht nur die Aufklärung von Taten wie Untreue oder Betrug in Unternehmen, sondern auch die Überprüfung von Kandidaten vor ihrer Einstellung. Zum Beispiel ob sie bei den angegebenen Vor-Arbeitgebern tatsächlich waren, ob sie so lange da waren wie angegeben und welchen Ruf sie da haben. Milata erzählt von einer Führungskraft, bei der alle drei Unternehmen, die er aufgeführt hatte, den Mann gar nicht kannten. Er hatte seine Stationen frei erfunden.

 

Warum Headhunter nicht allzu viel bei Bewerbern checken

Die meisten Executive Search Unternehmen checken, wie Milata weiß, ihre Kandidaten lieber nicht. Zu hoch sei ihnen das Risiko, etwas zu entdecken und die eigenen Kandidaten dadurch rauszukegeln. Mühsam sind solche Background-Checks sowieso, denn man müsse mit Leuten sprechen, ob sie den Betreffenden kennen. Ob sie wissen, was der Buschfunk über den sagt. Und es müssten zwei bis drei Quellen sein, die sich untereinander nicht kennen.

 

Die Liste der Anforderungen an Headhunter werde heute immer länger, die Dauer der Suche soll dagegen immer kürzer sein, sagt der Ermittler. Der Zeitdruck sei enorm gestiegen. Es komme durchaus vor, dass Headhunter nur sechs Monate Zeit bekämen für die Neubesetzung einer Stelle mit einem passenden Kandidaten – auch wenn der Kandidat selbst drei Monate Kündigungsfrist zum Quartalsende hat, sagt Milata.

 

Kandidaten-Check in USA und Kanada per App

Um Betrügern einfacher auf die Schliche zu kommen, gibt es für USA und Kanada die App  National Student Clearinghouse.

Neben gefälschten Universitätszeugnissen gibt es aber auch Korruption an Universitäten zum Beispiel bei Lehrstuhlvergabe und Promotionen. Milata selbst hat eine Datenbank und Analysen dazu. Damit könne er herausfinden, wie hoch bei dem betreffenden Kandidaten  das Risiko sei, wie er sozialisiert wurde. Denn Kriminalität werde gelernt, nicht vererbt, sagt Milata. Wichtige Einflussfaktoren auf akademische Korruption seien das Land, in dem der Betreffende studiert hat, das Fach und sein Geschlecht, erzählt er. Ob jemand in einem hochgradig problematischen Umfeld studiert habe, bestimme sein Risikorating.

 

Woanders wird geschummelt – aber nicht bei uns

Unternehmen hätten da übrigens oft einen blinden Fleck: Sie nehmen an, überall werde geschummelt – nur nicht bei Ihnen. Eigentlich sei alles clean, nur Einzelfälle seien kriminell. Und wenn im eigenen Unternehmen doch mal jemand aufkippt, weil er korrupt oder betrügerisch ist, hält man es geheim, dem Image zuliebe. „Auch wenn man die Beweise in der Hand hat, nutzt man sie nicht“, beobachtet Milata. Die gängige Methode: Statt einer Strafanzeige und einem Schadenersatzprozess bekommt der betreffende einen goldenen Handschlag, eine Abfindung – die tatsächlich eher ein Schweigegeld über die eigenen Missetaten ist. Und damit es auch funktioniert, muss der Übeltäter eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben. Und so würden Probleme einfach weitergereicht. Verkehrte Welt.

 

In anderen Ländern wird weniger unter den Teppich gekehrt

Und Milata erzählt, dass die Unternehmen anderer Länder weniger unter den Teppich kehrten. Der Berufsverband, dem Milata und seine Branchenkollegen angehören, ist die Association of Certified Fraud Examiners (ACFE), eine Non-Profit-Organisation mit 90.000 Mitgliedern mit Sitz in Austin/Texas. Ihr Ziel: die Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität und organisierter Kriminalität. Bei einem ihrer Welttreffen hielt Milata vor 1.800 Kollegen einen Vortrag über die deutsche Herangehensweise an die Aufarbeitung des Relotius-Skandals, der sich beim „Spiegel“ ereignete. Das war immerhin der größte deutsche Medienskandal der Nachkriegszeit, sagt der Ermittler. Und gemessen an der Zahl der gefälschten Artikel – irgendwo zwischen 60 und 120 – der größte Betrugsfall. Peinlich genug, dass der Journalist Claas Relotius jahrelang  unerkannt für den „Spiegel“ arbeitete, meint Milata.

 

Die untypische Besetzung des Aufklärungsteams beim Relotius-Skandal

Sein Fazit: In keinem Unternehmen wäre die Aufklärung eines Betrugsskandals so denkbar gewesen und insbesondere dann nicht, wenn das Image einer Branche dran hängt. Schon die Besetzung des Aufklärungsteams war untypisch: Nach internationalen Standards müssen es multidisziplinäre Teams sein und nicht nur Journalisten. Vor allem: Journalisten seien eben keine Ermittler, kritisiert Milata. Dem entspreche denn auch das Ergebnis der Aufklärung: Der ganze Bericht sei nur erstaunliche 17 Seiten dünn, ohne Quellen, ohne  Anhang, ohne Links.

 

Lesetipps: 

Was Betrugsprüfer aus dem Plagiatsfall eines Journalisten über das Verfassen von Berichten lernen können — Fraud Conference News

Session Catalog – SESSION catalog 1 (acfe.com)

Lese-Tipp hier im Management-Blog: Ein Teller Nudeln mit Arbeitsrechtler Tobias Neufeld, der von frisierten Arbeitszeugnissen und Background-Checks der Unternehmen erzählt | Management-Blog (wiwo.de)

 

 

 

 

 

 

 

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