Buchauszug Ingo Hamm: „Abenteuer: Kommunikation! Miteinander reden in der KI-Realität“

Buchauszug Ingo Hamm: „Abenteuer: Kommunikation! Miteinander reden in der KI-Realität“

 

Ingo Hamm (Foto: Privat)

 

Die sieben Regeln der Klarheit – Was wir von KI über Kommunikation lernen

Wer eine KI prompten kann, kann auch Menschen prompten. Wie schaffen wir das?

Mit Prompting-Prinzipien. Mit: Rolle klären, Zielgruppe denken, Ergebnis definieren, Struktur geben, Perspektive wechseln, Grenzen setzen, Dialog führen.

Sie werden auf den folgenden Seiten diese zentralen Prompting-Prinzipien näher kennenlernen – wobei: Die kennen Sie alle schon lange. Sie wenden sie bloß nicht so oft an, wie nötig und nützlich. Wie wir alle; mich eingenommen. Deshalb ist die KI so eine große Chance: Sie zwingt uns sanft, etwas zu lernen, das wir schon lange können müssten. Schon seit dem windelgewickelten Erwerb der Muttersprache. Dass wir es noch nicht gut genug können, erleben und denken wir jeden Tag, wenn uns gestresst und frustriert durch den Kopf geht:

„Warum verstehen die mich nicht?“

„Muss ich das hundertmal sagen?“

„Das war so vereinbart!“

Passiert uns das mit der KI – und es passiert leider häufig – dann denken wir analog: „Was erzählt die mir denn da? Das ist ja wirklich alles banal bis knapp am Punkt vorbei!“ Dann klappe ich das Notebook zu oder swipe left – und die Sache hat sich erledigt. Der Einzige, der danach gefrustet ist, bin ich – nicht die KI, denn ihr ist es wurscht, wenn sie mies gepromptet wird. Ganz im Gegensatz zu den Menschen, die wir nicht artgerecht prompten.

 

Systemfehler Alltag: Das Missverständnis als Standard

Wenn uns Menschen nicht verstehen, oder wenn sie uns missverstehen, sind beide Seiten sauer, gestresst und frustriert. Wir verlieren dank unserer Prompting-Pathologien über den Lauf eines Lebens viele Menschen; manche durch Scheidung. Beziehungen gehen in die Brüche, Menschen verlassen uns oder werden krank, weil man eben nicht jahrelang aneinander vorbeireden kann. Das denken und hoffen wir zwar, doch das trifft ganz offensichtlich nicht zu; fragen Sie jeden Scheidungsanwalt, Psychotherapeuten, Psychosomatiker, Hausarzt, Internisten und jeden Geistlichen.

Misprompting provoziert oder begünstigt Beziehungsdramen, Kündigungen, Persönlichkeitsstörungen und die Legion der psychosomatischen Erkrankungen von „Ich habe Kreuz“ bis Burnout. Es gibt diese Geiseln der Menschheit, weil neben deren verschiedenen Ursachen unser Misprompting sie aufrechterhält, geradezu zementiert. Weil Menschen Menschen falsch prompten. Doch warum passieren solche Missverständnisse überhaupt so häufig? Weil sie längst Alltag geworden sind.

Kein Wunder, dass viele Menschen sich Ersatz suchen – und ihn in digitalen Freunden finden. Exakt deshalb verbreiten sich momentan Friend Bots wie Pilze nach einem Sommerregen. Friend Bots sind KI-Apps, die so tun, als ob sie Menschen wären. Nicht irgendwelche Menschen, sondern – wie der Name verrät – ziemlich beste Freunde. Wir klicken die App an und schon redet etwas mit uns: verständnisvoll und hilfreich, unvoreingenommen, menschlich, respekt- und humorvoll.

Die Nutzer dieser KI-Apps empfinden das als paradiesisch! Niemand kritisiert sie, textet sie zu, nörgelt, nervt und macht Stress – wie es in der zwischenmenschlichen Kommunikation leider häufig die Regel ist. Nein, der einzige Freund, den viele Menschen heutzutage noch haben, der freundlich mit ihnen redet, ist kein Mensch mehr. Das eröffnet ungeahnte Perspektiven des Zusammenlebens: Wozu noch dysfunktionale Familien, lästige Freundeskreise und toxische Beziehungen erleiden, wenn man das alles auf dem Screen wegwischen kann?

Falls sich ob dieser Dystopie gerade innerer Widerstand in Ihnen regt: Eben deshalb sind wir hier auf diesen Seiten. Wir wischen nichts weg. Wir geben die Menschen noch nicht auf. Wir wollen lernen, sie besser zu prompten!

 

#1 Das Identitäts-Spiel: In welcher Rolle spreche ich?

Beginnen wir mit der ersten der sieben Regeln – sie betrifft die Frage, die wir am häufigsten eingangs vergessen zu stellen, die aber fundamental uns selbst betrifft: Wer bin ich in diesem Gespräch eigentlich?

Der KI ist es egal, wie sie bedient, instruiert, ihr befohlen wird – Menschen nicht. Menschen reagieren gestresst, frustriert, pathologisch, aggressiv, passiv-aggressiv, eskalierend, somatisch. Das wissen wir alle; prinzipiell, ungefähr. Jetzt können wir das ändern. Dank KI.

Weil die KI uns zwingt, wohlüberlegt und präzise mit ihr zu sprechen. Wenn wir es schon nicht mit Menschen lernen konnten, lernen wir es jetzt eben mit und dank der KI. Wie? Mit Prompting-Prinzipien. Erstes:

Offenbare deine Rolle!

Johanna tat das nicht. Die KI hat sich still gefragt (hat sie natürlich nicht – aber schönes Bild): „Wer fragt mich das? Eine Psychotherapeutin, die einen Burnout-Verdachtsfall hat? Eine Coachin? Eine HR-Referentin? Eine Fachvorgesetzte? Eine Betroffene? Ein Familienmitglied eines Betroffenen? Eine Redakteurin? Eine Studierende, die Material für ihre Seminararbeit braucht? Welches Studienfach?“ Das war von vorne herein völlig unklar, also antwortete die KI auch völlig unklar, viel zu breit und zu tief, aber total unspezifisch, wenig hilfreich – wie eben auch Menschen uns antworten, wenn wir sie völlig unzureichend prompten. Johanna offenbarte ihre Rolle nicht, also sprang die KI automatisch in den Wikipedia-Modus und lieferte einen völlig Rollen-unspezifischen Fachbeitrag in enzyklopädischer Länge ab. Johanna promptet so nicht nur die KI. Sie promptet so auch Menschen.

Sie ist eine wirklich hervorragende Vorgesetzte, die aktiv Management by Walking Around betreibt: Ständig ist sie in ihrem Reich unterwegs und kommuniziert ausgiebig mit ihren Leuten. Zu Karl sagt sie zum Beispiel, während sie an dessen Büro vorübereilt: „Der Backlog bei den Sonderanfragen ist immer noch zu hoch.“ Das weiß Karl als zuständiger Sachbearbeiter. Was er nicht weiß, weil Johanna es nicht promptet:

Sagt Johanna ihm das als disziplinarische Fachvorgesetzte? Das würde ihre Feststellung quasi zu einer bindenden Anweisung machen, deren Nichtbefolgung Folgen für Karl hätte.

Oder sagt sie es als Kollegin Johanna, die ganz kollegial und buchstäblich en passant einen alten Missstand wieder aufs Tapet bringt?

Sagt sie es gar als Coachin, die einen wertvollen Karriere-Tipp abgibt?

Welche von den drei Rollen ist es denn nun? Oder gar eine vierte? Das promptet Johanna nicht, weil: „Ach was, es geht doch um die Sache und nicht um meine Rolle!“ Denkt sie. Das denkt jedoch nicht die KI und denkt auch nicht Karl, den Johanna einigermaßen verwirrt zurücklässt: „Was will sie denn nun wieder von mir? Sie weiß doch, dass ich so schon genug zu tun habe. Hat das jetzt Vorrang oder was? War das eine Anweisung oder das übliche Geplänkel zwischen Tür und Angel, wenn sie mal wieder hier vorbeikommt?“

Und weil Johanna öfter wischi-waschi promptet, ist Karl inzwischen chronisch sauer auf sie. Als alter Chauvi schiebt er das auf – na, Sie wissen schon. Aber daran liegt es nicht. Männer prompten nicht besser, doch das ist Karl egal, der einfach nur sauer ist, weil er ständig falsch gepromptet wird. Das liegt nicht nur an Johannas Rolle – es liegt auch daran, dass sie Karls Rolle nicht klärt.

 

#2 Das Phantom gegenüber: Wen habe ich eigentlich vor mir?

Verlassen wir Karl und gehen eine Abteilung weiter, so treffen wir auf Marc und Jenny. Auch Jenny fühlt sich von Boss Marc schlecht gepromptet (obwohl sie das natürlich nicht so ausdrücken würde), wenn er sie zum Beispiel fragt:

„Wie würdest du dieses Problem lösen?“

Jenny treiben solche Anfragen langsam zur Weißglut, weil sie seit Jahren in dieser Form bei ihr einlaufen und jedes Mal zuverlässig zu einem cholerischen Anfall führen (hinter dem Rücken von Marc):

„Was soll denn das nun wieder? Geht das nicht ein wenig präziser? Fragt er mich als Ingenieurin? Oder als kostenbewusste Technikerin?“

Der Unterschied in der Rolle macht einen Riesenunterschied in der Sache: „Als Ingenieurin würde ich ihm natürlich die State-of-the-Art-Lösung präsentieren, die wir uns schlicht nicht leisten können. Als kostenbewusste Technikerin würde ich ihm dagegen eine bewährte Lösung vorschlagen, die wir kostengünstig von der Stange kaufen können. Also was bitte darf es sein?“

Marc definiert die Rolle seines Gegenübers nicht und reagiert dann seinerseits cholerisch, wenn „die verdammten Ingenieure mir wieder Luxuslösungen vorschlagen, deren Kosten mein Budget sprengen!“ Nicht, weil die Ingenieure verdammt wären, sondern weil Marc „vergessen“ hat, deren Rolle zu kommunizieren. Manche Menschen machen das bereits tadellos:

„Wärst du bloß mein Party-Bruder, würde ich natürlich sagen: Pump up the volume! Aber als Mitglied im Miteigentümer-Ausschuss darfst du nach 22 Uhr natürlich nicht solchen Krach machen. Also dreh die Lautstärke runter!“

Gehen wir noch einmal zu Johanna zurück und fassen uns mit Grausen an die Stirn, wenn wir uns ausmalen, welche fatalen Folgen ihr Misprompting der Rolle des Gegenübers ausgerechnet bei besagtem Burnout-Verdachtsfall haben könnte. Nein, machen wir es umgekehrt! Spielen wir verschiedene Rollenzuweisungen durch und nehmen an, es handelt sich beim Verdachtsfall um Kevin:

„Kevin, was könnte die Stimmung in der Abteilung heben?“ Rollenansprache: einfaches Mitglied der Abteilung.

„Kevin, du als Jugendfußball-Trainer – wie würdest du für ein bisschen mehr Motivation unter den Kolleginnen und Kollegen sorgen?“ Mit dieser Rolle wird auch gleichzeitig eine zweifellos vorhandene Kompetenz in einem anderen Kontext angesprochen und erschlossen.

„Kevin, du bist in letzter Zeit etwas blass um die Nase. Was kann ich für dich tun?“ Der direkte Zugang zur Problemstellung mit der Rollenzuweisung: Du als potenzieller Burnout-Patient.

Drei Rollenansprachen, die perspektivisch drei sehr unterschiedliche Antworten ergeben (wie bei der KI). Unterschiedliche Perspektiven prompten unterschiedliche Expertisen. So eine Rollendifferenzierung ist natürlich virtuos und kann Antworten von einer Qualität prompten, die beim ungeschulten Muttersprachler neidvolles Erstaunen auslösen. Wer gut fragt, bekommt gute Antworten. Wer super promptet, bekommt super Antworten.

(Foto: Murmann)

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

220 Seiten, 25 Euro

 

#3 Definition of Done: Das Ergebnis vom Ende her denken

Aber das ist doch trivial! Das machen wir doch alle täglich, stündlich, ständig! In Familie und Beruf. Weil wir nur zu genau wissen, dass man/frau den Menschen sagen muss, was sie machen sollen, welches Ergebnis erwartet wird, welches Endprodukt (wie die Berater sagen) wir sehen wollen. Sollte man meinen. Betrachten wir die Realität.

Chef Steven sagt zum Angestellten Dominik: „Der Fliesen-Mayer hat seine letzte Rechnung nicht bezahlt. Hak da mal nach!“ Was meinen Sie?

Natürlich. Das ist ein Misprompting. Steven denkt sich: „Wieso? Nachhaken ist doch eine ganz banale Aufgabe! Jeder von uns macht das dutzendfach die Woche.“ Dominik ist anderer Meinung.

Das ist der generelle Konstruktionsfehler der Kommunikation an sich, auf den wohl auch Niklas Luhmann mit einem Zitat anspielt: „Kommunikation ist unwahrscheinlich. Sie ist unwahrscheinlich, obwohl wir sie  jeden Tag erleben, praktizieren und ohne sie nicht leben würden.”

Denn aus evolutionärer Perspektive ist es höchst unwahrscheinlich, dass ein Empfänger erstens überhaupt versteht, was der Sender meint, zweitens die Botschaft ihn überhaupt erreicht und drittens – selbst wenn er sie versteht – sie auch akzeptiert und umsetzt, wie der Sender es intendiert hat.

Uns deswegen bemerkt Dominik das Missverständnis erst, als er zum Telefonhörer greifen will und sich fragt: „Verdammt, was und wie genau soll ich denn jetzt nachhaken?“ Das ist unklar.

Klar ist, dass Chef Steven das Geld sehen will und zwar gestern, weil die Liquidität der Firma momentan nicht die beste ist. Aber soll Dominik nun dem Fliesen-Mayer deshalb a) gleich die Pistole auf die Brust setzen? Immerhin ist das ein langjähriger Kunde, bei dem die Rechnung auch einfach nur auf dem Instanzenweg vorübergehend verschütt gegangen sein könnte. Deshalb wäre b) eine sachte Anfrage eher opportun. a) und b) sind diametral verschieden – was also will Steven von Dominik? Welches von beiden? Etwas dazwischen? Steven hat Dominik zwar angewiesen. Gepromptet hat er ihn aber nicht. Er hat Dominiks Aufgabe in keiner (hinreichenden) Weise beschrieben. Das kommt öfter vor.

Auch in dieser Sekunde (es sei denn, Sie lesen nach Feierabend) fragen sich wieder zig Millionen Arbeitnehmer:innen weltweit:

Was, um Himmels Willen, will der Chef von mir?

Steven hätte prompten können: „Wir brauchen das Geld dringend! Also fahr zum Mayer, setz dir die Kappe auf mit ‚Brechstangen-Inkasso‘, stell den Fuß in die Tür und komm erst wieder hierher zurück, wenn du die 1.250 Euro und 75 Cent in der Tasche hast.“ Endprodukt. Ist das nicht ein wenig übertrieben?

„Äh, hm, nö“, konzediert Steven, als wir sein Misprompting unter vier Augen diskutieren. „Wir haben das in der Vergangenheit schon drei, vier Mal so gemacht. In einer Phase schwacher Zahlungsmoral kommst du bei manchen nicht anders an dein Geld ran.“ Cash in de Täsch, wie man im Rheinland sagt. Was ist das? Das ist zwar eine ultra-harte Ansage; Stichwort „Tough enough for business“. Aber es ist auch Perfektes People Prompting. Danach weiß jeder Gepromptete, was von ihm erwartet wird.

Ebenso Perfektes People Prompting wäre: „Der Mayer ist ein langjähriger guter Kunde, der uns einen Riesenumsatz bringt und bislang nur zweimal säumig war. Also hak da erst mal ganz behutsam nach – um Gottes Willen nicht beim alten Mayer selbst! Das könnte peinlich für alle werden. Du hast doch gute Connections zur Chefsekretärin: Nutz sie erst mal zur Fernaufklärung.“ Auch danach hätte Dominik exakt gewusst, was von ihm erwartet wird. Seine Aufgabe wäre ihm klar gewesen. Das ist das dritte Prompting-Prinzip: Mach die Aufgabe klar! Was wenden erstaunlich bis erschreckend viele Menschen ein, vorzugsweise manche Vorgesetzte und Eltern, wenn sie von diesem Prinzip hören?

An dieser Stelle höre ich in Trainings regelmäßig: “So penibel genau muss ich das doch nicht ausführen! Die Leute wissen doch genau, was ich von ihnen erwarte!“ Nein, tun sie nicht. Und tut auch die KI nicht. Sie ist eine KI und kein KT (Künstlicher Telepath).

Menschen, die eine Aufgabe klar beschreiben, benennen das erwünschte Endergebnis, aber auch relevante Elemente der Vorgehensweise, weil diese das Endergebnis wesentlich prägen können.

Ein exzellenter People Prompter, Gymnasiallehrer von Beruf, hat das dritte Prinzip mal zusammengefasst mit: „Ich sag meinen Schülerinnen und Schülern alles, was sie über die Aufgabe wissen müssen, um ein gutes Ergebnis abzuliefern: So viel wie nötig, aber so konzentriert wie möglich.“ Wer Ergebnisse will, weist an. Wer gute Ergebnisse möchte, promptet. Warum machen wir das nicht alle längst?

Auch daraus machen Misprompter keinen Hehl: „Dafür fehlt mir die Zeit, die Leute wegen jedem kleinen Furz erst stundenlang zu instruieren!“ Okay, Polemik. Erstens dauert das keine Stunden, höchstens ein, zwei Minuten. Und zweitens verliert man sehr viel mehr Zeit, Geld, Energie, Geduld, Ansehen, Respekt und Ergebnis, wenn die Leute mit unklaren Anweisungen rausgehen und dann zwangsweise Mist bauen, den man wegkarren und die Aufgabe nochmal aufsetzen muss. Doch in manchen Unternehmen, Familien, Ämtern und Regierungen ist das der modus operandi, wie mir eine Mittelmanagerin verriet: „Wir kriegen es generell erst beim dritten Versuch hin – und das ist noch goldig, verglichen mit einigen Mitbewerbern.“ Der Branchenführer kriegt es übrigens, wenig erstaunlich, meist beim ersten Mal hin: Perfektes Prompting.

#4 Schritt für Schritt: Erst A, dann B

Exzellente People Prompter geben nicht nur eine Aufgabe vor, sondern geben dieser Aufgabe auch gleich eine Struktur, eine Abfolge: „Mach erst …, dann mach … und danach machst du am besten …“ Jede KI und jeder Mensch freuen sich.

Häufiges Beispiel aus dem Management: „McKinsey hat eine neue Studie zur 4-Tage-Woche veröffentlicht“, sagt die Chefin. „Die soll gut sein, aber ich hab nicht die Zeit dafür. Gehen Sie da mal durch und berichten Sie mir morgen früh!“ Klar genug?

Könnte man sagen. Trotzdem war die Chefin mit den Ergebnissen solcher delegierter Studien-Analysen nie wirklich zufrieden. Wir besprachen das und seither promptet sie anders; mit Struktur:

„Hier ist die Studie, lesen Sie sie bitte sorgfältig durch, arbeiten Sie die aus Ihrer Sicht wesentlichen drei für uns relevanten Thesen heraus, schreiben Sie einen Abstrakt, bitte nicht mehr als eine A4-Seite, leiten Sie drei Vorschläge für uns ab und am besten noch ein konkretes Projekt, das wir bereits nächsten Montag starten könnten.“

Wie viel Zeit hat das gekostet? Weniger als eine Minute.

Inzwischen fügt die Chefin manchmal noch an: „Checken Sie das vorher auch noch mit dem Kollegen X ab – der beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Was kann er beisteuern?“

Seit sie exakt so promptet, bekommt sie die Ergebnisse, die sie sich wünscht. Aber so redet doch kein Chef?

Nicht Chefs an sich. Nur die besten Chefs. Bei einem meiner Vorträge kam mal der Einwand aus dem Publikum: „Aber das ist doch lächerlich. Man sollte doch wohl meinen, dass wir alle unsere Muttersprache beherrschen! Daher müssen das doch alle Chefs längst so machen.“ Mit Verlaub: Es macht einen Unterschied, ob ich einen Tennisschläger führen kann und Bälle übers Netz kriege oder ob ich aus vollem Lauf eine überrissene beidhändige Rückhand auf die Grundlinie spielen kann. Es ist der Unterschied zwischen Kreisklasse und Grand Slam. Diesen Unterschied gibt es auch in Management, Familie, Verein, Behörde, Regierung …

Besonders tragisch wütet dieser Unterschied bei jungen Menschen – und erklärt nebenbei, warum manche Abteilungen keinen Fachkräftemangel kennen, während andere verzweifelt suchen.

Fachkräftemangel? Nicht in dieser Abteilung – sie promptet anders

Ich unterrichte junge Menschen und mache sie fit für den Einstieg in die Berufswelt – und bin regelmäßig erschüttert, wie viele von ihnen nach erfolgreichem Studium in einen Job einsteigen und darin regelmäßig verzweifeln, weil sie mispromptet werden: „Ich bin neu hier! Ich habe keine Ahnung, wie das hier läuft! Und keiner sagt es mir! Es heißt immer nur: ‚Mach mal dies, mach mal das!‘ Aber wie genau? Ich hab das im Studium ganz allgemein gelernt – aber wie wird das hier ganz speziell gehandhabt?“

Ein guter People Prompter verfügt über die dafür nötige rationale Empathie, O-Ton: „Ein Mitarbeiter mit fünf Jahren Berufserfahrung weiß, wie der Hase bei uns läuft und kann sich die Arbeitsaufträge selber zusammenreimen. Dem kann ich auch ‚Mach mal!‘ sagen und er macht, weil er aus Erfahrung unseren modus operandi kennt. Aber einem Berufsanfänger oder Quereinsteiger? Dem muss ich diese Aufgabenklarheit und Struktur doch erst mal vermitteln.“ Übrigens: Die Abteilung dieses People Prompters kennt keinen Fachkräftemangel. Wie wird das in den anderen, weniger glücklichen Abteilungen gehandhabt? Nach dem Motto: „Wie das bei uns hier läuft, kriegen Newcomer von alleine mit. Die schnappen das auf. Die sehen das ja bei den älteren Kollegen. Zur Not können sie auch fragen.“ Kein Kommentar.

Dasselbe gilt übrigens für die KI: „Hier ist noch so eine Studie – mach das, wie du das immer für mich gemacht hast.“ Wenn wir der KI einmal Aufgabenklarheit und Struktur gepromptet haben, „merkt“ sie sich das und kann es bei jeder neuen Aufgabe wieder herunterspulen.

Der größte Vorteil vom Schritt-für-Schritt-Prinzip? Es macht Rückfragen unnötig und kalte Rückdelegation wegen Unklarheit so gut wie unmöglich. Exzellente People Prompter haben mich auf noch einen Vorteil aufmerksam gemacht: „Um eine Aufgabe klar und strukturiert anzuweisen, muss ich erst mal selber über die Aufgabe nachdenken und für mich selbst diese Klarheit und Struktur finden. Allein das trägt schon wesentlich zu Lösung und Bewältigung bei. Auch mir wird dabei die Aufgabe klarer.“ Ergo: People Prompting macht nicht nur die People, sondern auch den Prompter besser.

„Das ist übrigens der Grund, warum viele unserer Vorgesetzten das nicht machen“, klärte mich mal ein Praktiker auf: „Die haben keine Zeit, keine Lust oder nicht die nötige Sachkompetenz, um eine Arbeit, die sie mir delegieren, klar zu erfassen und zu strukturieren. Deshalb delegieren sie mir diese doch überhaupt erst! Damit ich mir die nötigen Gedanken darüber machen kann.“ Einer dieser Vorgesetzten widersprach dem nicht mal, sondern meinte: „Warum bin ich wohl Abteilungsleiter geworden? Damit ich mir den Kopf für jene Leute zerbreche, die ich dafür bezahle?“ So eine Haltung ist individuell rational und absolut legitim. Effektiv und effizient ist sie nicht.

#5 Customizing: Für wen machen wir das eigentlich?

Gutes Prompting bedeutet nicht nur Struktur – es bedeutet auch, sich auf das Gegenüber einzustellen, und vielleicht sogar darüber hinaus, wenn das Gegenüber gar nicht selbst die „Empfangsperson“ der Aufgabenstellung ist. Ein Beispiel: Die Mutter sagt zum Kind: „Kind, geh in den Discounter um die Ecke, Kuchen kaufen! Hier ist das Geld.“ Ich kenne Kinder, die rennen mit Leuchten in den Augen los. Kuchen!

Ich kenne auch Kinder, die rennen nicht los. Sind die schwer von Begriff? Nein, ganz im Gegenteil. Sie sind bessere Prompter als (manchmal) ihre Eltern. Eines dieser Wunderkinder fragte prompt nicht „Welchen Kuchen?“, sondern: „Für wen soll’s denn sein?“ Als ich hinterher wissen wollte, woher die Frage kommt, wurde mir eine Vorlesung von einer Achtjährigen gehalten:

„Ist doch klar: Wenn es für mich als Belohnung ist, weil ich so brav war, ist es natürlich Schoko-Kuchen. Wenn Mamas Freundinnen zum Nachmittagskaffee kommen, sind es Cake Pops (Kuchen am Stil, hoch modisch und verdammt teuer). Kommt Tante Claudia zu Besuch, ist es trockener Streuselkuchen, den es aber nur beim Bäcker Ofenmüller in der Innenstadt gibt. Vielleicht kommt sogar Mamas neuer Chef, dann müsste ich schon bis zur Konditorei Staufenmüller gehen für etwas Besonderes.“ Acht Jahre! Chapeau. Was beweist: Prompting hat nichts mit Alter oder Erfahrung und nur etwas mit Intelligenz zu tun. Oder Heißhunger auf Kuchen.

Wenn es um Kuchen geht, sind sogar manche Kinder superschlau und prompten hervorragend. Kind promptet Eltern. „Das ist übrigens nicht die Ausnahme, sondern die Regel“, wie mir eine Entwicklungspsychologin versicherte: „Baby schreit – Baby kriegt Fläschchen – perfektes Prompting, ohne dass auch nur ein gesprochenes Wort nötig gewesen wäre. Absolute Champions League.“

#6 Negative Prompting: Sagen, was nicht passieren darf

Gute Prompter:innen sagen nicht nur klar und strukturiert, was wir für wen machen sollen. Sie sagen uns auch, was wir dabei nicht machen sollten.

Im KI-Kontext gibt es dazu einen modernen Klassiker: „Halluziniere nicht, denk dir nichts aus, sondern verwende einzig und allein Fakten.“ Warum muss man das einer KI sagen?

Niemand, der schon mal eine KI benutzt hat, muss das noch fragen. Denn jeder Nutzer weiß inzwischen, wie ungeniert eine KI manchmal Zusammenhänge fabuliert, Daten zurechtbiegt und Statements kreativ anpasst („Was nicht passt, wird passend gemacht“), wenn sie in den unendlichen Weiten des Internets nichts faktisch Passendes zur Aufgabenstellung findet. Wir Menschen machen das ja auch. Also muss man es beiden wegprompten.

Ich kenne so viele Vorgesetzte, die sich schwer über Ergebnisse aufregen, die sie absolut nicht haben wollten, wenn der oder die Mitarbeitende diese vorlegt. Und alle Gescholtenen schauen dann den ungestümen Boss wortlos an und denken: „Warum zum Kuckuck hast du nicht schon bei der Delegation gesagt, wie du’s nicht haben möchtest?“ Zum Beispiel:

„Ich brauch’ bis heut’ Nachmittag die Monatszahlen. Aber bitte nicht wieder diesen Detail-Dschungel hinunter bis auf die Artikel-Ebene. Einfach die aggregierten Zahlen pro Geschäftsfeld!“ Alles klar? Alles klar. Hinterher sagte die so angesprochene Controllerin: „Warum hat er das nicht schon beim letzten Mal gesagt? Ich dachte, ich bin Controllerin. Der Teufel steckt im Detail, also liefere ich Detailzahlen. Wenn er keine Details haben möchte, braucht er das nur zu sagen – und das bitte möglichst schon beim ersten Mal. Dann hätte ich mir die Mühe sparen können.“

 

Ein Klassiker beim Spieleabend

Die meisten von uns kennen die Passage: „Gehe direkt ins Gefängnis. Gehe nicht über ‚Los‘, ziehe nicht 200 Mark ein.“

„Die Müller hat morgen Geburtstag“, sagt die Teamleiterin zu Horst. „Finde mal raus, worüber sie sich freuen würde.“ Was macht Horst? Richtig. Er fragt die Müller direkt. Danach war die Überraschung natürlich futsch. Seither promptet die teambewusste Teamleiterin anders, wenn wieder jemand im Team Geburtstag hat: „Aber frag … bloß nicht direkt und auch nicht den Partner – der kann das meist nicht für sich behalten.“

Ebenfalls schon passiert: Ein Headhunter Senior-Partner versucht, den Bereichsdirektor einer Bank abzuwerben und braucht für den kalten Erstkontakt zunächst dessen E-Mail-Adresse. Er delegiert das an den Pool-Assistenten. Was macht der? Richtig. Der ruft bei der 0-Nummer der Bank an. Danach weiß dank Flurfunk jeder in der Bank, dass ein Headhunter hinter dem Direktor her ist. Warum? Kein Prinzip „Negative Prompting“. Begründung des Senior-Partners: „Aber das hätte dem Assistenten doch a priori klar sein müssen!“ Hätte hätte Fahrradkette. Auch ein sechsstelliges Gehalt schützt nicht vor unklarer Kommunikation. Nebenbei gefragt: Wie naiv darf man als Pool-Assistent sein?

Das ist ein Missverständnis. Regel 6 schützt weniger vor Dummheit (der Assistent ist natürlich nicht dumm!) als vor dem Weg des geringsten Widerstands. Der Assistent ist bis Oberkante Unterlippe zugeschüttet mit Arbeit (wie wir alle). Da denkt er nicht lange über Sinn, Zweck und Kontext einer zusätzlichen Aufgabe nach. Er macht das einfach – so einfach und so schnell wie möglich. Das ist rational. Irrational ist es, nicht damit zu rechnen und im Gegenteil von ihm zu verlangen, dass er die Gedanken seines Chefs lesen kann. Oder auch nur möchte.

Wenn Menschen (und die KI) nicht mit Prinzip „Sagen, was nicht passieren darf“ gepromptet werden, machen sie es sich einfach oder gehen mit der Brechstange vor oder verwenden unlautere Mittel – wenn man es ihnen nicht explizit wegpromptet.

Natürlich gibt es auch Menschen, die sich denken können und wollen, was sie nicht tun sollten. Doch dass ein Subalterner so gut und tief mitdenkt, sollte man nicht unter allen Umständen voraussetzen. Man sollte es umso weniger voraussetzen, je stressiger die Situation ist, je überlasteter der Gepromptete ist und je weniger motiviert. Das wäre mir viel zu riskant. In vielen Unternehmen, Behörden, Vereinen und Familien ist aus diesem Risiko bereits ein schönes Spiel entstanden.

Es ist nicht alles Müll, was glänzt

Ein weiteres Beispiel aus der Praxis: „Der Müll von der letzten Baustelle liegt immer noch auf der Pritsche vom Montage-LKW! Machen Sie das endlich weg!“, blafft der hemdsärmelige Chef den Mitarbeiter an.

Macht der angewiesene Junior-Installateur auch prompt. Er entsorgt alles müllgetrennt beim gewerblichen Entsorger und legt dem Chef die Quittung für die Müllgebühren vor, worauf dieser explodiert:

„Sind Sie wahnsinnig? Unter dem Müll waren auch zig Kilo Kupfer von den ausgebauten alten Rohren der Baustelle. Dafür hätten wir ein kleines Vermögen bekommen! Das Kupfer hätten Sie nicht wegschmeißen dürfen!“

„Sorry, Boss, das haben Sie aber nicht gesagt. Wenn Sie das gleich gesagt hätten …“

Weil dieser Boss chronisch kein Prinzip 6 anwendet, passiert sowas mindestens einmal die Woche. Seine Untergebenen wissen genau, dass Big Boss nicht mit Prinzip 6 promptet; sie haben ihn durchschaut, sie kennen seine Verhaltensprädispositionen (seine Frau sagt „Marotten“ dazu) – und nutzen diese weidlich aus: „Pff, mir doch egal, kann ich doch nichts dafür, hat der Chef ja nicht gesagt.“ Das ist Insubordination? Das ist fies, aber keine Insubordination – denn der Chef hat’s ja wirklich nicht gesagt. „Aber das müssen die Leute doch von selbst wissen!“ Ja, das müssten sie. Aber das tun sie faktisch oft nicht.

Der gescholtene Monteur hat natürlich das Altkupfer nicht wirklich entsorgt. Er ist ja nicht blöd; er weiß selber, was das wert ist. Er hat es unter der Hand an einen Altmetall-Händler verkauft und das Geld ins Party-Kässchen der Abteilung gegeben. Während die Nachbar-Abteilungen sich wundern, dass ausgerechnet die bodenständigen Monteure regelmäßig derart krachende Feste schmeißen. Das Spiel läuft seit zig Jahren. Nicht nur mit diesem Chef. Ich finde das bemerkenswert, aber nicht gut, denn das ist natürlich Unterschlagung – und inakzeptabel. Aber solche Situationen entstehen, wenn Führung unklar kommuniziert und Mitarbeitende das ausnutzen.

#7 Die Feedback-Schleife: Iteration statt Monolog

Ich hatte Sie gewarnt: Keines der Prompting-Prinzipien wird Sie überraschen. Die kennen Sie alle. Weil sie alt sind. So alt wie die menschliche Kommunikation. Feedback? Pfff! Haben wir schon tausendmal gehört, gelesen und in jedem Kommunikations- und Führungsseminar von A bis Z durchdekliniert. Und jetzt die zwei Millionen Dollar-Frage: Wann haben Sie das letzte Mal qualifiziertes Feedback bekommen?

Noch üblere Frage: Gegeben?

Der moderne westliche Mensch ist schon per se als Spezies äußerst Feedback-faul. Die sozialen Medien und Messenger-Apps haben diese Faulheit bis ins Pathologische verschärft. Denn mit der dort praktizierten emojihaften Sprachverkürzung und -verballhornung lässt sich keine Kommunikation im engeren Sinne, geschweige denn qualifiziertes Feedback leisten. Diesen Effekt verstärkt die KI noch. Denn einer KI gibt man sicher kein Feedback!

Wirklich? Tatsächlich empfehlen seriöse KI-Ratgeberbücher: „Gib deiner KI das nötige Feedback! Sie dankt es dir!“ Wie?

Indem sie dank der in Form von Feedback geäußerten Präferenz weiß, wie sie es nächstes Mal besser machen kann und soll. Und nicht erst nächstes Mal, sondern bereits bei der laufenden Aufgabe, zum Beispiel: „Danke für die weiterführenden Ausführungen zu diesem Fachartikel und insbesondere für die zusätzlichen Praxisbeispiele aus der Industrie.“ So „gelobt“ findet die KI womöglich gleich noch mehr dieser gewünschten Beispiele aus dieser und anderen Branchen.

Oder auch: „Vielen Dank für den tollen Abstrakt – aber bitte noch deutlich kürzen in den vorderen beiden Absätzen.“ Das ist Feedback, das ist Prompting, das verbessert die Ergebnisse von KI und Mensch. Beim People Prompting oft in der Form von: „Gut so, weiter so!“, „Bleib dran, genau so stelle ich mir das vor!“, „Hier noch eine praktische Anwendung und dort noch eine handliche Checkliste – dann wird das ein perfekter Report!“ An dieser Stelle reagierten zwei Testleserinnen dieser Passage – nun, sagen wir, überraschend.

Die Testleserin mit dem Kloß im Hals – und die andere mit der perfekten Chefin

Die eine Testleserin: „Ich krieg’ grad’ einen Kloß im Hals, wenn ich so ein Feedback bloß lese. So freundlich und nett war meine Chefin noch nie zu mir!“ Ähem, sorry, aber das war nicht freundlich und nett. Das war bloß Prompting per Feedback. Doch genau diese kommunikative Selbstverständlichkeit fehlt uns allen schmerzhaft. Wozu fehlt sie uns? Zur Menschlichkeit. Es gibt keine Menschlichkeit ohne Feedback – deshalb wird ja auch vom „Haifisch-Kapitalismus“ geredet. Das liegt nicht am Haifisch und nicht am Kapitalismus. Es liegt an der entmenschlichten Kommunikation. Im Management wird das mancherorts euphemistisch als „rauer Umgangston“ bezeichnet.

Die andere Testleserin sagte: „Ist mir jetzt ein wenig peinlich, aber unsere Vorgesetzte gibt ständig diese Art von Feedback – erspart uns allen unnötige Mühe und Zeitverschwendung.“

Darauf die eine wieder: „Kann ich mich bewerben? Stellt ihr gerade ein?“

Wer die Wirkung von guter Kommunikation im Allgemeinen und Prompting im Besonderen unterschätzt, unterschätzt einen entscheidenden Faktor für Motivation, Commitment, Leistungswille und Firmentreue der eigenen Leute. Die Amerikaner sagen dazu: „People don’t quit jobs, they quit managers.“ Sie kündigen nicht den Job, sondern dem Boss; genauer: seinen Kommunikationspathologien, darunter insbesondere seiner Prompting-Indolenz. Leider liegt die Feedback-Kultur in vielen Unternehmen, Familien und Schulklassen darnieder. Das beginnt bereits bei den selbstverständlichsten Selbstverständlichkeiten:

„Wieso soll ich dem Mitarbeiter ‚Danke‘ sagen, wenn er die erledigte Aufgabe abliefert? Dafür bezahle ich ihn doch! Feedback ist da nicht nötig.“ O tempora, o mores. Erst mal:

„Danke“ ist kein Feedback, sondern Zeichen von Höflichkeit und Respekt. Selbst wenn es das nicht wäre, wäre „Danke“ immer noch kein Feedback im engeren Sinne, da echtes Feedback keine One-Shot-Angelegenheit ist, sondern ein laufender Prozess, ein Geben und Nehmen, ein Dialog. Das ist zugleich das übergreifende Ideal von Prompting: kein Monolog, keine Einweg-Kommunikation, kein Ober-promptet-Unter, sondern ein fortlaufender Dialog zwischen Partnern auf Augenhöhe, die sich gegen- und wechselseitig prompten.

500 Likes statt Dialog: Die digitale Verarmung

Leider ist uns als westlicher Gesellschaft sowohl die Fähigkeit als auch der Wille zum Dialog nicht erst seit KI mit wenigen Ausnahmen verloren gegangen. Vor der KI haben bereits die unsozialen Medien diese entwürdigende Tendenz drastisch beschleunigt. Längere Dialoge können und wollen wir nicht mehr führen: Wir posten was, erhalten 500 Likes – Ende Gelände. Bis zum nächsten Post. Niemand bei rechtem Verstand und Sprachvermögen würde behaupten wollen, dass wir an der Schule, gleich welcher Art sie sein möge, unsere Muttersprache auf einem halbwegs zivilen Niveau erlernen.

Doch was nach Ende der Schulzeit passiert, kann nur noch als freiwillig zugefügter Mutismus verstanden werden. Eine Nation der Sprachlosigkeit. Wie trotz des überwältigenden medialen Floskel-Tornados und der epidemischen Small Talk-Banalität im Alltag immer noch keine Kommunikation im Prompting-Sinne zustande kommt, ist ein Mysterium an sich. So viele Worte, so wenig Sinn, Bedeutung, Wirkung und Menschlichkeit. Wir sind zu kommunikativen Eintagsfliegen verkommen; nicht mehr dialogfähig über ein digitales Ping und Pong hinaus. Das gilt natürlich nicht für Sie – denn immerhin sind Sie hier. Auch die Buchlektüre ist eine Form von Dialog und nicht gerade die banalste Form. Der Rest der Menschheit leidet jedoch unter einer tragischen Sprachlosigkeit und Dialogferne. Neulich sagte eine Bekannte:

„Danke der Nachfrage – wir hatten gestern Abend einen sehr unterhaltsamen, spannenden und unerwartet guten Abend.“

„Was habt ihr denn gemacht? Oper? Kino? Konzert?“

„Nö, wir haben uns einfach nur zwei Stunden gut unterhalten, nachdem die Kinder im Bett waren.“

„Unterhalten? Ja womit denn?“

„Na, eben nicht mit Streaming oder Handy-Daddeln. Wir haben miteinander geredet; wir hatten ein wirklich gutes Gespräch.“

Jetzt bitte nicht im Bekanntenkreis herumfragen, wer hierbei die Hand heben könnte – es könnte betroffen machen. Warum? Weil diese Art von zivilisatorisch akzeptierter, wenn nicht gar normierter Sprachlosigkeit nicht nachhaltig ist. Keine Beziehung, weder im Beruf noch in der Familie, überlebt das lange unbeschadet oder überhaupt. Scheidungsanwälte können ein Lied davon singen.

 

Das große Ganze: Kontext, Klarheit, Vollständigkeit

Was also tun? Fassen wir zusammen, was wir gelernt haben. Die sieben Regeln, die wir durchgegangen sind, lassen sich zu drei Kernprinzipien verdichten: Kontext, Klarheit, Vollständigkeit. Sie bilden das Rückgrat jeder wirksamen Kommunikation, sowohl beim KI-Prompting wie auch beim People Prompting.

„Sag der KI einfach, was sie machen soll!“ Ohne Kontext kann sie das nicht vernünftig und sinnvoll. Denn sie kennt nicht die Kontextfaktoren „Zielgruppe“ (Prinzip 5) und „Endprodukt“ (Prinzip 3). Weil ich ihr diese nicht gepromptet habe. Sie weiß auch nicht, was sie auf keinen Fall machen darf (Prinzip 6): Zu wissen, was man auf keinen Fall tun soll, gibt ebenfalls Klarheit. Struktur (Prinzip 4) gibt Klarheit. Nicht nur der KI, sondern auch uns Menschen. Klingt einfach?

Wenn das so einfach ist, warum prompten wir dann nicht alle längst so klar, vollständig und kontextuell? Weil es uns an einer bestimmten Ingredienz fehlt.

‚Denken, Drücken, Sprechen‘ – die Bundeswehr hatte recht

In meiner Zeit als Wehrdienstleistender beim Heer verriet mir ein Leutnant in der Grundausbildung diese Zutat guter Kommunikation, guten Promptings. Damals sollte ein Kamerad in einer simulierten Gefechtssituation das Funkgerät bedienen. Das hatte er nie zuvor gemacht. Also nahm er das ungewohnte Ding zaghaft in die Hand, beäugte es misstrauisch, suchte nach der Sprechtaste und wusste offensichtlich nicht, was er nun tun oder durchgeben sollte. Er drückte den Knopf, stammelte, suchte nach Worten, einige „Ähms“ und „Hmm“, und dann erst ging’s los mit einer immer noch sehr dürftigen, langatmigen Funkdurchsage. Man stelle sich vor: so etwas im Gefecht, die Einschläge kommen näher, verletzte Soldaten schreien auf, Verstärkung dringend gebraucht!

Der befehlshabende Lehr-Leutnant, der etwas entfernt von uns stand, rief hilfreich herüber: „Denken! Drücken! Sprechen!“ Ein gutes Prompting-Motto.

Will heißen: Denk erst nach, bevor du promptest!

Die fehlende Zutat: erst nachdenken. Der Kamerad hatte es beim ersten Versuch umgekehrt gemacht: Er war so froh, die Sprechtaste gefunden zu haben – und dann zu stammeln anfing, weil er keine Ahnung von der Lage hatte, nicht einmal wusste, was er vom Gegenüber überhaupt wollte. Trockener Kommentar des Leutnants: „Mit erst mal Drücken und dann 5 Sekunden Rauschen gewinnt man kein Gefecht!“ Etwas martialisch, aber nahtlos übertragbar auf die Kommunikation in Job und Alltag. Denk nach, bevor du in den Dialog gehst! Wir machen das selten genug, weil unser Mundwerk meist schneller ist als unser Verstand. Vieles in der Kommunikation läuft spontan und unterbewusst oder habituell gesteuert.

Nur wer zuerst denkt, kann prompten. Werde dir erst mal klar, was du willst, was dabei herauskommen soll, was du auf keinen Fall willst – und dann erst sprich! Das setzt ein gerüttelt‘ Maß an Selbstdisziplinierung voraus – zunächst. Denn je öfter wir das machen, desto weniger Disziplin brauchen wir dafür, weil es zur guten Gewohnheit wird. Vor allem, wenn wir täglich erleben, welch segensreiche Wirkungen das auf Präzision, Wirkung und Menschlichkeit unserer Kommunikation hat.

Der dritte übergreifende Faktor guten Promptings ist Vollständigkeit: Vermittle alle dir verfügbaren Informationen zur konkreten Aufgabe! Bei der KI nennt man das „Knowledge“. Sie haben einiges an Infomaterial in Ihrer Schublade – dann füttern Sie die KI damit. Dann werden die Antworten der KI besser.

Was sich liebt, das promptet – die neue Definition von Menschlichkeit

Je mehr relevante Informationen Sie Menschen geben, desto besser werden sie. Ich weiß, das verstößt gegen die unausgesprochene, jedoch weit verbreitete informelle Need-to-know-Regel: „Das müssen die Leute nicht wissen! Die verstehen doch die größeren Zusammenhänge überhaupt nicht. Das interessiert die gar nicht. Die sollen lieber ihren Job machen!“ Das können sie nicht, wenn sie nicht wissen, was sie wissen müssten. Doch Wissen ist in der menschlichen Kommunikation häufig entweder Mittel zum Zweck der Prahlerei – oder zu Machterhalt und Status-Distinktion, wenn es anderen vorenthalten wird: Wissen ist Macht, wenn man es nicht teilt. So jedenfalls denken Machtmenschen.

Intelligentere Vertreter der Spezies dagegen teilen, was sie haben. Weil sie wissen, dass man Wissen braucht, um einen guten Job zu machen. Verfolgen sie dieses übergeordnete Prinzip der Vollständigkeit des Wissens nachhaltig, dann geht der Prompting-Dialog nahtlos über ins lebenslange Lernen, in die Personalentwicklung und sogar ins Social Engineering – wenn man Vollständigkeit über Jahre hinweg zur Benchmark des eigenen Promptings macht. Bei der KI ist das einfach: Per Klick laden wir ihr alles Wissen hoch, das wir haben.

Bei Menschen gibt es leider (noch) keinen Upload-Button für Wissen. Also machen das gute Prompter kontinuierlich, fast beiläufig im Alltagsgespräch. Und nicht erst, wenn man etwas vom Mitmenschen will. Als Beispiel fällt mir die Vorgesetzte ein, die ohne zu wissen, dass das Prinzip 5 ist, es jeden Tag mindestens einmal einstreut: „Denkt immer daran, für wen wir das machen! Nicht für mich, nicht für den CEO, sondern für den kleinen Handwerker, der auch heute wieder mit unserem Gerät auf der Baustelle hantiert und sich darauf verlassen muss, dass das zuverlässig funktioniert.“ Weil sie das täglich macht, muss sie es nicht mehr sagen, wenn ein besonders heikler Auftrag hereinkommt. (Sie sagt es trotzdem).

Wer prompten kann, kommuniziert besser. Wer promptet, erzielt bessere Ergebnisse und genießt mehr Respekt und Anerkennung bei anderen Menschen, weil er oder sie diesen nicht mit unklaren und missverständlichen Ansagen auf den Senkel geht. Wer promptet, wird wertgeschätzt, weil Prompting seinerseits die reinste Wertschätzung ist. So gesehen ist Prompting beste Beziehungspflege: Was sich liebt, das promptet!

Sie meinen, dass wir bisher die sieben Prompting-Prinzipien noch recht kursorisch, verkürzt angerissen haben? Da haben Sie recht. Beginnen wir mit dem Prinzip „Struktur“. Denn Struktur ist die Grundlage guten Promptings – für KI und Menschen.

 

 

 

 

 

 

Copyright: @Claudia Tödtmann. Alle Rechte vorbehalten. 

Kontakt für Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de

Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia Tödtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bedarf der ausdrücklichen Genehmigung.

Um den Lesefluss nicht zu behindern, wird in Management-Blog-Texten nur die männliche Form genannt, aber immer sind die weibliche und andere Formen gleichermaßen mit gemeint.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*