Im Luxuszug Royal Scotsman kann man Tontaubenschiessen während der Fahrt, aber beim formalen Dinner bekommt, derjenige, der in Jeans aufkreuzt, nichts zu essen, heißt es beim Bahnreiseveranstalter Gregor Sutter. Der Mitteldeutsche Verkehrsverbund hat Benimmregeln veröffentlicht – aber eine ganz wichtige fehlt hier wie auch in anderen, die ich im Netz so fand: Dass man nicht stinken soll. So eine Regel ist aber offenbar nötig, hat Frank Benhrendt, Senior Advisor der Serviceplan Gruppe und Buchautor in der Deutschen Bahn erlebt. Wobei ich mich frage, wo in solchen Momenten das Servicepersonal steckt?

Frank Behrendt (Foto: C.Tödtmann)
Hier dazu Frank Behrendts Gastbeitrag:
Was in aller Welt treibt Menschen dazu, als erste Amtshandlung im Zug ihre Mauken vom Schuhwerk zu befreien?
Hamburg Hauptbahnhof. 12:45 Uhr. Die Bahn kommt. Pünktlich. Die Laune am Bahnsteig 11 ist bestens, man ist heute mit wenig zufrieden.
Reservierter Platz, Komfort-Check-In erfolgt. Capri-Sonne im Netz des Vordersitzes verstaut. Notebook auf dem Klapptischchen platziert: Es läuft.
Geruchsangriff von links
Ich atme auf, doch das war ein schwerer Fehler: Geruchsangriff von links. Erst vermute ich einen Mitreisenden, der sich im Hotel mit einer Batterie hart gekochter Eier eingedeckt hat, um sich das Bord-Bistro zu sparen. Es könnte aber auch ein älterer Fisch sein, der nach vergessenem Spontankauf am Hamburger Fischmarkt im Rucksack vor sich hindünstete. Oder sollte gar ein alter Gouda in dem silbernen Müll-Klappfach am 4er-Tisch vor mir das Corpus delicti sein?
Weit gefehlt! Ich schaltete die mir eigene Justus-Jonas-Denke ein: Der erste Detektiv der 3 Fragezeichen hätte sofort einen Blicke-Scan der Umgebung durchgeführt. Machte ich auch. Dann sah ich die Quelle des Miefs und augenblicklich schossen mir die legendären Zeilen des Kulthits „Mief“ vom Comedy-Duo „Die Doofen“ ins Kleinhirn. Olli Dittrich und Wigald Boning hatten damals nicht nur den Geruchsnerv perfekt getroffen:
„Ohrenschmalz, Kragenspeck, Mundgeruch und Nageldreck, Achselschweiß im Überfluss, Fettfrisur und Käsefuss. Nimm mich jetzt, Auch wenn ich stinke. Denn sonst sag‘ ich Winke Winke und Good bye…“
Der Typ, unrasiert, Late-Night-Flair vom Reeperbahnbummel, abgewetzter Sweater, unter dem sich eine ordentliche Wampe abzeichnete, die jedem Personal-Trainer einen krisensicheren Job fürs Restjahr bescheren würde. Das erste, was er tat, nachdem er sich krachend in die blauen Kunstlederpolster fallen ließ: Er befreite seine Füße von dem in die Jahre gekommenen Sneakern. Der Mix aus Dauer-Muff im Schuh gepaart mit frischer Fußhitze sorgte für den olfaktorischen Super-Gau.

(Foto: Privat / Frank Behrendt)
Eine ältere Dame fragte höflich, ob es sein müsse, dass der Herr die Schuhe auszog. Er pampte direkt los: „Ist nicht verboten, was wollen Sie??“ Natürlich ist es nicht verboten, aber es gibt – beziehungsweise gab – soweit ich mich erinnere, gewisse Grundregeln des guten Benehmens.
In meiner lösungsorientierten Art checkte ich sofort die zweite Waggonhälfte und siehe da: Es war ein ganzer Vierertisch ohne Reservierung frei! Sofort informierte ich die vom Fußmief betroffenen Mitreisenden, der älteren Dame schleppte ich den Koffer zum neuen Sitz und erklärte ihr, wie man einen eingecheckten Platz in der DB-App umswitchen kann, um sich Ticketkontrollen zu ersparen. Wenn mich die KI irgendwann in meiner originären Profession verzichtbar macht, heuert mich die Deutsche Bahn sicher als Feelgood-Manager im ICE an.
Vor lauter Dankbarkeit spendierte die nette Frau uns allen am Tisch Kaffee und Kuchen. Der reisende Commander Käsefuß bekam von unserer Flucht nichts mit: Er hatte AirPods im Ohr und schnarchte vor sich hin.
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