Daimler und Benz Stiftung: Original oder Fälschung? Strategien zur Entlarvung von Kunstfälschungen

Original oder Fälschung? Strategien zur Entlarvung von Kunstfälschungen

 

Henry Keazor (Foto: PR/Daimler)

 

„Fälschungen können Zeitbomben sein, die erst lange Zeit nach ihrer Herstellung detonieren“, sagt Henry Keazor, Professor für Kunsthistorik an der Universität Heidelberg und Spezialist für französische und italienische Barockmalerei. Er forscht zu Kunstfälschungen und wurde bekannt als Interviewer des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi in dem 2014 erschienenen Dokumentarfilm „Beltracchi – Die Kunst der Fälschung“. Keazor hielt dazu kürzlich einen Vortrag in der Reihe „Dialog im Museum“ für die Daimler und Benz Stiftung. Aufgeschrieben hat ihn für den Management-Blog die Autorin Miriam Weiss.

Ein aktueller Fälschungsfall: Die Büste der Cecilia Gonzaga

Was eine Fälschung zur Zeitbombe mache, erläutert Keazor an einem aktuellen und politisch brisanten Fall aus der Slowakei, der eine Marmorbüste betrifft, die die italienische Adlige Cecilia Gonzaga darstellt. Die Büste, die sich über Jahrhunderte im Besitz der Adelsfamilie Csaky befand, war nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geraten und wurde nun in einem Depot des Spiš Museums in Levoča in der Slowakei wiederentdeckt. Aufgrund der im Sockel eingemeißelten Signatur Ceciliae Gonzagae opus Donatelli schrieb man die Büste dem berühmten Renaissance-Bildhauer Donatello zu. Diese vermeintliche Sensation führte in der Slowakei zu einer Kontroverse: Am 29. Mai 2025 wurde die Büste von der slowakischen Regierung beschlagnahmt und an einen streng geheimen Ort gebracht. Als Grund dafür nannte Kulturministerin Martina Šimkovičová die mangelnden Sicherheitsstandards des Spiš Museums zum Schutz des Werkes.

Kunstkenner und Opposition der nationalistischen slowakischen Regierung vermuteten jedoch, dass die Büste von der Regierung zu einem hohen Preis verkauft werden könnte. „Da das Alter einer Marmorskulptur in der Regel nicht durch die Untersuchung des Marmors selbst bestimmt werden kann, musste der sich mit dem Fall befassende italienische Kunstexperte Francesco Caglioti auf eine stilistische Analyse zurückgreifen“, so Keazor. Im August 2025 kam Caglioti zu dem Schluss, dass es sich bei der Büste um eine Marmorkopie nach einer anonymen Skulptur aus dem 19. Jahrhundert und damit um eine Fälschung handele.

 

Methoden der Fälschungsentlarvung

„Dieser Fall zeigt, dass zur Aufdeckung von Fälschungen eine Vielzahl von Methoden notwendig ist“, betont Keazor. „Jede einzelne Methode hat ihre Schwächen und Mängel, die man nur dadurch ausgleichen kann, dass man die Methoden miteinander kombiniert.“ Provenienzforschung, bei der Herkunft und Besitzverhältnisse von Kunstwerken geklärt werden, zählen ebenso dazu wie die chemische Untersuchung von Farbproben oder physikalische Methoden wie die Röntgenfluoreszenzanalyse, bei der mit Röntgenstrahlung bestimmt werden kann, welche Substanzen im jeweiligen Kunstwerk verarbeitet sind. Die stilistische Analyse widmet sich unter anderem der zeitlichen Einordnung eines Kunstwerks und dessen Zuordnung zu einem Künstler.

 

KI ist derzeit noch zu fehleranfällig

„Künstliche Intelligenz (KI) als weiterer Ansatz wird in Zukunft sicherlich vielversprechend sein, ist aber heute noch zu fehleranfällig“, sagt Keazor. Er nennt Beispiele wie das von der Physikerin Carina Popovici gegründete Start-up Art Recognition, das damit wirbt, mithilfe von KI die Echtheit von Kunstwerken überprüfen und damit Fälschungen entlarven zu können.

„Das Problem ist, dass die KI mit Werkkatalogen gespeist wird, die auch Fälschungen enthalten können. So lernt die KI, Fälschungen als Originale zu betrachten. Der Werkkatalog des Malers Heinrich Campendonck etwa enthielt ihm zugeschriebene Gemälde von Wolfgang Beltracchi, bis dieser als Fälscher überführt wurde“, so der Kunsthistoriker.

 

Was macht ein Objekt zu einer Fälschung?

Anhand einer Stufengrafik zeigt Keazor den Weg vom Original zur Fälschung auf:

„Dem Original am nächsten kommt die Replik, mit der ein Künstler sein Werk ein zweites Mal schafft.

Von Kopie spricht man, wenn ein Künstler das Werk eines anderen Künstlers nachbildet.

Im sogenannten Pasticcio werden Versatzstücke aus Werken eines anderen Künstlers kombiniert, sodass daraus ein neues Werk entsteht. Die Stilnachahmung oder -aneignung schafft ein Werk nach der Handschrift eines bestimmten Künstlers etwa als Hommage an diesen. Am weitesten weg vom Original liegt schließlich die Fälschung.“

 

Keazor nennt Replik, Kopie, Pasticcio und Stilnachahmung als legitime und in der Kunstgeschichte traditionelle und etablierte Formen, die aber auch zu Fälschungen werden können, wenn diese als Originale ausgegeben werden. Wie aber werden diese Fälschungen überzeugend als vermeintliches Original angesehen? „Dies geschieht mittels der objektiven Verfälschung“, erläutert er. „Dabei greift man in ein geschaffenes Werk so ein, dass es zum Beispiel alt wirkt. Oder man fügt eine Signatur hinzu, die ursprünglich gar nicht zu dem Werk gehört.“ Bei der subjektiven Verfälschung hingegen werde das Objekt selbst nicht verändert, aber der Rezeptionsrahmen manipuliert: „Dabei wird das Objekt in Bezug gesetzt zu irreführenden, manipulierten Dokumenten, etwa die Herkunftsgeschichte betreffend.“

 

Forschen an Fälschungen

Abschließend nennt Keazor noch zwei weitere Methoden, die zur Fälschungsentlarvung beitragen können: „Ein wichtiger Aspekt ist das Lernen vom Objekt.“ Studierende der Kunstgeschichte können an der Universität Heidelberg an Fälschungen forschen, die in der 2021 gegründeten Heidelberger Fälschungs-Studiensammlung (HeFäStuS) aufbewahrt werden. „Weiterhin ist das Lernen von der Vergangenheit ein wichtiger Schlüssel für die Fälschungsbekämpfung in der Gegenwart“, ergänzt er. Keazor stellt hierzu ein aktuelles Forschungsprojekt vor, das die Entlarvungs- und Präventionsstrategien gegen Kunstfälschungen analysiert, die zwischen 1899 und 1939 in der Zeitschrift „Mittheilungen des Museen-Verbandes“ publiziert wurden mit dem Ziel, durch Aufklärung die Herstellung und den Verkauf von Fälschungen zu unterbinden. „Letztlich könnten diese Forschungen auch Hinweise darauf liefern, wo sich Fälschungen heute befinden“, so sein Resümee.

 

 

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