Luxus und Schönheit
Was ist Luxus? Philosophieprofessor Lambert Wiesing, Inhaber des Lehrstuhls für Bildtheorie und Phänomenologie am Institut für Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, gilt als Pionier der Luxusforschung, hielt dazu kürzlich einen Vortrag in der Reihe „Dialog im Museum“ für die Daimler und Benz Stiftung. Aufgeschrieben von Miriam Weiss.

(Foto: PR / Daimler und Benz Stiftung_Woelffing)
Luxus und Schönheit sind nicht dasselbe
„Luxus und Schönheit sind zwei Phänomene, die im Alltag oft miteinander assoziiert werden“, stellt Wiesing fest. „Doch nur, weil eine Sache beide Beschreibungen zulässt, bedeutet das nicht, dass dasselbe gemeint ist.“ Weder gehört Luxus zu den klassischen Themen der Philosophie, noch lässt sich leicht beschreiben, was Luxus ist. Daraus ergeben sich Schwierigkeiten in der Definition. „Philosophie beschäftigt sich mit Begriffen, die man nicht empirisch definieren kann“, so Wiesing. „Luxus ist keine empirische Eigenschaft, die man messen, wiegen oder zählen kann, sondern ist an eine individuelle Erfahrung gebunden, die Menschen im Besitz von Dingen machen.“ Doch genau diese Eigenschaft der Erfahrung interessiert den Philosophen.
Nur in wenigen Minuten im Leben spürt der Mensch sein Menschsein
Um Luxus zu definieren, geht Wiesing zunächst auf den Begriff des Spiels ein, den Friedrich Schiller in seinen philosophischen Überlegungen in den Mittelpunkt rückte. Schiller ging davon aus, dass in der „Doppelnatur“ des Menschen Sinnliches (Triebe, Bedürfnisse) und Rationales (Vernunft) vereint seien. Der Mensch sei nur dann Mensch, wenn er diese Doppelnatur in einen bestimmten Zustand bringe. „Schiller meinte damit, dass Menschen nur in wenigen Momenten im Leben spüren beziehungsweise sich dessen gewahr werden, dass sie ein Mensch sind“, erläutert Wiesing. Diese Momente erlebe der Mensch Schiller zufolge dann, wenn er in einem Spielzustand ist, in dem Sinnlichkeit und Vernünftigkeit im Gleichgewicht sind.
Bei Schillers Ausführungen zum Spiel im Zusammenhang mit der eigenen anthropologischen Gewissheit setzen Wiesings Überlegungen zu Luxus an: „Ist in unserer Lebenswelt mit dem Primat der Praktikabilität und Effizienzsteigerung der Luxus nicht eine der Formen, in der sich das verwirklicht, was Schiller beschrieben hat, also jene Momente, in denen wir spüren, dass wir ein Mensch sind?“ Ein notwendiges Merkmal von Luxus sieht Wiesing darin, dass etwas „übertrieben“ ist. Aber nicht jeder übertriebene Aufwand ist Luxus: „Blümchentapeten, Ornamente oder karierte Hemden werden nicht als Luxus bezeichnet, weil sie nicht als Bruch mit unserer Vorstellung davon, wie man eigentlich leben sollte, wahrgenommen werden“, sagt Wiesing.
Luxuserfahrung als Bruch mit dem Zweckmäßigen
Bei Luxus geht es immer um Lebensformen: „Luxus – und das ist das philosophisch Spannende – bricht nicht mit Vorstellungen, wie ich leben sollte, sondern wie der Mensch leben sollte“, betont Wiesing. „Wenn man über eine mit Helikopter-Landeplatz und Swimmingpool ausgestattete 600-Quadratmeter-Wohnung mitten in Stuttgart sagt, sie sei blanker Luxus, will man damit zum Ausdruck bringen, dass dies ein Mensch nicht brauche.“ Wiesing sieht darin auch einen eindeutigen Unterschied zum Komfort: „Komfortable Autos etwa haben nichts mit Luxus zu tun, denn ‚komfortabel‘ bedeutet in diesem Zusammenhang eine zweckmäßige Ausstattung.“
Der Philosoph nahm noch eine weitere Differenzierung vor. Während Soziologen wie Max Weber oder Pierre Bourdieu Luxus als Prestigeobjekt interpretierten, unterscheidet Wiesing Luxus klar von jenem ostentativen Konsum, der etwas zur Schau stellen beziehungsweise mit dem Zur-Schau-Gestellten „protzen“ möchte und bei dem es um Statussymbole gehe. „Luxus bricht mit dem Diktat der Zweckmäßigkeit“, konstatiert er und schlägt damit wieder den Bogen zu Schiller. „Menschen sind Wesen, die zu sich Stellung nehmen können. Genau das macht das Gefühl aus, das ich dafür verantwortlich sehe, dass wir eine Luxuserfahrung machen“, so Wiesing weiter. „Stellung nehmen bedeutet in diesem Zusammenhang, etwas bewusst zu tun, von dem man selbst der Meinung ist, dass es eigentlich nicht richtig und dass es Verschwendung von Geld, Ressourcen, Arbeit, Material, Zeit und Kraft ist.“
Der Unterschied zwischen Schönheit und Luxus
Immanuel Kant sprach bei der Schönheit von einer Zweckmäßigkeit ohne Zweck: Ein schöner Gegenstand (zum Beispiel eine Blume oder ein Kunstwerk) erscheine zwar zweckmäßig, aber man könne dessen Zweck nicht genau angeben. Das Nachdenken über den Zweck erzeuge Kant zufolge ein Lustgefühl, welches die ästhetische Erfahrung der Schönheit ausmache. Wiesing nennt hierfür ein Beispiel: „Jemand, der eine ästhetische Erfahrung sucht, bewundert etwa das Muster eines handgeknüpften Teppichs, blendet aber den unmoralischen Aspekt aus, dass dieser möglicherweise in mühevoller Arbeit von Kindern hergestellt wurde.“
Bei der Luxuserfahrung hingegen verhält es sich umgekehrt, da sie ein Zweck ohne Zweckmäßigkeit ist: „Die Erfahrung von Luxus konstituiert sich, indem jemand zuerst nach einer Beurteilung fragt und dann zu dem Ergebnis kommt, dass er es trotzdem macht: Das Besitzen von etwas, das für einen Zweck gemacht ist, aber aufgrund eines übertriebenen Aufwands nicht zweckmäßig ist, lässt ein Subjekt infolge seiner eigenen Beurteilung erfahren, wie es ist, freiwillig einem rationalen Zweckmäßigkeitsdiktat nicht zu gehorchen und nicht der üblichen Erwartung zu folgen.“ Dieses „nicht mitmachen“ können nur Menschen, weil Menschen zu sich Stellung nehmen können. In Bezug auf das Beispiel des in Kinderarbeit handgeknüpften Teppichs bedeutet dies Folgendes: „Bei dieser Luxuserfahrung sieht man bewusst vom unmoralischen Aspekt ab. Es muss also Stellung bezogen werden.“
An Luxus und Schönheit interessierte Lebensweisen führen laut Wiesing in zwei ganz verschiedene Richtungen, wobei er zwei Typen unterscheidet: „Der Ästhet sucht möglichst viele Schönheitserfahrungen – zum Beispiel in Form von Reisen -, während der Enthusiast über die Dinge, mit denen er eine Luxuserfahrung macht, sehr genau Bescheid weiß. Der Enthusiast muss ein Urteil fällen, denn er weiß ja, dass die Sache übertrieben aufwendig ist.“
Kennerschaft als Indiz
„Ich möchte den Luxus weder loben noch tadeln“, resümiert Wiesing. „Aber ich möchte dazu anregen, in Bezug auf das Urteilen darüber, warum Menschen etwas tun, eine gewisse Vorsicht walten zu lassen. Es stellt sich immer wieder die Frage, ob derjenige, der ein ‚dickes Auto‘ fährt, damit protzen möchte, dessen Komfort schätzt oder – in Bezug auf die Luxuserfahrung – die besondere Konstruktion des Zwölfzylindermotors als eine Verweigerung der günstigsten und patentesten Lösung zu schätzen weiß. Die Kennerschaft ist das einzige Indiz – aber kein Beweis! -, das dafür spricht, dass jemand wirklich authentisch Luxuserfahrungen sucht.“
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