Ein Klick soll durch Deutschland gehen
So viel Selbstbewusstsein verblüfft. „Ich will Deutschland KI, also Künstliche Intelligenz, nahe bringen und unsere Zukunftsfähigkeit wiederherstellen“, eröffnet mir Katja Nettesheim, als ich die Digitalexpertin treffe. Ein Kick solle durch Deutschland gehen, wünscht sich die Gründerin des Beratungsunternehmens Culcha. Und um das zu erreichen, hat sie jetzt ein Buch voller Anleitungen für KI zusammen mit rund 50 weiteren Experten verfasst, das diese Tage in den Handel kommt. BtW: Ein Buchkapitel als Leseprobe soll auch hier im Management-Blog erscheinen.
Wenn sich die Männer im Vorfeld heimlich verabreden
Unter den Experten seien überraschend viele Frauen, erzählt Nettesheim. Die übrigens alle die Nase davon voll hätten, klein gehalten zu werden. Derzeit würden reihenweise Frauen aus den Führungsetagen der Unternehmen gekegelt, beobachtet die Berlinerin. Und sie, die in den vergangenen 14 Jahren selbst sechs Aufsichtsratsmandate hatte, plaudert aus dem Nähkästchen, wie die Methoden der Goold-old-boys-networks noch heute funktionieren – und Frauen ausgrenzen. Da verabreden zum Beispiel die männlichen Aufsichtsräte noch vor der eigentlichen Aufsichtsratssitzung untereinander, wie sie denn in der kommenden Sitzung abstimmen wollen. „Ich wurde nicht mal gefragt“, sagt sie.

Katja Nettesheim (Foto: Tödtmann)
Das Problem sei der unausgesprochene Verhaltenskodex in den Aufsichtsräten und Vorständen, den man den Frauen bei ihrem Onboarding nicht klar mache und sie schon gar nicht einbezieht, erzählt sie. Zum Beispiel dieser im Vorstand einer Großbank: Wenn eins der Mitglieder ein Projekt als „Herzensangelegenheit“ bezeichnete, stellte sich kein anderes mehr dagegen – es sei denn, es wollte Krieg. Mir jedenfalls wurde so ein Kodex nie kommuniziert, ich musste ihn erst schmerzhaft erspüren. Und das mehrmals, erzählt die Professorin für digitales Medienmanagement.
Die Erwartung: Die neue Frau im Aufsichtsrat wird schon zustimmen
In so manchem Aufsichtsrat herrsche zudem eine Konsens-Kultur, die die Männer auf weibliche Neuzugänge aber nur implizit übertragen. Nettersheim erklärt, was das bedeutet: Die Herren erwarten, dass die neue Aufsichtsrätin ihnen zustimmt, auch bei kritischen Entscheidungen. Und weil die Neue ja „nur“ eine Frau sei, gäben sich die Männer vorher keine Mühe, ihr Einverständnis sicherzustellen. Zum Beispiel indem sie sie vorher anriefen oder zur Seite nähmen, um das gewünschte Ergebnis zu verargumentieren.
Allein die Geste würde ja schon genug signalisieren, glaubt die Unternehmerin. Gemeinsame Taxifahrten vom Flughafen zum Sitzungsort wären dafür doch eine hervorragende Gelegenheit, meint sie. Stattdessen missbrauchten die Männer die Situation zum Angeben, Aufplustern, Unteram-Tätscheln und für ungefragte Abendessenseinladungen.
Der Ex-Kollege Hanno Berger als Grund, sich abzuwenden
Eigentlich hatte Nettersheim nach ihrem Jura-Studium andere Karrierevorstellungen. Sie wollte als Juristin eine Top-Anwaltskarriere einschlagen. Das war vor 23 Jahren. Da arbeitete sie bei Shearman & Sterling, der renommierten US-Wirtschaftskanzlei, die schon vor knapp 150 Jahren in New York gegründet wurde. Wer damals auch dort arbeite und dann 2004 zur Law Firm Dewey & LeBoeuf wechselte, sollte viele Jahre später vor Gericht landen und zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt werden: Hanno Berger, der als Vater der Cum-Ex-Geschäfte gilt und damit 113 Millionen Euro Steuern hinterzogen haben soll. Er war es mit seinen obskuren Steuerdeals, weshalb Nettersheim nach zwei Jahre die Kanzlei verließ – und aus Enttäuschung auch gleich die ganze Anwaltszunft.

(Foto: C.Tödtmann)
„Das kann nicht richtig sein, dachte ich in der ganzen Zeit über diese Strukturen“, erzählt Nettesheim bei einem Ingwertee. Und erst recht nicht, dass diese selbst Jahrzehnte später weiter laufen. Nach Statements der Ex-Staatsanwältin Anne Brorhilker findet das alles sogar noch heute statt. In Varianten.
Die Welt der Großkanzleien mit dem dort vorherrschenden Wertesystem waren so abschreckend für Nettesheim, dass sie auch später nie mehr dort arbeiten wollte, erzählt sie. Wenngleich ihr das Jurisprudenz-Wissen immer wieder und besonders bei ihren Aufsichtsratsposten half. Stattdessen wurde sie lieber erst mal Consultant bei der Unternehmensberatung BCG, wurde später Professorin für Digitale Transformation und gründete ihre erste eigene Digital-Beratung mit dem Namen Mediate.
Ob denn KI, das Herzensthema der heutigen Culcha-Chefin, die Cum-Ex-Straftaten hätten verhindern können, will ich wissen. Ja, meint die Berlinerin, durch Datenabgleich. Weil eben die Intransparenz den Cum-Ex-Deals half und die hätte die KI beseitigen können.
Copyright: @Claudia Tödtmann. Alle Rechte vorbehalten.
Möchten Sie einen Blog-Beitrag nutzen, um nicht von Links abhängig zu sein? Kontakt für Nutzungsrechte, um Inhalte dauerhaft zu sichern: claudia.toedtmann@wiwo.de
Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia Tödtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung.
Um den Lesefluss nicht zu behindern, wird in Management-Blog-Texten nur die männliche Form genannt, aber immer sind die weibliche und andere Formen gleichermaßen mit gemeint.



Ein sehr spannender Beitrag! Besonders für mich als Frau in einer Führungsposition und einem typischen „Männerumfeld“.
Danke!