Whistleblower-Hotlines: Allianz, Adidas und Rheinmetall haben die besten Hinweisgeber-Quoten – die Unternehmen kennen ihre eigenen Belegschaften schlecht

WHISTLEBLOWER

Viel zu wenig Meldungen für die Unternehmen

Im internationalen Vergleich liegen die Ergebnisse der Hinweisgebersysteme der deutsche Arbeitgeber ganz weit hinten. Welche Konzerne ein bisschen Erfolg haben und was Unternehmen tun können

Die deutschen Unternehmen kennen ihre eigenen Belegschaften schlecht. Riesengroß war die Angst in den Stellungnahmen von den Unternehmerverbänden wie dem BDI und Unternehmen im jahrelangen Streit um das Hinweisgeberschutzgesetz: Die Mitarbeiter würden sie überschwemmen mit Hinweisen, berechtigten wie unberechtigten. Mit falschen Beschuldigungen und Nörgeleien übers Kantinenessen.

Seit vergangenem Juli müssen die Unternehmen in Deutschland ein Hinweissystem für Whistleblower haben. Wer kein Meldesystem einrichtet, obwohl er als Arbeitgeber dazu verpflichtet ist und mindestens 50 Mitarbeiter hat, begeht eine Ordnungswidrigkeit und riskiert ein Bußgeld.

Jahrelang hatte die deutsche Regierung versucht, sich gegen die Pflicht zur Einführung von Whistleblower-Hotlines zu wehren und die EU-Vorgaben zum Schutz von Whistleblowern umzusetzen. Die EU hatte die Unternehmen hierzu 2019 verpflichtet. Die Verzögerungen und Störfeuer im Gesetzgebungsverfahren dauerten schließlich so lange, dass die EU im vergangenen Oktober 35 Millionen Euro Strafe verhängte, als das deutsche Gesetz zum Schutz der Hinweisgeber zwei Jahre überfällig wurde. Das Gesetz trat im Juli 2023 in Kraft.

„Unternehmenslenker möchten keine Belegschaft, die sich gegenseitig verpfeift“

Doch die große Welle von Meldungen blieb aus. Die Zahl der Hinweise an die Whistleblowerhotlines in Deutschland sind niedrig – und im internationalen Vergleich sogar extrem niedrig. Das belegt die Auswertungen der Geschäftsberichte der Dax40-Unternehmen für das Geschäftsjahr 2022/23 von Compliance-Anwalt Michael Wiedmann für die WirtschaftsWoche. (Siehe Tabelle unten)

Michael Wiedmann (Foto: Privat)

VW brachte es mit 3073 auf die meisten Hinweise, Adidas folgte mit 521 und BASF mit 453. Fresenius kam auf 375, Bayer auf 372 und Siemens auf 363. Am unteren Ende stehen BMW mit acht, Symrise mit 24 und Vonovia mit 45 Whistleblowermeldungen. 22 der 40 Dax-Unternehmen machten überhaupt keine Angaben zu ihren eingegangenen Meldungen im Kampf gegen Missstände und Gesetzesverstöße im Unternehmen. Darunter etwa SAP, Henkel, Porsche oder RWE.

Vergleichbar werden diese Meldungen aber erst, wenn sie in Bezug gesetzt werden zur jeweiligen Mitarbeiterzahl, konkret wie viele Meldungen je 1.000 Mitarbeiter erfolgten. Dann nämlich steht die Münchner Rückversicherung mit knapp elf Meldungen je tausend Mitarbeiter auf Platz eins. Ihr folgen Adidas mit knapp neun auf Platz zwei, Rheinmetall auf Rang drei mit fast sieben und Heidelberg Materials mit knapp fünf ebenso wie VW. Nach dieser Wertung landet der Autobauer dann nur noch auf dem fünften Platz. Schlusslichter sind Allianz, BMWDaimler Truck, Telekom und Mercedes-Benz, die alle weniger als eine einzige Meldung je 1.000 Mitarbeiter erhielten.

 

Deutschland weltweit ganz weit hinten

„Kümmerlich sind diese Zahlen vor allem im weltweiten Vergleich“, analysiert Karin Holloch, Compliance-Anwältin und bei Transparency International. Südamerika kam 2020 auf einen Durchschnitt von 22 Meldungen, Nordamerika auf 15, Asien-Pazifik auf sieben und Europa auf fünf pro tausend Mitarbeiter, so das Ergebnis des Whistleblowing-Hotline Benchmark Reports des Compliance-Softwaredienstleisters Navex. Nach der deutschen Rechtsprechung sind spätestens seit 2013 die Unternehmen verpflichtet, eine Compliance-Organisation vorzuweisen – und dazu gehören Meldesysteme. „Von den niedrigen Meldezahlen hierzulande auf geringe Kriminalitätsquoten und die Integrität des Unternehmens zu schließen, ist nur Wunschdenken“, weiß Transparency-Expertin Holloch.

 

Nur die großen Konzerne hatten Whistleblower-Hotlines ohnehin schon in den vergangenen zehn Jahren eingeführt. Doch eher zum Schutz ihrer Top-Manager gegen mögliche Vorwürfe von Compliance-Verstößen wie es Siemens-Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger geschah. Ihn verurteilten Richter zu 15 Millionen Euro Schadenersatzzahlung an Siemens, weil er Schmiergeldzahlungen nicht verhindert und auch kein Hinweisgebersystem installiert hatte. Jahrelang hatte aber die Politik dennoch versucht, sich gegen die Pflicht zur Einführung von Whistleblower-Hotlines zu wehren und die EU-Vorgaben zum Schutz von Whistleblowern umzusetzen. Die EU hatte die Unternehmen hierzu 2019 verpflichtet. Die Verzögerungen und Störfeuer im Gesetzgebungsverfahren dauerten schließlich so lange, dass die EU im vergangenen Oktober 35 Millionen Euro Strafe verhängte, als das deutsche Gesetz zum Schutz der Hinweisgeber zwei Jahre überfällig wurde. Das Gesetz trat inzwischen im Juli 2023 in Kraft.

Angstfrei und angemessen schnell

Allein die Zahl der Meldungen macht natürlich kein gutes Meldesystem aus, räumt Holloch ein. „Wichtig ist, dass die Mitarbeiter es angstfrei nutzen, die Rechte aller Beteiligten beachtet werden und die Meldungen in angemessener Zeit mit angemessenen Maßnahmen aufgeklärt werden.“ Helfen würde da mehr Kommunikation der Unternehmen, wie eine Umfrage des Softwareunternehmens Rexx Systems erst im Dezember zeigte: Nur jeder dritte Arbeitnehmer kennt demnach das Hinweisgeberschutzgesetz. Nur jeder Fünfte weiß, welche Maßnahmen sein Arbeitgeber getroffen hat. Dabei geben drei Viertel der Mitarbeiter an, schon einmal berufliche Missstände erlebt zu haben, die sie gerne gemeldet hätten.

 

Aus Angst vor dem eigenen Arbeitgeber zur Behörde gehen

Trauen sich Mitarbeiter jedoch aus Angst vor Repressalien nicht, im eigenen Unternehmen auf solche Probleme hinzuweisen, weichen sie oft auf Behörden aus. So vermeldete das Bundesamt für Justiz erst kürzlich, dass es seit Juli 2023 immerhin 309 Hinweise über seine Whistleblowing-Meldestelle für Hinweisgeber von außen erhalten habe – davon 122 anonym. „Treten erst einmal Polizei und Staatsanwalt auf den Plan, stellen eigene Ermittlungen an und durchsuchen womöglich, haben Unternehmen nicht mehr die Gelegenheit, erst mal selbst die Faktenlage zu klären“, warnt Holloch.

 

Belohnung für Hinweisgeber

Bei vielen Unternehmen ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen, so der Essener Anwalt Wiedmann: „Etliche Unternehmen haben noch nicht verinnerlicht, dass Hinweisgeber keine Nestbeschmutzer sind, in die man keine Zeit investieren soll.“ Die Großkanzlei Noerr rät Unternehmen deshalb, Whistleblower zu belohnen. Wiedmann empfiehlt ihnen zudem, auch unternehmensintern über Erfolge der Hinweisgebersysteme zu berichten.

Drei der Dax40-Konzerne veröffentlichten immerhin die Konsequenzen, die sie aus den Meldungen gezogen haben: BASF kündigte 34 Mitarbeitern nach berechtigten Hinweisen auf Fehlverhalten, Siemens Energy 110 und Siemens 74 Leute.

Whistleblower-Hinweise bei den DAX-Unternehmen* für 2022/23 Hinweise je 1.000 Mitarbeiter 2022 Hinweise je 1.000 Mitarbeiter 2021 Entlassungen 2022 Entlassungen 2021 Vorstand/Aufsichtsrat involviert 2022 Mitarbeiter 2022 Mitarbeiter 2021
Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft AG 11 17 41.389 39.281
Adidas 9 8 59.258 61.401
Rheinmetall 7 25.486
Heidelberg Materials 5 5 50.780 51.209
Volkswagen 5 5 675.805 672.789
Porsche 4 39.162
BASF 4 2 34 32 1 111.481 111.047
Bayer 4 3 101.369 99.637
Infineon 3 1 56.194 50.280
Vonovia 3 2 1 15.915 15.871
Airbus[12] 2 0 134.267 126.495
Symrise 2 1 1 12.043 11.276
E.on 2 2 69.378 72.169
Siemens Healthineers 2 2 69.500 66.000
Siemens Energy 1 110 18 91.000
Merck 1 1 64.242 60.348
Fresenius 1 7 316.920 316.078
Siemens 1 1 74 49 311.000 293.000
Mercedes-Benz Group 0 0 1 168.800 172.425
Deutsche Telekom 0 0 211.000 216.500
Daimler Truck Holding 0 0 1 105.000 100.000
BMW 0 0 149.475 118.909
Allianz 0 0 1 159.253 155.411
Beiersdorf 0 21.401 20.567
Brenntag 0 1 1 17.540 17.200
Continental 0 199.038 190.875
Covestro 0 17.985 17.909
Deutsche Bank 0 84.930 82.969
Deutsche Börse 0 11.078 10.200
Deutsche Post 0 1 600.278 592.263
Hannover Rück 0 3.500 3.346
Henkel 0 29 27 1 51.200 52.700
MTU Aero Engines 0 1 11.273 10.508
Porsche Automobil Holding 0 38 882
Qiagen 0 6.200 6.028
RWE 0 1 18.310 18.246
SAP 0 111.000 107.415
Sartorius 0 0 1 15.900 13.832
Zalando 0 0 16.999 17.043
Commerzbank 0 37.582
Summe 2 247 126 13 4.225.387 4.009.691
Quelle: Michael Wiedmann/WiWo 2023
Finanzdienstleister, bis auf MunichRe, veröffentlichen die Banken und Versicherungen sehr wenig, obgleich sie die am längsten regulierte Branche sind und seit Jahren verpflichtet sind,
Hinweisgebersysteme zu betreiben, vgl. § 25a Abs. S. 4 Nr. 3 KWG, § 23 Abs. 6 VAG.
BMW berichtet nur über Hinweise zu möglichen Verstößen in der Lieferkette.
Daimler Truck ist nicht spezifisch im Hinblick auf Entlassung, aber es dürfte sie gegeben haben: Im Berichtsjahr 2022 wurden insgesamt 15 Fälle als »zutreffend/geschlossen (teilweise) mit Verdienst« geschlossen.
Bei diesen15 Fällen bestätigte sich ein konkreter Anfangsverdacht. Davon gehörten drei Fälle in die Kategorie »Diebstahl (über100.000 Euro)«, 9 Fälle in die Kategorie »Schaden (über100.000 Euro)« und drei Fälle in  die Kategorie »schwere Fälle von sexueller Belästigung«. Das Unternehmen entscheidet hier unter den Gesichtspunkten der Verhältnismäßigkeit und Fairness über entsprechende Maßnahmen. Zu den Personalmaßnahmen gehörten im Berichtsjahr außerordentliche Kündigungen, Abmahnungen und Ermahnungen mit Reduzierung der variablen Vergütung, Suspendierungen sowie eine Eigenkündigung (GB, S. 71).
E.on hat in 2021 nur 2 Hinweise zu Menschenrechten gemeldet; in 2022 gab es eine detaillierte Aufschlüsselung mit den entsprechenden Zahlen für 2021.
Fresenius Medical Care an der Spitze der Entlassungen und Nr. 2 der veröffentlichten Meldungen in 2021  ist nicht mehr im DAX.
Fresenius zählt nicht mehr die Verstöße von FMC.
Heidelberg Materials hat für alle begründeten Fälle  Maßnahmen ergriffen, die von der Ursachenanalyse, der Änderung von Richtlinien und Prozessen über Kommunikation und Schulungen bis hin zu disziplinarischen Maßnahmen (wie schriftliche Abmahnung und Kündigung) reichen.
Mercedes Benz, zu den Personalmaßnahmen im Jahr 2022 gehörten u. a. Ermahnungen, Abmahnungen sowie außerordentliche Kündigungen.
Siemens, Die Gesamtzahl der Disziplinarmaßnahmen für Compliance-Verstöße im Geschäftsjahr 2022 belief sich auf 212.
Siemens Energy, Die Gesamtzahl der Disziplinarmaßnahmen für Compliance-Verstöße im Geschäftsjahr 2022 belief sich auf 188. Siemens Energy ist in der Nachhaltigkeitsberichterstattung der Siemens AG nicht enthalten.
Siemens Healthineers, the total number of disciplinary actions for compliance violations in the same timeframe was 53; keine Angaben zu Entlassungen.
VW macht wie im Vorjahr keine konkreten Angaben zu Entlassungen im Zusammenhang mit Compliance-Verstößen; interessanterweise zählt VW Verstöße aus dem Beschwerdemanagement  für das separat (145 in 2022); 4 Lieferanten wurden wegen schweren Verstößen vorübergehend für neue Vergaben blockiert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright: @Claudia Tödtmann. Alle Rechte vorbehalten. 

Kontakt für Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de

Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia Tödtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung.

Um den Lesefluss nicht zu behindern, wird in Management-Blog-Texten nur die männliche Form genannt, aber immer sind die weibliche und andere Formen gleichermaßen mit gemeint.

 

 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*