Wenn Otto Normalverbraucher zur unerwünschten Person erklärt wird – Gastbeitrag von Frank Dopheide

Eigentlich soll´s um die Freude am Unterschied gehen – tut es aber gar nicht, sagt Frank Dopheide, Gründer der Beratungsagentur Human Unlimited und Werbeexperte

Es lebe der Unterschied. Es hat zwar gedauert, doch nun hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Unterschied einen Unterschied macht. Selbst McKinsey hat uns vorgerechnet, die Unternehmensergebnisse sind um 21 Prozent besser, wenn die Herausforderungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und gelöst werden.

 

Frank Dopheide (Foto: C.Tödtmann)

Ein Blick in der Werbeblock zeigt, ja – die Botschaft ist angekommen

Kein Werbespot, der nicht das bunte Allerlei an Hautfarben, Kulturen, sexueller Gesinnungen, Alter und Vorlieben inszeniert. Die gebündelte Vielfalt kommt in den Werbetopf und zum kommunikativen Einheitsbrei verrührt. Kunterbunte Bilderwelten, die alles zeigen und nichts sagen. Und darum auch nichts bewegen. Weder die Belegschaft noch die Käufergruppe fühlen sich angesprochen.

Wenn Otto Normalverbraucher zur unerwünschten Person erklärt wird

Im Gegenteil, Otto Normalverbraucher und Mara Mustermann werden zur unerwünschten Person erklärt und dürfen nur noch in Ausnahmefällen aufs Foto. Vielfalt minus eins, sozusagen.

Doch die Botschaft ist zu groß, um hier kleinlich zu werden.

Ein weltoffenes Unternehmen muss auch so aussehen, denkt sich die Kommunikationsabteilung.

 

Vielfalt als Oberflächenpolitur und Glanzverstärker

Die Herausforderung für die Unternehmen dringt jedoch tiefer – bis ins Nervensystem. Und hier liegt das Problem: Diversity ist in Meetingkultur, Zielvorgaben und Projektabläufen nicht vorgesehen.

Im täglichen Miteinander geht es darum die Effizienz zu steigern und den Takt zu erhöhen. Mit der Masse zu schwimmen ist energiesparender als gegen den Strom. Das Nicken im Meeting ist einfach, das NEIN macht es mühsam. Probiert es mal aus. Die unterschiedliche Perspektive kostet Zeit und Nerven. Das nervt.

Die andere Sicht streut Sand ins Getriebe. Es knirscht. Für sowas ist der unternehmerische Alltag nicht gebaut. Der Unternehmensmotor läuft gut geschmiert auf Optimierung. Analysieren, justieren. Auf die naheliegende Lösung können sich alle schnell einigen. Es geht voran.

Gedanken- und Innovationssprünge entstehen so allerdings nicht. Diversity funktioniert anders. Sie findet nicht die schnelle Antwort, sondern die alles entscheidende Frage

Darum geht es: die Freude am Unterschied

Sie muss aktiviert und zelebriert werden. Im Großen, im Kleinen und ganz Kleinen. Manchmal reicht schon eine Brille. Eines der erfolgreichsten Familienunternehmen des Landes hat sie ritualisiert. Die Kundenbrille. Nicht als theoretisches Modell, sondern als echtes Objekt im Konferenzraum. Ein Teammitglied setzt sie freiwillig auf, schlüpft in die Rolle und lässt den Gedanken freien Lauf. Das spielerische Element ist Gold wert – unausprechliche Dinge kommen locker auf den Tisch.

Das Kassengestell wirkt Wunder

Die Brille lockt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus ihrem Schneckenhaus und alles ist anders: die Energie im Raum, die Diskussion, die Tonalität und die Erkenntnisse. So banal, so eindrucksvoll. Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, würde ich es nicht glauben. Mitarbeitende wissen mehr, als man so denkt. Sie brauchen den Spielraum es auch zu sagen. Diversity ist nicht nur eine Frage der Genetik, sondern auch der spielerischen Möglichkeiten.

Das unterhaltsame Element befreit Unternehmen aus der Denkfalle. Alle Probleme unserer Zeit werden logisch und technologisch gelöst. Ein Navigationssystem, dass nur eine Route kennt. Die Schnellste. Weil aber jeder auf dieser Route unterwegs ist, kommen wir trotzdem kaum voran.

Die Freude am Unterschied öffnet neue Wege und den Sprung über die Leitplanke

Setze der technologischen Lösung zum Spaß mal die rein menschliche gegenüber. Die Psychologie kennt Wege, die unerklärlich sind. Ein Smiley auf dem Kassenbon im Cafe gegenüber bringt der Bedienung dreißig Prozent mehr Trinkgeld. Unlogisch, aber gehaltssteigernd. Oder wer von uns hätte gedacht, dass die Welt sehnsuchtsvoll auf einen Design-Staubsauger zum Preis von tausend Euro wartet? Dyson denkt anders. Mit Erfolg. Wer denkt sich in Ihrem Unternehmen sowas eigentlich aus? Das ist Diversity.

Viele Wege führen zum Erfolg, doch die Karriereleitern sind eindimensional

Alle Unternehmen ringen seit Jahrzehnten um dieselben High Potentials, an denselben Unis und denselben Studiengängen. Jetzt ist ein guter Moment Wildcards zu rekrutieren. Talente, außerhalb ihres Suchrasters, die haben, was ihrem Unternehmen fehlt. Es wird knirschen. Aber es lohnt sich. Auch in deinem Team.

Die Freude am Unterschied, sie wird auch deinen Controllern viel Freude machen. Fragt McKinsey

 

 

 

 

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