Auf eine Tasse Kaffee bei Ergo-Vorständin Ursula Deschka, die von der österreichischen Fehlerkultur schwärmt – die mehr Ruhe und Selbstvertrauen gibt

Ihre neue Heimat Düsseldorf erkundet Ursula Deschka mit dem E-Roller, seit sie zum Jahresbeginn hierher gezogen ist. Ihre ersten zwei Rollerfahrten waren kippelig, aber jetzt geht´s super, erzählt sie, als ich sie in ihrem Vorstandsbüro beim Versicherungskonzern Ergo mit dem Super-Rheinblick besuche.

 

Deschka ist Vorstand Gesundheit bei Ergo Deutschland, ist Vorstandschefin der Ergo Krankenversicherung und Vorstand bei der DKV Krankenversicherung und der Ergo Direkt. Nach ihrem Studium in Wien war sie in München bei der Bayerischen Vereinsbank gestartet, arbeitete sich danach bei der Allianz 14 Jahre lang auf der Karriereleiter noch oben, um vor drei Jahren als Vorstand bei der Ergo Direkt einzusteigen. Seit Januar 2020 ist sie nun in der Rheinprovinz – und mag es, sagt sie.

 

Ursula Deschka (Foto: C.Toedtmann)

 

Dass die Österreicher – außer den Amerikanern und den Franzosen -, diejenigen seien, die ihr Land immer für das weltbeste halten, erzählt Deschka mir lachend. Allein schon die österreichische Küche und die herrlichen Landschaften mit den Bergen und Seen machen das gut nachvollziehbar. Und wir schwärmen um die Wette von Wiener Schnitzeln, Buchteln, Palatschinken, Frittatensuppen und Marillenknödeln.

 

Schnell kommen wir auf das Thema Frauen und Karriere zu sprechen. In Linz in Oberösterreich, wo Deschka aufwuchs, war ihre Mutter von klein auf ihr Vorbild. Als hauptberufliche Klavierlehrerin gab sie am Wochenende Konzerte und unterrichtete ihre Schüler bis in die Abendstunden. Dann musste immer mein Vater ran und für die Familie kochen, wenn er – ein Beamter – vom Dienst nach Hause kam, erinnert sie sich. Solche berufstätigen Mütter als Vorbild sind für junge Frauen im Beruf wertvoll.

 

Wie Frauen auf andere Frauen zuweilen reagieren

Wie unterschiedlich beispielsweise die Reaktion auf Karrierefrauen oder eben auf weniger berufstätigen Frauen ausfallen, hat Deschka am eigenen Leib erfahren. Als sie zwischen zwei Ergo-Jobs sechs Monate Zeit für sich hatte. An zwei Tage die Woche arbeitete sie dann bei der Caritas als Kindergärtnerin. Das hatte sie sich immer schon mal gewünscht, die freien Monate kamen ihr gerade recht. Dort stellte sich Deschka dann aber nicht als Ergo-Managerin, sondern als „Kindergärtnerin in Teilzeit“ vor – und erlebte eine Überraschung: Die anderen Frauen reagierten auf sie plötzlich viel herzlicher und offener als sonst. Wenn sie sich mit ihrer Ergo-Position vorstellte. Männer dagegen trugen ihr gegenüber eher mal die Nase hoch, als sie sie für eine Kindergärtnerin hielten.

Doch kaum erfahren Männer zum Beispiel auf dem Golfplatz erst irgendwann mal im Verlaufe des Spiels, welchen Beruf Deschka hat, legen sie ruckzuck den Schalter um und bringen der Österreicherin von einer Sekunde zur anderen plötzlich ganz ganz viel Interesse entgegen, berichtet sie.

Doch eigentlich möchte sie nicht mit ihrem Beruf renommieren, sagt sie. Akademische Titel gehören in Österreich nämlich als Namensbestandteil in den Personalausweis, erklärt sie. „Aber ich hab´s geschafft, dass mein Magister-Studienabschluss nicht in meinen Ausweis kam“, erzählt sie, und dass sie darauf stolz sei.

 

 

Damen-Programm Torten-Backen

Umso ärgerlicher fand sie denn auch das Verhalten ihres Branchenkollegen bei einer Tagung, bei der die Ehepartner mit eingeladen waren: Tagsüber gab´s Vorträge für die Professionals, abends gemeinsames, geselliges  Programm. Als sich nach der Ankunft die Wege der Paare trennten und den mitgebrachten Ehefrauen ein Unterhaltungsprogramm wie Torten-Backen geboten wurde, wollte der Kollege sie  zusammen mit den Ehefrauen dorthin schicken: „Wollen Sie nicht mitgehen, Frau Deschka?“, hatte er sie leutselig gefragt – und meinte es sicher auch nicht böse. Doch nein, Frau Deschka wollte nicht – und blieb bei den Vorträgen.

 

Davon geht die Welt nicht unter

Ob österreichische Frauen denn eine andere Haltung, ein anderes Selbstverständnis  haben als Frauen in Deutschland? Der Österreicher an sich sei weniger perfektionistisch, „legerer“, sagt sie. Das dürfte im Alltag öfter helfen.

Die Fehlerkultur der Österreicher gefällt Deschka gut, die Grundhaltung sei: „Es kann schon mal etwas passieren.“ Davon geht die Welt nicht unter. Das gebe dann eben auch Frauen mehr Ruhe und Selbstvertrauen.

In dem Moment fühlte ich mich erinnert an einen Vortrag von dem Chefredakteurs Markus Peichl und Gründer des Kult-Magazins „Tempo“ an der Henri-Nannen-Schule, der ebenfalls aus Österreich kommt. Er verblüffte ausgerechnet die angehenden Journalisten mit der Erkenntnis, dass Österreicher nicht alles so bierernst nehmen wie die Deutschen – auch nicht das, was sie in der Zeitung im Kaffeehaus lesen.

 

Die Arbeitsbienen, die sich verzetteln und hoffen, nicht übersehen zu werden

Frauen neigen dagegen hierzulande dazu, alles perfekt machen zu wollen und das sei am Ende ein Hemmschuh. Sie verzetteln sich, geben die fleißige Arbeitsbiene und hoffen, bei der nächsten Beförderungsrunde nicht übersehen und für ihren Einsatz belohnt zu werden.

 

Mehr noch, da zweifeln selbst Frauen an sich, die in allem top sind und schon auf der Karriereleiter hockraxeln: So erzählt Deschka von einer Mentee, einer jungen Frau, die sie als Mentorin betreut: „Eine hochtalentierte, geborene Führungskraft, die Personalprobleme gar nicht kennt, die wollte noch gar nicht befördert werden“, wundert sie sich. Warum: „Ich habe doch noch so viel zu lernen“, hatte die junge Frau abgewehrt. Doch da war Deschka anderer Meinung – und setzte sich durch. Und siehe da, es funktionierte. Schließlich kommen auch Männer manchmal recht früh auf die nächste Stufe der Karriereleiter.

 

 

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Cooler Artikel ; er zeugt von einer ausgesprochenen Bodenständigkeit von Ursula Deschka ohne jegliche Starallüren. Bravo.