Reykjavik Global Forum 2020: Gleichberechtigung ist für Ältere selbstverständlicher als für Jüngere

Jedes Jahr findet in Island – da, wo die Gleichberechtigung der Frauen am weitesten ist – das Reykjavik Global Forum statt. Eine Art WEF Davos der Frauen. Vor wenigen Tagen war es wieder soweit, veröffentlich wurde dabei auch wieder der Reykjavik-Index-for-Leadership-Report, der die Wahrnehmung der Bevölkerung dieses Themas abfragt. Das Ergebnis: In puncto Einstellung zur Gleichberechtigung hat die Gesellschaft keine Fortschritte gemacht . Auch nicht angesichts der schwerwiegenden Auswirkungen von Covid-19.

Heraus kam zudem erstaunlicherweise, dass Ältere etwas fortschrittlichere Ansichten vertreten als Jüngere. „Ob und wie Frauen jedoch in der Realität gleichgestellt sind, hängt von vielen Faktoren ab“, sagt Politikforscherin Sophia Schmid vom Marktforschungsinstitut Kantar Public Germany. Denn: Der Index sagt nichts über die tatsächliche Gleichstellung von Männern und Frauen, da er nur Einstellungen in der Bevölkerung über eine ausgeglichenen Verteilung von Führungspositionen misst. 

Sophia Schmidt (Foto: Privat)

Was der Index noch zeigt: Dass die Differenz zwischen jungen Männern und jungen Frauen am größten ist. „Junge Männer haben also eine deutlich niedrigere Index-Punktzahl als junge Frauen und glauben somit eher als diese, dass Frauen und Männer nicht gleich gut für Führungspositionen geeignet sind“, so Schmidt.

 

Zwar sagt der Index nichts über die Hindernisse für Frauen in verschiedenen Branchen oder über die tatsächliche Beteiligung von Frauen in den Führungspositionen in diesen Branchen aus. „Aber er zeigt, für welche Branchen die deutsche Bevölkerung eher glaubt, dass Männer und Frauen gleich gut für Führungspositionen geeignet sind.“

 

Mehr Vorurteile in Autobranche, Verteidigung, Polizei und Maschinenbau

Der Index unterscheidet denn auch nach Bereichen wie Medien, Unterhaltung,  Naturwissenschaften oder Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft (siehe Tabellen ganz unten). Zum Beispiel: In Branchen wie Automobilherstellung, Verteidigung und Polizei oder Maschinenbau/Ingenieurwesen glauben weniger Leute, dass Männer und Frauen gleich gut für Führungspositionen geeignet sind. Schmidt: „Das weist darauf hin, dass die Bevölkerung für diese Branchen stärkere Vorurteile gegen die Beteiligung von Frauen in höheren Positionen hat.“

Doch nicht in allen Nationen herrschen dieselben Vorurteile. Schmidt: „Der Reykjavik Index ist für Deutschland niedriger als für Frankreich und England. Das zeigt, dass in Deutschland größere Vorbehalte gegenüber der gleichen Beteiligung von Frauen und Männern an Führungspositionen bestehen.“ Ob es in diesen Ländern wirklich leichter für Frauen ist, aufzusteigen, verrät der Index nicht. Dafür sind viel mehr Faktoren wie Fördermaßnahmen, transparente und objektive Rekrutierungsprozesse oder für Eltern gute Kinderbetreuungssysteme wichtig.

Die Folgen dieser Vorurteile sind enorm: Laut Schmidt würden Frauen mit Kindern deshalb von vornherein seltener Bewerbungsgesprächen eingeladen und verdienen weniger als kinderlose Frauen.

Zur Methode des Reykjavik Index for Leadership: „Er analysiert, inwieweit sich die Gesellschaft mit Frauen in Führungspositionen im Vergleich zu Männern wohlfühlt. Eine Punktzahl von 100 bedeutet eine völlige Übereinstimmung damit, dass Männer und Frauen gleichermaßen für Führungspositionen geeignet sind. Jede Punktzahl unter 100 deutet dagegen auf Vorurteile hin.“

 

Kernpunkte der Untersuchung:

  • Großbritannien und Kanada haben mit 81 Punkten die fortschrittlichsten Ansichten unter den G7-Ländern.
  • Deutschland rutsch ab auf den letzten Platz, wo zuvor Italien stand.
  • Britische Frauen sind am zuversichtlichsten, dass sie sich für eine Führungsrolle eignen. Französische, deutsche und amerikanische Frauen zeigen sich seit 2019 in diesem Punkt weniger überzeugt.
  • Medien und Unterhaltung (81), Naturwissenschaften (81), Wirtschaft und Politikwissenschaft (81) sowie Banken und Finanzen (80) sind die Bereiche mit den höchsten durchschnittlichen G7-Indexwerten.

 

Ländervergleich

2020​ 2019​ 2018​ Veränderung 2019 gegenüber 2020
Großbritannien 81​ 73​ 77​ +8​
Kanada 81​ 77​ 76​ +3​
USA 76​ 75​ 76​ +1​
Frankreich 74​ 77​ 76​ -3​
G7-Durchschnitt 73​ 73​ 72​ +1​
Italien 68​ 68​ 63​ 0​
Japan 68​ 70​ 67​ -3​
Deutschland 66​ 69​ 66​ -2​

Reykjavik Index for Leadership 2020

 

Die Wahrnehmung der Eignung nach 23 Wirtschaftssektoren

Überraschend im Index laut Schmidt: Der Gesundheitssektor, wo 75 Prozent der Beschäftigten Frauen sind, steht mit 71 Punkten auf Platz 18 – hinter anderen Sektoren, die traditionell von Männern geführt werden, wie das Justizwesen (79), die High-Tech- und KI-Branche (78) oder Luft- und Raumfahrt sowie Maschinenbau (beide 72).

Und weiter: Obwohl Medien und Unterhaltung (81), Naturwissenschaften (81) sowie Bank- und Finanzwesen (80) als die Branchen gelten, die sich am besten für männliche und weibliche Führungskräfte eignen, gibt es weiterhin Barrieren für Frauen: Nur zwei Prozent der Banken-CEOs sind Frauen und haben nur 20 Prozent der Aufsichtsratssitze in Banken und Aufsichtsbehörden.

 

 

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