Wissenschaftler verwirren und in den Medien fehlen wertvolle Erklärstücke, moniert GPRA-Chairman Uwe Kohrs

Kommunikativer Kontrollverlust in Coronazeiten: Das Vermitteln von Wissenschaft braucht Regeln und Professionalität, findet Uwe Kohrs, Chairman des Kommunikationsverbands GPRA und Chef der Agentur Impact. Ein Gastbeitrag.

Uwe Kohrs, Chairman des Kommunikationsverbands GPRA (Foto: GPRA)

 

Ratlosigkeit, Frust, Wut und Durchhalteparolen – verwirrende Meinungen

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt unerbittlich weiter. Das öffentliche Meinungsbild changiert deutlich zwischen Ratlosigkeit, Frust, Wut und Durchhalteparolen. Im Mittelpunkt dabei die illustre Runde der Experten und Politiker, die sich bemühen, den Informationshunger der Öffentlichkeit zu befriedigen. Dabei ist das Ergebnis oft eine Kakophonie von Meinungen, die mehr verwirrt als orientiert.

 

Bestes Beispiel: Die Diskussion zu Sinn oder Unsinn des Maskentragens, bei der die meisten Experten seit Beginn der Pandemie eine echte Überzeugungs-Metamorphose hingelegt haben. Erst dagegen, heute dafür, Argumentation schwach.

 

Jetzt gilt selbst leise Kritik an der Maskenpflicht bei den Experten als Blasphemie mit Empörungspotenzial. An der Maskenfrage und der Diskussion über die Schwellenwerte wird denn auch das ganze Dilemma der Wissenschaftskommunikation und der Vermittlungsrolle von Medien klar: Das gesamte Thema wird immer komplexer, die Aufgabe für Journalisten dem werten Publikum verständliche Antworten zu geben, immer schwieriger.

 

Redaktionen ohne Ressourcen: Durchlauferhitzer für Narrative von Anderen

Und als wäre das noch nicht genug: Das Ganze vor dem Hintergrund einer veritablen Medienkrise mit immer neuen Personalreduzierungen der Redaktionen schon seit 20 Jahren – von der Öffentlichkeit ziemlich unbemerkt, weil man die eigene Schmach nicht gerne offenbart. Die Folge: Redaktionen werden – unabsichtlich, aber dennoch – immer häufiger Durchlauferhitzer für Narrative, die ihnen Andere vorgeben. Eigene Recherchen, Hintergrundgespräche oder kritische Überprüfung von Sachverhalten – was alles Zeit kostet und Manpower – müssen angesichts ausgedünnter Redaktionsstärke und immer geringerer Budgets immer häufiger ausfallen.

 

Wissenschaft und Boulevard treffen aufeinander – leider ungefiltert

Oder sehen Sie noch die wertvollen Erklärstücke in Medien, die wirklich etwas erklären und einordnen? Stattdessen ist die Öffentlichkeit mit einem permanenten medialen Alarmzustand konfrontiert, der kaum dazu beiträgt, sachlich mit der Coronakrise umgehen zu können. Maske oder nicht, Kontaktverbot ja oder nein, das sind die neuen Glaubensfragen und das Ergebnis des ungefilterten Aufeinandertreffens von Wissenschaft und Boulevard.

 

Das Publikum wandert derweil ins Netz ab und ist immer empfänglicher für wirre Erklärungsversuche und Theorien. Daher verwundert es nicht, dass in einer aktuellen Repräsentativ-Studie im Auftrag von Bofrost* 81 Prozent der Befragten angaben, wissenschaftlichen Aussagen und Behauptungen nur zu glauben, wenn es für sie nachprüfbar ist.

 

Die Laien vertrauen Google und YouTube mehr als Wissenschaftler, so scheint´s 

Bleibt die Frage: Wie wollen Laien derartige Prüfungen denn leisten? Hier scheinen Google und YouTube zu präferierten Quellen geworden zu sein, denen man mehr Vertrauen entgegenbringt als Wissenschaftlern. Denn nur noch 57 Prozent der Befragten halten Wissenschaftler für glaubwürdig. Es sieht so aus, als würden Wissenschaftler und wissenschaftliche Fakten in der Krise zunehmend an Vertrauen verlieren – mit fatalen Folgen für die Akzeptanz von Einschränkungen im öffentlichen Raum – und die „YouTube Universität“ freut sich über wachsenden Zuspruch.

 

Regeln gegen das Missverstehen – und auf Verstehbarkeit ausgerichtet

Kommunikation ist hier der Schlüssel, um Verständnis und Vertrauen bei Laien zu schaffen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gibt es zwar mittlerweile durchaus Angebote wie zum Beispiel der Drosten Podcast, die sich eines großen Publikums erfreuen und die gut funktionieren. Aber eigentlich fremdeln Wissenschaft und Öffentlichkeit immer noch und die Gefahr des gegenseitigen Miss- und Nichtverstehens ist allgegenwärtig. Es droht der kommunikative Kontrollverlust, der immer häufiger von Trittbrettfahrern und Laienspielern noch verstärkt wird. Was wir brauchen, sind Professionalität und klare Regeln in der Wissenschaftskommunikation, die nachvollziehbar und auf Verstehbarkeit ausgerichtet sind.

 

Es gilt, die Öffentlichkeit vor dem Tsunami der Meinungen, Einschätzungen und Ideologien zu schützen, die uns täglich überfordern und die Sehnsucht nach einfachen Antworten beflügeln. Man fühlt sich ja fast in die 60-er Jahre zurückversetzt. Damals war die zentrale Frage unter Babyboomern: Beatles oder Stones. Heute, in Corona-Zeiten lautet in der gleichen Generation die Frage: Drosten oder Streeck. Glaube kann Dinge so einfach machen.

 

 

 

 

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