Ein Teller Quiche mit Headhunterin Yurda Burghardt über Unternehmen, die nur so tun als ob sie Corona-Opfer wären – und tatsächlich einfach die Gunst der Stunde nutzen

Headhunterin Yurda Burghardt wundert sich immer wieder über eins: Wie kann ein und dieselbe Firma beim Anheuern ihrer neuen Führungskräfte erst auf Honeymoon schalten und zuckersüß den Kandidaten umwerben. Dann ruft der CEO den neuen Manager persönlich an, um ihm einen guten Start zu wünschen, macht Klimmzüge ohne Ende. Undsoweiter. Dieselbe Firma feuert ihre Führungskräfte dann aber Knall auf Fall, und das oft  auch mit fiesen Methode, erzählt sie mir noch vor dem Lockdown Light im Café Beethoven in Düsseldorf. Dann müssen sie ihr Laptop und ihr Handy ohne Vorwarnung und auf der Stelle abgeben, kommen sie zurück an Schreibtisch ist ihr E-Mail-Account schon gesperrt. Einfach erniedrigend.

 

Yurda Burghardt (Foto: C.Tödtmann)

 

Wo sie recht hat, hat sie recht. Und Burghardt erlebt es als Personalberaterin bei der Unternehmensberatung Kerkhoff Group bei ihren Kandidaten regelmäßig mit. Diese Gnadenlosigkeit beim Abschied ist tatsächlich nicht nachvollziehbar, die Betroffenen sind fertig, sagt sie.

Warum kann man nicht den Betroffenen ein Jahr Zeit geben, in Ruhe das Feld zu räumen und bei der Suche nach einem neuen Job zu unterstützen? Ihm sein Bürolassen und einen ehrenvollen Abgang zu ermöglichen. Dann kann man sich auch die Kosten für den Outplacementberater sparen.

 

Der große Irrtum der Unternehmen: Fieses Verhalten bleibt unter zweien – wenn der andere sich nur genug schämt und grämt

Ich vermute, dass sich die Unternehmen, die so auftreten, sowieso nicht klar machen, dass diese Kaltschnäuzigkeit am Ende viele andere auch mitbekommen. Nicht nur die Familien, vor allem die Ex-Kollegen sehen es und können sich darauf gefasst machen, dass es ihnen eines Tages haargenauso ergeht. Fördert das die Bindung an das eigene Unternehmen? Fördert das die Motivation? Sicher nicht, schönen Gruß auch von der jährlichen Gallup-Umfrage zur Mitarbeiterzufriedenheit. Oder besser Unzufriedenheit.

 

Corona jedenfalls kommt manchem Arbeitgeber ganz gelegen, erzählt Yurda Burghardt. Bei etlichen Unternehmen nämlich stimmen die Zahlen trotz Covid19 auch weiterhin. Aber weil jedermann für Entlassungen mit dem Hinweis auf Corona Verständnis hat und gar nichts weiter hinterfragt, können Unternehmen die Pandemie ungeniert als Vorwand verwenden. Da fragt niemand mehr genau nach. Eine prima Gelegenheit für Unternehmen, die ihre Mitarbeiter, die sie womöglich schon länger auf dem Kieker hatten, flugs loswerden wollen. Oder wenn sie mal rasch Kosten senken wollen, weil die Gelegenheit gerade günstig ist. Es schadet nicht dem Image, weil die Notlage auf der Hand liegt, sagt Burghardt.

 

Unternehmen können Kündigungen aussprechen, für sie dann angeblich so gar nichts können. Es lag ja an Corona, leiderleider. Die andere Variante ist diese: Unternehmen schicken einen Betroffenen mal eben monatelang in Kurzarbeit mit dem Hintergedanken, ihn mürbe zu machen: „Mal sehen, wie lange er das aushält“, heißt es dann, erzählt Burghardt. Und dass diese Methode oft genug funktioniert.

 

30 Minuten zum Arbeitsplatz-Räumen nach 18 ehrenvollen Jahren

Sie erzählt: Diese Menschen trifft so ein Verhalten ihres Brötchengebers ebenso aus heiterem Himmel wie den Banker, der 18 Jahre seinem Arbeitgeber treu war. Sein Vorstand eröffnete ihm als Niederlassungsleiter – völlig überraschend und ohne einen Anlass -, dass man sich von ihm trennen will. Und dann wurde es sofort unwürdig. Direkt musste der Manager auch in diesem Fall sofort alles abgeben: sein Diensthandy, den Dienstlaptop undsoweiter. Der Personalchef persönlich eskortierte den Mann in sein Büro. Genau 30 Minuten gab er ihm, um seinen Arbeitsplatz zu räumen.

Die Begründung der Bank war lapidar, arrogant und unwürdig – gemessen an 18 Jahren Loyalität einer Führungskraft: „Es passte nicht mehr.“ Die Intonierung: Nach einer Restrukturierung habe der Bankmanager die neue Stoßrichtung zu wenig unterstützt.

 

Wenn das Management seiner gefeuerten Führungskraft die Dienstwagen-Nummernschilder abschrauben lässt

Tatsächlich hatte der Mann Glück im Unglück, er durfte noch mit seinem Dienstwagen nach Hause fahren – und ihn bis Ablauf der Kündigungsfrist nutzen. Da gibt es Unternehmen, die gehen noch härter ran. Die schrauben kurzerhand die Nummernschilder des Manager-Dienstwagens ab, so dass er gezwungen ist, ein Taxi zu rufen oder seine Ehefrau bitten muss, ob sie ihn abholt.

 

Quiche im „Beethoven“ Foto: C.Tödtmann)

 

Doch damit war die Story nicht zu Ende, erzählt Burghardt. Wer nun annimmt, es gebe einen Cut und die Stelle werde gestrichen, irrt. Ganz ohne einen Headhunter zauberte der Vorstand – der selbst erst kaum ein Jahr im Amt war – einen Nachfolger für den Gefeuerten aus dem Hut: Und siehe da, Vorstand und Neuling kannten sich von früher.

 

Drei Lehren zieht Yurda Burghardt aus all diesen Entwicklungen:

Lehre eins: Heute leisten, morgen egal

Im Klartext: Lehre Nummer eins, wer heute kräftig vorleistet, ist dem künftigen Chef später egal. Nachhaltigkeit gibt´s nicht für viel mehr Einsatz als man muss.

 

Lehre zwei: Es geht gar nicht um Sie selbst

Lehre Nummer zwei: Egal wie gut Sie waren und sind, nehmen Sie´s nicht persönlich, wenn man sie dennoch in die Wüste schickt. Vielleicht will man einfach nur ihren Posten. Für einen Günstling beispielsweise. Irgendwie sind sie eher eine Lego-Figur.

 

Lehre drei: Ihr Chef ist im Zweifel schneller weg als sie selbst, danach stehen Sie wieder bei Null

Und drittens: Es gibt keinen Credit mehr. Egal wie erfolgreich und aufopferungsvoll jemand vorleistet in der Hoffnung auf Vergeltung oder Belohnung in der Zukunft. Das ist heute nur naiv. Ihr Chef kann schneller weg sein als sie selbst und beim Neuen beginnen Sie bei Null.

Fazit: Nachhaltigkeit im Arbeitsverhältnis? Gibt´s gar nicht mehr.

 

 

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Alle Kommentare [2]

  1. Krasse Aussagen – Wahr gesprochen!
    Das ist die Welt auf die wir uns einstelllen (müssen) hätten müssen.

  2. Oh Mann – wenn ich das lese wird mir ganz elend…

    Da freue ich mich dann einfach nochmal ein wenig mehr, dass ich mich vor über 15 Jahren selbständig gemacht habe und niemand außer mir entscheidet, was mit meinem Arbeitsplatz in Zukunft geschieht 🙂

    Viele Grüße
    Heike Lorenz