Bayern bekommen die höchsten Abfindungen beim Arbeitsgericht, doppelt so viel wie Arbeitnehmer in Schleswig-Holstein. Frauen nicht halb so viel wie Männer – eine Analyse

Für Unternehmen ist es besser, wenn ihre Mitarbeiter den Kündigungsschutzprozess  beispielsweise in Mönchengladbach und nicht in Düsseldorf anhängig machen, hörte ich schon von einem Arbeitgeberanwalt. Denn: In Mönchengladbach sprechen die Richter Arbeitnehmern niedrigere Abfindungen zu als in der Landeshauptstadt. Weil die Lebenshaltungskosten in Düsseldorf höher sind, wären da auch die Abfindungen des Arbeitsgerichts höher.

Deshalb kam wohl die Arbeitnehmerkanzlei Chevalier auf die Idee, die Abfindungssummen aus ihrer Praxis zu analysieren nach Bundesländern, nach Betriebszugehörigkeit und Geschlecht. Mit interessanten Ergebnissen, die nicht repräsentativ sind, aber Tendenzen aufzeigen:

 

Bundesland Landeshauptstadt Abfindungsfaktor Abfindung  in Euro
Bayern München 0,90 17.000 €
Baden-Württemberg Stuttgart 0,90 46.700 €
Bremen Bremen 0,78 9.100 €
Sachsen-Anhalt Magdeburg 0,75 3.800 €
Hamburg Hamburg 0,71 13.800 €
Brandenburg Potsdam 0,65 12.000 €
Nordrhein-Westfalen Düsseldorf 0,63 18.600 €
Berlin Berlin 0,62 9.500 €
Mecklenburg-Vorpommern Schwerin 0,60 4.200 €
Niedersachen Hannover 0,53 26.900 €
Saarland Saarbrücken 0,51 9.500 €
Hessen Wiesbaden 0,49 11.000 €
Rheinland-Pfalz Mainz 0,48 8.700 €
Thüringen Erfurt 0,47 13.800 €
Schleswig-Holstein Kiel 0,47 12.500 €
Sachsen Dresden 0,21 2.600 €
Quelle: Kanzlei Chevalier 10/2020; Basis: 1268 Fälle); (Berechnung Abfindungsfaktor: Abfindung in Euro, geteilt durch Bruttomonatsgehalt multipliziert mit vollen Beschäftigungsjahren)

 

Das Resümee: Reicht eine Frau in Kiel vorm Arbeitsgericht eine Kündigungsschutzklage ein, ist sie bei weitem nicht so gut dran wie ein Mann, der in München dasselbe tut und gegen seinen  Arbeitgeber vors Arbeitsgericht zieht. Arbeitsrichter billigen Angestellten in Bayern im Schnitt doppelt so hohe Abfindungen zu wie in Schleswig Holstein, hat die Kanzlei Chevalier aus Berlin/München in einer Auswertung von 1.268 Fällen bundesweit analysiert. Noch weniger gibt es nur in Sachsen und zwar gut ein Viertel von den Bayern.

Die Untersuchung im Detail: In der Landeshauptstadt Hessens liegt der sogenannte Abfindungsfaktor – und der allein ist entscheidend, mehr dazu unten – bei 0,49 und die Summe bei 11.000 Euro. Im bundesweiten Ländervergleich billigen Arbeitsrichter in Hessen jedoch mit 0,64/22.400 Euro die höchsten Abfindungen zu (siehe unten).

Dieser und auch andere solche Unterschiede zwischen Städtevergleich und Deutschlandkarte erklären sich laut Chevalier-Untersuchung so:

  • Beim Vergleich der Bundesländer werden verschiedene Ballungszentren in einen Topf geworfen, dadurch vermischen sich niedrigere und höhere Abfindungssummen
  • Beispiel Wiesbaden: Es ist zwar die Landeshauptstadt von Hessen, im Vergleich zu Frankfurt am Main als Finanzplatz Europas sind die gezahlten Abfindungen dort aber deutlich geringer.
  • Beispiel Stuttgart: Ein starkes Industriezentrum mit Unternehmen beispielsweise aus der Automobil-, Energie- und Pharmabranche. Den Durchschnitt von Baden-Württemberg senken aber auch Städte wie Karlsruhe, wo die Richter deutliche niedrigere Abfindungen geben.
  • Hinzukommt: Die Berufsgruppen in den einzelnen Städten unterscheiden sich stark nach den Arbeitgebern, deshalb gibt es auch Gehaltsunterschiede.

 

Die durchschnittliche Abfindung: 14.300 Euro

Das Ergebnis: Deutsche Arbeitnehmer erhalten im Schnitt 14.300 Euro als Abfindung vom Arbeitsgericht. Mitarbeiter in Ostdeutschland bekommen rund 49 Prozent weniger.  Im Westen liegt sie bei 15.800 Euro, im Osten inklusive Berlin bei 8.000 Euro – also gut die Hälfte.

 

Am wenigsten Abfindung geben Richter in Sachsen: 4.000 Euro. Am meisten in Hessen: 22.400

Die niedrigsten Abfindungen gibt es für Arbeitnehmer in Sachsen: Im Schnitt 4.000 Euro. Am meisten billigen Arbeitsrichter in Hessen den Verlierern ihrer Jobs zu: im Schnitt sind es 22.400 Euro.

Relevant für die Endsumme ist der Abfindungsfaktor (Berechnung: Abfindung in Euro, geteilt durch Bruttomonatsgehalt multipliziert mit vollen Beschäftigungsjahren). Der durchschnittliche Abfindungsfaktor für Westdeutschland liegt bei 0,64. In Ostdeutschland (inklusive Berlin) liegt er hingegen bei 0,52.

Zum Beispiel: Arbeitnehmer mit einem Gehalt von 3.000 Euro und fünf Beschäftigungsjahren bekommen im Westen eine Abfindung von 9.600 Euro, wogegen  die Abfindungssumme im Osten nur 7.800 Euro ausmacht, insgesamt also auf 19 Prozent weniger.

Dasselbe gilt beim Städtevergleich. Drei der vier höchsten Faktoren haben westdeutsche Bundesländer. Leipzig und Dresden, zwei der einwohnerstärksten Städte Ostdeutschlands, liegen mit ihren Abfindungsfaktoren hingegen auf den letzten Plätzen. Im Vergleich ist der Abfindungsfaktor in Frankfurt am Main mit 1,0 gut viermal höher als der Faktor in Dresden mit nur 0,21.

 

Richter geben Frauen Abfindungen, die 43 Prozent niedriger sind als die für Männer

Frauen bekommen 43 Prozent niedrigere Abfindungssummen, im Schnitt billigen ihnen die Richter 10.000 Euro Abfindung zu – den Männern aber bis zu 17.600 Euro. Der Grund ist die Lohnlücke, die zeigt, dass Frauen für die gleiche Arbeit weniger Lohn erhalten als Männer. Laut Statistischem Bundesamt liegt der Verdienstunterschied bei über 20 Prozent.

 

Nach 25 Jahren im Betrieb bekommen Männer im Schnitt 40.200 Euro, Frauen 23.400 Euro

Eine weitere Komponente ist die Betriebszugehörigkeit. Die Datenanalyse von Kanzlei  Chevalier zeigt: Die Abfindungssummen ist in den ersten fünf Jahren bei Männern und Frauen ähnlich hoch. Danach geht die Schere immer weiter auseinander: Nach rund 25 Jahren Betriebszugehörigkeit bekommen Frauen 23.400 Euro Abfindung, wogegen Männer fast doppelt so viel, 40.200 Euro Abfindung bekamen.

 

Über Chevalier
Die Kanzlei Chevalier bezeichnet sich als technologiegestützte Arbeitsrechtskanzlei, die deutschlandweit ausschließlich Arbeitnehmer vertritt und durchsetzt. Für sie arbeitet die Chevalier GmbH, eine Tochtergesellschaft der Flightright GmbH, in den Bereichen Technologie und Service.

 

 

 

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