Büros sind Orte der Zugehörigkeit für Rückhalt und Zusammenarbeit – und damit unverzichtbar. Menschen brauchen ihre Höhlen und nicht den Chef am Küchentisch.

Homeoffice ist die falsche Antwort auf richtige Fragen, findet Marketingexpertin und Unternehmensberaterin Sabine Hübner (Gastbeitrag).

 

Sabine Hübner (Foto: PR)

Fragen über Fragen: Wie arbeiten wir innovativer, effektiver, weniger gestresst? Wie reduzieren wir teuren Meeting-Tourismus, turmhohe Büromieten und das zeitraubende Chaos des städteverpestenden Berufsverkehrs? Kurz: Was können wir für gesündere Mitarbeiter, für profitablere Unternehmen und für eine bessere Umwelt tun? Nach Corona meinen wir, auf all diese Frage eine einzige Antwort gefunden zu haben: Es ist das Home office.

Dabei: Diese Antwort ist wie eine große Fliegenklatsche. Sie trifft, haut aber auch daneben und zusätzlich Anderes platt, von dem wir uns nicht so schnell verabschieden sollten. Nehmen wir das System einmal auseinander. Da sind:

  1. Menschen, die zusammenarbeiten
  2. Der reale Ort ihres Unternehmens als gebaute Identität.
  3. Das private Zuhause jedes Einzelnen
  4. Dritte Orte wie Parks, Cafés, Sportstätten undsoweiter.

Ich denke, wir haben uns bisher nicht genügend Gedanken darüber gemacht, wie in diesem System alles zusammenspielt – und was wir verlieren, wenn wir die realen Orte der Unternehmen von heute auf Morgen für obsolet erklären.

 

Zusammenarbeit: Nicht alles geht gleich gut auf Distanz und via Bildschirm

Stellen wir uns eine Praktikantin um die 20 vor, Marketingabteilung, jung und unverstellt. Und stellen wir uns einen leitenden Entwicklungsingenieur um die 50 vor, beeindruckende Persönlichkeit, Charisma. Beide werden ins Home office geschickt. Die Praktikantin kommt super klar, sie war auch vorher schon permanent online und da laufend in Kontakt mit ihren Freunden. Der Ingenieur aber nicht.

 

Arbeitstypen und Positionen sind zu verschieden, um über einen Kamm geschoren zu werden

Sie sind unterschiedliche Arbeitstypen – von introvertiert-strukturiert bis betriebsnudelhaft-chaotisch. Wir haben es mit unterschiedlichen Positionen zu tun, die sich unterschiedlich gut auf Heimarbeit umstellen lassen – von stiller Tüftelarbeit bis People-Business. Und wir haben es auf der Zeitachse mit unterschiedlichen, sich überlagernden Prozessen zu tun: Lebensphase und Persönlichkeitsentwicklung, Digitalisierungsgrad und Projektfortschritt. Schon diese erste Sammlung an Faktoren zeigt glasklar: Es kann nicht die eine Lösung geben, die für alle passt.

Unternehmen als Ort der Kommunikation und Inspiration zwecks Zusammenarbeit

Ein Unternehmen ist sehr viel mehr als ein Kasten mit einem Drehstuhl für jeden Angestellten und Kaffeemaschinen auf jedem Stockwerk. Ein Unternehmen ist ein Ort für Kommunikation und Interaktion, für Kollaboration und Inspiration mit dem Ziel der Zusammenarbeit. Bestenfalls eine Mischung aus Uni-Campus und Marktplatz.

 

Büros als Orte der Zugehörigkeit

Und es ist noch mehr als das: Weil hier Menschen sprechen und sich widersprechen, debattieren und experimentieren, entsteht ein Ort der Kultur. Friedrich Schiller hat das Theater einmal als „moralische Anstalt“ bezeichnet. Vielleicht sind Unternehmen heute auch so etwas: Hier wird Haltung gelebt, um Haltung gestritten, Haltung weitergegeben. Und damit sind wir beim Unternehmen als Ort der Zugehörigkeit. Corporate Architecture ist „gebaute Identität“. Es sind Orte, die immateriellen Werten eine materielle Form geben. Das trifft auf die Headquarters – Google, BMW, Deutsche Bank – genauso zu wie auf die Verkaufsflächen: Apple, Ikea oder Mini. Wer hier arbeitet oder einkauft, sucht viel mehr als ein Produkt. Er sucht das Erlebnis, vielleicht den Austausch mit anderen Fans – ähnlich wie in der Sportarena.

 

Die Arbeit im Büro als Faktor für seelische Wohlbefinden

Wie Campus und Markplatz, Theater und Arena bieten Unternehmen den hier arbeitenden Menschen die Möglichkeit, bewusst anzukommen und wieder zu gehen, sich im Meeting bewusst zu öffnen und sich im eigenen Büro zu stiller Arbeit zurückzuziehen. Sie bieten die Möglichkeit, Erfahrungen, Ideen und Dinge zu sammeln, zu ordnen und wieder zu verwerfen. Dies alles hat einen enormen Effekt auf das seelische Wohlbefinden und auf die innere Stabilität jedes Einzelnen. Weil Unternehmen günstigenfalls mit ergonomischen Möbeln und Monitoren, mit Klimaanlagen und Akustiklösungen, Grünpflanzen und guten Kantinen ausgestattet sind, kommt der positive Effekt auf das körperliche Wohlbefinden noch dazu.

Auf dies alles würden wir verzichten, schickten wir nun alle Führungskräfte und Angestellte nach Hause an den Küchentisch, ins sogenannte Homeoffice. Und damit sind wir beim nächsten Thema.

 

Die Wohnung als privater Rückzugsort: Der Mensch braucht seine Höhle

Ein oft unterschätzter Effekt der Büroarbeit ist das Kommen und Gehen. Es sind Transferzeiten mit ganz persönlichen Ritualen, die den Übergang von privat zu öffentlich – und zurück – markieren und beim Rollenwechsel helfen. Das Zuhause ist Ort des Rückzugs, der Erholung und auch der Care-Arbeit für Kinder, Kranke, Ältere, die wir im Leben vor Corona sorgfältig aus dem Blick der Anderen herausgehalten haben. Das Zuhause ist Höhle und Nest, ist Bärenfell und Lagerfeuer. Eigentlich.

 

Wenn der Chef plötzlich mit am Küchentisch sitzt

Seit Corona sitzt der Chef mit am Küchentisch, die Kollegin auf der Bettkante und die ganze Schulklasse auf dem Sofa. Es gibt keine Grenze mehr zwischen privat und öffentlich. Es gibt keinen Transfer mehr zwischen den Orten und den Rollen. Und es gibt, zumindest wenn alle im Lockdown sitzen, auch keine Pause mehr, weil man sich nicht mehr zum Außentermin oder ins ICE-Funkloch verkrümeln kann. Kurz: Entgrenzung, Verdichtung, Beschleunigung. Im ungünstigen Fall bei weniger Kommunikation, Innovation, Inspiration. Das ist purer Stress. Dem man im Lockdown-Fall nicht einmal durch einen Abstecher ins nächste Café entgegenwirken kann.

 

Dritte Orte: Cafés, Parks undsoweiter als neutraler Boden für alle

Kaffeehäuser, Pubs und Parks, Bibliotheken und Kinos, Sportstätten, Museen, Theater, Vereine aller Art: Das Leben an sogenannten Dritten Orten (auch: „The Great Good Place“, Ray Oldenburg 1989), ist ein wichtiger Teil der europäischen Kultur. Es sind Orte der Kommunikation, der Kultur, der Zugehörigkeit. Es sind vorpolitische Räume, an denen Haltungen gemeinsam ausprobiert und verhandelt, an denen Freundschaft gelebt und auch Geschäfte gemacht werden. Es ist kein Wunder, dass Freelancer eben nicht durchgehend im Homeoffice, sondern hier arbeiten: im Café, in der Bücherei oder im Co-Working-Space, der wie oft wie ein Mittelding zwischen beiden ausschaut.

Menschmomente: Ohne reale Orte geht es nicht

Menschen brauchen reale Räume der Begegnung. Sogar die Introvertierten – sie nutzen diese Räume eben auf ihre Weise. Menschen brauchen Menschen, und das hat etwas mit ihrer Evolution zu tun. Die Evolution, schreibt der US-Soziologe Randall Collins, hat „beim Menschen zu einer besonders hohen Empfänglichkeit für mikrointeraktiven Signale von anderen Menschen geführt. Menschen sind zu intersubjektiver Aufmerksamkeit prädestiniert und dazu, die Emotionen zwischen zwei Körpern in einen gemeinsamen Rhythmus zu bringen.“ Das ist die Resonanz, die wir in Menschmomenten spüren.

 

Ich frage Sie: Geht das bei Zoom? Am Küchentisch? Während im Hintergrund die Kinder über dem Mathematikbuch verzweifeln, der Hund bei jedem Klingeln lautstark bellt und die Nachbarn ebenso lautstark ihren Rasen mähen? Ich sage: Nein. Geht nicht. Zumindest nicht für jeden, immer, überall.

 

Die wichtigsten Quellen von Spannung und Entspannung sind unverzichtbar

Menschen brauchen Orte. Viele Orte der Kommunikation, der Kultur, der Zugehörigkeit und zusätzlich Orte des Rückzugs, an denen die öffentlichen Orte nichts zu suchen haben. Wenn wir den zusammenarbeitenden Menschen diese Vielfalt nehmen, dann nehmen wir ihnen die wichtigsten Quellen der Spannung und der Entspannung. Wenn wir sie vom heimischen Küchentisch aus nahtlos in tausend Meetings und wieder zurück beamen, ohne Kommen, Gehen und persönlichen Austausch, wenn wir keine Pausen mehr haben, kein Abtauchen, keinen Rückzug, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir eines Tages mit den Raum- und Reisekosten auch jegliche Kreativität zusammengestrichen haben und die Begeisterung der Kunden gleich mit.

Homeoffice: Gerne, wenn es wirklich passt

Deshalb: Home office? Sehr gerne da, wo Menschen tatsächlich inspirierende Home-office-Plätze haben, wo es zum Arbeitstyp passt, zum Prozess-Timing, zur Aufgabe. Sonst eher nicht. Erst recht nicht, wenn die Mitarbeiter unter inakzeptablen Arbeitsbedingungen arbeiten sollen, die vorübergehend in der Krise, im Ausnahmezustand hinnehmbar sind, aber nicht dauerhaft.

 

Ich meine, wir dürfen die enorme Macht der realen Orte nicht unterschätzen. Unternehmen sind keine Un-Orte. Sie sind gebaute Identität, nicht zuletzt für die Kunden. Und jeder Mitarbeiter ist ein Mikro-Influencer, der die Serviceleidenschaft eines Unternehmens voranbringen kann, weil er ab Tag eins informell lernt, weil er immer wieder Rückhalt und Zusammenhalt findet, Raum für Haltungsreflexion und neue Ideen, weil er sich außerhalb seines Zuhauses zu 100 Prozent auf den Kunden konzentrieren kann und außerhalb des Unternehmens zu 100 Prozent auf das, was ihm zusätzlich Sinn, Glück und Gesundheit schenkt. Das sollte es doch sein, wo wir hinwollen.

 

Mein Fazit: Die Frage ist nicht digital oder persönlich. Beides geht auch nebeneinander.

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