Hans Hoff sagt Ade – und verrät zum Abschied allerhand Interessantes und Emotionales

Ein großartiger Journalist – Hans Hoff – verabschiedet sich so, wie ich es mir von so manchem wünsche, der etwas zu sagen hat. Journalistenpapst Wolf Schneider wunderte sich immer, warum Journalisten bei ihrem Abschied nicht alle möglichen Geheimnisse preisgeben. Wenn sie nichts mehr zu befürchten haben.  

Hans Hoff jedenfalls hat die Gelegenheit genutzt: Hier seine allerletzte Kolumne bei „DWDL“, die ich für den Management-Blog übernehmen durfte.  

 

© DWDL
Auf Wiedersehen, Hans!

Das letzte „Hoff zum Sonntag“: The Last Time – Der Abgesang

Sieben Jahre lang war Hans Hoff unser Mann am Sonntag: Woche für Woche setzte er meinungsstark die Themen. Nun erscheint das „Hoff zum Sonntag“ zum letzten Mal – und unser Kolumnist blickt zurück auf seine Karriere, die schon startete, als an DWDL noch nicht zu denken war.

 

Eigentlich sollte am kommenden Samstag der Deutsche Fernsehpreis gefeiert werden. Endlich wieder fernsehöffentlich, endlich wieder mit dem verdienten Glimmer und Glammer. Daraus wird nichts, was sehr schade ist. Dem einen oder anderen wird da etwas fehlen. Man wird verzichten müssen auf ausführliche Danksagungen an Mama, Papa, die Liebste und die Kinder und, und, und…

Nun, das soll kein Problem bleiben. Ich kann aushelfen. Allerdings dauert das etwas länger und wird persönlich, pathetisch, unerträglich selbstreferentiell und ein bisschen sentimental. Vor allem aber wird es lang, weshalb ich alle mentalen Stubenfliegen bitte, ihre extrem kurze Aufmerksamkeitsspanne nunmehr auf ein anderes Objekt zu richten.

Mit diesem Text geht „Das Hoff zum Sonntag“ in Rente. Nach sieben Jahren als Teil dieser wunderbaren DWDL-Redaktion ist Schluss, weshalb mein inniger Dank Thomas Lückerath und seinen fabelhaften Jungs gilt, die mich immer ausgehalten haben, auch wenn sie sicherlich bei so manchem Text mit den Zähnen geknirscht haben mögen. Das müssen sie nun nicht mehr, denn ich steige aus und kehre dem Medienzirkus den Rücken. Bis zum 1. August schreibe ich noch ein bisschen was für die Süddeutsche Zeitung, dann gehen für mich auch dort die Lichter aus. Warum? Nun ja, lasst es mich ganz einfach sagen: Es reicht.

Am 4. August feiere ich gemeinsam mit Barack Obama Geburtstag. Er wird dann 59 Jahre alt, ich 65. Er hat noch viel zu sagen, ich nicht. Ich bin, wie man beim Fernsehen so schön sagt, auserzählt. Nach knapp 41 Jahren im medialen Bewertungsmodus werde ich das Gefühl nicht los, dass ich alles gesagt habe, was zu sagen war. 41 Jahre!

Ich habe im August 1979 meinen ersten Text geschrieben und den gleich für „Sounds“, meine damalige Musikbibel. Ich, der ich auf den meisten Zeugnissen meiner Gymnasialzeit stets ein Mangelhaft in der Rubrik Deutsch anführen konnte und auch wegen Deutsch sitzengeblieben bin, war plötzlich Autor für Deutschlands damals führendes Musikmagazin.

Zu verdanken hatte ich das meinem Freund Thomas Buttler, der damals Redakteur bei „Sounds“ war und mich, der ich freiwillig noch nie mehr als eine Postkarte betextet hatte, beinahe zwang, eine Plattenkritik zu verfassen. „Silent Letter“ hieß die Platte und America die zugehörige Gruppe. Vier Tage und vier Nächte lang habe ich in meiner Düsseldorfer Studentenbude nur diese Platte gehört, bin mit einem Block und einem Stift neben dem Kopf ins Bett gegangen und wieder aufgestanden.

Dann habe ich meine Gedanken dazu in meine Schreibmaschine getippt und per Brief nach Hamburg geschickt. Ende des Monats kam dann das September-Heft von „Sounds“ heraus. Vorne drauf lächelte der noch junge Bob Geldof, und auf Seite 63 stand meine Kritik. „Von Hansi Hoff“ stand drüber, und ich war unfassbar stolz. Ich kaufte zehn Hefte und schenkte jedem eins, der sich nicht schnell genug davon machen konnte. Ich in der „Sounds“, das war für mich Champions League von der ersten Minute an.

Weil „Sounds“ in der Branche hoch angesehen war, wurde mir automatisch viel zugetraut, auf jeden Fall mehr als ich mir selbst zutraute. So bot mir der wunderbare RP-Redakteur Uwe Witsch (der viele meiner anfänglichen Krickeleien erst zu lesbaren Texten gemacht hat) an, Konzertrezensionen für die Rheinische Post zu schreiben. Natürlich sagte ich ja, denn es lockten Karten für jedes Konzert, das ich mir aussuchte.

Man schickte mir zuerst Tickets für die Düsseldorf-Shows der Shadows und des Elektro-Pioniers Gary Numan. Leider war ich nicht in der Lage, beide Aufträge selbst ausführen, weil ich überraschend auch noch ein Volontariat beim Musikexpress in Hamburg angeboten bekam. Natürlich sagte ich zu, wollte aber bei der RP auch nicht absagen, weshalb ich ein paar Freunde in der Heimat mobilisierte. Die besuchten die Konzerte, schrieben in der Nacht eine Kritik, und am nächsten Morgen segnete ich via Telefon die Texte ab, unter denen natürlich mein Name stand.

Aufgeflogen ist diese frühe Relotius-Rochade nie, ich bekam sogar viel Lob für meine Erstlingswerke, die gar nicht von mir stammten. Als ich mein Volontariat beim Musikexpress nach drei Monaten wegen übergroßen Heimwehs schmiss, konnte ich nahtlos weitermachen bei der RP. Mein Lohn waren 80 Mark pro Konzert und ein über die Jahre eingefangener Hörschaden, der mich heute im Alter oft ein bisschen begriffsstutzig wirken lässt. Aber das war es wert.

Es begann eine wunderbare Zeit, in der ich alles vollschrieb, was sich mir anbot. Ich war Missionar in Sachen besserer Musik und vernichtete verbal all jene, die es wagten, schlechte Musik abzuliefern. Ich war jung, naiv und voller Sendungsbewusstsein.

Meine Karriere als Musikschreiber war vor allem auch eine Aneinanderreihung großer Irrtümer, über die ich mich heute noch regelmäßig beömmeln kann. Aber es gab auch große Erlebnisse, von denen ich meinen Enkeln dereinst berichten werde, wenn sie groß genug sind, zu begreifen, was mir da widerfahren ist.

So stand ich am 26. Juli 1980 an einem Pinkelbecken im Backstagebereich des englischen Milton-Keynes- Konzertgeländes. Ich sollte UB 40 interviewen, aber weil die noch dringend kiffen mussten, verdrückte ich mich in Richtung Keramik. Plötzlich trat dort ein Typ neben mich, um auch seinen Geschäften nachzugehen. Ich erkannte ihn aus den Augenwinkeln sofort. Ja, er gehörte zu Police, der Headlinerband an diesem Tag. Ich blickte an ihm herab, und ja, ich sah den Sting von Sting. Ich weiß, dass das ein zweifelhafter Erfolg für eine journalistische Karriere ist, aber man recherchiert doch immer wieder mal auch in zweifelhaften Gegenden.

Einen Tag nach diesem Ereignis war ich schon wieder auf einem Police-Konzert. Auf Einladung einer Plattenfirma sollte ich eine der Vorbands begutachten und traf nach dem respektablen Auftritt auf vier nette junge Herren. Wir aßen Irish Stew, tranken viel Alkohol, und am Ende mochten wir uns irgendwie, weshalb ich den Jungs zum Abschied mein Urteil entgegen lallte. „Ich mag eure Musik ja gerne“, sagte ich: „Aber ich glaube nicht, dass das was wird mit euch.“

Die Jungs schauten ein bisschen bedröppelt drein, aber dann nahmen sie mich nochmal in den Arm und sagten irgendwas, das in meinen beschwipsten Ohren klang wie „Egal, Hauptsache, wir haben dich duften Typen kennengelernt.“ Schauplatz des Geschehens war übrigens Dublin, und die Band hieß U2. So viel zu meinen prophetischen Fähigkeiten.

Die bewährten sich ein paar Jahre später noch einmal, als ich in der Redaktion eines Düsseldorfer Stadtmagazins entschied, diese eine Platte von diesem schwarzen Sänger, die müssten wir nicht rezensieren, die sei zu unbedeutend. Was für ein Klugscheißer ich doch war. Die Platte war übrigens von Michael Jackson, hieß „Thriller“ und avancierte flugs zum weltweit meistverkauften Tonprodukt.

Auch später war ich nicht frei von Falschbeurteilungen. Ich erinnere mich, dass ich eine Doppelprogrammierung von Sat.1 sehr eigenwillig gewichtete. „Der letzte Bulle“ war in meinen Augen eine formidable Serie, was in meinen Augen für die huckepack startende Serie „Danni Lowinski“ so gar nicht galt. „Die Gags sind platt und erreichen manchmal nicht einmal ‚Schillerstraße‘-Niveau. Das rechte Maß findet Frau Lowinski selten“, schrieb ich der Hauptdarstellerin Annette Frier via Süddeutsche Zeitung ins Poesiealbum. Komischerweise erwischte ich mich in der Folgezeit bei einem Fernsehverhalten, das meinen eigenen Empfehlungen widersprach. Nie mehr sah ich beim „Bullen“ rein, dafür verfolgte ich aber jede Folge von „Danni Lowinski“. Sorry, Frau Frier.

Hans Hoff (Foto: PR)

Das aber war viel später. Erst einmal verbannte ich 1985 das i aus meinem Namen, weil mir jemand geraten hatte, endlich mal ein bisschen erwachsen zu werden. Plötzlich war ich Hans Hoff. Als solcher begann ich 1988 ein Volontariat bei der Rheinischen Post, und als das fertig war, kam 1990 der Chefredakteur auf mich zu und sagte: „Sie schauen doch gerne fern, Herr Hoff, oder?“ Ich sagte halblaut „Ja“, und fortan war ich als Redakteur für die Fernsehseite und alles Mediale zuständig.

Es begann eine weitere wunderbare Zeit, denn das Privatfernsehen explodierte in jenen Jahren gerade in seiner Bedeutung, und es gab jeden Tag etwas Neues, Großartiges aus den Senderzentralen zu berichten. Senderchefs waren kleine Popstars, die jeder kannte. Mit deren Zitaten konnte man ganze Seiten voller Druckerschwärze zur Unterhaltsamkeit adeln konnte. Heute stehe ich wie Ochs vorm Berg, wenn ich mir die aktuelle Management-Struktur bei RTL anschaue. Ich verstehe da nichts mehr, fürchte allerdings, dass es manchem, der da einen aufgeschäumten Titel trägt, ähnlich geht.

Wo wir gerade bei der Schaumschlägerei sind. Ende der 90er übernahm Ulrich Reitz als Chefredakteur die Rheinische Post, und es kristallisierte sich sehr bald heraus, dass dieses Blatt nur einen aufgeblasenen Wichtigtuer verkraften würde. Ihn oder mich. Ich verstieg mich dann Anfang 1999 zu der gewagten Ansage „Entweder das ändert sich, oder ich gehe.“ Natürlich änderte sich nichts, weshalb ich im Frühjahr kündigte. Ich weiß noch, wie ich am letzten Tag meiner RP-Tätigkeit aus dem Haus geschlichen bin, um mein Leben fortan Reitz-arm zu gestalten. In meinem alten Polo habe ich dann befreit Robbie Williams auf zehn gedreht und „Old Before I Die“ bollern lassen.

Mein Dank geht in dem Zusammenhang nicht nur an Ulrich Reitz, ohne den ich niemals den Hintern von meinem Redakteursstuhl hochbekommen hätte, sondern vor allem an Frank Plasberg, der mir damals in frustrierten Stunden tröstend zur Seite gestanden hat. Ich könne ohne Probleme bei ihm als freier Mitarbeiter anheuern und würde mindestens genau so viel verdienen wie bei der RP, versprach er, der damals Chef des WDR-Regionalmagazins „Aktuelle Stunde“ war.

Mit solchem Rückhalt versehen klinkte ich mich erst einmal aus und verschwand für zweieinhalb Monate in die Alpen, wo ich mich als Wanderführer und Lagerfeuerunterhalter durchschlug. Danach kehrte ich zurück und wollte eigentlich Frank anrufen wegen der genauen Konditionen meiner Mitarbeit.

Bevor ich dazu kam, klingelte mein Telefon aber Sturm. Die „Welt am Sonntag“ meldete sich, die dpa bot mir einen Pauschalistenjob an, ein Online-Portal bestellte Filmkritiken, und Alexander Gorkow meinte, ich solle mich doch mal auf der Medienseite der Süddeutschen Zeitung austoben. Ich nahm alles an und verdiente eine Weile eine Menge Geld. Schon wieder hatte eine wunderbare Zeit begonnen.

Vor allem war ich auf einmal wieder der kompromisslose Missionar, diesmal allerdings in Sachen besseres Fernsehen. Böse Zungen haben ja mal behauptet, ich würde mit Stacheldraht gurgeln, bevor ich eine Kritik verfasse. Ich kann nun sagen: Das stimmt nicht. Ich wollte immer nur ein besseres Fernsehen und fühlte mich von schlechten Sendungen regelmäßig persönlich beleidigt.

Ich bedanke mich an dieser Stelle übrigens ausdrücklich bei allen Redakteuren, die mir jahrzehntelang allzu heftige Beleidigungen von Fernsehmachern aus den Texten redigiert haben. Ich weiß, es war nicht immer leicht mit mir. Allerdings fällt meine offizielle Fehlerbilanz einigermaßen passabel aus. Ich bin einmal im Bildblog erwähnt worden, weil ich in Sachen einer ESC-Sängerin Zahlen falsch eingeordnet habe, und einmal flatterte der SZ eine Unterlassungsverfügung eines minderbegabten Komikers ins Haus. Dem hatte ich öffentlich unterstellt, er sei bei seinem bisherigen Sender gefeuert worden. Ich wusste das aus sicherer Quelle, konnte es aber doofer Weise nicht mit irgendeinem Schriftstück belegen. Ich danke heute noch Caspar Busse, der als Redakteur dafür gesorgt hat, dass die SZ die Anwaltskosten übernahm. Dem Komiker wollte ich übrigens später noch mal einen reinwürgen, habe es aber über die Jahre vergessen. Altersmilde?

Erfreulich selten musste ich büßen für das, was ich schrieb, und ich danke ausdrücklich all jenen, deren Arbeit ich über die Jahre in die Tonne schrieb, die mich dann aber weder anwaltlich oder körperlich bedroht haben. Allerdings gab es Momente, da mein Tun nicht folgenlos blieb.

So geschah es Anfang der 2000er, dass die SZ von mir einen Text über die Zeitungslandschaft in NRW wollte. Ich beschrieb detailliert das Presseunwesen meines Heimatlandes und verwendete auch die Formulierung vom Neven-DuMont-Langeweile-Monopol, das pressetechnisch in Köln herrsche. Ich hatte dabei vergessen, dass ich auch Fernsehkritiken für den Kölner Stadt-Anzeiger schrieb. Das wurde mir in Erinnerung gerufen, als nachmittags mein zuständiger Redakteur anrief. Man wolle mir nicht länger zumuten, für ein Langweile-Monopol zu schreiben, umschrieb er meinen Rauswurf sanft. Ich hätte es mir vorher denken können, aber manchmal ist der Schreibtrieb halt stärker.

Ähnliches passierte mir dann noch einmal, als ich über den Umgang der Toten Hosen mit einem in Düsseldorf hoch bekannten Kritiker schrieb. In einem Gespräch hatte mir der Hosen-Manager gesagt, dass man entgegen ortsüblicher Praxis diesem Kritiker keine Konzertkarten zusende, weil der die Band sowieso immer schlecht rezensiere. Ich schrieb das auf und merkte an, dass es nur noch eine andere Band in Deutschland gebe, die ähnlich verfahre: Die Böhsen Onkelz. Das brachte mich, um es vornehm zu sagen, nicht unbedingt auf die Freundesliste der Hosen.

Zu der Zeit war ich auch als Gastro-Kritiker für eine Düsseldorfer Testmagazin tätig, und es standen noch ein paar Restaurantbesuche aus. Die erledigten sich aber prompt, weil direkt nach meinem Hosen-Artikel die zuständige Redakteurin anrief und mir sagte, man wolle künftig auf meine Dienste verzichten. Was ich übersehen hatte: Der Hosen-Manager war auch Herausgeber des Testmagazins.

Als Lebensziel habe ich in jungen Jahren oft formuliert, dass ich auch mal auftauchen möchte in der „Titanic“-Rubrik „Briefe an die Leser“. Im Februar 2009 war es dann so weit. Leider bekam ich den erhofften Brief ausgerechnet für eine strunzblöde Formulierung, die mir ein wichtig tuender Redakteur reinredigiert hatte. Egal, muss ja keiner erfahren. Ich hatte auf jeden Fall eine Erwähnung in „Briefe an die Leser“. Trophäe!

Danken möchte ich in diesem Zusammenhang auch all jenen, die mir über die Jahre ihre Verbundenheit in Form von Leserbriefen ausgedrückt haben. Das startete schon bei „Sounds“, wo man angesichts einer Plattenkritik riet, man solle mich ob meiner Ahnungslosigkeit „durch die Sümpfe von Georgia jagen, bis die Alligatoren ihr Futter gefunden haben.“ Andere Briefe enthielten oft nur einen knappen Imperativ: „Schmeißen Sie den Hoff raus!“ Allen, die in halbwegs zivilisierter Form geschrieben haben, durften mit Antwort rechnen, alle anderen mit meiner Verachtung.

Sehr gefreut habe ich mich über ein Interview, das 2008 in der WZ erschien. Dort nannte mich Jan Böhmermann einen „verhärmten, schrumpeligen Alphajournalisten-Darsteller“, was seine Reaktion auf eine frühe Kritik seiner ersten TV-Gehversuche war. Er hat dann, findiger Kopf, der er ist, auch noch eine Seite mit dem Titel „Ichmaghanshoff.de“ ins Netz gestellt, die leider nicht mehr erreichbar ist, wohl weil seine damaligen Brötchengeber beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie üblich Konflikte scheuten. Auf der Seite zerpflückte er einen Gefälligkeitstext, den ich mal für einen befreundeten Musiker verfasst hat, auf sehr einfallsreiche Art. Chapeau, Herr Böhmermann. Ich habe mich dann revanchiert, indem ich als langjähriges Mitglied in der zuständigen Grimme-Jury daran mitwirkte, ihm fast jedes Jahr einen Preis zukommen zu lassen.

Naturgemäß macht man sich als Kritiker selten Freunde unter den Kritisierten. „Wie soll jemand nach Rosen duften, der täglich in Jauche baden muss“, schrieb mal ein treuer Leser zur Verteidigung meiner Fernsehkritiken. Mehr Wohlwollen kann man als Kritiker wohl nicht einheimsen. Andere reagierten weniger verständnisvoll. Bei Götz George und Hape Kerkeling hieß es früh: Keine Interviews mehr mit Hoff.

Andere waren da geschickter. Rudi Carrell zum Beispiel. Dem hatte ich zum 60. Geburtstag richtig einen mitgegeben. „Rudis Resterampe“ stand über einem Generalverriss seines Schaffens. Fünf Jahre später stand dann der 65. Geburtstag an, und der Meister bat zum Interview. In seiner Suite im Kölner Maritim empfing er mich mit den Worten „So sieht also ein schreibendes Arschloch aus.“ Bumm, das saß. Erst später erfuhr ich, dass der Begriff Arschloch bei Carrell auch die Funktion eines Adelstitels haben konnte. Er hatte sich halt gefreut, weil ich ein paar Tage vorher Marius Müller-Westernhagen als Inge Meysel des Rock‘n‘Roll beschrieben hatte.

Wir redeten und redeten, es war sehr nett, und ich schrieb später, dass es sehr nett war. Kurz danach rief mich Carrells Redakteur an und fragte, was der Meister mir denn wohl geben hätte, damit ich solch eine Lobeshymne verfassen würde. Ich las noch einmal meinen Text und stellte fest: Ja, Carrell hatte mich bestochen. Mit purer Zuneigungsvortäuschung. Ich hatte mich einwickeln lassen und muss ihm im Nachhinein noch die Ehre erweisen für diesen Dreh. Chapeau, Herr Carrell!

Nie konnte man mich bestechen. Da nützten keine Pressereisen rund um die Welt. Aber wenn man ausnahmsweise mal freundlich zu mir war, ging ich leicht auf den Leim. Der harte Hoff – so liebebedürftig.

Ich habe mich deshalb jedes Mal ehrlich gefreut, wenn ich ausnahmsweise auch mal positive Post bekam. Die große Senta Berger hat mir kürzlich geschrieben und sich für eine Kritik bedankt. Das hat mein Herz gewärmt, weil ich als Junge mal schwer verliebt in sie war. Und auch von Thomas Gottschalk habe ich eine Mail, in der er verspricht, mich von der Arschlochliste zu nehmen, weil ich mit der einen oder anderen Anmerkung möglicherweise doch Recht gehabt haben könnte.

Als größten Moment meiner Journalistenkarriere datiere ich allerdings den 22. Dezember 2000. Da klingelte in meinem Düsseldorfer Büro das Telefon, und als ich abhob, sagte eine Stimme, „Hi, this is George Harrison.“ Auf deutsch schob er dann noch „Guten Tag“ und „Wie geht‘s“ nach, ein paar Floskeln, die er noch aus seiner Hamburger Zeit kannte. Ich rang um Fassung und führte das wahrscheinlich ödeste Interview meines Lebens, weil ich immer nur „Danke“ stammelte und Unsinn fragte, den selbst eine „Bunte“-Reporterin nicht über die Lippen gebracht hätte. Aber was sollte ich machen? Ich war zu ergriffen von der Situation. Ich als weltgrößter Beatles-Fan, ich als immer noch kleiner Hansi, dem die Beatles eine graue Jugend in den Sechzigern erhellt hatten, telefonierte mit George Harrison, der so freundlich war und so höflich und verständnisvoll, dass ich es gar nicht fassen konnte. Irgendwann legte ich auf und dachte: Was soll jetzt noch kommen in meinem Leben?

Ich hatte ja schon einiges erlebt. David Bowie sang mal einen Meter vor mir, Ringo Starr hat mich am Arm berührt, und Norah Jones durfte ich bei einem Konzert vor 30 Leuten erleben. Alles nichts gegen mein Telefonat mit George Harrison.

Kurz danach fing ich dann auch selbst das Singen an. Ein Freund wollte eine Band auf seinem Geburtstag haben, und deshalb übten wir im Keller ein paar Gassenhauer aus der Rockgeschichte. Das machte Spaß, oft mehr Spaß als die Schreiberei. Je mehr ich sang, je besser ich wurde, desto deutlicher wurde mir, was meine eigentliche Leidenschaft ist: Das Singen. Hold On I‘m Comin‘.

In einer Zwischenphase meiner musikalischen Schaffensperiode wurde übrigens Jürgen von der Lippe verdonnert, einer meiner gar nicht mal so guten, aber sehr lauten Bands zu lauschen. Ich traf ihn nachher vor dem Lokal, und er seufzte schwer. „Früher haben ich von Hoffs Kritiken Magengeschwüre bekommen“, sagte er: „Heute kriege ich von seiner Musik Tinnitus.“ Chapeau für den Spruch!

Je besser das mit dem Singen klappte, desto deutlicher wurde mir, dass die Schreiberei ganz gut den Lebensunterhalt sichert, dass es aber nichts mehr ist, was mein Herz nachhaltig wärmt. Zumal ich ja stets dachte, dass irgendwann mal jemand kommen würde und sich mit dem Aufschrei „Der Hoff kann ja gar nicht schreiben“ Gehör verschaffen würde. Erst im Herbst 2019, also nach 40-jährigem Schaffen an der Kritzelfront, hörte ich mich erstmals den Satz sagen „Ich kann ja schreiben.“

Auf meine alten Tage habe ich mir dann trotzdem noch Vorbilder zugelegt. Ich bewundere Samira El Ouassil für ihre analytische Tiefe, Mely Kiyak für ihre Kraft, Margarete Stokowski für ihre Konsequenz, Stefan Niggemeier für sein kühles Blut und Imre Grimm für seine schier unerschöpfliche Wortgewalt. Ich wollte schreiben wie sie, wenigstens ein bisschen, aber es gelang mir nicht einmal ansatzweise. Kann es ein deutlicheres Zeichen geben, dass die Zeit abgelaufen ist?

„The Thrill Is Gone“ singe ich gerne mit meiner formidablen Band Blue Again, und der Titel passt ganz gut zu meiner aktuellen Befindlichkeit. Irgendwo in mir brennt noch was, aber ich komme dem nicht mehr nahe genug, um es in große Worte zu fassen. Ich werde deshalb auch keinen Podcast produzieren und kein Buch schreiben. Nicht über die Verkommenheit der Branche, nicht über Verschwörungstheorien, denen alte Männer gerne anheim fallen. Vielleicht verfasse ich hier und da noch mal eine kleine Fernsehkritik, mehr aber nicht.

Ich betreibe stattdessen aktuell einen Zoom-Comedykanal, in dem meine Enkelinnen die einzigen Zuschauer sind. Ich mache den typischen Opa-Quatsch und freue mich, wenn die Kleinen mich danach als Höffchen-Po-Pöffchen verspotten und einen Riesenspaß dabei haben. Das ist jetzt mein Erfolg. Das ist meine Quote.

Ich scheide deshalb mit keinem weinenden Auge aus dem Medienzirkus. Ich danke für die jahrzehntelange Aufmerksamkeit und gehe lächelnd ins Abendrot. Ich hatte fast durchweg großartige Zeiten, und ich danke allen, die mir auf dem Weg freundlich gesonnen waren, für ihre Wärme, für ihre Zuwendungen. Ich habe das alles sehr genossen und hoffe, dass ich hier und da auch etwas zurückgeben konnte.

Ansonsten gilt die Devise, dass jeder, der am Niederrhein mal an einer Kneipe oder einem Konzertsaal vorbeikommt, wo draußen „Blue Again feat. Hans Hoff“ steht, gerne reinkommen darf. Sie oder er kann dann erleben, dass da einer singt, der das nicht wirklich perfekt beherrscht, der aber immer noch viel Spaß am Leben hat. Möglicherweise mehr denn je.

Und als alter Gelegenheitsmelacnholiker schließe ich meinen Vortrag mit einem Link zu einer Aufnahme, die im Dezember in einer zugigen Garageneinfahrt vor ganz kleinem Publikum mit einem iPhone gemacht wurde. Ich huldige da meinem großen Helden Johnny Cash und versuche mich an „Hurt“, jenem Song, der vom Ende erzählt und der so oft so wunderbar stimmungsvoll die Heiligabendmoderationen von Mike Litt im WDR-Radio abgeschlossen hat. Klingt sehr traurig, ist es aber nicht. Es beginnt eine weitere wunderbare Zeit für mich.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

 

 

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Lieber Hans, was Du vergessen hast zu erwähnen, ist, wie grausam es war, über Jahre täglich das gedruckte TV-Programm auf der Medienseite der RP auf Zeile zu kürzen. Ansonsten kann ich nur sagen: „Chapeau“ (Zitat Hoff) für Deinen natürlich wie immer nicht uneitlen, aber höchst amüsanten Artikelabgang. Schickst Du mir Tickets für Dein nächstes Konzert? Please!