Korn-Ferry-CEO Gary Burnison: Führungskräfte müssen zuallererst Hoffnung ausstrahlen (Gastbeitrag)

Für viele Unternehmer, Manager und Führungskräfte sieht die Welt beim Kampf gegen Corona düster aus: Rezession, Kurzarbeit, Umsatzeinbrüche, keine Planbarkeit. Jetzt müssen sie Hoffnung verbreiten, rät Gary Burnison, CEO der Personal- und Organisationsberatung Korn Ferry aus Los Angeles. Er gibt einen sehr persönlichen Einblick in seine eigene Gefühls- und Gedankenwelt in der Zeit der Coronapandemie. (Übernahme)

 

Gary Burnison (Foto: Korn Ferry)

 

Als ich vor einer Woche mit meinem Hund spazieren ging, fiel mir eine Kreidezeichnung auf dem Strassenpflaster auf. Da stand: „Alles wird gut“. In dem Moment, als ich es las, fühlte ich mich in eine Situation versetzt, die viele Jahre zurück liegt. Mein Sohn Jack, damals fünf Jahre alt, lag in einem sterilen, weißen Zimmer eines Krankenhauses, um operiert zu werden. Die Nacht davor waren wir alle sehr ruhig. Aber als am nächsten Morgen die Krankenschwester kam, um Jack eine Spritze zu geben, war alle Leichtigkeit dahin. Mit weit offenen Augen fragte mich Jack: „Papa, wird alles gut werden?“

 

Jeder, der Kinder hat, wird irgendwann mit dieser Frage konfrontiert. Für mich war es das erste Mal. Und ich sagte: „Ja, alles wird gut.“ Heute, ob wir es uns nun selbst eingestehen wollen oder nicht, schwingt diese Frage in beinahe allen Gesprächen mit. Hoffnung, die vielfach als Tarnung für Angst fungiert.

 

In Bullenmärkten wird von Führungskräften vor allem Bestätigung erwartet. In Bärenmärkten dagegen ist es ihre Zuversicht, dass es so schlimm nicht wird. Führungskräfte verlassen sich oft vor allem auf ihre analytischen Fähigkeiten  – die linke Hälfte unseres Hirns -, um Strategien zu entwickeln. Um aber Hoffnung auszustrahlen, brauchen sie gerade jetzt mehr denn je ihre rechte Hälfte des Hirns, mit der sie Inspiration und Motivation erzeugen können.

 

Meine ganz persönlichen Gedanken hierzu:

  • Zuhören, um die eigene Intuition anzuregen. Krisen konnten noch nie vom Schreibtisch aus gelöst werden. Stattdessen ist ‚Management by Walking around‘ angesagt: Also der intensive Kontakt mit Kunden, Mitarbeitern, Lieferanten und wichtigen Stakeholdern. Was jetzt aber nicht klappt. ‚Walking‘ funktioniert nicht, aber ‚Talking‘. Ich telefoniere pro Tag mit 50 Menschen – und höre dabei viel mehr zu, als dass ich selbst spreche. Führungskräfte sollten trotz der sozialen Isolation nicht plötzlich ‚verschwinden‘, sondern nun besonders präsent sein. Nur so hören sie auch heraus, was Kunden und Mitarbeiter gerade wirklich denken und fühlen. Denn: Nur wenn sie ein akkurates Bild vom Heute haben, können sie auch ein Bild für das Morgen entwickeln – und antizipieren, wie die Welt in zwölf, 18 oder 24 Monaten aussehen könnte.

 

  • Vom Ende her denken. Wer ein Ende im Kopf hat, dem fällt es viel leichter, Hoffnung zu schöpfen. Ich meine nicht nur die medizinische Lösung. Sondern wie die Geschäftswelt und Geschäftsmodelle ‚Danach‘ aussehen werden. Meine Kollegen in China berichten aktuell, wie sich ihr Leben langsam normalisiert. Ein Kollege aus unserem Büro in Schanghai schrieb mir gerade: „Mir geht es gut, mental und physisch. Das Land fängt an, sich langsam zu erholen. Und Ihr werdet das auch schaffen.“ Mir geht es nicht darum, die Ernsthaftigkeit des Jetzt damit in Frage zu stellen – aber aus dieser Perspektive heraus Hoffnung zu vermitteln. Ich habe Führung immer als Reise begriffen: Menschen emotional, manchmal auch physisch, von einem Punkt zum anderen zu bringen. Hoffnung kann uns dabei helfen, diesen Punkt zu erreichen.

 

  • Nicht mental in Selbstisolation gehen. Es erscheint unbedingt nötig, dass wir physische Selbstisolation ausüben. Aber wir sollten nicht mental einfrieren. Ich bin in Kansas aufgewachsen. Ich kann mich an heiße Sommertage mit einem wolkenlosen blauen Himmel erinnern. Doch dann, ganz plötzlich, fielen die Temperaturen und seltsame Wolkenformationen bildeten sich am Himmel. Als ich das erste Mal die Tornadosirenen hörte, rannte ich so schnell ich konnte in den Keller und hatte fürchterliche Angst. Nachdem ich das einige Male erlebt hatte, wurde ich gelassen. Weil ich wusste, was zu tun ist. So ist es auch heute. Wir alle wissen, dass die Krise enden wird. Aber nicht abrupt, sondern eher wie abflachende Wellen. Alles wird sich danach ändern: Lieferketten, Verkehr und Veranstaltungen, um nur einiges zu nennen. Aber wir sollten jetzt trotzdem nicht paralysiert sein. Das Leben ist und bleibt in Bewegung und jeder sollte jetzt das tun, was ihn in seiner Einschätzung des ‚Danach‘ weiterbringen wird.

 

  • Die Enden miteinander verbinden. Führung heißt seit jeher, die unterschiedlichen Enden miteinander zu verbinden. Das ist heute Aufgabe der Unternehmensführung – um auf dieser Basis ein Bild der Organisation zu entwerfen, wie sie nach der Krise aussehen wird und was jetzt zu tun ist, um diese Transformation anzugehen. Strategie muss jetzt in Echtzeit gemacht, Entscheidungen schnell angepasst und Konditionen verändert werden, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Es kann sein, dass der auch der Unternehmenszweck neu ausgerichtet und mit einer neuen Strategie in Einklang gebracht werden muss. Ohne eine solche Justierung des Kompasses erscheinen heute gute Entscheidungen später vielleicht eher wie Zeitverschwendung.

 

  • Hoffnung ist psychische Widerstandskraft. Der Schwarze Tod im Mittelalter, die Pest in London im 17. Jahrhundert, die Spanische Grippe 1918 bis 1920 waren nur einige medizinische Katastrophen. Unzählige Menschen verloren ihr Leben. Den Katastrophen der Geschichte musste die Menschen ohne moderne Wissenschaft und Technologien der heutigen Zeit begegnen. Trotzdem existierte die Menschheit stets weiter. Unsere Hoffnung kann darum nicht nur auf Wissenschaft und Technologie liegen, sondern auch auf der über Jahrtausende erworbenen psychischen Widerstandskraft der Menschheit.

 

  • „Die Mutigen haben keine Angst.“ An der Wand in meinem Home Office hängt dieser wunderbar eingerahmte Spruch – schwarze Pinselstriche auf weißem Hintergrund, ein chinesisches Schriftzeichen. Ein Geschenk, das mir ein Kollege in China überreichte. Dieses Zitat von Konfuzius (551 vor Christus) ist Teil einer längeren Textpassage: „Der Menschenfreund macht sich keine Sorgen, der Weise ist nicht verwirrt, der Mutige hat keine Angst.“ Es bezeichnet ein Ideal – und legt die Latte extrem hoch. Für mich sind das nicht nur Worte von Trost, sondern viel mehr eine Ermutigung, mich zu erinnern, wer jeder von uns sein kann.

 

In schwierigen Zeiten ist es die Aufgabe der Führungskräfte zu sehen, was die anderen nicht sehen können. Durch ihre Worte und Handlungen zeichnen sie ein Bild, das andere sich bisher noch nicht vorstellen konnten.

Wie die Pinselstriche auf einer Leinwand, oder die Kreidezeichnung eines Kindes auf der Straße. Diese Botschaften verbreiten Hoffnung und fördern Mut. Ja, alles wird gut.

 

Hier geht´s zum englischen Original-Text: 

https://www.kornferry.com/insights/articles/leadership-reassure-resilience-courage-coronavirus

 

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