Was wird nach Corona sein? Womöglich brechen die Reisen dauerhaft ein – was Zeit, Kosten und Anstrengungen sparen würde, überlegt Hermann Simon im Gastkommentar (2)

Corona hält die Wirtschaft in Bann. Jeder ist bemüht, die momentanen Einschläge abzumildern. Da bleibt keine Zeit, um zu fragen, was längerfristige Wirkungen sein könnten. Natürlich sind alle diesbezüglichen Vermutungen spekulativ. Aber das Nachdenken darüber lohnt sich, vor allem im Hinblick darauf, welche Branchen mittel- und langfristig profitieren könnten. Ein Gastkommentar von Hermann Simon, Chairman und Gründer der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners (2).

 

Hermann Simon (Foto: Simon-Kucher & Partners)

 

In modernen, hochentwickelten Volkswirtschaften spielen anspruchsvolle, aber nicht lebensnotwendige Dienstleistungen eine herausragende Rolle. Dazu gehören Tourismus, Restaurants, Hotels, Konferenzen, Kultur/Kunst, Fitness-Studios, Massage. Nicht dazu gehören Medizin, Apotheken, Lebensmittelhandel oder Müllabfuhr. Könnte es sein, dass die Menschen im Corona-Verlauf lernen, dass manche moderne Dienstleistung überflüssig ist? Muss man an jedem Event, an jeder Branchenkonferenz, an jedem Meeting wirklich teilnehmen? Oder jeden neuen Kinofilm sehen? Ist der regelmäßige Besuch eines Schönheitssalons, des Friseurs, des Fitnesstudios, des Massagestudies unverzichtbar oder kommt man auch mit etwas weniger aus?

 

Unnötige Reisen um die halbe Welt

Viele Dienstleistungen sind mit Reisen, Kontakten und Meetings verbunden. Das alles fällt wegen des Coronavirus vorübergehend weg, oder es wird durch Internet und Telekommunikation ersetzt. Vielleicht ergibt sich hieraus die dauerhafte Lehre, dass es auch mit weniger Reisen geht. Aus Taiwan erhielt ich vor einigen Tagen eine Einladung zu einem Vortrag. Ich antwortete, Reisen komme wohl für Monate nicht in Frage. Daraufhin kam der Vorschlag, den Vortrag per Videokonferenz zu halten. Bei früheren Anfragen habe ich genau das häufig vorgeschlagen, sogar zur Hälfte meines üblichen Honorars. Dieser Vorschlag wurde nie angenommen, sondern auf persönliches Erscheinen wurde trotz der höheren Kosten Wert gelegt.

 

Vielleicht erweist sich für die Zukunft, dass es auch per Videokonferenz geht. Das würde Zeit, Anstrengung und Reisekosten sparen, zudem wäre es sehr viel besser für die Umwelt. Unsinnige Reisen um die halbe Welt für einen Vortrag von 30 oder 45 Minuten würden entfallen oder zumindest seltener stattfinden. Ähnliches gilt für viele Business Meetings. Für die Airlines und die Hotels ist das allerdings keine gute Nachricht.

 

Wird die Kriminalität steigen?

Viele Beschäftigte gerade im Dienstleistungssektor beziehen niedrige Einkommen und dürften keinen finanziellen Puffer haben, um einige Wochen oder Monate über die Runden zu kommen. Ich habe keine Ahnung, wie sich das auswirkt und wie die Weiterungen aussehen werden. Eine nahe liegende Vermutung ist, dass es zu einem Anstieg der Kriminalität kommen wird. Wenn die Leute kein Geld mehr haben, werden sich manche auf andere Weise helfen. Das Schutzbedürfnis der Bürger dürfte steigen, so dass die Nachfrage für Leistungen von Wachdiensten und für Waffen anzieht.

 

Bis zu einer Million Todesfälle

Wenn die Virologen und die Bundeskanzlerin von 60-70 Prozent Infizierten reden und man eine Sterberate von ein bis zwei Prozent annimmt, dann errechnen sich daraus allein in Deutschland 500.000 bis eine Million Todesfälle. An der Spitze der Alterspyramide würde es also eine enorme Durchforstung geben mit starken Auswirkungen auf die Lage der Renten- und Gesundheitskassen. Diese würden nämlich in Zukunft große Summen einsparen – ein makabre Weiterung.

 

Mehr Insolvenzen als Todesfälle?

Welche Folgen ergeben sich, wenn der Staat und die Zentralbank versuchen, die vielen Löcher zu stopfen? Erwartet uns eine massive Inflation? Wird sich der Staat überschulden? Was passiert mit den Banken, wenn Firmen und Verbraucher ihre Kredite nicht mehr bedienen können? Ein chinesischer Bekannter schrieb: „Die Zahl der Konkurse wird die Zahl der Toten bei weitem übersteigen.“

 

Sehr interessant ist die Frage, ob es einen Hysterese-Effekt geben wird. So heißt ein Phänomen aus der Physik, bei dem ein temporärer Impuls eine dauerhafte Wirkung auslöst. Ein bekanntes Beispiel ist die Magnetisierung. Wenn ein Eisenstück einmal magnetisiert wird, bleibt es auf Dauer magnetisch. Wird die vorübergehende Krise also zu dauerhaften Veränderungen im Verbraucherverhalten führen. Die folgende E-Mail, die mir ein normalerweise viel reisender Bekannter am 13. März schrieb, deutet auf einen Hysterese-Effekt hin: „Ich kenne Dutzende von Leuten, die noch nie Lebensmittel online eingekauft haben und die das jetzt tun. Ich gehöre dazu. Ich werde nicht mehr auf offline Lebensmitteleinkauf wechseln, nachdem ich mich jetzt einmal vertraut gemacht habe mit den online Lebensmittelangeboten.

 

Welche der beschriebenen Weiterungen tatsächlich eintritt, ist heute völlig ungewiss. Die Dauer der Krise dürfte eine große Rolle spielen. Es kann aber auch sein, dass der ganze Spuk in wenigen Wochen vorbei ist. In China zeichnet sich das ab. Aber dort wurde das Containment – anders als beispielsweise in Italien – schneller und effektiver durchgesetzt.

 

 

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