Hermann Simon über Preisethik und das Coronavirus: Preise erhöhen oder Hamsterkäufern Vorschub leisten – das unauflösbare Dilemma

Preisethik in Coronavirus-Zeiten. Ein Gastkommentar von Hermann Simon, Chairman und Gründer der Unternehmensberatung Simon – Kucher & Partners über Hersteller, die in einem Dilemma stecken, dem sie nicht entrinnen können. 

 

Die Corona-Krise sorgt für Verunsicherung und Angst. Produkte wie Schutzmasken, Desinfektionsmittel, bestimmte Medikamente sind ausverkauft. Die Nachfrage nach allem, was bei einer Verschlimmerung der Krise von Nutzen sein kann, explodiert.

 

Die normale marktwirtschaftliche Folge einer derartigen Nachfrageerhöhung ist, dass die Preise steigen. Die Anbieter der knappen Waren fordern einfach höhere Preise. Bei den Käufern führt diese Preistreiberei zu Verärgerung und Empörung. Preistreiberei wird als unethisches Ausnutzen einer Notsituation empfunden und trifft deshalb auf breite Ablehnung.

 

Die Problematik ist keineswegs neu. Bereits Thomas von Aquin (1225-1274) hat sich damit beschäftigt und das Konzept des „gerechten Preises“ entwickelt. Seine Ideen wurden von der traditionellen christlichen Einstellung gegen Wucher und gegen Zinserhebung im Allgemeinen beeinflusst. Preise als Reaktion auf steigende Nachfrage zu erhöhen, ist in seinem Weltbild Diebstahl. Als äußerst unethisch klassifiziert er Preiserhöhung im Zuge von Naturkatastrophen.

 

Hermann Simon (Foto: Privat)

 

Doch ganz so eindeutig sind die Dinge nicht. Lässt der Verkäufer die Preise nämlich konstant, so kaufen die schnellsten Verbraucher die Regale leer, horten die Produkte und verkaufen sie möglicherweise zu stark erhöhten Preisen weiter. Die nicht so schnellen Kunden gehen leer aus oder müssen auf dem Zweitmarkt höhere Preise zahlen. Um das zu verhindern, verbietet die japanische Regierung ab Mitte März die Spekulation mit Schutzmasken. Der Maskenhersteller Moldex, der aktuell in drei Schichten produziert, wettert gegen die „Wucherpreise“ auf Ebay. Dort werden die Masken, die bei Moldex 1,80 Euro kosten, zu 25 bis 30 Euro angeboten. Ist das gerecht?

 

Preiserhöhung in der Notsituation

Was passiert hingegen, wenn der Anbieter in der Notsituation die Preise erhöht? Die frühen Kunden kaufen nur die Menge, die sie wirklich brauchen. Die späteren Kunden kommen auch noch zum Zuge. Gleichzeitig sendet der höhere Preis ein Signal an den Produzenten, dass es sich lohnt, schnell größere Stückzahlen des Produkts herzustellen. Die Chance auf höheren Gewinn bildet einen starken Anreiz, mehr auf den Markt zu werfen. Das Angebot und damit die Versorgung der Verbraucher steigen. Diese müssen zwar mehr bezahlen, was sie ärgert, aber sie bekommen das benötigte Produkt. Immerhin.

 

Eine ähnliche Situation betrifft einen Fall des Fahrdienstleisters Uber nach einem Terroranschlag in Australien im Jahre 2014. Die Nachfrage nach Uber-Fahrten stieg nach dem Anschlag schlagartig an, und die Uber-Software erhöhte automatisch die Preise. Diese höheren Preise lockten mehr Uber-Fahrer an den Ort, von dem die Menschen fliehen wollten. Die Medienresonanz fiel allerdings sehr negativ aus. Uber wurde für die Preistreiberei massive kritisiert. In anderen gab es ähnlich geartete Vorfälle. Im Falle eines Londoner Terroranschlags im Jahr 2017 erstattete Uber den Passagieren, die den Zuschlag bezahlt hatten, diesen zurück. Uber lernte aus diesen Erfahrungen und greift heute manuell ein, wenn die Nachfrage plötzlich und stark steigt.

 

Das Dilemma des Anbieters: Preise erhöhen wegen höherer Produktionskosten – und als Profiteur dastehen

Oft hat der Anbieter kaum eine andere Wahl als die Preise zu erhöhen. Denn es ist wahrscheinlich, dass die Preise für Vorprodukte aufgrund der erhöhten Nachfrage anziehen. In den Vorstufen der Wertschöpfungskette geht es knallhart nach Angebot und Nachfrage, dort spielen ethische Erwägungen eine untergeordnete Rolle. Das kann für den Endprodukthersteller unangenehm werden. Er muss die Preise aufgrund seiner gestiegenen Kosten erhöhen. Die Verbraucher sehen das aber leicht als eine Ausnutzung der Notlage, ein echtes Dilemma.

 

Wenn das teuerste Medikament der Welt vom Hersteller verlost wird

Die Probleme, die sich bei sehr innovativen, lebensrettenden Medikamenten stellen, sind ethisch noch schwieriger. Kymriah, eine genbasierte Therapie von Novartis, heilt eine bestimmte Art von Leukämie mit einer einzelnen Injektion. Was ist ein gerechter Preis für ein solches Produkt? In den USA kostet eine Anwendung bis zu 475.000 US-Dollar. In Deutschland liegt der Preis bei 320.000 Euro. Das Produkt Luxurna heilt einen Gendefekt, der bei Kindern zu Erblindung führt. Es soll in den USA 850.000 Dollar kosten, aber eine Teilrückerstattung wird angeboten, wenn die Genesungsziele nicht erreicht werden.

Das teuerste Medikament der Welt ist Zolgensma, das in USA 2019 zugelassen wurde. In Deutschland ist das Produkt – eine Gentherapie – noch nicht zugelassen, kann aber eingesetzt werden. Es heilt eine Atrophie der Wirbelsäulenmuskulatur – eine katastrophale Erkrankung, die Babys treffen kann – mit einer einzigen Injektion. Die Preishöhe von etwa zwei Millionen Euro sorgte für Empörung. Novartis hat angeboten, 100 Therapien zu verlosen, was ebenfalls umstritten ist.

 

Die Frage der Ethik von Preisen ist in Notsituationen: Lieber plötzlich teuer und zu haben – oder lieber gleich teuer und längst vergriffen

Sind solche Preise gerecht und ethisch vertretbar? Ich habe auf diese Frage keine eindeutige Antwort. Ich will mit diesem Artikel nur klar stellen, dass die Frage der Ethik von Preisen in Notsituationen wie der gegenwärtigen Corona-Krise nicht so einfach ist, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob es ihm lieber ist, einen höheren Preis zu zahlen und das benötigte Produkt tatsächlich zu erhalten oder ob er einen konstanten Preis vorzieht, bei dem aber viele Verbraucher leer ausgehen und auf dem Zweitmarkt dann doch höhere Preise zahlen müssen.

 

 

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