Buchauszug Boris Grundl: „Steh auf! – Das Ende aller Ausreden“

Buchauszug Boris Grundl: „Steh auf! – Das Ende aller Ausreden“.  Grundl ist Sachbuchautor, Managementtrainer und Rollstuhlsportler

 

Boris Grundl (Foto: Econ)

 

Ich erfülle meine Pflicht – und bin voller Freude

Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude.
Ich erwachte und sah, das Leben ist Pflicht.
Ich tat meine Pflicht, und siehe da, das Leben ward Freude.
Rabindranath Tagore

 

Einer meiner Mentoren sagte einmal zu mir: »Seit ich Sie
kenne, Herr Grundl, muss ich beim Aufstehen immer daran
denken, dass Sie morgens, wenn Sie in die Firma kommen,
schon weit mehr Anstrengungen hinter sich haben als andere,
wenn sie nach der Arbeit nach Hause kommen!« Da ist
etwas Wahres dran. Wenn mein Wecker klingelt, liegt ein
zweistündiges Programm vor mir, das ich absolvieren muss,
bevor ich sicher in den Tag starten kann. Und das jeden
Morgen, seit über 27 Jahren!

 

Oft habe ich nicht wirklich Lust dazu, und die immer
gleichen Handgriffe sind eine lästige Pflicht. Was nutzt mir
Pflicht, außer dass sie – wie bei allen anderen auch – die
Voraussetzung dafür ist, überhaupt aus dem Haus gehen zu
können? »Aber das ist doch schon etwas!«, höre ich eine
vernünftige Stimme sagen. »Nur dass dies bei mir mal eben
zwei Stunden dauert!«, möchte ich am liebsten antworten.
Es ist immer das Gleiche: Bevor ich mich überhaupt irgendwie
hochwuchten kann, leere ich im Liegen meine Blase.
Dann erst setze ich mich auf, und manchmal denke ich:
Mann, heute bist du aber schwer! Mein Körper ist wie ein
nasser Sack. Aber an manchen Tagen wirkt er noch schwerer
als an anderen, dann sind meine Arme nicht so fit oder
noch müde vom Vortag. Ich muss ja alles mit den Armen
machen: mich aufsetzen, meine Beine vom Bett hinüber in
den Stuhl hieven, meinen Körper umsetzen, meine Beine
sortieren. Dann geht es erst mit der Hygiene los. In der gleichen
Zeit hat sich meine Frau schon lange angezogen und
ist schon längst zur Tür hinaus.

 

Wie gesagt, oft habe ich keine Lust auf die ganze Prozedur.
Aber meist gelingt es mir, nicht darüber nachzudenken.
Ich versuche, es der alten Dame gleichzutun, die einmal
den ganzen Weg von San Diego nach New York zu Fuß gegangen
sein soll. Auf die Frage, wie sie das geschafft habe,
antwortete sie: »Ich habe einfach immer den nächsten
Schritt gemacht.« Das hätte von mir sein können! Bei mir ist
es morgens genauso. Ich wache auf. Ich atme. Ich denke
nicht. Ich fange einfach an. In den ersten 6 bis 10 Minuten
fällt es mir manchmal noch schwer, dann wird es langsam
besser. Ich bemühe mich, daran zu arbeiten, diese tägliche
Pflicht mit dem geringsten Widerstand oder sogar mit Freude
zu erfüllen.

 

Durch Pflichterfüllung zur Freude

Pflicht ist Arbeit. Und Pflicht bleibt Arbeit. Nicht selten ist
sie sogar Quälerei. Aber wahrscheinlich kommt das Wort
Qualität auch von quälen. Sie können sie nicht austricksen,
aber Sie können sich an sie gewöhnen. Irgendwann nehmen
Sie nur noch kurz zur Kenntnis, dass Sie sich gerade zwingen,
und es kann sogar vorkommen, dass Sie Ihren Pflichten
meditativ nachgehen. Sie denken nicht mehr, sondern machen
einfach. Oder, und das ist die beste Variante, Sie haben
sogar Freude daran. Wenn ich darüber nachdenke, hatte ich
auch schon vor meinem Unfall Freude an meinen Pflichten.
Als Schüler habe ich beispielsweise für 5 D-Mark pro Stunde
Getränkekisten gestapelt. Ich habe es gern getan. Die Pflichten
bei der Bundeswehr haben mir nichts ausgemacht. Ganz
selten entwickeln sich aus Pflichten sogar Rituale und liebe
Gewohnheiten, die etwas sehr Hilfreiches, Beruhigendes und
Positives haben. Aber meist bleibt die Pflicht einfach Pflicht.
Trotzdem ist eine freudige Pflichterfüllung hundertmal besser,
als täglich einen Kampf gegen innere Widerstände auszufechten,
damit laufen Sie mental nur gegen die Wand und tun sich selbst keinen
Gefallen.

»Und wenn es mal gar nicht geht?«, fragen Sie jetzt
bestimmt. Und zu Recht! Dann geht es eben nicht, ich bin
keine Maschine. Auch ich gebe ab und zu mal nach. Wenn
es gar nicht geht, bleibe ich – an freien Tagen – eben bis
11 Uhr liegen. Umso besser geht es am nächsten Tag weiter.
Dann ist der Widerstand wieder geringer, ich denke
nicht, ich hadere nicht mit meinem Schicksal, sondern tue
einfach, was ich tun muss. Seien auch Sie kein Prinzipienreiter.
Machen Sie nicht den Fehler, sich zu oft zu zwingen.
Vergleichen Sie Ihre Tätigkeiten mit einem Fluss: Pflichten
sind Steine, die Sie aus dem Fluss holen müssen, damit er
fließen kann. Wenn Sie sich aber zwingen, keine Pause
machen und irgendwann nicht mehr können, holt niemand
die Steine aus dem Wasser. Versuchen Sie deshalb alles im
Gleichgewicht, im Fluss zu halten. Auch die Dinge, die
Ihnen leicht von der Hand gehen, die Ihnen Spaß machen,
Ihre Talente, die Kür quasi, fließt erst, wenn Sie auch Ihre
Pflichten ernst nehmen und im Idealfall mit Freude erfüllen.
Pflicht und Kür gehören zusammen, Ihre Talente bringen
auch immer neue Pflichten mit sich – so wie das Lebenswerk
aus dem Tagwerk entspringt, das große Ganze aus
den kleinen Schritten. Deshalb kann die Pflicht Ihnen
Freude bereiten. Und genauso gilt der Satz von Hellmut
Walters: Wer seine Pflicht erfüllt, hat Charakter, wer nur
seine Pflicht erfüllt, hat keinen.

TUE ICH ES FÜR MICH ODER
FÜR ANDERE?

Führen Sie sich auch einmal vor Augen, wie Sie Ihre Kinder
erziehen, dann wird es Ihnen schnell klar. Solange die Kinder
klein sind, sagen wir ihnen lauter vernünftige Sachen.
Wenn meine Tochter früher genölt hat, sie habe keine Lust
zum Zähneputzen, konnte sie bei mir damit nicht landen.
Mein einziger Kommentar: »Los, du machst das jetzt!« Aber
wenn sie fertig war, fragte ich sie: »Und wie geht es dir
jetzt?« Wie zu erwarten war ihre Antwort: »Gut!« So ist das
mit der Pflicht: Sie ist nicht angenehm, aber sie bringt uns
nicht um, sondern am Ende sogar weiter. Meine Tochter
muss heute dadurch seltener zum Zahnarzt.

Auch später, als sie in der Schule war, habe ich ihr zu
erklären versucht, dass es keine sinnlosen Pflichten gibt.
Wenn sie mir erzählte, auf Mathe und Physik habe sie keine
Lust (»Außerdem werde ich das später nie brauchen!«), antwortete
ich: »Woher weißt du das?« Ja, ich bin ein grausamer
Vater! Im Ernst, ich finde, man sollte gerade in jungen Jahren
die Möglichkeit zu entscheiden offenhalten. Wer sich zu
früh einschränkt, hat später weniger Auswahl. Auch wenn
meine Tochter schon früh eine leise Ahnung davon zu haben
schien, dass Mathe und Physik nicht dazugehörten – man
kann nie sicher sein. Heute studiert sie jedenfalls Betriebswirtschaftslehre.
Und da in diesem Kontext Mathematik sinnvoll ist, hat sie  sich gerne damit beschäftigt: Auf einmal läuft es mit Mathe gut. Man darf sich durch eine momentane
Unlust nicht die Chance auf eine Möglichkeit in der Zukunft
rauben lassen. Dahinter steckt ein starkes Prinzip: Auf kurzfristigen
Schmerz (lernen) folgt mittelfristig größere Freude
(Auswahl). Oder: auf kurzfristige Freude (nicht lernen) folgt
mittelfristig größerer Schmerz (keine Auswahl). Ob im Umgang
mit Lernen, Ernährung, Sport oder Geld: Es ist erstaunlich,
wie wenig Menschen dieses Prinzip tief verinnerlicht
haben.

 

Heute liegt die Entscheidung darüber, was meine Tochter
machen will, in ihrer eigenen Verantwortung. Und das
macht sie außergewöhnlich gut für ihr Alter. Doch bis es so
weit war, lag es auch an mir, ihr so viele Wege aufzuzeigen
wie möglich, damit sie eines Tages ihre Berufung entdeckt.
Meine Verantwortung lag darin, Wege möglich zu machen.
Ihre Verantwortung liegt darin, ihren Weg zu finden und zu
gehen.

 

Niemand, der sich immer nur daran orientiert, was er
möchte, wird seine Berufung herausfinden. Viele haben das
noch nicht verstanden. Stellen Sie sich vor, Sie schauen am
Ende Ihres Lebens auf Ihren langen, spannenden und sicher
nicht geradlinig verlaufenen Lebensweg zurück. Als Vorbereitung
auf diesen Augenblick sollten Sie sich schon heute
fragen: »Was wünsche ich mir später einmal, getan zu
haben – und zwar für andere?« Zu überlegen, was ich als
Nächstes tun möchte, ist zu kurz gedacht. Es geht darum,
was Sie in sich freisetzen, um andere durch Ihre Talente zu
beschenken. Es geht um ein Talent, Stärken, eine Berufung –
um das herauszufinden bedarf es im Leben sehr vieler Pflichtübungen.
Niemand kann diese Aufgabe für Sie übernehmen,
auch wenn es Ihnen so mancher verspricht. Erwarten Sie
diese Erkenntnis nur von sich selbst. Wenn ich mich heute
frage, ob ich Tennis oder Klarinette oder Saxofon für mich
gespielt habe oder für andere, weiß ich: Ich habe zwar oft
vor anderen gespielt, aber nicht für andere. Denn Musik und
Sport sind nicht meine Berufung – das weiß ich heute. Trotzdem
war die Übung »Musik und Sport« extrem wichtig für
meine Entwicklung. Gerade in den Bereichen »Kreativität
und Hören« sowie »Körpergefühl« profitiere ich heute sehr
davon.

 

Im Gegensatz dazu gibt es Menschen, bei denen es keinen
Zweifel gibt, dass sie Sport oder Musik für andere machen
– der leider so früh verstorbene Saxophonist der E
Street Band Clarence Clemens zum Beispiel oder der Schweizer
Tennisspieler Roger Federer. Das sind nur zwei bekannte
Beispiele zur Erklärung des Prinzips. Denn es geht dabei
nicht unbedingt um Weltklasse, sondern darum, seinen Platz
in der Welt zu finden. Das ist der Ruf der Berufung. Mancher
Ruf ist eben anders als bei anderen.
Ich erlebe häufig, dass Menschen ihrer eigenen Berufung
gar nicht erst nachspüren. Kinder berühmter Eltern beispielsweise
machen einfach das Gleiche wie ihre Ahnen,
ohne dass sie wirklich Talent hätten; Julius August Walther
von Goethe hat sich beispielsweise nie von dem riesigen
Schatten seines Vaters zu befreien vermocht. Auf seinem
Grab in Rom steht bezeichnenderweise: Hier ruht Goethes
Sohn. Ist er seinem Ruf gefolgt und hatte er seine Berufung
gefunden? Oder ist er etwas nachgesprungen, was gar nicht
zu ihm gehörte?

 

Andere studieren Medizin, ohne die Begabung und den
Ruf eines Heilers zu besitzen, sondern nur, weil die Eltern
vielleicht eine Praxis haben. Natürlich kann das auch funktionieren,
und der erste Weg war gleich der passende. So
war das vielleicht bei Mozart oder bei Michael Schumacher,
auch wenn die Eltern tüchtig nachgeholfen haben. Am
Anfang ist es wichtig und normal, dass Heranwachsende
gelenkt werden. Und auch die Institutionen, die Kinder
durchlaufen, sollen unter anderem helfen, ihre Begabung zu
finden. Vieles wird vorgegeben, alles beeinflusst die Kleinen
und auch noch die Größeren. Je älter Kinder werden, desto
stärker werden ihre eigenen, ihrem Charakter gemäßen Bedürfnisse.
Und dann ist der nächste normale Schritt die
Loslösung von den Eltern. Jetzt müssen – oder besser dürfen
– sie selbst Entscheidungen treffen und dafür Verantwortung
übernehmen.

 

Natürlich können die Heranwachsenden nicht wissen,
wo sie in dreißig Jahren stehen werden. Und sie müssen
auch nicht alles zu Ende bringen – Sie erinnern sich? Wenn
man merkt, dass etwas nicht den eigenen Bedürfnissen und
Talenten entspricht, ist es sogar besser, man lässt davon ab
und verschwendet nicht zu viel Energie darauf. Nicht aus
Faulheit, sondern aus Einsicht. Vielmehr sollte man auf dem
Weg weiterhin versuchen zu erkennen, was die wahre Berufung
hinter all den Dingen sein könnte, und sich dann
darauf konzentrieren – egal, wie lange es dauert. Es liegt in
der Verantwortung eines jeden, sie dann auch zu verwirklichen.
Bin ich wirklich ein Heiler oder nur Arzt, weil meine
Eltern das wollten? Bin ich wirklich ein berufener Musiker?
Oder habe ich da ein Hobby zum Beruf gemacht, das lieber
ein Hobby hätte bleiben sollen?

 

Boris Grundl: „Steh auf! Das Ende aller Ausreden.“ Ullstein Verlag, 304 Seiten, 25 Euro. https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/steh-auf-9783430210140.html

 

Aus Talenten Stärken formen

Woran erkennt man seine Talente, seine Begabungen? Daran,
dass man bestimmte Dinge sehr schnell lernt und das andere
davon beeindruckt sind. Das Problem ist, dass unsere Talente
uns nicht so auffallen, da wir uns unbewusst mit dem beschäftigen,
was uns etwas schwerer fällt. Glauben Sie nicht?

Hier der Beweis: Ein Kind kommt mit zehn Schulnoten nach
Hause – sechs Noten sind durchschnittlich, zwei herausragend
gut, zwei herausragend schlecht. Wohin geht die
meiste psychische Energie? Ich erahne die Antwort … Diese
unbewusste Defizitärorientierung lasst uns unsere Talente
zu wenig wahrnehmen. Sie fallen uns nicht auf, weil sie für
uns normal sind. Beobachten Sie doch einmal genau, was
Sie schnell lernen, und fragen Sie doch mal andere, was sie
an Ihnen beeindruckend finden; anderen fällt es nämlich
meist leichter, Sie richtig wahrzunehmen.

 

Eine Begabung ist etwas, das Sie gut können, nicht unbedingt etwas, das Sie
sofort gerne tun. Wer Ergebnisse lieben lernt, dem wird mit
der Zeit seine Berufung unendlich viel Freude bereiten. Und
Sie werden aufgrund des schnelleren Lernens immer weniger
Konkurrenz haben und Ihre Einzigartigkeit erkennen.
Dadurch werden Ihre Talente zu Stärken, welche sich in
Ergebnissen zeigen, die einen Mehrwert für andere erzeugen.
Bei mir, Sie wissen es längst, ist es die Transformation
des Menschen: Muster erkennen, die Probleme verursachen,
ursächliche Lösungen für die Probleme finden, Menschen
bei der selbstständigen Lösung begleiten.

 

Diese Form der Verantwortung ist ein Talent, welches zu einer Stärke geworden
ist. Menschen kamen schon immer auf mich zu,
wenn es für sie schwierig wurde. Ob als Produktmanager,
Rollstuhlrugby-Spieler, Unternehmer oder in der Familie,
ob wegen schwieriger Kunden, Geldbeschaffung für den
Verein oder Betrug im vertrauten Umfeld: Ich werde gesucht,
und ich liefere. Aber ganz wichtig: Ich löse nicht
Probleme, sondern ich kläre den Blick auf die Ursache und
biete Ideen zur Lösung. Danach fordere ich das konsequente
Umsetzen ein. Das hat auch seine Kehrseiten: Ich werde
selten zum entspannten Bier nach der Arbeit gefragt, eher
zu Problemen in der Unternehmensentwicklung. Ich kann
das gut verstehen, denn eine gewisse Ernsthaftigkeit ist ein
Teil meines Wesens. Und sich mit mir auseinanderzusetzen,
ist anstrengend, weil ich immer Menschen zum Nachdenken
auffordere. Alles hat mindestens zwei Seiten – auch eine
Berufung.

 

Durch Stärken zur Berufung

Egal, welche Berufung die Ihre ist – sie sollte sich immer mit
den folgenden Fragen überprüfen lassen: »Was haben andere
davon, dass ich geboren wurde? Für was bin ich gemeint
worden? Was ist der größte Mehrwert, den ich anderen
geben kann?« Bitte stellen Sie sich diese Fragen immer wieder
ernsthaft. Und seien Sie so mutig und konsequent, Ihren
Weg anzupassen, wenn Sie neue Erkenntnisse haben. Diesen
Mut haben wenige, notfalls etwas abzubrechen, um dafür
etwas Neues zu beginnen. Auch das ist ein Weg, die eigene
Begabung herauszufinden: Probieren Sie so viel wie möglich
aus, aber brechen Sie es auch wieder ab, wenn es nicht das
Richtige ist. Sie wissen ja: Sie haben immer die Möglichkeit,
sich neu zu entscheiden. Jederzeit.

 

Angeborene Talente werden durch Entwicklung zu Stärken.
Und Stärken werden durch Handlungen zu Ergebnissen.
Die Entwicklung von Talenten zu Stärken umfasst die bekannten
vier Phasen aus dem Kapitel 5. Kennst du es, oder
kannst du es? Von der unbewussten Inkompetenz zur unbewussten
Kompetenz. Doch es bedarf auch vier Phasen der
Förderung: Im ersten Schritt ist es notwendig, die eigenen
Talente zu identifizieren, intellektuell, dass sie einem überhaupt
auffallen. Anschließend braucht es eine Initialzündung
– ein besonderes emotionales Erlebnis, welches einem
noch tiefer den Kopf für dieses Talent öffnet.

 

Bei mir kam dieser Moment, nachdem ich ein Rollstuhlrugby-Finale für
den WDR moderiert hatte. Der Trainer der amerikanischen
Nationalmannschaft sagte zu mir: »Wow Boris. You are a
born professional speaker. You are born to speak!« So sehr
mich das überforderte, so tief sank der Satz in mein Innerstes.
Fünf Jahre später wurde Redner mein Beruf. Im dritten
Schritt müssen Sie diese werdende Stärke intensiv trainieren:
lesen, Fortbildungen besuchen, sich mit Gleichgesinnten
austauschen, üben, kopieren und verwerfen, und alles wieder
von vorne – denn von nichts kommt bekanntlich auch
nichts. Zur Meisterschaft braucht es im letzten Schritt erneut
Vorbilder: Durch eine gezielte Auseinandersetzung mit diesen
wird das vorhandene Talent letztlich perfektioniert und
zu wahrer Größe entwickelt. Ralph Waldo Emerson beschrieb
es so: »Was wir am nötigsten brauchen, ist ein
Mensch, der uns zwingt, das zu tun, was wir können.«

 

Schwankendes Engagement

Das wirklich Schwierige daran: Wir sind auf dem Weg zu
unserer Berufung nicht immer gleich motiviert. Menschen
schwanken je nach Level an Kompetenz in ihrem Engagement,
das sie an den Tag legen. Am Anfang sind wir hoch
engagiert und wissbegierig, dann lernen wir auch viel – doch
irgendwann schleichen sich Nachlässigkeiten oder Hindernisse
ein, die diesen Entwicklungsprozess hemmen.

 

Genauso wie im Sport läuft es auch in der Wirtschaft.
Unternehmen schwanken, Menschen schwanken: in ihrer
Antriebskraft, in ihrer Leistungsbereitschaft, in ihrem Erfolg.
Es ist ein Auf und Ab, das vollkommen menschlich
und absolut normal ist. Jeder Mensch bewegt sich auf einer
Achse zwischen Engagement und Kompetenz. Das anfangs
meist sehr hohe Engagement sinkt mit zunehmender Kompetenz.
Je mehr Ahnung ich bekomme (Kompetenz), desto
klarer wird, welchen Preis es zu zahlen gilt. Und wenn ich
mir über den Preis voll bewusst bin (Stufe 3), ist mein
Engagement am geringsten. In dieser Phase, diesem Flaschenhals,
geben die meisten auf. Doch Champions wissen
um diese Phase und ziehen sie bis zur Phase vier durch.
Und dann fängt alles wieder von vorne an. Das nennt man
auch Leben!

 

Eines dürfen Sie dabei jedoch bitte nicht vergessen:
Das wenigste, was wir den lieben langen Tag machen, ist
Kür. Die täglichen Pflichten werden nie weniger, egal, wie
gut Sie irgendwann sind. Aber da Pflicht und Kür zusammengehören,
ist es umso wichtiger, dass wir beides lernen
mit Freuden zu tun. Denn ein Champion macht das, was
getan werden muss. Er tut das Notwendige für ein bestimmtes
Ergebnis, und nicht das, was er gerne machen
möchte. Und wer das konsequent und beständig macht,
dessen Wirkung wird immer stärker und erreicht ein viel
höheres Niveau.

 

Berufung und Wertschöpfung

Dazu eine passende Geschichte: Als Picasso 55 Jahre alt war,
malte er Bilder auf einer Vernissage, und das manchmal in
nur 10 Minuten. Auf einer dieser Ausstellungen verkaufte er
ein solches »Schnellbild« für 15 000 Dollar – in den Fünfzigerjahren
eine enorme Summe. Als ein Journalist ihn daraufhin
fragte, wie er das rechtfertige, so viel Geld in so kurzer Zeit
zu verdienen, sagte er: »Wieso rechtfertigen? Sehen Sie, was
Sie für 10 Minuten halten, waren bei mir 55 Jahre, 7 Monate,
2 Wochen, 3 Tage, 15 Stunden und 10 Minuten.« Er hatte
sich sein ganzes Leben bis zu diesem Punkt entwickelt, und
dies war seinen Bildern anzusehen. Deshalb konnte er einen
so großen Wert für einen anderen in so kurzer Zeit schaffen.

Doch auch Picassos Leben war durch tägliche Pflichten bestimmt.
Sie können davon ausgehen, dass bei den 55 Jahren,
7 Monaten, 2 Wochen, 3 Tagen, 15 Stunden und 10 Minuten
seines Lebens auch viel Pflicht dabei war. Wer sich mit den
Biografien großer Künstler beschäftigt, kann leicht nachlesen,
wie viel konsequente Arbeit (Pflicht) nötig ist, bis einen die
Muse (Kür) küsst.

 

Manche sehr ehrgeizige Menschen wollen voller Anerkennungsstreben
schnell ganz nach oben und erkennen erst
auf ihrem Weg, welchen Preis es zu zahlen gilt. Vor lauter
innerem Druck suchen sie ständig nach Abkürzungen, wo
es keine gibt. Oder sie werfen ihrem Umfeld vor, ihnen im
Wege zu stehen. Sie unterschätzen die Länge des Weges, wie
viele Pflichten, die das Obensein mit sich bringt – ob Manager,
Künstler, Arzt oder Unternehmer – und dass diese ihnen
nicht unbedingt immer leichtfallen.

 

Sie tun gut daran zu überprüfen, ob sie noch auf dem richtigen Weg zu ihrer
Begabung sind. Wenn sie klug oder mutig oder beides sind,
merken sie noch früh genug, dass sie viel eher zum Produktmanager
als zum Einkaufsleiter taugen, und wechseln die
Spur. Genauso ist es mit dem Studium: Nur weil Sie mit
einem Fach angefangen und es dann beendet haben, heißt
das nicht, dass dieses Thema Ihre Berufung ist. Um welchen
Bereich es auch immer geht: Folgen Sie Ihrer Berufung so,
wie Sie sie erkennen. Schritt für Schritt.
Und noch etwas ist wichtig, um Ihrer Berufung nachzugehen:
das richtige Timing und die passende Position.
Nicht alle können und sollten Häuptling sein – berufene
Indianer sind genauso wertvoll. Menschen führen liegt nicht
jedem, und nicht alle können selbstständige Unternehmer
sein.

 

Ein Gedankenexperiment: Eine berufene Schreibkraft
ist gut in dem, was sie tut, sogar sehr gut, meckert aber
gerne mal über ihre Chefin. Was sie an ihrer Stelle nicht
alles besser machen würde … Kennen Sie das? Der Klassiker:
»Wenn ich Bundestrainer oder Bundeskanzlerin wäre,
dann …« Ja, dann, was wäre wohl los, wenn sie nur einen
Tag lang auf dem Chefsessel Platz nähme? Trifft sie die ganze
Verantwortung, würde ihr schnell klar, dass sie sich einer
Illusion hingegeben hat und dass ihre Chefin genauso viele
Pflichten erledigen muss wie sie auch. Und sofort wollen alle
wieder an ihre Arbeitsplätze und erfüllen ihre Pflicht mit
Freude. Wetten?

 

Und die, die wirklich gute Chefs wären, haben die Möglichkeit, sich weiterzubilden, und die Chance, ihr Leben zu ändern. Und viele verstehen ihre Vorgesetzten
erst, wenn sie in ihrem Leben das gleiche Level an Verantwortung tragen. So wie Kinder ihre Eltern erst besser verstehen, wenn sie selbst Kinder haben.

 

Nicht alle gehören auf einen Chef- und nicht alle auf
einen Schreibkraftsessel – jeder gehört im Laufe seines
Lebens auf seinen Platz. Hoffentlich. In einer Gesellschaft
kann jeder seinen Platz finden, aber Sie sollten auch so
ehrlich sein, sich einzugestehen, wo Sie hingehören und
wo nicht. Und genauso wichtig ist es, dass genug berufene
Indianer sich ihrer Pflichten bewusst und motiviert sind,
denn sonst können alle Häuptlinge dieser Welt einpacken.

 

Es ist mein Wunsch, dass alle Menschen sich ihrer Pflichten
bewusst werden und Respekt vor den Pflichten anderer
haben. So wie ich die Menschen respektiere, die sagen:
»Herr Grundl, ich bin kein Leistungstyp. Ich möchte einfach
von 8 bis 17 Uhr in Ruhe arbeiten. Sagen Sie mir einfach,
was ich machen soll!« Ebenso wie diejenigen, die weiterkommen
wollen und bereit sind, den Preis dafür zu zahlen.
Werden Sie der Chef in Ihrem eigenen Sessel – und in
Ihrem eigenen Leben. Je deutlicher Sie Ihre Berufung erkennen,
desto mehr erkennen Sie Ihren Platz und den Sinn
des großen Ganzen. Diesen Platz in Ihrem Leben wünsche
ich Ihnen von Herzen.

 

Wie Sie morgens aufstehen ist Einstellungssache. Ich
nehme mir die Freiheit heraus, meine Pflicht mit Freude
zu erfüllen – anstatt mich oberflächlich des Lebens zu
freuen und in den Tag hineinzuleben. Jedenfalls meistens!
Die Freude kommt angesichts des Tagwerks, das Sie schaffen.
Und angesichts Ihres Talents; das entsteht unter anderem
aus täglichen Pflichtübungen. Übernehmen Sie auch
Verantwortung dafür – und seien Sie voller Freude! Erst
säen, dann ernten. Und vergessen Sie nicht die Antwort
auf diese Frage: Was wünsche ich mir später, einmal getan
zu haben?

—————-
Zum Nachdenken

· Wie sehr leitet Sie das Motiv »gerne tun« im Vergleich
zum Motiv »notwendigerweise tun«? Wie bewusst
nehmen Sie Pflicht und Kür in Ihrem Leben wahr?
· Welche Talente haben Sie bei sich schon erkannt und
zu Stärken geformt? Wie könnten Sie das noch intensivieren?
· Wie definieren Sie den Unterschied zwischen »eine
Sache gut zu können« und »sie gerne zu tun«?
· Was wünschen Sie sich am Ende Ihres Lebens, für
andere und sich selbst getan zu haben?

 

 

Über den Autor: Boris Grundl war Führungskraft, ist heute Managementtrainer,  Inhaber des Grundl Leadership Institut. Er forscht zum Thema Verantwortung (www.verantwortungsindex.de).

 

 

 

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