„Konzerne müssen die Regenbogenfahne in noch nicht gewonnene Schlachten tragen“, findet CNN-Moderator Richard Quest

Richard Quest, Kultmoderator von CNN, über die „Pride Months“ mit den Paraden zum Christopher Street Day weltweit in den verschiedensten Orten.

Erst kürzlich fand der CSD in Köln statt, hier im Management-Blog gab´s Bilder von Thyssenkrupp, den Mitarbeitern ihrem Wagen und vor allem der Top-Managerin, die persönlich mitkam: Kerstin Ney.  

Richard Quest wird übrigens bald selbst seinen Partner heiraten. Den Unternehmen spricht er die zentrale Rolle bei der Gleichstellung der LGBTQ-Gemeinschaft zu. Wir sollen – so Quest – unterm Strich die Anerkennung der LGBTQ-Community durch Konzerne weltweit durchaus begrüßen sollen – aber Unternehmen müssen auch die Werte leben, die sie proklamieren.

 

 

Kultmoderator Richard Quest (Foto: CNN International)

 

Konzerne müssen die Regenbogenfahne in noch nicht gewonnene Schlachten tragen. Gastbeitrag von Richard Quest, Moderator von „Quest Means Business“, CNN International

Vor 50 Jahren, in einer schwülen Nacht in Greenwich Village, Manhattan, wurde eine schmutzige Spelunke zum Schauplatz einer neuartigen Bürgerrechtsbewegung. Im Nachgang einer Razzia im Stonewall Inn, einem Treffpunkt für New Yorks schwul-lesbische Gemeinde, brach ein Kampf aus. Dieser führte zu einem Aufstand, der schlussendlich eine Revolution innerhalb einer Bevölkerungsgruppe auslöste, die bis dato gänzlich marginalisiert und gar verfolgt wurde. Es war damals für LGBTQ-Leute unmöglich, offen zu leben. Polizeischikanen waren nur eine von unzähligen Hürden, die ihnen den Weg zu einem normalen Leben verwehrten.

 

50 Jahre später haben sich die Verhältnisse in diesem Teil der Vereinigten Staaten grundlegend gewandelt. Neulich flog ich von London nach Newark und lief bei der Passkontrolle über einen Regenbogenteppich. Wohin ich auch schaute: New York – wie auch London, Sydney und viele andere Großstädte in aller Welt – waren mit Regenbogenfahnen und Bannern geschmückt, um den Pride Month zu feiern.

 

Ich kann mich auf meine Hochzeit freuen

Ich liebe den Gedanken hinter „Pride“. Ich liebe die Tatsache, dass die Großstädte solch offene Feste der LGBTQ-Community feiern. Ich habe auch meine ganz persönlichen Gründe, um denjenigen zu danken, die den Kampf in jener Nacht im Jahr 1969 in das NYPD führten. Vor 30 Jahren, als ich mir den Mut fasste, mich meiner Familie gegenüber zu outen, war die Welt viel engstirniger als heute. Stonewall war jedoch ein Teil dessen, was mir das Vertrauen gab, diesen Schritt zu wagen. Jetzt kann ich mich auf meine im nächsten Jahr anstehende Hochzeit freuen und kann viele der Rechte genießen, die meine heterosexuellen Freunde und Kollegen als selbstverständlich erachten.

 

Trotz Fortschritte: Noch weit von einer Gleichstellung entfernt

Auf den ersten Blick ist die Entwicklung erstaunlich. Der Kampf für die Gleichstellung ist jedoch noch lange nicht beendet. Beispielsweise verblüfft es viele Menschen nach wie vor, wenn ich ihnen sage, dass es in den Vereinigten Staaten noch immer kein bundesweites Gesetz gibt, das Menschen vor einer Entlassung aufgrund ihrer Homosexualität schützt.

 

Ich habe Sarah Kate Ellis, die Geschäftsführerin von GLAAD – der weltweit führenden LGBTQ-Interessengemeinschaft – vor einigen Wochen im Rahmen von „Quest Means Business“ interviewt. Wir diskutierten eine neue Umfrage, die GLAAD in den Vereinigten Staaten durchgeführt hat, mit einigen besorgniserregenden Ergebnissen. Sie deutete darauf hin, dass die Akzeptanz jüngerer Amerikaner für die Anhänger der LGBTQ-Community zurückgegangen ist.

 

Weitere Untersuchungen zeigten, dass der politische Hintergrund in den USA dabei eine entscheidende Rolle spielte. Die aktuelle Regierung, sagte Ellis, habe in 114 Fällen Angriffe auf die LGBTQ-Community verübt, entweder in Form von Rhetorik oder durch politische Rückschritte. Das, so erklärte sie, habe Auswirkungen auf die leicht[er] zu beeinflussende junge Generation. Auch, so erklärte sie weiter, seien diejenigen, die sich als homosexuell und lesbisch identifizieren, zwar inzwischen akzeptiert, doch andere Gruppen, wie beispielsweise Transsexuelle, blieben weiterhin marginalisiert.

 

Unternehmen werden aktiv – und manche mutig wie riskant

In diesem Kontext gewinnt die Rolle von Konzernen an Bedeutung. Ich interviewe fast jeden Abend Geschäftsführer, und habe dabei eine deutliche Veränderung in ihrer Einstellung zum Aktivismus beobachtet. In den vergangenen Jahren haben Unternehmen politisch Stellung bezogen. So hat sich Levi Strauss verschiedenster Themen angenommen, von der Reglementierung hinsichtlich Waffenbesitz bis hin zur Einreisepolitik; Nike ging durch die Bekräftigung seiner Unterstützung für Colin Kaepernick ein großes politisches Risiko ein. Apple, Google und Facebook protestierten alle gegen die Richtlinien des Weißen Hauses zu transgenderbezogenen Problemen. Sie handelten mutig und sind Risiken eingegangen.

Politischer Aktivismus ist eine Sache. Die Aneignung eines Themas, um daraus einen Profit zu ziehen, aber eine andere. Man muss sich fragen, mit wieviel Ehrlichkeit die Regenbogenfahne im vergangenen Monat geschwenkt wurde; stünden Unternehmen immer noch mit soviel Elan dahinter, wenn es ein finanzielles Risiko gäbe?

Im Großen und Ganzen, sagte Ellis, sei sie mit dem Regenbogen-Boom zufrieden, weil dieser zeigt, dass Unternehmen nach außen hin die Gemeinde unterstützen, was ihrer Meinung nach letztlich Akzeptanz schaffe.

 

LGBTQ-Unterstützung muss mehr sein als eine Marketingkampagne

Aber wir haben auch darüber gesprochen, dass den Worten Taten folgen müssen. Google ist eines der Unternehmen, das von Mitarbeitern kritisiert wurde. Sie behaupten, dass der interne Umgang mit LGBTQ-Fragen nicht der öffentlichen Position des Unternehmens entspreche. Wenn Konzerne lediglich einen Monat lang als Marketingmaßnahme auf einen rosa Zug aufspringen, und für die anderen elf wieder abspringen, warum sollte die Community sie dann willkommen heißen?

 

Diese Dinge sind wichtig: Ein entscheidender Grund, warum sich die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten und Europa seit jener heißen Nacht in Manhattan 1969 so radikal verändert haben, ist die Rolle der Wirtschaft und die Verbreitung liberaler Ideale, die ihre Entfaltung ermöglicht haben. In einer Woche, in der Wladimir Putin gegenüber der „Financial Times“ meinte, dass der Liberalismus ausgedient habe, müssen die damit verbundenen Prinzipien thematisiert und verteidigt werden.

 

Die individuelle Freiheit hat dazu geführt, dass die Metropolen dieser Welt – darunter London, New York, Paris, Sydney – die besten und schlausten Köpfe anziehen. Ihre Vielfalt, Toleranz und Freiheiten machen sie zu großartigen Lebensräumen sowie zu wirtschaftlichen und kreativen Kraftzentren.

 

LGBTQ ist noch in 70 Ländern illegal

Botswana hat kürzlich beschlossen, die Homosexualität zu entkriminalisieren, Kenia hat sich jedoch dagegen entschieden. Es gibt immer noch 70 Länder weltweit, in denen es illegal ist, LGBTQ zu sein. Globale Unternehmen verfügen in diesen Ländern über eine wichtige Stellung, und ihre Rolle ist von entscheidender Bedeutung. Wie Ellis letzte Woche zu mir sagte, können diese Unternehmen an Orten, an denen ihre Werte nicht von den Machthabern geteilt werden, einen spürbaren Einfluss ausüben. Solche Unternehmen könnten der einzige Zufluchtsort für die LGBTQ-Menschen dort sein.

 

Unternehmen müssen die Werte auch im Alltag leben

Während ich also der Meinung bin, dass wir unterm Strich die Anerkennung der LGBTQ-Community durch Konzerne begrüßen sollten, müssen Unternehmen aber auch die Werte leben, die sie proklamieren. „Pride“ ist nur ein Teil des Ganzen und stößt an seine Grenzen, vor allem, wenn er nur für ein paar Wochen im Jahr gefeiert wird. Die Freiheiten, die die Unternehmen hier mitfeiern, sind hart erkämpft worden. Und die Rolle der Wirtschaft ist von zentraler Bedeutung für die Kämpfe, die noch immer auf der ganzen Welt, auch in den Vereinigten Staaten, ausgetragen werden.

 

 

Lese-Tipp:

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