Ein Teller Lachs mit Russell-Reynolds-Chefin Ulrike Wieduwilt über die Konformität der Top-Manager und deren Furcht vor Konflikten

„Hier kommen Sie, nehmen Sie eine von meinen Halstabletten,“ sagt Ulrike Wieduwilt und schüttelt mir aus dem Röhrchen auch gleich eins auf meine Kladde, als sie mich husten hört. Ihr geht´s nämlich nicht besser, sie ist nur besser gerüstet gegen ihre Erkältung.

Ehe wir uns versehen sind wir mitten im Thema, bei ihren Themen besser gesagt. Wieduwilt ist Headhunterin und Managing Partnerin von Russell Reynolds. Das ist einer der acht großen Generalisten im Personalberater-Ranking der WirtschaftsWoche 2018.

Sie erzählt etwa, was sehr erfolgreiche Unternehmen kennzeichnet: Dass sich die Aufsichtsräte permanent um den Aufbau gleich mehrerer möglicher Kronprinzen als Nachfolger für den amtierenden CEO kümmern. Nicht nur einen einzigen, lieber eine kleine Riege. Die Unternehmen stehen auch insgesamt überdurchschnittlich gut da, erzählt sie. Und solche auf Herz und Nieren zu testen, ist dann auch Aufgabe von Wieduwilt & Co.

 

Ulrike Weiduwilt (Foto: C.Tödtmann)

 

Manchmal hat sie gleich fünf mögliche Kronprinzen im Assessment-Test. Warum dann nicht gut abschneiden, performen im Headhunter-Slang? Der Mann zum Beispiel, der weder digital war noch Change-freudig, dafür aber ein Fels-in-der-Brandung-Typ. Der woanders exzellente Arbeit leisten kann, der nur leider nicht zur Momentsituation dieser Firma passte. Und ja, es gebe auch heute durchaus Unternehmen, die auch dann sehr gut mit ihren Leuten umgehen, versichert die Personalexpertin. Die ihn nicht einfach vom Hof jagen.

Ich kann´s kaum glauben, doch sie will sie spontan auch keinen Unternehmensnamen rausrücken. Doch klar ist, als ich drei große Namen rate, die genau so einen guten Ruf in den vergangenen Jahren eingebüßt haben, stimmt sie sofort zu. Die nimmt sie ebenfalls so wahr. Bleibt also nur die eigene Kununu-Sichtung.

 

Die geklonten Dax-Vorstände

Ob sie es auch so sieht, wie manche ihrer Kolleginnen, dass sich Dax-Vorstände heute tatsächlich alle recht ähnlich sind? Und nicht nur weil so viele Thomas heißen oder Marathon laufen. Oder dass sie alle mit ganz wenig Schlaf auskommen wollen und trotzdem voll leistungsfähig seien, wie sie selbst beteuern.

 

Konfliktfreudigkeit? Fehlanzeige

Aber da ist noch etwas, was Wieduwilt auffällt und was kein Ruhmesblatt ist: dass sie nicht besonders konfliktfreudig sind. Manchmal ist sie es sogar, die einem Top-Manager eröffnen muss, dass das Unternehmen nicht zufrieden ist mit ihm. Dass er nicht bleiben soll. Dann haben ihr womöglich die Entscheider zuvor versichert, dass sie ihm die Kritik längst mitgeteilt hätten – merkwürdigerweise fällt der Betroffene dann aber vor Überraschung aus allen Wolken. Zu oft sprechen gestandene Manager zwar miteinander, aber irgendwie dann doch nicht, erzählt die geborene Norddeutsche. Wie zwei Autobahnspuren, die immer parallel bleiben. Kurz: Man spricht, aber spricht nicht wirklich. Ohne es zu merken.

 

Der Test: Ob Mitarbeiter Rückgrat haben

Und sie kommt ins Schwärmen über ihren eigenen Ex-Chef. Damals als sie noch nicht in der Personalberatung, sondern beim US-Konzern Mars arbeitete. Da ging ihr Chef mindestens zweimal mit Jahr nachts durch die laufende Produktion mit einer brennenden Zigarette in der Hand – was strengstens verboten war. Er wollte persönlich testen, ob die Arbeiter ihn rauswerfen, oder nicht. Was größer war, ihr Pflichtgefühl oder ihre Angst vor der Hierarchie. So kann man auch Mitarbeiter zu eigenem Denken und Rückgrat erziehen. Man muss es nur wollen auf der obersten Hierarchieebene.

 

 

Lachs mit Reis in der „Löffelbar“ in Düsseldorf

 

Wie die meisten Personalberater beschäftigt auch Wieduwilt das Frauen-Thema. Ihre Beobachtung: Hat eine Frau in einem Meeting relativ zu Anfang eine gute Idee, die Lösung des Problems, und spricht sie laut aus, sollte sie es unbedingt lassen. Es hört ohnehin niemand zu. Keiner greift die Idee auf, sie verhallt quasi. Es ist, als habe sie nichts gesagt. Bringt dann ein Mann eine halbe Stunde und viele Wortbeiträge später genau diese Idee wieder an und trägt sie ganz selbstverständlich als seine eigene vor, sind alle beeindruckt.

Aber Wieduwilt kann sich vorstellen, dass in den nächsten zwölf Monaten die erste DAX-Kapitänin ans Ruder kommt. Ob Wieduwilt ihre persönlichen fünf Favoritinnen unter den Top-Managerinnen verrät, denen sie so einen Dax-CEO-Posten zutraut? Da zögert sie, um selbst nicht angreifbar zu sein, falls sie es war, die eine dieser Ladys selbst besetzt und in Stellung gebracht haben sollte.

 

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