Krankenschein für Erkältete für neun Euro per whatsapp: Unternehmen brauchen ihn nicht ohne weiteres akzeptieren (Gastbeitrag)

Erkältete Arbeitnehmer können sich über das Hamburger Start-up au-schein.de  für neun Euro von einem Tele-Arzt online krank schreiben lassen. Ohne Untersuchung. Den Krankenschein gibt‘s per WhatsApp. Hinter dem Start-up steht ein Jurist, Can Ansay. Unternehmen brauchen so eine Bescheinigung nicht ohne weiteres akzeptieren, rät Jan Schiller, Arbeitsrechtler der Wirtschaftskanzlei CMS (Gastbeitrag).

 

Jan Scgiller (Foto: CMS)

 

Ärztevertreter laufen Sturm gegen den neuen Service des Startups au-schein.de aus Hamburg, das Erkälteten – und nur denen – Krankschreibungen per WhatsApp anbietet. Mehrere Ärztekammern raten davon ab, es zu nutzen. Unternehmen rätseln: Muss man so einen Krankenschein akzeptieren, wenn ich man ihn von einem Mitarbeiter bekommt? Die Antwort: Unter Umständen nicht.

 

Wie das Krankschreiben per App funktioniert

Das Angebot klingt verlockend: Wer erkältet ist und sich nicht fähig fühlt, zur Arbeit zu gehen, müsste sich normalerweise zum Arzt schleppen und wahrscheinlich noch im Wartezimmer mit vielen anderen Erkrankten warten, bis man endlich seinen Krankenschein bekommt. Das Hamburger Start-up au-schein.de bietet seit Kurzem eine Alternative: Der Arbeitnehmer beantwortet in einem Online-Formular einige Fragen zu seinen Symptomen, gibt seine persönlichen Daten an, zahlt neun Euro und schickt per WhatsApp ein Foto seiner Versichertenkarte. Ein Arzt stellt die Diagnose, schickt dem Patienten die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung erst per WhatsApp und dann per Post. Bislang arbeiten zwei Ärztinnen für das Start-up.

Möglich ist dieses Procedere durch eine Lockerung des sogenannten Fernbehandlungsverbots im vergangenen Jahr. Die Ärztekammern haben allerdings bereits Zweifel an der Zulässigkeit dieses Verfahrens angemeldet.

 

Eingescannen und Fotos gelber Scheine zur Fristwahrung war immer schon ok

Wenn der Arbeitgeber es verlangt, müssen Arbeitnehmer ihren Krankenschein nicht erst ab dem dritten Tag der Arbeitsunfähigkeit vorlegen, sondern schon am ersten Tag. Zudem kann der Arbeitgeber auf einer Vorlage des Originals bestehen. Aber: Weil das aus praktischen Gründen oft nicht am ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit möglich ist, kann der Arbeitnehmer seinen gelben Schein auch zunächst eingescannt oder abfotografiert an den Arbeitgeber schicken und das Original nachreichen. Das wäre auch bei der WhatsApp-Krankschreibung möglich.

 

Bescheinigung ohne hohen Beweiswert

Eine normale Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung spricht dafür, dass der Arbeitnehmer tatsächlich krank war. Aber: Wurde der Arbeitnehmer nicht von einen Arzt persönlich untersucht, sondern hat nur online seine Symptome eingetippt – so wie bei der WhatsApp-Krankschreibung –, kann das Unternehmen die Richtigkeit der Bescheinigung bezweifeln. Der Beweiswert eines Krankenscheins ist beeinträchtigt, wenn keine persönliche Untersuchung stattgefunden hat – das ist von der Gerichten anerkannt.

Will der Arbeitgeber die Lohnfortzahlung verweigern oder arbeitsrechtliche Sanktionen wie eine Abmahnung aussprechen, weil die Krankschreibung womöglich erschlichen war, muss er nachweisen, dass die Bescheinigung ohne vorherige Untersuchung ausgestellt wurde. Dann muss der Arbeitnehmer weitere Tatsachen vorbringen, um seine Arbeitsunfähigkeit zu beweisen.

 

Was Arbeitgeber jetzt tun sollten:

• Wenn man als Arbeitgeber Verdacht schöpft, sollte man schon am ersten Krankheitstag einen Krankenschein verlangen.

• Arbeitgeber sollten die vorab via Internet übersandte Krankschreibung immer per E-Mail und nicht per WhatsApp fordern. Denn: Die Nutzung des Messenger-Dienstes Whatsapp ist für Arbeitgeber aus datenschutzrechtlichlichen Gründen problematisch.

• Um die Echtheit des Krankenscheins prüfen zu können, sollten Arbeitgeber sich von ihrem Angestellten stets nachträglich das Original der Bescheinigung vorlegen lassen.

• Bei Zweifeln an der Arbeitsunfähigkeit eines Mitarbeiters können Arbeitgeber vom medizinischen Dienst der Krankenkassen ein Gutachten verlangen. Darauf müssen sich Arbeitnehmer auch einlassen. Wer´s nicht tut, erhärtet den Verdacht, dass er tatsächlich gar nicht krank ist.

 

Links: 

https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/e-health/article/979218/aerzte-empoert-au-bescheinigungen-via-whatsapp.html

https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Kritik-an-Krankschreibung-per-WhatsApp,krankschreibung104.html?fbclid=IwAR0pMOePmVafXXLsybA0x6c80swD-M3VSShl7r2HfQloc3m6LeU83zxj-Tw

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Leider liegen hier Theorie und Praxis doch recht weit auseinander:

    1. Woher soll der Arbeitgeber erkennen, dass es keinen persönlichen Arztkontakt gab (noch sind es nur ein Anbieter mit zwei Ärzten … bald sind es ggf. sehr viele Anbieter und viele Ärzte)

    2. Das Format ( E-Mail oder Whatsapp) dürfte nicht entscheidend sein. Aus einem Whatsapp Bild kann man problemlos auch eine E-Mail machen, umgekehrt können Anbieter wie AU-Schein ggf. auch die Abwicklung über E-Mail anbieten, wenn es darauf ankommen sollte.

    3. Wieso hat sich eigentlich niemand aufgeregt als die Ärztekammer polutisch getrieben das Fernbehandlungsverbot aufgehoben hat. Alle haben nach Telemedizin geschrien und jetzt will es keiner gewesen sein.