Wie die Schafe pilgern Deutsche ins Silicon Valley – nur Lösungen finden sie dort nicht, sagt Syzygy-CEO Lars Lehne

Lars Lehne, CEO der Digitalagenturgruppe Syzygy und Ex-Manager von Google, wundert sich, dass deutsche Manager in Scharen Fortbildungtrips ins Silicon Valley unternehmen und von Digitalisierung-Plattitüden blenden lassen – Lösungen bekommen sie dort jedoch nicht. Zumal sie doch selbst mit ihrem Verantwortungsbewusstsein und ihrer Zukunftsorientierung bei weitem nicht hinter dem Mond leben. Ihr Feingefühl, Verständnis und Empathie sind gefragt – aber nicht amerikanische Vereinheitlichung und Schablonen. Eine Manöverkritik von Lars Lehne.

 

Lars Lehne, CEO der Digitalagentur Syzygy

 

Wie die Schafe: Der deutschen Wirtschaft fällt nichts besseres als Silicon-Valley-Trips ein – Super-Fortbildung bei toller Stimmung und gutem Wein

Von Kaninchen und Schlangen…So könnte man die Schockstarre der Deutschen Wirtschaft beim Thema Digitalisierung umschreiben: Verneinen, ignorieren, regulieren, oder auf eine sehr seltsame Weise umarmen. Letzteres treibt ganz besondere Stilblüten. Da scheint einer ganzen Wirtschaftsnation nichts Anderes mehr einzufallen, als ins Silicon Valley zu pilgern und wie die Schafe von Google zu Facebook und zum nächsten Start-up zu laufen. Ganze Delegationen, organisiert und bezahlt, folgen ausgetretenen Pfaden und lauschen den immer gleichen Weisheiten.

 

Wenn immer jüngere Silicon-Valley-Typen deutschen Besuchern etwas einreden

Immer jüngere und überzeugtere Silicon-Valley-Typen versuchen den Deutschen Besuchern klar zu machen, dass sie auf dem Holzweg seien und singen die Mantras der Transformation. Mit Erfolg: Manche Pilgerer bloggen, oder posten oder verfassen gar ganze Bücher darüber das, was man im Valley alles lernt und erlebt. Es gehört zum guten Ton, da gewesen zu sein. Selbst so mancher Industrieverband wird nicht müde, öffentlich zu argumentieren, warum jedermann das Valley besuchen sollte und wird zum Wiederholungstäter. Ist ja auch schön da an der amerikanischen Westküste. Das Klima, die Menschen, erfolgreiche Unternehmen, tolle Stimmung, gute Weine. Lässt sich aushalten im Golden State. Super-Fortbildung.

 

Rosarote Brille, eine Messerspitze Neugierde der Fortgebildeten reichen nicht

Und dann kommen alle zurück, haben eine rosarote Brille auf, sind voller Elan und Tatendrang – und scheitern leider am Status Quo. Ein bisschen „Pretotyping“ hier und ein wenig „Ja und…“ dort, eine Prise Fehlerangst weniger und eine Messerspitze Neugierde mehr reichen irgendwie doch nicht aus, um was zu bewegen.

 

Schnelligkeit alleine hilft keinem Unternehmen

Geschwindigkeit per se hat auch noch keinem geholfen, schon gar nicht bei erhöhter technischer Komplexität und riskanten Investitionen. Die standardisierten Veränderungszauberformeln und Schablonen des Valley verkommen zum Rohrkrepierern und so manch einer fragt sich verzweifelt, ob Deutschland überhaupt zukunftsfähig ist.

Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch. Wer wie ich selber sieben Jahre bei Google war, hat diese Reisen quasi erfunden und war mit Feuer und Flamme einer der Vorreiter. Und vieles von dem, was erzählt wird, was besichtigt wird und vor allem die erfahrenen Gründer denen man begegnet, sind wirklich beeindruckend.

 

Die meisten Amerikaner haben nur Digitalisierungs-Plattitüden gelernt – und ahnen nichts von den deutschen Schwergewichten aus dem Mittelstand

Was aber leider gar nicht funktioniert, ist das naive Anwenden von Schablonen und Weisheiten. Viele derer, die hier aus Überzeugung bei den großen Tech-Riesen anderen predigen, schaffen es so gerade, Deutschland auf der Landkarte zu finden – Dank Google natürlich. Aber was Mittelstand wirklich bedeutet und kann, was Deutsche Ingenieurskunst ist und wie faszinierend Feinmechanik und hochtechnisierte, komplexe Produktionsstraßen sind, ahnt im Valley keiner. Ganz zu schweigen von Risiken und Investitionsvolumen, die deutsche Familienunternehmen stemmen. Kann man auch keinem verübeln, ist ja oft auch erst der erste Job und mehr als Digitalisierungs-Plattitüden haben die meisten noch nicht gelernt.

 

Deutsche machen sich klein

Verübeln kann man es aber der Deutschen Wirtschaft und vor allem den Beratern, die uns in fehlenden „Einhörnern“ und nicht angewandten Theorien messen. Waren wir in den vergangenen Jahren mit dem Ruf nach Reglementierung, oder der dümmlichen Arroganz, dass dieser Digital-Spuk bitte bald vorbei sein wird, besonders groß, so machen wir uns nun immer kleiner. Beides ist falsch.

 

Feingefühl, Verständnis und Empathie sind gefragt – aber nicht amerikanische Vereinheitlichung und Schablonen

Wer es schafft, das, was diese Wirtschaft auszeichnet, und was wir mit Stolz vor uns hertragen sollten, in eine neue, digitale Welt zu übertragen, der wird am Ende gewinnen. Feingefühl, Verständnis und Empathie sind gefragt und nicht amerikanische Vereinheitlichung und Schablonen. Vieles von dem, was die Digital Natives predigen ist richtig und wichtig. Die Frage ist aber, wie es angewandt wird und welche Erwartungshaltungen erzeugt werden.

 

Deutschland sollte nicht neidvoll auf die Tech-Riesen des Silicon Valley schauen

Ein geschätzter Kollege von mir hat einmal gesagt, „mit „Ja-und“ Menschen kann jeder Veränderung schaffen. Die Kunst ist es dagegen, auch mit „Ja-aber“ Menschen die Transformation zu schaffen“. Deutschland darf und sollte sich niemals verstecken, oder neidvoll und missgünstig auf die Tech-Riesen des Valley schauen. Wo ist eigentlich unser Selbstbewusstsein geblieben? Einhörner sind nicht per se erstrebenswert.

 

Der deutsche Mittelstand: verantwortungsbewusst und zukunftsorientiert – bei weitem nicht hinterm Mond

Wer sich die Mühe macht und Zeit mit dem Mittelstand und seinen prägenden Familien und Gründern verbringt, der lernt wirklich beeindruckende Menschen kennen. Menschen mit Verantwortungsbewusstsein und Zukunftsorientierung, die bei weitem nicht hinter dem Mond leben. Die arbeiten nämlich im Verborgenen schon lange an der Transformation – mit erstaunlichen Ergebnissen.

 

Im Silicon Valley geschehen keine Wunder

In einem waren wir halt immer schon deutlich schlechter als unsere angelsächsischen Kollegen – Selbstverkaufe. Fahrt ruhig ins Valley, lasst Euch beeindrucken, verzaubern und begeistern, aber erwartet keine Wunder. Die müssen wir selbst vollbringen, in dem wir aus den Weisheiten anwendbare, passende und funktionierende Formeln und Lösungen für unsere Wirtschaft machen. Um es mit den Worten des 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten zu sagen: „Yes, we can!“ Diesen Stolz und diese Motivation wünsche ich mir für Deutschland.

 

Ein Teller Sushi mit Lars Lehne: „Ich lasse mir nicht den Mund verbieten“

 

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Nun ja, es ist wie überall: man kann sich mit Sicherheit die ein oder andere Inspiration holen, aber die eigentliche Aufgabe ist dann der Transfer auf das eigenen Unternehmen bzw. Geschäftsmodell. Und dort lässt sich der amerikanische „alles oder nichts“-Ansatz m. E. nur eingeschränkt übertragen.