Ein Teller Salat mit Fisch mit Anwalt Fissenewert, der mit jungen Wilden ein Legal-Tech-Start-up gegründet hat

Beim Italiener, einem Touri-Lokal am Ku-Damm, teilte sich das Gründer-Trio von Abfindungsheld.de eine Pizza. Weil es ja eigentlich keine Essenszeit war, so mitten am Nachmittag. Geplant war das Treffen auch nicht. Erst zwei Stunden vorher hatte der Starcookers.com-Gründer Michael Schamberger, 47, den Berliner Anwalt Peter Fissenewert als Mandant besucht.

Man kam ins Gespräch und als Schamberger eher am Rande erwähnte, dass er nun zu einem Legal-Tech-Start-up gehe, wurde Fissenerwert hellhörig und hakte nach. Weil er selbst nur zu gerne ein Legal-Start-up gründen wollte. Um sich finanziell zu beteiligen, aber auch um Know-how geben – und vor allem aber auch selbst mittun. Die Idee, ein Legal-Tech zu gründen, spukte schon seit vielen Monaten in seinem Kopf herum – ungewöhnlich genug für einen gesettelten Anwalt.

Peter Fissenewert

 

Schamberger fackelte keine zehn Minuten und arrangierte sofort das Pizzeria-Treffen unten im Haus der Kanzlei Buse Heberer Fromm mit seinem 27-jährigen Kumpel, der Jurist Robin Friedlein. Der brachte bereits Legal-Tech-Erfahrung von der Plattform Fragrobin.de mit und mit ihm plante er ein Portal, das gefeuerten Arbeitnehmern zu einer Abfindung verhelfen sollte. Und so sass der 55-jährige Fissenewert in Anzug und Krawatte plötzlich mit „zwei Jungen Wilden“ in Löcher-Jeans, T-Shirts und Schlabberhose mitten in der Planung für ein Unternehmen.

 

Eine Stunde Brainstorming und dann Vollgas

Nach knapp einer Stunde Brainstorming war der Fall klar – und dass sie Vollgas geben würden: In den nächsten drei Wochen sollte die GmbH gegründet, die Plattform aufgestellt und das fünfköpfige Team loslegen. Fissenewerts Rolle waren alle Rechtsfragen wie: geht das, darf man das undsoweiter. Dem ersten Kneipen-Treffen folgte ein weiteres, bei dem vierte im Gründer-Kleeblatt Christopher Hahn, 33, Ex-Aufsichtsrat bei Frag-Robin dazu stieß. „Irgendwie finden fast alle unsere Besprechungen in Kneipen statt,“ erzählt Fissenewert. So wie unsere auch, hier im Düsseldorfer Basil´s, wo er einen Teller Salat mit Fischvariationen bestellt hat.

Wie das Start-up genau funktioniert? Ein Legal-Tech-Unternehmen, das Angestellten ausrechnet, ob und wie viel Abfindung sie von ihrem Arbeitgeber verlangen können, wenn sie unberechtigt gekündigt wurden. Und das ihm – nach Wunsch – auch die Klage samt Klagerisiko abnimmt gegen eine Provision von 25 beziehungsweise 35 Prozent. Wer selbst von vorneherein keinen Prozess abwarten will, tritt seine Forderung an Abfindungsheld.de ab und kassiert sofort. Nimmt ein Chef seine Kündigung zurück oder gewinnt den Prozess, muss das Start-up das Risiko übernehmen.

An den Start ging das Rechtsportal schon am 2. Juli, also gut zwei Monaten, und in dem Tempo ging´s weiter.  65 Fälle haben die Abfindungshelden inzwischen angenommen, 25 wurden bereits erfolgreich abgeschlossen, so Fissenewert. Eine Schweizer Investorengruppe – der Name wird geheim gehalten -, hat elf Millionen Euro zur Verfügung gestellt, nur um die Schnellabfindungen vorzufinanzieren. Von den 35 Prozent bekommen die die Abfindungshelden und die Schweizer dann für jeden einzelnen Fall einen Anteil.

 

Schwer gekränkte Mitarbeiter wollen nicht mehr zurück

In der Zwischenzeit hat Fissenewert zwei Dinge lernen müssen, erzählt er mir. Erstens, dass die Menschen sich scheuen, zum Rechtsanwalt zu gehen. Das war eine Kröte für ihn, die er erst mal schlucken musste – denn das war bislang in seinem Weltbild nicht enthalten. Und zweitens, dass die wenigsten um ihren Arbeitsplatz kämpfen. Die Mehrzahl der geschassten Mitarbeiter sind nach ihrer Kündigung so gekränkt, dass sie ihren Job nicht mehr zurück haben wollen. So enttäuscht sind sie von ihrer Firma. Weil ihnen niemand dankt, wie sie sich jahrelang mit Herz und Hand eingesetzt haben und vielleicht viele unbezahlte Überstunden geleistet haben.Dass einfach der verdiente Respekt ausbleibt, der den Arbeitgeber nicht mal einen Cent kosten würde.

Schade auch für das Ansehen der Unternehmen landauf landab. Hat man doch sonst eher den Eindruck, dass alle begehrenswert sein wollen als Arbeitgebermarke. Doch dass sie mit diesen Entlassungen und in dem Stil verheerende Signale senden, ist den wenigsten bewusst. Signale an die ganze Familie des Betroffenen – die werden sich nicht mehr dort bewerben, deren Produkte kaufen oder empfehlen – bis hin zu Freunden, Nachbarn und Sportsfreunden.

 

Freitags ist Kündigungstag

Entsprechend viel Werbung schalten die Abfindungshelden immer zur Monatsmitte und zu Monatsende im Netz. Dann, wenn die Unternehmen die Kündigungsfristen abpassen. Die meisten Kündigungen werden den Mitarbeitern übrigens Freitags verkündet. Dahinter steckt Kalkül, sie sollen sich an den Gedanke gewöhnen und übers Wochenende beruhigen.

 

 

Salat mit Fischvariationen im Düsseldorfer „Basils“

 

Noch in diesem Jahr will das Start-up – das Team besteht aus sechs Leuten –   in Großbritannien an den Markt gehen, danach in Italien und Frankreich. In allen drei Ländern herrschen strenge Arbeitsgesetze, erzählt Fissenewert. Auf lange Sicht wollen die vier HR-Abteilungen digitalisieren und auch die Unternehmen bedienen: zum Beispiel wenn sie vor Massenentlassungen erst mal checken wollen, wie teuer sie die Aktion zu stehen kommen kann. Selbst bei Ehescheidungen wittern die Berliner Verdienstchancen.

Aber das sei noch Zukunftsmusik, sagt der Berliner. Bis dahin werden die Abfindungshelden auch noch Steine aus dem Weg räumen müssen. Etwa die Attacke einer Anwaltskammer fern ab im Westfälischen. Da geht es ihnen nicht besser als vielen anderen Gründern auch, die in den ersten Jahren erst mal von den Standesvertretern bekämpft wurden – so wie der Arzneinmittelversender DocMorris.

 

https://abfindungsheld.de/

 

 

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  1. „Und das ihm – nach Wunsch – auch die Klage samt Klagerisiko abnimmt“
    Wieso wird dem Arbeitnehmer die Klage abgenommen? Das stimmt nur dann, wenn der Arbeitgeber ohne Prozess zahlt, was selten sein dürfte, da für Verhandlungen nach einer Kündigung nur 3 Wochen Zeit sind. Bis dahin muss geklagt werden, da die Kündigung ansonsten wirksam ist. Wie soll dann eine Kündigungsschutzklage ohne Beteiligung des gekündigten Arbeitnehmers funktionieren? Ist eher eine Wette mit ungewissem Ausgang.