US-Kanzleien auf der Jagd nach Corporate-Söldnern – Klare Direktiven

Klare Direktiven (Die Print-Fassung erschien in WiWo 15/2017)

US-Kanzleien: Wie mit Bundesliga-Ablösesummen versuchen US-Kanzleien, Anwälte abzuwerben und am deutschen Markt Fuß zu fassen.

„Die Headhunter laufen wieder mit dem Geldsäckel durch die Landschaft,“ sagt Hans-Ulrich Wilsing von Linklaters. Drei bis vier Millionen Euro im Jahr garantiert für drei, ganz selten auch für fünf Jahre, kann sich ein Top-M&A- oder Private-Equity-Anwalt wie er derzeit sichern, wenn er sich von einer US-Kanzlei abwerben lässt. Geschickte Corporate-Söldner – so der Branchenjargon -, handeln obendrein einen Welcome-Bonus aus, der im Extremfall 1,5 Millionen Euro ausmachen kann.

Die typische Strategie der US-Kanzleien: mit viel Geld Top-Leute anzulocken, manchmal ganze Teams, – oder selbst ein Team zusammenzukaufen. Wie mit Bundesliga-Ablösesummen werben sie Kanzlei-Partner ab, um am deutschen Markt Fuß zu fassen.

 

Umsatz-je-Partner-Ranking: Die ersten elf Plätze belegen US-Kanzleien

Welcher Wechsel wie viel bekommt, das sind bestgehütete Geheimnisse. Nicht mal die eingesetzten Headhunter dürfen die Summen wissen. Fest steht: Geht es um den Umsatz je Partner, haben sich die US-Kanzleien Deutschland laut Branchenblatt „Juve“ die ersten elf Plätze gesichert. Ganz oben mit Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan mit 7,2 Millionen Umsatz je Partner. Erst auf Platz 15 kommt eine deutsche Sozietät, die Energie- und Infrastrukturkanzlei Becker Büttner Held gefolgt von der Insolvenzkanzlei Pluta, beide mit gut drei Millionen Euro Umsatz je Partner. Doch insgesamt ist im deutschen Markt unter den zehn umsatzstärksten Kanzleien keine aus USA.

 

US-Kanzleien als Rosinenpicker

Der Grund: Sie sind nur nur auf das Kapitalmarkt- und Transaktionsgeschäft scharf, wo die höchsten Honorare drin sind. Man könnte es Rosinen-Picken nennen. Von den Stundensätze der US-Anwälte können Briten und erst recht die Deutschen nur träumen: „Ein US-Partner bekommt ein Stundenhonorar von 1200 Euro, hier zucken Mandanten schon bei 600“, vergleicht Siegfried Elsing, von der Silicon-Valley-Kanzlei Orrik in Düsseldorf.

„Jeder Top-M&A-Anwalt hat in den vergangenen Monaten mindestens sechs Anfragen von US-Kanzleien bekommen“, bestätigt Linklaters-Anwalt Wilsing. Haben wollen die US-Kanzleien nur die Älteren, um sich mit denen den Zugang in den Top-Etagen der Industrie zu verschaffen“, sagt Wilsing. Als Eintrittskarte in die Vorstandsetage kommen aber nicht viele Kandidaten infrage: Rund 30, maximal 50 schätzt ein Headhunter, der seinen Namen nicht geschrieben sehen will.

Ob es reicht, nur mit Schecks zu locken? „Es gibt beeindruckende US-Kanzleien, aber für einige unter ihnen hört die Welt an der Freiheitsstatue auf der einen und an der Golden Gate-Bridge an der anderen Seite auf. Nur wenigen gelingt es, multikulturell zu sein“, fürchtet ein Grandsigneur unter den Anwälten, Siegfried Elsing, selbst Partner der US-Kanzlei Orrick.

 

US-Law-Firms wollen nun nach der Brexit-Abstimmung die Gunst der Stunde nutzen und britischen Kanzleien Geschäft abjagen. „Unsere Anwälte fielen nach der Brexit-Abstimmung in kollektive Depression“, erzählt ein Betroffener. „Wenn die Londoner Law Firms den Rechtsmarkt Europa nicht mehr so einfach bearbeiten können, wittern Amerikaner neue Felder“, sagt Oliver Maass von Eversheds Sutherland, einem Zusammenschluss von Briten und Amerikanern.

 

Schnell rein – und auch schnell wieder raus aus dem deutschen Markt

Doch so viel Geld US-Kanzleien auf den Tisch legen, so viel wollen sie auch heraus bekommen. Sonst sind sie genauso schnell wieder weg vom Markt. Dann zieht die US-Zentrale nach drei Jahren Bilanz und ordnet schon mal über Nacht ohne Vorwarnung Büros, die ihnen nicht profitabel genug sind. Orrick etwa schloss erst kürzlich in Frankfurt und Berlin. Auch Shearman Sterling in Düsseldorf ging es so.

Dann drücken die hohen Fixkosten – die die oft erst selbst hierzulande einführten und verbreiteten: Erst „angelsächsische Kanzleien brachten die ganzen Funktionen wie Director Marketing, Director Human Ressources, IT, Business Development, Regional Director mit, aber die erhöhen eben auch die Kosten, die die Anwälte erst mal verdienen müssen“, sagt Elsing.

 

Auch untereinander jagen sich US-Kanzleien hierzulande Top-Anwälte ab

US-Kanzleien werben aber nicht nur bei deutschen oder britischen Kanzleien Anwälte ab, sondern auch untereinander jagen sie sich Big Shots ab: Sidley Austin heuerte kürzlich nicht nur ein Team aus sieben Partnern von Kirkland & Ellis ab – alle Spezialisten für Private-Equity-Deals und M&A. Kirkland hat erst im vergangenen Jahr in München eröffnet und mit Achim Herfs ein Kapitalmarktrechtler-Team von Hengeler abgeworben und ist – so heißt es im Markt, verschärft auf der Suche nach denen, die drei bis vier Millionen im Jahr wert sind. Kirkland selbst weigert sich auf Nachfrage, etwas etwas zu sagen – wegen der „Globalen Policy“.

 

Klare Direktiven aus Amerika

Der Preis der prallen US-Geldsäcke ist hoch. „Druck, Vorgaben und ein Korsett“, so ein Insider. US-Kanzleien haben hohe Erwartungen, wie viel die Eroberten einspielen sollen und geben klare Direktiven. Wer drei Millionen im Jahr kassiert, muss ein Mehrfaches reinholen. Und dann ist vielen noch die Kanzlei-Pleite von Dewey & LeBoeuf vor vier Jahren präsent, die in den USA laut Insidern über 100 Fünf-Millionen-Dollar-Verträge mit Anwälten hatten, dafür Bankkredite brauchten und am Ende pleite waren.

 

Die Reputation unter ihresgleichen

Und dann gibt es noch einen ganz anderen Punkt: Für etliche Top-Shots käme ein Wechsel nur des schnöden Mammons zuliebe gar nicht infrage – um nicht ihre Reputation und Akzeptanz unter ihresgleichen zu gefährden. Bei anderen Top-Juristen. Einmal im Kanzlei-Olymp angekommen, wollen viele von ihnen unbedingt dort bleiben. Denn: Sähen es doch viele der Rainmaker als einen Abstieg an, zu einer – hierzulande namenlosen – US-Kanzlei zu wechseln. Das sind diejenigen, die sich von den Headhuntern der amerikanischen Sozietäten mit ihren einträglichen Offerten nicht mal sprechen lassen.

Anwalt Elsings Bilanz: „Es gibt beeindruckende US-Kanzleien, aber für einige unter ihnen hört die Welt an der Freiheitsstatue auf der einen und an der Golden-Gate-Bridge an der anderen Seite auf. Nur wenigen gelingt es, multikulturell zu sein.“
 

 

 

 

 

 

 

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